Und wieder ist es an der Zeit euch einen ganz exklusiven Lesedeal zu bieten und zwar konnte ich ihn mit der sympatischen Autorin Rosita Hoppe vereinbaren. Das Buch "Wenn es Liebe wird" wird am 23.6 erscheinen:
Viktor
Gabriel runzelte die Stirn, als er aus dem Dickicht des Waldes trat und einen
roten Kleinwagen vor der Einfahrt zu seinem Grundstück stehen sah. Eine
zierliche Person mit wilder Mähne, eindeutig eine Frau, setzte gerade eine
Flasche an ihre Lippen. Schon wieder jemand, der seine Einfahrt als Parkplatz
nutzte. Na, der würde er was erzählen. Doch bevor er nah genug an den Wagen
herankam, stieg die Person ein und fuhr los. Auch gut. Das ersparte ihm lästige
Diskussionen. Er hatte sich ohnehin genug andere Dinge vorgenommen und beeilte
sich, an seine Arbeit zu kommen. Doch ein Waldspaziergang am Morgen, wie er ihn
gerade hinter sich hatte, war in den vergangenen Jahren zu einem täglichen
Ritual in seinem Leben geworden und er spürte jedes Mal, wie der Wald ihn
geradezu inspirierte.
Viktor
trat durch die Eingangstür seines Hauses und schwenkte nach links in die kleine
Küche. Mit einer schnellen Handbewegung verscheuchte er ein paar Fliegen, die
auf dem Teller saßen, den er zum Frühstück benutzt hatte, und der noch immer
auf dem Tisch stand. Er hasste das Abwaschen, hielt es bei den hohen
Temperaturen jedoch für sinnvoll, sein Geschirr zu säubern, bevor es noch mehr
Ungeziefer ins Haus lockte. Eilig spülte er die benutzten Teile unter
fließendem Wasser ab und ließ sie zum Trocknen auf der Ablage neben dem
Spülbecken liegen. Mit einer Flasche Mineralwasser verließ er kurz darauf das
Haus und eilte in Richtung Hof. Er schob sich die Schutzbrille, die er, wenn er
seine Arbeit unterbrach, in der Brusttasche seines Overalls aufbewahrte, auf
die Nase und zog sich die ledernen Arbeitshandschuhe über, die er vor etwa
einer Stunde auf dem Steinquader abgelegt hatte. Viktor Gabriel hatte schon am
frühen Morgen, so gegen sieben Uhr, begonnen, den Stein zu bearbeiten. Er
konnte selten länger als fünf, sechs Stunden schlafen und war meist schon beim
ersten Vogelgezwitscher wach. Jeden Morgen musste er sich zügeln nicht sofort
aufzustehen und an die Arbeit zu gehen. Doch nachdem ihn jemand aus dem Dorf
wegen Ruhestörung angezeigt hatte, hielt er sich zurück. Bevor ihm die Anzeige
ins Haus geflattert war, hatte er sich keine Gedanken darüber gemacht, ob ihn
jemand hören könnte, wenn er mit Hammer und Meißel seine Steine bearbeitete.
Das nächste Haus am Dorfrand lag mindestens dreihundert Meter entfernt. Er
konnte sich kaum vorstellen, dass man ihn dort hören konnte. Letztlich hatte er
sich eines Besseren belehren lassen müssen.
Erst,
als er sich bückte, um sein Werkzeug zu greifen, entdeckte er den Bogen Papier
auf dem Boden. Er zog seine rechte Augenbraue hoch und holte das Papier unter
dem Vorschlaghammer hervor. Neugierig warf er einen Blick darauf.
Lieber
Herr Gabriel,
leider
habe ich Sie nicht angetroffen. Für einen Artikel im Hamelner Tageblatt möchte
ich gern einen Termin mit Ihnen ausmachen. Bitte rufen Sie mich im
Redaktionsbüro unter folgender Telefonnummer an …
Verbindlichst,
Ihre Felicitas Kleine
Für
die Nachricht in seiner Hand hatte Viktor Gabriel nur ein verächtliches
Schnauben übrig. Er zerknüllte das Blatt und schob es in seine Hosentasche.
Damit war der Fall für ihn erledigt. Mit heftigen Schlägen begann er den
Sandstein vor ihm zu bearbeiten. Bereits nach wenigen Minuten war er in seine
Arbeit vertieft und legte erst dann eine Pause ein, als sich das Knurren seines
Magens nicht mehr ignorieren ließ.
„Wie ist es
gestern im Schwimmbad gelaufen?“, fragte Felicitas als Erstes Florian, als sie
endlich im Redaktionsbüro ankam.
„Ganz
gut. Nur schade, dass ich keine Badehose dabei hatte, dann wären die Fotos
klasse geworden.“
„Und,
wie sind sie jetzt?“ Felicitas ahnte nichts Gutes.
„Fast
hätte Florian im Fluge fotografiert“, rief Siggi dazwischen.
„Wie
das?“
„Ja
also, das war so.“ Florian holte schwungvoll mit beiden Armen aus, um die
Geschichte für Felicitas auszuschmücken.
Felicitas
bremste den Praktikanten. „Kurzversion, bitte.“
Siggi
hielt sich den Bauch vor Lachen. „Er ist auf den Dreier geklettert und wollte
einige Jungs, die sich anschickten, vom Fünfer zu springen, während ihres
Fluges vor die Kamera kriegen. So ein kleiner Bengel hat ihn da oben
angeschubst. Da wäre er beinahe ebenfalls geflogen.“
„Und
die Kamera?“
„An
der hat er sich krampfhaft festgeklammert und sie hat es sogar überlebt.“
„Florian,
du solltest vom Beckenrand aus die Badegäste beim Planschen fotografieren.“
Felicitas konnte es nicht fassen, was ihm fast wieder passiert war.
„Ich
wollte doch sensationelle Fotos mitbringen. Vom Rand aus, das kann jeder. Wie
konnte ich ahnen, dass mir der Knirps in die Quere kommen würde.“
„Zeig
mal die Fotos.“
„Die
kannst du schon in der aktuellen Ausgabe bewundern.“
Felicitas
nahm die neueste Ausgabe vom Tisch im Eingangsbereich des Büros und schlenderte
damit zu ihrem Schreibtisch. Während ihr Rechner hochfuhr, holte sie sich das
Brötchen aus der Kühltasche. Hungrig biss sie hinein und blätterte nebenbei in
der Zeitung.
„Wie
war es bei deinem Künstler?“, fragte Siggi.
„Nichts
war. Der war gar nicht da. Aber ich habe schon einige Aufnahmen von seinen
Skulpturen. Wenn es überhaupt seine sind und ich auf dem richtigen Grundstück
war.“
„Wieso?“
Felicitas
erzählte in wenigen Worten von ihrer vergeblichen Fahrt in den Ort, in dem
Viktor Gabriel wohnen sollte.
„Glaubst
du, er meldet sich bei dir?“
„Wenn
nicht, dann muss ich eben noch einmal hinfahren. Irgendwann werde ich ihn schon
erwischen. Du kennst mich doch. So schnell gebe ich nicht auf.“
„Weiß
ich doch.“
Viktor
Gabriel meldete sich nicht und Felicitas fand das gar nicht nett. Ein kurzer
Rückruf wäre doch wohl nicht zu viel verlangt gewesen. Da in den nächsten zwei
Stunden keine Termine anstanden, bat sie am Nachmittag ihren Chef, noch einmal
hinfahren zu dürfen.
„Wollen
Sie nicht warten, bis er sich meldet? Vielleicht ist er ja verreist und hat
ihre Notiz noch gar nicht gelesen.“
„Glaub
ich nicht. Es sah dort so aus, als hätte er seinen Arbeitsplatz nur kurz
verlassen.“ Felicitas war sich zu neunzig, nein, mindestens neunundneunzig
Prozent sicher, an der richtigen Adresse gewesen zu sein. Mit einer energischen
Bewegung strich sie sich die ewig widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Chef, mir haben die Arbeiten sehr gefallen und ich will diesen Artikel so
schnell wie möglich.“
„Nun
gut, Frau Kleine. Versuchen Sie ihr Glück.“
Felicitas
parkte wieder vor der Eingangspforte zu dem Grundstück, wo sie Viktor Gabriels
Haus vermutete. Ein triumphierendes Lächeln glitt über ihr Gesicht, als sie
beim Aussteigen ein stetiges Hämmern vernahm. Hier war sie richtig und vor
allem – er war da. Sie beugte sich noch einmal in den Wagen, holte die
Fototasche heraus und hängte sie sich über die Schulter. Mit raschen Schritten
machte sie sich auf den Weg zum Interview mit dem Steinbildhauer.
Lediglich
mit einer Latzhose bekleidet – ohne Hemd oder Shirt – bearbeitete Viktor Gabriel
mit Hammer und Meißel den dicken Sandsteinblock, als sie bei ihm eintraf. Okay,
das Thermometer war inzwischen auf mindestens achtundzwanzig Grad im Schatten
geklettert und körperliche Arbeit war nun mal schweißtreibend, aber einer
Reporterin bei einem offiziellen Termin in so einem Aufzug gegenüberzutreten,
fand Felicitas etwas unpassend – und äußerst irritierend. Na gut, wenn sie
ehrlich war, musste sie sich eingestehen, dass er ja nicht wissen konnte, wann
sie noch einmal auftauchen würde – aber ahnen hätte er es wenigstens können.
Und zurückrufen natürlich auch.
Kleine
Steinsplitter flogen um ihn herum, aber es schien ihm nichts auszumachen, wenn
ihn ein Stück traf. Lediglich seine Augen schützte er mit einer Arbeitsbrille,
die er auf seine Stirn schob, nachdem Felicitas sich mit wedelnden Armen und
einem lauten „Guten Tag, Herr Gabriel” bemerkbar gemacht hatte.
„Was
wünschen Sie?“, fragte er ziemlich barsch mit tiefer, rauer Stimme und zog
fragend eine Augenbraue hoch.
Was
wollte sie eigentlich von ihm? Ihr Kopf war wie leer gefegt. Der Anblick dieses
Mannes brachte sie aus der Fassung. Nicht nur, weil er halb nackt vor ihr stand
und seine gebräunte Haut schweißnass glänzte. Dunkle Haare, die bis über seine
Ohren reichten, kringelten sich feucht und glänzend um ein schmales Gesicht.
Felicitas fand ihn nicht im wirklichen Sinne schön, aber er besaß eine
Ausstrahlung, die sie umhaute. Er war um einiges größer als sie selbst, sie
schätzte ihn auf mindestens einen Meter fünfundachtzig. Zwei tiefe Falten hatten
sich beidseitig von seiner schmalen Nase aus in sein Gesicht eingegraben und
reichten fast bis zu den Mundwinkeln. Das ließ ihn sehr ernst aussehen. Sie
schätzte ihn auf Ende dreißig. Seine Augen, hell, graublau und von einem
dichten Kranz langer Wimpern umgeben, musterten sie argwöhnisch.
Felicitas
riss sich zusammen und erklärte ihm ihren Besuch.
„Sie
sind die Tante von der Zeitung?”
Felicitas
bemerkte, wie sich ihr Gegenüber unwillkürlich an die Hosentasche fasste.
Vermutlich steckte da der Zettel drin, den sie ihm hinterlassen hatte. Das war
ja nicht zu fassen! Ein bisschen freundlicher könnte er schon sein. Immerhin
sollte ein Artikel über ihn erscheinen und das war schließlich Werbung für ihn
und seine Arbeit. Felicitas hatte schon eine passende Antwort parat. Doch im
letzten Moment zügelte sie sich und schluckte sie hinunter. „Ja, die bin ich“,
sagte sie stattdessen und hielt ihm die Hand zur Begrüßung hin. „Felicitas
Kleine vom Hamelner Tageblatt.“
Er
zögerte, zog schließlich die Arbeitshandschuhe aus, wischte sich die Finger am
Latz seiner Hose ab und ergriff Felicitas Rechte. Seine Hand fühlte sich rau an
und strahlte eine derartige Hitze aus, dass Felicitas glaubte, ihre Haut würde
brennen. Ein Kribbeln zog an ihrem Arm hinauf und in ihren gesamten Körper.
„Ähm,
wollen wir zuerst das Interview machen oder die Fotos?”, fragte sie rasch, um
sich abzulenken, und zog ihre Hand zurück.
„Mir
egal”, brummte er, zog die Brille herunter und nahm wieder sein Werkzeug.
„Okay,
dann zuerst die Fotos. Tun Sie so, als wäre ich gar nicht da.“
Genau
das tat er. Er schien ihre Anwesenheit vergessen zu haben, sobald er seine
Arbeit aufnahm.
Felicitas
holte die Kamera hervor und begann eine Serie von Fotos zu schießen. Von allen
Seiten nahm sie ihn auf, fasziniert vom Spiel seiner Muskeln. Was für ein
Körper! Sie konnte es kaum abwarten, die Bilder später in aller Ruhe auf ihrem
PC betrachten zu können.
„Autsch!”
Ein heftiger Schmerz an der Stirn ließ Felicitas zusammenzucken. Etwas hatte
sie getroffen, ein Steinsplitter vermutlich. Sie ließ die Kamera sinken und
betastete vorsichtig die schmerzende Stelle. Glücklicherweise blutete nichts,
zumindest konnte sie an ihrer Hand kein Blut entdecken. Aber eine Beule würde
sie bestimmt bekommen. Um die Verletzung zu überdecken, zupfte sie ein paar
ihrer Locken in die Stirn.
Viktor
Gabriel arbeitete wie ein Besessener. Er schien Felicitas Malheur gar nicht
bemerkt zu haben.
Sie
sah ihm eine Weile bei der Arbeit zu, konnte sich aber nicht zusammenreimen,
was er da erschaffen wollte.
„Was
wird das?”
Er
reagierte nicht.
„Herr
Gabriel! An was arbeiten Sie?”
„An
Sandstein.”
Für
wie blöd hielt er sie eigentlich? „Ich wollte wissen, was das werden soll.”
„Weiß
ich noch nicht.”
„Wieso
nicht?”
Er
zuckte mit den Schultern.
„Herr
Gabriel?” Felicitas bemerkte, wie er tief durchatmete, bevor er ihr antwortete.
„Manchmal
fallen größere Stücke ab, als ich vorgesehen hatte und dann muss ich
umdisponieren. Genau das ist mir vorhin passiert.
„Was
sollte das ursprünglich werden?”
„Ein
Rehbock.”
„Entwerfen
Sie hauptsächlich Tiere?”
„Nee.”
Felicitas
atmete tief durch. Der war wirklich eine harte Nuss. Aber sie würde ihn schon
noch knacken. So schnell würde sie nicht aufgeben.
„Darf
ich mich mal umsehen?”
Er
brummte etwas, was sie als Zustimmung auslegte.
Natürlich
behielt Felicitas für sich, dass sie sich bereits am Morgen ein wenig umgesehen
hatte. Jetzt, wo sie quasi sein Einverständnis hatte, hielt sie nichts mehr
zurück. Sie streifte auf dem Grundstück umher und knipste so ziemlich alles,
was ihr vor die Linse kam. Um den alten Schuppen herum schlängelte sich der
schmale Pfad, dem Felicitas schon am Morgen gefolgt war und der auf die Wiese führte,
die über und über mit Gänseblümchen, Butterblumen, Löwenzahn und vielerlei
Kraut übersät war. Mitten drauf stand eine schwarz lackierte Sonnenuhr. Konnte
er etwa auch schmieden, schweißen oder wie auch immer man das nannte? Das
wollte sie ihn später fragen. An der Rückseite des Schuppens lehnten
merkwürdige Fratzen aus Stein. Einige davon jagten ihr einen unangenehmen Schauder
über den Rücken. Die gefielen ihr ganz und gar nicht. Wer kauft denn so etwas?
Aber es ging auch nicht darum, was ihr gefiel, sondern nur darum, über die
Arbeit von Viktor Gabriel zu berichten. Unter einem Kirschbaum entdeckte Felicitas
kleine Statuen mit runden, pausbäckigen Gesichtern, die sie sofort an Engel
erinnerten. Nur, dass die hier keine Flügel trugen. Sie sahen so richtig
knuddelig aus – schon eher nach ihrem Geschmack. Sie setzte sich vor die
Figuren ins Gras, stellte Blende und Belichtung ein und schoss einige Fotos. So
richtig zufrieden war sie noch nicht. Sie streckte sich auf dem Bauch aus und
stützte ihre Ellenbogen auf dem Erdboden ab. So war die Perspektive viel
besser. Noch unzählige Male drückte sie auf den Auslöser und hatte bereits
entschieden, eine dieser Aufnahmen für den Artikel zu verwenden.
„Gefällt
es Ihnen da unten?”
Felicitas
schrak auf. Peinlich berührt versuchte sie, möglichst schnell auf die Füße zu
kommen.
„Mindestens
auf Augenhöhe mit dem Motiv sein“, sagte sie rasch als Erklärung. Auf dem
Display der Kamera überprüfte sie währenddessen die Aufnahmen.
„Darf
ich auch mal?” Viktor Gabriel stand plötzlich dicht hinter Felicitas und beugte
sich über ihre Schulter.
Seine
Nähe nahm ihr fast den Atem und sie wünschte sich plötzlich, er würde sie
berühren. Für einen Moment schloss sie die Augen und hoffte, dadurch ihre Sinne
wieder sammeln zu können. Schließlich war sie aus rein beruflichen Gründen
hierhergekommen. Damit, dass sie auf einen derart attraktiven und äußerst
verwirrenden Mann treffen würde, hatte sie nicht gerechnet. Sie atmete tief ein
und aus und drehte sich zu ihm um.
„Darf
ich Ihnen jetzt einige Fragen stellen?“
„Wenn
es sich nicht vermeiden lässt.“ Er seufzte und ließ sich vor Felicitas Füßen im
Gras nieder.
Sie
musste sich eingestehen, der Platz für dieses Gespräch gefiel ihr und nahm ihm
gegenüber Platz. Aber die Informationen über die Arbeit dieses Mannes musste
sie sich hart erkämpfen. Immer wieder antwortete er einsilbig und zurückhaltend
auf ihre Fragen.
3. Kapitel
Es war wie
verhext. Während Felicitas versuchte, sich auf den Text zu konzentrieren,
schweiften ihre Gedanken immer wieder ab zu dem Mann, bei dem sie die vergangene
Stunde verbracht hatte. Viktor Gabriel hatte ihre Sinne vollkommen
durcheinandergebracht.
„Was
ist los?”, fragte Florian, der ihr gegenübersaß und sie beobachtete.
Felicitas
schrak auf. „Was, wieso?”
„Du
bist so abwesend.”
„Du
spinnst.“ Gerade hatte sie daran denken müssen, wie sie diesem Bildhauer jedes
Wort aus der Nase hatte ziehen müssen. Bevor er sich dazu herabgelassen hatte,
ihr ziemlich knapp auf ihre Fragen zu antworten, hatte er sie abschätzend mit
hochgezogener Augenbraue begutachtet und der Ausdruck seiner Augen hatte sich
verändert. Diesen Blick konnte sie nicht vergessen. Sie ärgerte sich, weil sie
nicht einmal sagen konnte, ob sie den Ausdruck in seinen Augen als eher
unangenehm oder als ein kleines bisschen angenehm empfunden hatte. Als sie sich
von ihm verabschiedet hatte, hatte er sie noch einmal so komisch angesehen.
Mit
äußerster Konzentration versuchte sie, den Bericht zu tippen. Mist! Sie hatte
vergessen, ihn wegen der Sonnenuhr zu fragen. Dabei war es wichtig, zu
erfahren, ob er außer mit Sandstein auch mit anderen Materialien arbeitete. Es
könnte natürlich auch sein, dass er die Sonnenuhr gekauft oder geschenkt
bekommen hatte. Felicitas griff zum Telefon und zog gleich darauf ihre Hand
zurück. Nach seiner Telefonnummer hatte sie ihn auch nicht gefragt. So etwas
war ihr noch nie passiert. Also würde sie noch ein drittes Mal zu ihm fahren
müssen, möglichst sofort, denn der Artikel sollte umgehend erscheinen.
Wie
würde er reagieren, wenn die nervige Tante von der Presse schon wieder
auftauchte? Felicitas atmete tief durch, stieg aus dem Wagen und straffte ihre
Schultern.
„Auf
in den Kampf“, murmelte sie vor sich hin.
Sie
traf Viktor Gabriel auf dem Hof nicht an. Der Steinblock, an dem er gearbeitet
hatte, war mit einer Plane abgedeckt. Wahrscheinlich wegen des angekündigten
Regens, vermutete Felicitas und wandte sich dem Haus zu. Die Eingangstür stand
offen. Sie klingelte. „Herr Gabriel, sind Sie da?“, rief sie.
Keinerlei
Reaktion. Vielleicht würde sie ihn hinter dem Haus finden. Doch auch dort
konnte sie ihn nicht entdecken. Felicitas befürchtete, aus einer zügigen
Veröffentlichung des Artikels würde nichts werden. Es sei denn, sie würde auf
die fehlende Information verzichten. Noch einmal versuchte sie ihr Glück beim
Haus. Wieder keine Antwort auf ihr Rufen. Doch sie war für ihre Hartnäckigkeit
bekannt und wollte noch nicht aufgeben. Vorsichtig trat sie durch den Eingang.
„Hallo!
Herr Gabriel! Sind Sie da?“
Nichts.
Also schon wieder Pech gehabt. In dieser Reportage steckte wirklich der Wurm
drin. Schulterzuckend machte sie kehrt und wollte die Tür gerade hinter sich schließen,
als sie ein Geräusch im Innern des Hauses innehalten ließ. Das hörte sich doch
an wie das Tapsen nackter Füße auf dem Fußboden. Er war also doch da.
Schon
tauchte er vor Felicitas auf.
Das
war doch … Felicitas schnappte nach Luft.
Er kam
den Flur entlang, den Kopf gebeugt und rubbelte sich mit einem Handtuch sein
Haar trocken. Da ihm ein Zipfel des Handtuchs vor dem Gesicht hing, schien er
sie nicht zu bemerken. Ohne aufzusehen, schlenderte er zum Tisch in der Küche,
die sich neben dem Eingangsbereich befand. Dort nahm er eine Flasche
Mineralwasser vom Tisch und setzte sie an seine Lippen. Mit einer Mischung aus
Faszination und Panik starrte Felicitas ihn an und biss sich auf die Lippen.
Da
stand er, in Gedanken versunken – und nackt, wie Gott ihn erschaffen hatte.
Höchste
Zeit zu verschwinden. Rückwärts, den Blick weiterhin auf ihn gerichtet, schlich
sie auf Zehenspitzen zur Haustür. Hoffentlich bemerkte er sie nicht. Doch
prompt knarrte eine Diele unter ihren Füßen und er drehte sich zu ihr um.
Die
Überraschung war ihm anzusehen.
„Entschuldigung“,
stammelte Felicitas und spürte die Hitze, die ihr ins Gesicht schoss. „Ich
wollte Sie nicht erschrecken. Ich habe mehrmals gerufen und geklingelt habe ich
auch. Ehrlich.“
„Soso.“
Betont lässig schlang er sich das Handtuch, mit dem er sich eben die Haare
frottiert hatte, um die Hüften. Ebenfalls betont lässig kam er auf sie zu.
Felicitas
schluckte trocken. „Ich … ich komme lieber ein anderes Mal wieder.“
„Warum?
Kommen Sie doch herein. Möchten Sie etwas trinken?“
Die
Knie zitterten ihr, als er einfach nach ihrem Arm griff und sie in die Küche
zog. Felicitas Blick blieb an seiner braun gebrannten Brust hängen. Was für ein
Körper!
„Was
führt Sie zu mir?“, fragte er.
„Ja
also … ich habe da noch ein paar Fragen.“
„Okay,
aber zuerst trinken wir etwas. Es ist mächtig heiß heute.“
Das
kann man wohl sagen.
Er
schlenderte zum Kühlschrank und nahm eine neue Flasche Mineralwasser heraus.
Felicitas
konnte den Blick nicht von ihm und von dem Spiel seiner Muskeln wenden, als er
die Flasche öffnete. Wie sollte sie ihm jemals vernünftige Fragen stellen
können, wenn er so gut wie nackt vor ihr stand? Wie sollte sie jemals einen
informativen und objektiven Text über ihn zustande bringen, wenn sie ständig
seinen knackigen Körper vor Augen haben würde? Den würde sie vor Augen haben,
das ahnte sie jetzt schon.
Mit
dem gefüllten Glas kam Viktor Gabriel auf Felicitas zu. Dicht vor ihr blieb er
stehen. Sie nahm das Glas und trank es hektisch aus. Währenddessen beobachtete
er sie und sein Blick trug nicht gerade dazu bei, dass sie ruhiger wurde.
Plötzlich hob er seine Hand und befühlte vorsichtig die Stelle an der Stirn, wo
Felicitas der Splitter getroffen hatte.
„Wie
ist das passiert? Das sollte versorgt werden.“
„Kaum
der Rede wert“, wisperte sie.
„Keine
Widerrede.“ Er bugsierte Felicitas zum nächsten Stuhl. „Setzen Sie sich. Ich
hole Verbandsmaterial.“
Wie
in Trance nahm sie Platz und kaum eine Minute später verarztete Viktor sie. Die
Wunde brannte, als er ein Desinfektionsmittel auftrug und sie konnte ein
Stöhnen nicht unterdrücken.
„Ist
gleich vorbei“, murmelte er.
Er
war so fürsorglich und seine Berührungen so sanft. Kaum zu glauben, dass er der
gleiche Mann war, der bei ihrem ersten Zusammentreffen so zurückhaltend und
wortkarg gewesen war.
„Vielen
Dank.“
Mit
einem Lächeln, das ihr durch und durch ging, zog Viktor sie vom Stuhl. „Dafür
habe ich eine Belohnung verdient oder?“
„Okay,
ich werde einen besonders netten Bericht über Sie schreiben.“ Sie bedachte ihn
mit einem herausfordernden Blick.
„Das
würden Sie sowieso tun.“ Mit seinem Zeigefinger zeichnete er die Form ihrer
Lippen nach und diese Berührung fand Felicitas äußerst erregend. Sie konnte ihren
Blick nicht von ihm wenden. Die Farbe seiner Augen erinnerte sie an die klaren
Bergseen, an denen sie in ihrer Kindheit mit ihren Eltern und ihrem Bruder
Urlaub gemacht hatte, und sie verlor sich darin. Es erschien ihr wie Stunden,
in denen sie nur dastanden und sich ansahen. Dann endlich kamen seine Lippen näher
und mit einem Seufzer zog er sie an sich und küsste sie auf das Haar.
Ihr
Gesicht lag nun an seiner nackten Brust. Sein Herz klopfte heftig und sein
Brustkorb hob und senkte sich schnell. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie eine
kleine Narbe, oberhalb seiner rechten Brustwarze. Eine Verletzung, die während
seiner Arbeit entstanden war? Fast war sie versucht, ihre Lippen darauf zu
drücken. Sie konnte sich nur schwer beherrschen und biss sich auf die
Unterlippe. Verwirrt hob sie den Kopf.
Viktor
sah zu ihr herab. Seine Augen erschienen ihr jetzt um einige Nuancen dunkler.
Mit beiden Händen griff er in ihr Haar und schob ihre widerspenstigen Locken
zurück. Er beugte sich zu ihr herab. Sein Gesicht kam immer näher und als sein
Mund endlich den ihren berührte, schloss sie mit einem kleinen Seufzer die
Augen. Seine Lippen waren heiß und fest und als seine Zunge Einlass forderte,
konnte sie sich kaum noch auf den Beinen halten. Ihr Herz raste und das Blut
pulsierte in ihren Schläfen. Niemals zuvor hatte der Kuss eines Mannes
derartige Gefühle in ihr ausgelöst.
Plötzlich
und unvermittelt ließ Viktor von ihr ab und schob sie zurück. Seine Augenbrauen
zogen sich zusammen und dazwischen entstand eine tiefe Kerbe, die von seiner
Nasenwurzel aus zur Stirn verlief. Mit diesem verkniffenen Ausdruck im Gesicht
wandte er sich ab. Schwer atmend stützte er sich mit gesenktem Kopf am
Küchentisch ab.
Felicitas
zitterte noch vor Erregung. Was hatte dieser abrupte Stimmungswandel zu
bedeuten?
„Viktor?“
„Du
solltest besser gehen.“
„Warum?“
„Geh
… jetzt sofort.“
„Aber
…“
Als
sie sah, wie Viktor den Kopf schüttelte, wurde ihr klar, dass er bereute, was
da gerade zwischen ihnen geschehen war.


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