Und zack ist der nächste Lesedeal am Start. ein ganz tolles Buch von dem Autoren Duo "Rose Snow". Was sich liebt das rächt sich nicht wird am 28. Juli zu erwerben sein und ihr bekommt jetzt die Möglichkeit diese XXXL Leseprobe lesen zu dürfen. Exklusiv und nur für euch.
Rose Snow
Was sich liebt,
das rächt sich nicht
Noch hundertdreizehn Tage
Diesmal verbocke ich es garantiert nicht.
Entschlossen steige ich aus dem Auto und betrachte mein
wunderschönes, neues Zuhause. Das hochherrschaftliche Stadthaus hat eine
sonnengelbe Fassade und erinnert mit seinen verspielten Stuckverzierungen an
mein altes Puppenhaus. Ich lasse den Blick an den weißen Fensterrahmen mit den
halbkreisförmigen Oberlichten nach oben wandern. Das ganze Dachgeschoss gehört
mir. Meins. Sofern ich die ersten beiden Probemonate überstehe. Was ich werde.
Tschüss Impulsivität, hallo Neuanfang. Zur Belohnung werde ich meinen
Morgenkaffee auf meinem entzückenden Balkon genießen und der Stadt beim
Erwachen zusehen.
Ich öffne den Kofferraum und wuchte die Schachtel mit
meinen persönlichen Schätzen auf den Bürgersteig. Außer diesem Karton habe ich
nur noch Jans Gemälde im Auto. Den Rest von meinem Zeug habe ich in die
billigen Hände einer vor dem Konkurs stehenden Umzugsfirma gelegt. Vielleicht,
weil ich das Gefühl, am Abgrund zu stehen und hinunterzustarren, seit kurzem
kenne. Verbindet irgendwie.
Apropos Abgrund: Jans Bild grinst mich unheilvoll an. Während
ich mir einen Dutt drehe, lächle ich zurück. Eigentlich könnte ich es gleich
mit hoch nehmen, dann müsste ich kein zweites Mal gehen. Vor allem, da mich
meine Füße in den schwarzen Folterstilettos schon jetzt umbringen. Merke:
Schuhe in Umzugskartons packen ist gut. Alle bequemen Schuhe in Umzugskartons
packen, jedoch weniger. Und barfuß gehen ist keine Option, wer weiß, ob das die
verrückte Hausordnung erlaubt. Bei der Vermieterin würde mich gar nichts mehr
wundern.
Kurzentschlossen schnappe ich das Gemälde und stecke es
senkrecht in die offene Schachtel. Acryl gespritzt auf dunkler Leinwand. Nicht
gerade ein Jackson Pollock, aber ich finde es irgendwie schön. Auch wenn es mir
wie gerade eben die Sicht versperrt. Vorsichtig stöckle ich ein paar Schritte
Richtung neuer Wohnung und knalle prompt gegen ein menschliches Hindernis. Mein
rechter Fuß knickt um, ich verliere das Gleichgewicht, das Paket rutscht mir
aus den Fingern und donnert auf den Boden. Bevor ich ihm dorthin folge, halte
ich mich im Reflex an den Oberarmen meines Kollisionspartners fest.
„Nur nicht fallen“, sagt der Typ mit warmer Stimme.
„Ich versuch’s“, ächze ich mit schmerzendem Knöchel und
lasse seine Arme schnell los. Mann, riecht der gut. Langsam finde ich meine
Balance wieder. „Tut mir leid“, murmle ich.
Er zieht spöttisch eine dunkelblonde Augenbraue hoch. „Dass
Sie in mich gerannt sind, oder dass Sie Ihren Umzugskarton auf meinen Fuß
geschmissen haben?“
Meine Augen verengen sich. Typisch Mann. Steht im Weg
und gibt der Frau dann die Schuld. Der kann mich mal. Alle Männer können mich
mal. Gereizt bücke ich mich und stemme die Schachtel hoch. „Also bitte, Sie
sind wohl eher in mich gerannt.“
„Behaupten Sie.“
Idiot. Ich dränge mich an ihm vorbei. „Ich
behaupte es nicht nur. Wie wär’s, wenn Sie das nächste Mal Ihre Augen benutzen?“
„Wozu? Um Sie anzusehen?“ Er grinst schief auf mich
herab und Lachfältchen bilden sich um seine blaublauen Augen. Stopp. Nur nicht
ablenken lassen.
„Um nach vorne zu sehen. Sie müssen doch gesehen haben,
dass ich ein riesiges Paket vor meiner Nase habe.“ Ich gehe weiter, er greift
mit einer Hand unter die Schachtel und geht mit. „Ist das etwa Ihre Ausrede, um
in mich hineinzurennen? Raffiniert.“ Ich werfe ihm am Paket vorbei einen
skeptischen Blick zu. „Kann es sein, dass Sie Ihre Wirkung auf Frauen überschätzen?“
„Kann es sein, dass Sie meiner Frage ausweichen?“, gibt
er neckend zurück.
„Ich wünschte, ich wäre Ihnen ausgewichen“, murmle ich.
Er seufzt. „Was wäre das Leben ohne Wünsche.“
„Es wäre leichter. Apropos leicht: Das Paket kann ich
alleine tragen“, sage ich und stoppe vor der Eingangstür. Er lässt die
Schachtel los. Mann, ist die wieder schwer.
„Wohnen Sie hier?“, fragt er und streicht sich die
verstrubbelten Haare zurück. Ich schüttle den Kopf und stütze die Kartonbox auf
meinen Oberschenkeln ab. „Nein, ich bin nur von der Umzugsfirma. Danke fürs
Tragen, wir könnten Leute wie Sie gebrauchen. Tschüss.“ Ich mache eine
peinliche Handbewegung (Daumen nach oben, guter Mann!) und verschwinde, so
schnell ich kann.
Drinnen empfängt mich der Geruch von Bohnerwachs und
Essigreiniger. Das Haus ist unfassbar sauber und gepflegt. Holzboden und Treppe
sind auf Hochglanz poliert und strahlen mit den makellosen Fensterscheiben um
die Wette. Im ersten Moment eingeschüchtert von so viel Reinheit, entdecke ich
erst im zweiten Moment einen handgeschriebenen Zettel, der mit einem Klebestreifen
an dem Geländer der schmalen Holztreppe befestigt ist. Darauf steht in Schönschrift
geschrieben:
An alle Mieter und Besucher: Aus Lärmschutzgründen wird
ersucht, nur jede zweite Treppenstufe zu benutzen! Bitte setzen Sie auch Tiere
und Kinder, die des Lesens nicht mächtig sind, über diese Maßnahme in Kenntnis!
Okaaay. Mit der Stimme der exzentrischen Vermieterin im
Ohr: „Mit Ihrer Unterschrift verpflichten Sie sich, die Hausordnung
genauestens, ich wiederhole: genauestens zu befolgen …“ beuge ich mich
diesem ausgemachten Blödsinn trotz Folterstilettos. Also nur jede zweite
Treppenstufe. Auf geht’s.
Vorsichtig nehme ich die erste Stufe, übersteige elegant
die zweite, großer Schritt auf die dritte, dann mit Schwung auf die fünfte.
Kurz komme ich ins Wanken, die 1,20 m lange Schachtel in meinen Armen wackelt
gefährlich. Jans Bild sorgt wie immer für ein gewisses Ungleichgewicht – dafür
gehört es mir, hoffe ich zumindest. Unter dem Kunstwerk liegt mein in Luftfolie
gewickeltes, weißes Keramiksparschwein mit den knallroten Punkten, meine Taufkerze,
mein „Die Kraft liegt in dir“-Ratgeber, meine 17 Thementagebücher und die
einzige Bastelarbeit aus dem Handarbeitsunterricht, die tatsächlich ich
fertiggestellt habe, und nicht Oma.
Kurz vor dem ersten Stock zittern meine Muskeln und ich
fühle mich, als würden Medizinbälle von meinen Oberarmen baumeln. Es könnte
auch sein, dass ich nicht mehr ganz so gut rieche. Das sperrige Paket ist mit
jedem Schritt auf der engen Holztreppe schwerer geworden und wiegt jetzt um die
120 kg. Ein junges Mädchen mit Wasserflasche in der Hand, schwarzem Minirock
und Handy am Ohr kommt die Treppe heruntergepoltert, direkt auf mich zu. Sie
sieht aus wie 17, ist also wahrscheinlich 15, da die jungen Dinger geschminkt
immer älter aussehen, als sie sind.
„Ja, Papa, klar bleibe ich zu Hause, die Party ist voll
daneben.“ Sie stoppt und mustert mich abschätzig.
Ja, ich bin im Weg. Aber ich kann mich nun mal nicht in
Luft auflösen.
„Ne, verstehe ich. Klaro. Ey, du hast schließlich mehr
Erfahrung.“ Das Mädchen bläst sich eine dunkelbraune Haarsträhne aus der Stirn
und schüttelt aggressiv ihre Wasserflasche. Ich bemühe mich, Platz zu machen
und stöckle mit meinen Stilettos nach rechts, während sie versucht, sich
energisch links vorbeizudrängeln, ohne sich im Entferntesten an die Hausordnung
zu halten.
Krawumms! Das Acrylbild kracht auf den Boden. Ich schaue
erschrocken, das Mädchen schnauft kurz. „Ach, gar nix. Hab versehentlich … den
Staubsauger umgeworfen. Du sagst doch immer, ich soll mehr im Haushalt tun! Ich
muss auch gleich mal lüften, denn hier riecht es abartig.“ Sie wirft mir einen
feindseligen Blick zu. „Irgendwie nach Fisch.“
Alter Falter! Was soll das denn?
Mit verächtlicher Miene versucht sie über die Leinwand
zu steigen und sich an mir vorbeizuschieben.
Schepper-Krawumms! Oh nein! Mein Sparschwein liegt
geschlachtet am Boden, die münzförmigen Eingeweide ergießen sich über die
Treppe. Und meine Taufkerze hüpft alle soeben bezwungenen Holzstufen wieder
hinunter, ohne dabei nur jede zweite zu nehmen. Mir kommen fast die Tränen.
„Nur der Staubsauger!“, giftet das Mädchen über den Lärm
hinweg.
Nur der Staubsauger? Das war mein Sparschwein! Das hat
mir Oma zu meinem 6. Geburtstag geschenkt!
„Schschschschschschschsch!“, mime ich den
unfreundlichsten Staubsauger der Welt.
„Schlechte Verbindung … ich melde mich“, zischt sie, während
ich den Umzugskarton zwischen meine weit gegrätschten Beine stelle und in
dieser Haltung versuche, die Reste von Ferkelchen aufzuheben. Dank der doofen
Hausordnung ist an mir kein Vorbeikommen. Das Mädchen funkelt mich an. „Das war
ja wirklich super lustig.“
„Ich tue, was ich kann“, erwidere ich, während ich in äußerst
unsexy Pose die rot gepunkteten Scherben aufsammle und hoffe, dass Ferkelchen
noch zu kleben ist. Auch mit Narben werde ich es lieben. Vielleicht sogar ein
Stückchen mehr.
„Was du kannst, ist mich endlich vorbeizulassen, ich
hab’s nämlich eilig“, schnauzt sie mich an.
„Musst du denn noch irgendwelche Schweine schlachten?“,
frage ich bissig.
„Das war ja wohl deine Schuld.“
„Meine Schuld? Du hast mich angerempelt!“, entgegne ich
empört und richte mich ruckartig auf, wodurch mir eine Strähne meines Dutts ins
Gesicht rutscht.
Sie verdreht die Augen. „Was kann ich dafür, wenn du die
Treppe blockierst? Schon mal an ’ne Diät gedacht?“
Ich atme tief ein und puste die Haarsträhne zur Seite. „Schon
mal an Manieren gedacht?“
„Wieso sollte ich?“, fragt sie gehässig und zieht beide
Augenbrauen hoch. „Du bist doch die Neue. Die Rosenstein hat allein im letzten
Jahr sieben Mieter nach einer Woche wieder auf die Straße gesetzt. An deiner
Stelle wäre ich vorsichtig.“
„Zum Glück bist du nicht an meiner Stelle.“
„Ja, zum Glück“, bestätigt sie und mustert mich von oben
bis unten.
Was ist denn mit der los? Ich war auch kein angenehmer
Teenager, aber so dreist war ich nie. Sie schaut kurz auf die Stiege und grinst
böse. „Vielleicht sollte ich der Rosenstein erzählen, dass du im Treppenhaus
Scherben verteilst. Kommt sicher nicht so gut, von wegen Probezeit und so.“
„Vielleicht sollte ich deinem Vater erzählen, dass du im
Treppenhaus Lügen verbreitest. Kommt sicher nicht so gut, von wegen Ehrlichkeit
und so.“
Das Mädchen wird schlagartig rot. Im selben Moment
klingelt ihr Handy. Alicia Keys, Girl on Fire. Wie passend. „Aha, so sieht also
ein Girl on Fire aus“, murmle ich und grinse. Und kann nicht mehr damit aufhören,
vielleicht fällt gerade der Ballast der letzten Wochen von mir ab.
„Du bist sowas von nicht witzig“, faucht sie und drückt
den Anruf weg.
„Und was gefällt dir dann so gut an mir?“
„Hä? An dir gefällt mir gar nix.“
„Dafür verbringst du aber viel Zeit mit mir. Ich dachte,
du hast es eilig.“ Ihre grünen Katzenaugen verengen sich. Sie quetscht ihre
Wasserflasche so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortreten. „Leg dich
lieber nicht mit mir an. Tussen wie dich ess ich zum Frühstück.“
„Oh, und ich dachte, da gibt’s nur Wasser.“
„Wasser würde dir auch guttun, du fette Kuh“, zischt sie
und gibt der Umzugskiste zwischen meinen Beinen einen derartigen Tritt, dass
sie mit lautem Gepolter die Treppe hinunterfällt.
Bumm. Bumm. Bumm.
„Hey!“, schreie ich. Alle meine Schätze! Meine
gebastelte Schmuckschatulle! Meine Taufkerze! Das Bild, das mich ins Gefängnis
bringen könnte! Mein Ratgeber und meine 17 romantischen Tagebücher! Alles
purzelt munter durch das Treppenhaus.
„Wer mit dem Feuer spielt … behalte deine dämlichen Sprüche
für dich“, ruft das Mädchen von unten, bevor sie die Eingangstür zuknallt.
„Meine dämlichen Sprüche kannst du jederzeit gerne
wiederhaben!“, schreie ich zurück. Eine weitere Haarsträhne löst sich aus dem
Knoten und fällt mir vor die Augen. Ich atme einmal tief durch. Und gleich noch
einmal.
Positive Energie.
Positive Energie.
Wo, verdammt, ist die, wenn man sie braucht? Ruhig Blut.
Ich löse den Haargummi meines zerstörten Dutts, atme erneut tief ein und fahre
mir beruhigend durch die braunen Wellen. Ich krieg das hin. Ich werde jetzt
meinen Kram gemeinsam mit meinem Stolz aufsammeln, und die perfekte Mieterin
sein. Total unauffällig. Gérard hat mich schließlich auf die GQ schwören lassen.
5 Minuten später habe ich Jans Gemälde und etwa die Hälfte
meiner Schätze in Sicherheit gebracht und fege Ferkelchens Reste von der
Treppe, als mich ein Aufschrei zusammenzucken lässt.
„Ach du meine Güte, ach du meine Güte!“ Ein großer, dünner
Mann um die 50, mit knallgelbem Halstuch und einer Frisur wie Gargamel,
klammert sich mit verstörter Miene am Treppengeländer fest. Ich drehe mich zu
ihm herum und strecke ihm die Hand hin. „Hallo. Ich bin Maya Sonnenthal, die
neue Mieterin.“
„Ach du meine Güte!“
„Und Sie sind?“
„Schön richtig, ach du meine Güte!“, jammert Gargamel, während
sein Blick ziellos über den Saustall irrt, den Ferkelchens Tod und das
Paketunglück hinterlassen haben.
„Mein Sparschwein ist leider hinuntergefallen“, sage ich,
während ich die Hand wieder zurückziehe.
„Ach du meine Güte! Ein Schwein ist verschieden! Ein
Schwein ist verschieden!“ Jetzt sieht er aus, als müsse er sich setzen.
„Ich habe Ihren Namen nicht verstanden“, sage ich
aufmunternd.
„Schön richtig“, murmelt er zerstreut.
„Schön richtig?“
„Schönrichtig! … Ach du meine Güte … Die neue Mieterin …
Nach dieser Barbara ... Oje!“ Schönrichtig sieht mich verzweifelt an. Dann räuspert
er sich. „Haben … haben Sie bereits das Vergnügen genossen, die reizende Lady
Grazie kennenzulernen?“
Reizende Lady Grazie? Das kann unmöglich das arrogante Mädchen
von vorhin sein. Milde lächelnd schüttle ich den Kopf. „Ich habe bisher nur ein
junges Mädchen kennengelernt.“ Ich atme tief ein und klopfe mir innerlich
selbst auf die Schulter. Man könnte fast meinen, dass die Begegnung positiv
verlaufen wäre.
„Ja, das ist Katja, meine kleine …“ Er seufzt und schüttelt
den Kopf. „Nun, so klein ist sie gar nicht mehr. Offenbar ist sie gerade in
einem etwas schwierigen Alter, aber Omnia tempus habent, alles hat seine
Zeit. Vielleicht bin auch ich in einem schwierigen Alter.“ Er lacht kurz auf. „Lady
Grazie ist der Meinung, es wäre leichter, wenn da nicht dieser
Generationskonflikt wäre, und manchmal bin ich vielleicht auch etwas zu streng
mit ihr, jedenfalls waren wir schon sehr gespannt, als wir hörten, dass wieder
eine neue Mieterin bei uns einziehen würde … huch, Sie haben Lady Grazie doch
nicht geweckt, oder? Sie ist sehr geräuschempfindlich.“
Ich nicke und schüttle abwechselnd zustimmend,
verneinend, entrüstet den Kopf. Das Gör ist also seine Tochter? Der Arme! Ja,
den Generationskonflikt kann ich mir lebhaft vorstellen. Vor allem, wenn er
gleich nach Hause kommt und Katja nicht zu Hause vorfindet. Und nein, ich würde
Lady Grazie niemals wecken, wer auch immer das sein mag! Schließlich bin ich
mustergültig, GQ und überhaupt. MUSTERGÜLTIG. Ich räuspere mich. „Ich werde
hier gleich aufräumen. Besuchen Sie mich doch, wenn ich mich eingerichtet habe.
Ich würde mich freuen.“
Schönrichtig
ist zwar nicht besonders schön und wahrscheinlich auch nicht ganz richtig im
Kopf, aber er macht einen liebenswerten Eindruck.
Schönrichtig lächelt und nickt. Dann sieht er noch
einmal auf die Spuren der Paketexplosion, stammelt ein letztes Mal „Ach du
meine Güte“ und verschwindet, jede zweite Treppenstufe nehmend, nach oben.
Eine Stunde später schleife ich meine neue Matratze aus
dem Vorzimmer ins Schlafzimmer und lasse mich auf sie plumpsen. Die Abendsonne
leuchtet rot durch meine schönen, neuen Fenster und bringt den kürzlich
eingelassenen Parkettboden zum Schimmern. Die Wände sind weiß verputzt und
riechen noch schwach nach frischer Farbe. Seufzend strecke ich mich auf meinem
derzeit einzigen Einrichtungsgegenstand aus und finde es einfach nur perfekt.
Möbel besitze ich lediglich in homöopathischen Mengen.
Auf Hotel Mama folgte die Studenten-WG, danach zog ich bei meinem ersten Freund
ein, dann bei meinem zweiten, danach bei einer Freundin, dann landete ich
wieder zu Hause, und irgendwann wohnte ich schließlich bei Jan. Und Jan hatte Möbel
… wow, was hatte Jan für Möbel. Nur blöd, dass es nicht seine eigenen waren.
Aber diese Matratze gehört nun mir. Genau wie die
Wohnung. Meine erste eigene Wohnung mit meinen ersten eigenen Möbeln und meiner
ersten eigenen Wandfarbe. Keine Diskussionen, welches Grün das richtige
Statement setzt und nicht allzu schwul wirkt. Ich bin wieder Single und ich
werde es sowas von genießen.
Mein Handy klingelt. Noch immer auf dem Rücken liegend,
quetsche ich meine Hand in die Hosentasche und ziehe es heraus. „Hallo?“
„Firma Bachmann, es geht um die Lieferung einer
Wohnzimmereinrichtung und eines Bettes, spreche ich mit Frau Sonnenthal?“
Mein Herz tanzt. „Ja, das bin ich, brauchen Sie nochmal
die Adresse? Ich dachte mir schon, dass Ihre Leute sich vielleicht verfahren
haben, eigentlich hätten Sie doch schon vor einer halben Stunde hier sein …“
„Also, Frau Sonnenthal, das mit der Lieferung wird nix.“
„Was?“, hauche ich ins Telefon und setze mich
kerzengerade auf. „Aber mir wurde zugesichert …“
„Ein Gewerkschaftsschtreik in Holland hält sich nun mal
nicht an Zusicherungen“, schnappt der Mitarbeiter von Bachmann. „Also ich sag
Ihnen, wie es ischt. Entweder Sie nehmen den Ersatzliefertermin in zwei Wochen oder
Sie können den Auftrag auch gerne schtornieren, liegt ganz bei Ihnen.“
Wollen die mich verarschen?! In zwei Wochen?!
Ich wollte doch jetzt und hier und sofort meine neue
Wohnung genießen. Nicht in zwei Wochen, sondern jetzt! JETZT!
Ich springe auf und stampfe zu den Fenstern, die
dringend geputzt werden müssen. Ruhig Blut. Ich habe mich unter Kontrolle. Völlig
kontrolliert beiße ich die Zähne aufeinander, zische: „Schtornieren ischt keine
Option, dann in zwei Wochen“, und lege auf.
Noch hundertzehn Tage
Der Elektriker hat den Termin für die Lampenmontage
schon zum zweiten Mal verschoben. Mein neues, umgängliches Ich hat Kerzen
gekauft und freut sich über die romantische Zeltlager-Atmosphäre, die sich in
einer völlig leeren Wohnung mit einer Matratze und ein paar Kisten persönlicher
Habseligkeiten einstellt. Positive Energie, sage ich nur.
Ich lasse gerade Wasser in meinen Putzeimer, als es an
der Tür klingelt. Es ist Gérard. Wahrscheinlich ist er nur gekommen, um zu
sehen, ob ich schon irgendeinen Bock geschossen habe. Sein Geruch nach Giorgio
Armani schlägt mir entgegen, als ich die Tür zu meinem neuen Heim öffne. Gérard
lässt den Fotoapparat lässig von seiner Schulter gleiten und drückt mir einen
Kuss auf die Stirn.
„Hallo du.“ Er hält mir einen Bambusstock entgegen. „Pflegeleicht,
robust und winterhart.“
„Wie du?“
„Nicht nur im Winter, Kleines. Allzeit bereit, lautet
die Devise.“ Gérard grinst breit und zieht den schwarzen Kaschmirmantel aus.
Darunter trägt er schwarze Jeans und ein schwarzes Shirt. Gérards Kleidung ist
immer schwarz, genau wie seine Seele. Seine dunklen Augen leuchten anerkennend,
als er durch meine leeren Räumlichkeiten schlendert. „Mut zur Lücke. Gefällt
mir.“
„Nun, ganz so soll es nicht bleiben“, erwidere ich und öffne
die dreckigen Fenster. „Ein paar Möbel wären schon ganz nett. Aber sie kommen
sicher bald. Ganz, ganz bald.“
Er hebt die Augenbrauen. „Soll ich mich darum kümmern?“
„Ja“, antworte ich kläglich. „Ich meine: Nein! Natürlich
nicht. Du hast schon genug für mich getan.“ Ich schenke ihm ein strahlendes Lächeln.
„Außerdem passt es super, dass die Möbel noch nicht geliefert wurden. Besser hätte
es gar nicht laufen können.“
„Tatsächlich?“
„Ja. So muss ich weniger Plastikfolie kaufen. Wo mir
doch der Maler schon wieder den Termin verschoben hat …“
„Ich dachte, das war der Elektriker.“
„Der auch.“
Gérard lächelt milde. „Läuft wohl ganz nach Plan,
Kleines?“
Ich mache uns Kaffee. Gérard hat seine Wohnungsbegehung
beendet und steht vor Jans Gemälde. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt
grunzt er missbilligend.
„Ich weiß“, sage ich, während ich ihm seine Tasse
(schwarz, keinen Zucker) reiche. „Das ist natürlich nur eine Übergangslösung.
Keine Ahnung, wie ich als Single ohne 200 m²-Loft zurechtkommen soll.“
Leichtes Mundwinkelzucken. „Hier geht’s nicht um die
Wohnung, Kleines. Nur über deinen Kunstgeschmack solltest du mal mit einem
Therapeuten sprechen.“ Er deutet auf die Leinwand. „Ist das Kunst oder kann das
weg? Das kann weg.“
Ich verschlucke mich beinahe an meinem Milchkaffee. „Sicher
nicht! Es gehört mir und ich habe es mir nach dem ganzen Schlamassel auch
verdient!“
„Ich bin mir nicht sicher, ob die Polizei das ebenso
sieht. Und willst du wegen sowas eingebuchtet werden?“
Ich betrachte die fluoreszierenden Farben auf dem
schwarzen Hintergrund mit kurzem Zögern. „Blödsinn. Jan hat es mir geschenkt.
Deswegen können die mich doch nicht einsperren. Oder?“
Er zuckt mit den Schultern. „Fragt sich, woher Jan es
hatte. Von daher der perfekte Zeitpunkt, es zu entsorgen. Und“, er bückt sich,
greift in einen der Umzugskartons und zückt meine Anden-Vase, „die hier kannst
du gleich mit runter nehmen.“
Mit einem raschen Schritt bin ich bei ihm und schnappe
mir die türkise Vase, ein Geschenk meines Onkels. Gérard lächelt erbarmungslos
und lehnt sich lässig gegen die Wand.
„Du musst lernen, dich von hässlichen Dingen zu trennen.
Und das ist jetzt keine Metapher“, sagt er und zieht stirnrunzelnd meine
selbstgebastelte Schmuckschatulle hervor.
„Es geht nicht immer nur um die Optik, Gérard.“
„Worum sonst?“
„Okay, es ist ein Geheimnis, aber ich verrate es dir.
Halt dich gut fest: Es gibt auch so etwas wie innere Werte.“
„Innere Werte? Wenn ich mich recht erinnere, war Jan von
außen als auch von innen eine Null.“
Touché. Ich entreiße Gérard meine Schmuckschatulle und
stelle sie gemeinsam mit der Vase auf den Boden. Dann schnappe ich mir meinen
Putzeimer, einen Schwamm und eine Flasche Meister Proper. „Ich hab eben den
Richtigen noch nicht gefunden“, murmle ich und sprühe ein paar Spritzer
Putzmittel auf das Glas. „Und ich will nicht mehr über Jan reden. Am besten nie
wieder. Genauso wenig wie über Hans, Lasse und Uwe.“
Gérard schüttelt den Kopf. „Der richtige Mann trägt auch
den richtigen Namen.“
„Es kann nicht jeder belgische Künstler als Eltern haben“,
erwidere ich schnippisch und klatsche den nassen Schwamm gegen die
Fensterscheibe.
„Vielleicht nicht. Aber wenn dir das nächste Mal ein Günther
begegnet, solltest du schnell wegrennen.“
Ich lache und salutiere mit dem Schwamm in der Hand,
dass das Wasser nur so spritzt. „Jawohl, Sir, verstanden. Und jetzt bitte
Themenwechsel. Lass uns über mein wunderschönes, neues Zuhause sprechen.“
Beschwingt drehe ich mich mit ausgestreckten Armen einmal im Kreis. „Die
Vermieterin war zwar total schräg, aber wenn du mich fragst, ist die Wohnung
jede Sekunde der 137 Minuten wert, die ich mit ihr und ihrem toten
Kanarienvogel auf dieser keimfreien Couch verbringen musste.“ Ich streiche mir
mit dem Handrücken eine Locke von der Wange und sehe Gérard neugierig an. „Kennst
du Frau Rosenstein eigentlich persönlich?“
„Nein, nur ihre Enkelin. Und ihre andere Enkelin.“ Er
grinst dreckig.
„So genau wollte ich es eigentlich gar nicht wissen“,
brumme ich und widme mich dem staubigen Rahmen, als es klopft.
„Erwartest du Besuch?“, fragt Gérard. Ich schüttle den
Kopf und marschiere mit der Fensterputzflasche in der Hand ins Vorzimmer. Vor
der Tür steht die unfreundliche Nachbarstochter in einem knappen, dunklen
Outfit, so finster wie ihr Blick. Aus meinem Seufzen wird gerade noch ein höfliches
Räuspern, das nach hustender Katze klingt. Ihre schwarz umrandeten Augen
verengen sich.
„Für dich“, sagt sie kühl und hält mir einen Stapel Post
entgegen. „Papa hat gesagt, ich soll das bei dir vorbeibringen.“
„Danke“, sage ich zurückhaltend und versuche, nicht an
ihren Kartontritt, sondern an meine positive Energie zu denken. Gérard taucht
hinter mir auf und nickt dem kleinen Biest zu. Spontaner Atmosphärenwechsel.
Sie lächelt!
„Hallo“, sagt sie atemlos und streckt ihm die Hand mit
den grau lackierten Fingernägeln hin. „Katja. Ich wohne hier.“
„Nicht direkt hier“, verbessere ich automatisch.
„Nein, unten, also drunter“, stammelt sie und wird rot.
Das Girl ist anscheinend wieder on Fire, diesmal jedoch on Liebesfire. Gérard
sieht zugegebenermaßen umwerfend aus. Nicht nur für einen Teenager.
„Schön, dich kennenzulernen“, sagt Gérard mit tiefer
Stimme. Ich spüre förmlich, wie Katja sein Testosteron aufsaugt.
„Ebenfalls“, gibt sie sich cool, obwohl ihre Wangen wie
Ferkelchens Punkte leuchten. „Hängst du öfter hier in der Gegend ab?“
Oh bitte. Muss das jetzt sein?
„Die nächsten Wochen schon, mal sehen“, antwortet Gérard
und wirft mir einen Seitenblick zu. Ja, ich habe verstanden. Ich werde mich
benehmen.
„Ach so, seid ihr beiden etwa …“ Katja sieht angewidert
zwischen uns hin und her.
„Zusammen?“, helfe ich ihr auf die Sprünge. Nicht, dass
es sie etwas angehen würde, aber ich will mal nicht so sein. „Nein. Sind wir
nicht.“ Unauffällig drücke ich die Tür ein Stückchen weiter zu. „Danke für die
Post.“
Katja schiebt ihren Fuß unbeeindruckt zwischen den Türrahmen
und stellt ihn direkt auf meinen. Spinnt die?
„Uh, das wird der Rosenstein aber gar nicht gefallen.“ Mädchenhafter
Augenaufschlag. „Ich hoffe, du bekommst deswegen keine Schwierigkeiten …“ Sie lässt
den Satz verhängnisvoll in der Luft hängen.
„Nett, dass du dich so um mich sorgst“, schnappe ich zurück,
„aber Gérard ist mein Cousin. Ich nehme nicht an, dass mich das in
Schwierigkeiten bringen wird.“
Katja verzieht das Gesicht und deutet auf den
Fensterreiniger in meiner Hand. „Das vielleicht nicht, aber mit dem Putzmittel
solltest du dich nicht sehen lassen. Soviel ich weiß, hasst die Rosenstein Männer
mit Glatze. Ich glaube, das war auch der Grund, warum Mieter Nummer 4
rausgeflogen ist, akuter Haarausfall. Du solltest aufpassen, dass dir das nicht
auch passiert ...“ Sie lächelt kalt und wendet sich Gérard zu: „Hey, vielleicht
sieht man sich ja in dem neu eröffneten Club, die Straße runter.“ Dann bohrt
sie den Absatz ihres Stiefels in meine Zehen, grinst mich spöttisch an und
rauscht davon.
Aua! Das darf doch nicht wahr sein!
Gérard betrachtet mich skeptisch. „Du hast also schon
Freunde gefunden, Cousine. Eine reizende, junge Dame.“
„Ja, brechreizend“, schnaube ich, „Die ist vollkommen
durchgedreht! Die hat Ferkelchen und meine Sachen die Treppe runtergeschmissen,
ich muss mich sowas von zusammenreißen, um der nicht … am liebsten würde ich …
die ist sowas von arrogant und boshaft … gib mir drei Sekunden mit ihr und …
und …“, ich ringe nach den passenden Worten, „Honig und Hühnerfedern oder sowas
… geteert und gefedert … der müsste man doch ... ach, was auch immer!“ Gérard
dirigiert mich zurück ins Wohnzimmer. „Ist doch nur ein junges Ding. Du
benimmst dich untervögelt, Maya.“
„Dafür gibt es ja wohl auch einen Grund.“
Er beugt sich nach vorne. „Dem könnten wir Abhilfe
verschaffen“, flüstert er.
Ich verdrehe die Augen. „Vielleicht in einem anderen
Leben.“
Noch hundertneun Tage
Irgendein Vollidiot klingelt mich aus dem Bett.
Völlig verschlafen öffne ich und sehe mich Nachbar Schönrichtig
(heute mit königsblauem Halstuch) gegenüber.
„Fräulein Sonnenthal“, beginnt er. „Die Post war falsch
eingeordnet! Lady Grazie regt so etwas furchtbar auf! Immer dieser Postbote,
jedes Mal, wenn ein neuer Nachbar einzieht, beginnt das Chaos von vorne! Errare
humanum est, unmenschlich ist so etwas! Haben Sie Ihre Post erhalten, Fräulein
Sonnenthal? Ich habe Katja gestern zu Ihnen geschickt, aber das Kind macht ja
doch nur, was es will!“ Endlich holt Schönrichtig Luft und sieht mich genauer
an. Ich dürfte etwas derangiert aussehen, denn er hopst einen Schritt zurück
und wirkt betreten. „Verzeihen Sie meine Unhöflichkeit, Fräulein Sonnenthal, Höflichkeit
erachtet Lady Grazie als die höchste Tugend, ich wollte Sie nicht stören, ich wünsche
Ihnen einen erquicklichen Tag, auf Wiedersehen.“ Weg ist er.
Ich schließe die Tür. Oh Mann, es ist 6.33 Uhr und Schönrichtigs
Aufgeregtheit ist wie ein Virus, der von mir Besitz ergreift. Vielleicht sollte
ich rasch hinunterlaufen, mein Postfach kontrollieren und gegebenenfalls neu
einsortieren?
Schwachsinn!
Gähnend mache ich mich auf den Weg in die Küche, da
klingelt es erneut. Ich drehe wieder um. Es ist noch immer Schönrichtig. Oder
schon wieder, je nachdem.
„Es gibt übrigens ein schwarzes Brett, Fräulein
Sonnenthal“, spricht er ansatzlos weiter. „Es ist meine Pflicht, Sie darüber zu
informieren. Jede Partei des Hauses kann Punkte sammeln. Wir – das heißt, Lady
Grazie und ich – küren jeden Freitag den Mieter der Woche. Dies dient dem
Zweck, den Mietern des Hauses und insbesondere Lady Grazie ein harmonisches und
erfüllendes Zusammenleben zu ermöglichen.“ Er rückt sein blaues Halstuch
zurecht und räuspert sich. „Guten Tag.“
Leider wurde es kein guter Tag. Ralph hat mir einen
Haufen Arbeit aufgebrummt, meine Periode kam einen Tag zu früh, in der Kantine
gab es Spargel und im Fahrstuhl ließ ein Kollege seinen Blähungen freien Lauf.
Und es wird auch nicht besser, als ich in meinem
Postkasten einen dünnen Packen Papier mit dicken schwarzen Lettern finde.
Herrje, die Hausordnung der verrückten Vermieterin. Um noch länger hier wohnen
zu bleiben, sollte ich dieses Ding schleunigst auswendig lernen und Punkte für
das schwarze Brett sammeln. Im Schlafzimmer lasse ich mich auf meine Matratze
fallen und blättere mäßig motiviert durch die ersten Seiten. Hier steht:
§1: Haus und Grundstück sind in sauberem Zustand zu halten.
Die Mieter sind verpflichtet, nach einem Reinigungsplan abwechselnd Flure,
Treppen, Fenster und Dachbodenräume, Zugangswege außerhalb des Hauses, den Hof,
den Standplatz der Müllgefäße und den Bürgersteig vor dem Haus zu reinigen. Die
entsprechenden Aufgaben sind dem schwarzen Brett zu entnehmen.
Erweiterung Lady Grazie: In den
allgemein zugänglichen Bereichen ist es zudem verboten, Krankheitserreger
freizusetzen. Aktivitäten, die einen Verlust von Körperflüssigkeiten nach sich
ziehen (Husten, Niesen, Schwitzen, Bluten), sind tunlichst zu vermeiden.
§2: Aus Sicherheitsgründen sind Haustüren, Kellereingänge
und Hoftüren in der Zeit von 22.00 bis 6.00 Uhr ständig geschlossen zu halten.
Haus- und Hofeingänge, Treppen und Flure sind als Fluchtwege grundsätzlich
freizuhalten.
Erweiterung Lady Grazie: Auch das
kurzfristige Aufstellen und Lagern von Gegenständen außerhalb des
Mietgegenstandes ist nicht gestattet (hierzu zählen auch nasse Regenschirme und
geschmackloses Dekorationsmaterial in der Weihnachtszeit!), denn sie stören
Lady Grazies Wohlbefinden.
§3: Liaisons zwischen Hausbewohnern sind strengstens
untersagt. Die Missachtung dieser Regel kann zu einer Auflösung des Mietverhältnisses
führen.
Erweiterung Lady Grazie: Grundsätzlich
ist es besser, den Status eines Singles zu behalten. (Liebesbekundungen,
Auseinandersetzungen und Stimmungsschwankungen führen automatisch zu einer Erhöhung
des Geräuschpegels und sind von daher nicht gestattet.)
Und so weiter, und so weiter … ich blättere bis zum Ende
durch. Wollen die mich verscheißern?! Zu müde, um alle 113 Paragraphen genau
durchzulesen, überfliege ich nur die diversen Anhänge (Skizzen des
Fahrradschuppens, der Flure, der Waschküche im Keller) und lege die sonderbare
Hausordnung dann gähnend beiseite. Wer zum Teufel ist Lady Grazie? Ist das ein
Kosename für die alte Frau Rosenstein? Oder irgendeine besonders wichtige
Mieterin?! Keine Ahnung, aber ich werde es sicher bald herausfinden.
Mein Handy klingelt und mir wird schlecht. Es ist Jan.
Hätte die Polizei nicht sein Telefon konfiszieren können?
Möglicherweise hat sie das ja auch getan, und es ist der
eine Anruf aus der Zelle. Oder von den Bahamas?
Ich mag Strand. Ich mag Wasser. Ich mag das Geräusch von
Wasser, wenn es auf Sand trifft. Ich mag Sonne. Ich mag liegen. Ich mag in der
Sonne liegen. Ich mag unter einem großen Schirm liegen. Ich mag schlafen. Ich
mag Cocktails mit Schirmchen. Ich mag Wind. Ich mag den Wind auf meiner Haut.
Ich mag den Wind, wenn er das Wasser auf meiner Haut trocknet.
Ich mag nicht ans Telefon gehen.
Noch hundertacht Tage
Ich bin zwar erst den fünften Tag hier, aber es fühlt
sich an, als wären es fünf Wochen. Einfach nicht zu viel darüber nachdenken, ob
das gut oder schlecht ist, ich werde lieber meine Energie in etwas Sinnvolles
stecken. In Jeans, T-Shirt und Ballerinas, dazu noch ein geblümtes Tuch um die
Haare geknotet, fühle ich mich bestens gerüstet, die Aufgabe „Fensterputzen im
Fahrradschuppen“ auf dem schwarzen Brett zu erledigen. Super Gelegenheit, meine
soziale Ader zu zeigen und gleichzeitig ein paar Punkte für diesen Mieter-der-Woche-Scheiß
zu sammeln.
Ich schleppe die Leiter und den Putzeimer in den
Schuppen und stelle beides in der Mitte des Raumes ab. Um die hohen Fenster zu
erreichen, muss ich zwei Fahrräder aus dem Weg räumen, die entgegen der
Hausordnung nicht mit Namensschildern versehen sind, und sich auch nicht in den
farblich markierten Zonen befinden. Das eine Fahrrad ist noch dazu am
Heizungsrohr angekettet, wodurch ich die Leiter nicht nah genug ans Fenster
bekomme. Mist. Mir bleibt nichts anderes übrig, als Gewalt anzuwenden, um meine
Leiter in die Lücke zu kriegen.
„Ey, was machst du denn da?“, faucht jemand hinter mir.
Ich wirble erschrocken herum und schmeiße dabei den Putzeimer um. Wunderbar.
Jetzt ist die Seifenlauge überall, nur nicht auf den Fenstern.
„Eimer umschütten, siehst du doch“, entgegne ich und
hebe den roten Plastikbehälter auf. Zum Glück ist nicht alles ausgeschüttet,
und den Rest mache ich später weg.
„Na super, jetzt ist meine Hose nass, du blöde Kuh!“,
schreit Katja. Sie legt Handy und Wasserflasche zur Seite und wischt hektisch über
ihre weiße Jeans, die ein paar Spritzer abbekommen hat. Was ein Witz ist gegen
meine Ballerinas, die völlig durchnässt sind und bei jedem Schritt schmatzende
Geräusche von sich geben.
Jetzt nur nicht auf ihre Provokationen eingehen.
Mieterinnen der Woche sind völlig gelassen. Ich ignoriere Katja, steige auf die
Leiter und balanciere mit dem nassen Lappen auf der obersten Sprosse. Wenn ich
mich weit genug strecke, bekomme ich die blöden Fenster in null Komma nichts
sauber.
„Mach Platz, ich muss zu meinem Fahrrad“, meckert das
kleine Biest und zieht mit einem Ruck an dem Rad, das am Heizungsrohr hängt.
Mir bleibt nur noch Zeit für einen spitzen Schrei, als meine Leiter ins Wanken
gerät. Instinktiv versuche ich, mich am Fenstergriff festzuhalten, doch meine
seifennasse Hand gleitet ab und trifft auf einen spitzen Holzsplitter, der aus
dem alten Rahmen ragt. Aua, tut das weh! Ich blute wie ein Schwein. Die
Verletzung weit von mir gestreckt, klettere ich von der Leiter wieder hinunter.
„Iiiih“, sagt die kleine Kröte ohne jedes
Schuldbewusstsein. „Tja, putzen ist nicht so dein Ding, bist wohl eher der Typ
Staubsauger.“
Einen Moment starre ich sie nur baff an.
„Oh, wie lassen mich ausflippen, deine blutig roten
Lippen“, stöhnt Katja hingebungsvoll mit einem Blick auf meine aufgerissene
Handinnenfläche, bevor sie mit einem weiteren, festen Ruck ihr Fahrrad befreit.
Ich stehe noch immer da und versuche, mehrere Dinge gleichzeitig zu
verarbeiten. Erstens: Diese schmalzig-poetische Zeile kommt mir verdammt
bekannt vor. Zweitens: Ich habe auf ihren Fahrradsattel geblutet. Drittens: Die
Fenster sind noch genauso dreckig wie vorher. Viertens: Wenn sie so dämlich
grinst, würde ich ihr am liebsten mitten ins Gesicht schlagen. Dieses Gefühl
erschreckt mich ein wenig, denn normalerweise bin ich kein gewalttätiger
Mensch. Meine Gedanken wandern wieder zurück zu Erstens, da klappt mir der Mund
auf.
Oh, wie lassen mich ausflippen, deine blutig roten
Lippen, ist von mir! Und weiter geht es: Doch du möchtest mich nur necken,
spielst verstecken, sollst am Hinterteil mich lecken! Dieses kleine Miststück
hat mir mein Tagebuch geklaut, und zwar das, in dem ich meine poetische Phase
mit Jane Austen und Shakespeare ausgelebt habe! (Gut, meine Thementagebücher wären
vielleicht etwas, was ich mit einem Therapeuten besprechen könnte – aber sicher
nicht mit Katja.)
„Gib mir mein Tagebuch zurück!“, fauche ich.
„Ich hab keine Ahnung, wovon du sprichst. Wohl zu viele
Putzdämpfe eingeatmet?“ Ihre grünen Katzenaugen blitzen voller Genugtuung. „Ach
ja. Und nicht die Fensterrahmen vergessen“, fügt sie hinzu und schiebt ihr Fahrrad
nach draußen. Verärgert sehe ich ihr hinterher und hebe die Hand. Ich möchte
gerade auf ihren Fahrradsattel deuten, als Katja ihre Rechte hebt, flott alle fünf
Finger bewegt und mir schließlich den Mittelfinger entgegenstreckt.
Automatisch halte ich in der Bewegung inne und winke ihr
einfach nur zu. Zuerst etwas verhalten, dann deutlich enthusiastischer. Sie hat
es so gewollt. Weiße Hose plus blutbesudelter Sattel gleich keine gute
Kombination. Menstruationsflecken sind in keinem Alter sexy, aber als Teenager
besonders übel.
Ich presse mir ein Taschentuch auf die Wunde, klettere
zurück auf die Leiter und spähe durch das Fenster auf die Straße. Ja, da fährt
sie. Tschüss, Katja. Im gleichen Augenblick kommt von der anderen Seite ein trainierter
Typ in Jeans und T-Shirt auf einem Rennrad angefahren, steigt ab und fängt
meinen zufriedenen Blick auf. Ist das nicht der mit dem übersteigerten
Selbstbewusstsein? Er grinst mich breit an und ich lächle unfreiwillig zurück.
Verdammt. So war das nicht gemeint. Schnell schaue ich,
so böse ich kann. Mein Handy summt und ich ziehe es aus der Hosentasche. Nur
die Firma. Als ich meinen Blick wieder auf die Straße richte, ist der Typ verschwunden.
Wo ist der denn so schnell hin? Der kann sich doch nicht
in Luft auflösen.
„Suchen Sie mich?“, fragt eine tiefe Stimme hinter mir.
Ich fahre erschrocken herum und falle dabei fast von der Leiter.
Peinlich, peinlich, peinlich. Mit lauten Schmatzgeräuschen
(quatsch, quatsch, quatsch) steige ich hinunter.
„Ich … wollte nur sehen, in wen Sie heute hineinrennen.“
Er grinst und lehnt sich gegen die Wand. „Am liebsten in
Sie. Sind Sie bereit?“
Wie jetzt? Was ist denn das für eine Anmache? Mein
Stirnrunzeln wirft einen Schatten der Verunsicherung auf sein Gesicht.
„Oh. So war das nicht gemeint.“ Er richtet sich rasch
auf und seine blaublauen Augen werden ernst. „Ich, also die Formulierung … tut
mir leid. Das ist jetzt total falsch rübergekommen, ich wollte nur witzig sein,
aber das grenzt wahrscheinlich schon an Belästigung ...“
Ich muss lachen. So aufgeregt ist er eigentlich ganz süß.
„Alles gut, alles auf Neustart. Ich bin Maya, die neue
Mieterin“, erlöse ich ihn. Er beginnt wieder zu atmen und lächelt schief. „Ich
weiß, Ihre Post ist schon mal bei mir gelandet. Ich bin Holger, der alte
Mieter.“ Er deutet auf meine Wunde. „Haben Sie ein Pflaster? Sie bluten den
ganzen Boden voll.“ Ich sehe hinunter. „Mist. Ich blute in den grünen Bereich.“
„Keine Sorge, der grüne Bereich gehört Schönrichtig, der
ist total cool bei solchen Dingen.“ Ich werfe ihm einen zweifelnden Blick zu.
Er kramt in seiner Fahrradtasche nach Desinfektionsspray und Mullverband und
grinst. „War nur ein Witz, Schönrichtig kriegt die Krise, wenn er sieht, was
Sie hier veranstaltet haben.“ Er zwinkert mir zu. „Sie sollten dann doch besser
in den roten Bereich bluten.“
Na super.
„Können Sie mir dieses Farbsystem hier mal erklären?“,
bitte ich ihn, während er meine Hand untersucht und fachmännisch verarztet. „Ich
blicke ehrlich gesagt überhaupt nicht durch. Laut der Farbtafel an der Tür müsste
mir doch eigentlich der gelbe Bereich zustehen, oder sehe ich da was falsch?“
„Ach, das Farbsystem. Ein Buch mit sieben Siegeln. Sie
orientieren sich an den Sommerfarben, nun sind aber die Winterfarben dran.“
„Ist das Ihr Ernst?“
„Alles in Ordnung? Sie sehen aus, als hätten Sie einen
leichten Schock.“ Holger legt den Kopf etwas schief und betrachtet mich prüfend.
Er hat dunkelblondes, leicht gewelltes Haar, ist braungebrannt, mit kleinen,
sonnigen Lachfalten um die blaublauen Augen. Und obwohl ihm ein paar
verschwitzte Strähnen in die Stirn fallen, riecht er nach frisch gewaschener Wäsche.
NACH dem Sport. Jan hat nach dem Sport immer gerochen wie nach dem Sport.
„Sie werden schon noch dahinterkommen“, meint Holger und
stellt sein Fahrrad in die Lücke zwischen dem gelben und dem blauen Bereich. „Für
die neuen Nachbarn ist es immer schwer. Aber keine Sorge, spätestens in einem halben
Jahr haben Sie diese Probleme nicht mehr.“
Wieso nicht? Weil ich bis dahin schon längst wieder
ausgezogen bin? Oder weil ich bis dahin nicht mehr in meiner Wohnung, sondern
einem Sarg wohne?
„Wie viele neue Nachbarn gab es denn schon?“
„Ach, so einige. Die Dachgeschosswohnung ist nicht ohne.
Sie wissen schon.“
„Ich weiß gar nichts“, sage ich mit vielleicht etwas zu
viel Nachdruck. Holger klebt das Pflaster fest und zuckt die Achseln.
„Ach, das Übliche. Wohnungswechsel, Herzinfarkt. Man
nennt es nicht umsonst die Wohnung des Grauens. Hat die Polizei diesmal
wenigstens die Kreidespuren vom Boden entfernt?“ Er grinst mich wieder an und
ich merke erst jetzt, dass er mich nach Strich und Faden verarscht.
„Eher die Nachbarn des Grauens“, murmle ich halblaut.
„Nun, da ist auch was dran. Allerdings nicht alle …“ Er
sieht mir einen Moment lang direkt in die Augen. Verdächtiges Kribbeln in der
Magengegend. Stopp! Kopf einschalten.
„Na dann, man sieht sich.“ Holger hebt die Hand und eine
Sekunde später ist alles, was von ihm bleibt, der Duft nach frisch gewaschener
Wäsche.
Noch hundertsieben Tage
Der Maler kommt heute – endlich – und hoffentlich auch
der Elektriker. Allerdings zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Ich muss
arbeiten und Ralph sitzt mir telefonisch seit einer halben Stunde im Nacken. Länger
kann ich nicht warten. Ich. muss. jetzt. arbeiten. gehen. Die Farbe steht im Vorzimmer,
die Rolle mit der Abdeckfolie liegt im Wohnzimmer und die Leiter ist im
Schlafzimmer. Alles ist bereit, nur der verdammte Maler nicht.
Den Schlüssel möchte ich nicht draußen liegen lassen,
siehe §2 der Hausordnung: Das Aufstellen und Lagern von Gegenständen außerhalb
des Mietgegenstandes ist nicht gestattet. Aber das kann doch nicht
ernsthaft die Morgenzeitung miteinschließen. Nachdem ich sie bereits zweimal
aus der Biomülltonne fischen musste, mit Eiklar und anderen Widerwärtigkeiten übergossen,
und dafür von Schönrichtig einen Anschiss bekommen habe, weil die Zeitung doch
in den Altpapiercontainer gehört, habe ich das Abo kurzerhand abbestellt.
Nachrichten werden eindeutig überbewertet, schlechte Nachrichten sowieso und außerdem
gibt es ja noch das Internet.
Ich streife den letzten Rest an Unschlüssigkeit ab,
verstecke meinen Wohnungsschlüssel unter der Fußmatte und mache mich auf den
Weg zur Arbeit. Hinter mir ist ein leises Knarren zu hören, doch als ich mich
umdrehe, ist niemand zu sehen. Und selbst wenn da jemand wäre. Bis auf einen
Haufen Tagebücher, zwei Koffer voller Kleidung, Geschirr, ein paar Deckenlampen
und einer Matratze ist bei mir nicht viel zu holen. Und mein verletztes Herz
trage ich sowieso immer bei mir.
Nach einem vierstündigen Besprechungsmarathon klingelt
in der Mittagspause mein Handy.
„Ja“, seufze ich in das Telefon.
„Die Farb, die Se mir hingstellt ham, die reicht net,
bei weitem net“, raunzt der Maler in mein Ohr.
„Was heißt das, die Farbe reicht nicht? Sie haben doch
gesagt, Sie brauchen maximal 6 Eimer? Und ich habe 7 gekauft.“
„Jetzt hörn Se ma. Se ham offnsichtlich a Problem mitm
Rechne, typisch Frau.“
Chauvinistisches Arschloch.
„Ich habe SIEBEN Eimer Farbe gekauft, was heißt, das
reicht nicht?“
„Die Farb reicht net. Wenn Se wolln, fahr ich kurz zum
Baumarkt und hol, was fehlt. Kost aber di Fahrtkoste extra.“
„Maya, es geht weiter.“ Ralph steckt den Kopf zur Tür
herein und tippt mit dem Zeigefinger ungeduldig auf seine Armbanduhr. Sein
Blick sagt: Dämliche Quote, hätte ich doch einen Mann für den Job einstellen können,
der würde weniger telefonieren. Er verlässt den Raum und nimmt einen beträchtlichen
Teil meines Selbstbewusstseins mit.
„Kaufen Sie einfach die Farbe, die Sie brauchen und
setzen Sie sie mir auf die Rechnung. Auf Wiederhören“, presse ich heraus und
lege auf.
Alles wird gut.
Ich streiche meinen schwarzen Blazer glatt und sammle
die Unterlagen für das Meeting ein. Heute Abend komme ich in meine wunderschöne,
in Sand gestrichene Wohnung. Und morgen ist Wochenende – und das verlässt mich
hoffentlich nicht so schnell.
Endlich wieder zu Hause. Ich will gerade die Treppe
hoch, da kommt mir Schönrichtig völlig aufgelöst aus dem Innenhof
entgegengetorkelt.
„Fräulein Sonnenthal!“, kreischt er schrill. „In unserem
Haus hat sich ein Verbrechen ereignet!“
„Was für ein Verbrechen?“, frage ich mehr oder weniger
aufgeregt.
„Blut!“, schreit Schönrichtig. „Blut im
Fahrradabstellraum! Und die Farbflächen, alles ist völlig, völlig
durcheinander! Lady Grazie duldet es nicht, Blutflecken in ihrem grünen Bereich
vorzufinden!“
Oje. Da muss ich beim Saubermachen einen Tropfen übersehen
haben.
„Wenn ich nur wüsste, wer das gewesen sein könnte“, stöhnt
Schönrichtig. „Diese Person muss eindeutig abgemahnt werden, ich muss mit Lady
Grazie darüber konversieren, aber sie wird mir gewiss zustimmen, dass diese
menschliche Kreatur ein Kandidat für die schwarze Liste ist!“
„Schrecklich“, murmle ich mitfühlend und verstecke meine
rechte Hand mit dem Pflaster hinter meinem Rücken. „War es denn viel Blut?“
Schönrichtig sieht mich erschrocken an. „Es geht nicht
um die Menge, sondern um den Akt des Vandalismus. So etwas erfährt in diesem
ordentlichen Haus keine Duldung, Fräulein Sonnenthal. Principiis obsta!
Wehret den Anfängen!“
Mit einem verständnisvollen Nicken versuche auch ich,
den Anfängen zu wehren, und verabschiede mich. Je näher ich meiner Wohnung
komme, desto rascher rücken Schönrichtig und seine schwarze Liste in den
Hintergrund. Mein Herz klopft wie verrückt und eine erwartungsvolle Spannung erfüllt
mich vom Kopf bis zu den Zehen. Endlich, endlich werde ich mein neues, mein
warmes, mein sonnendurchflutetes Reich in der Wandfarbe Sand betreten. Mit
geschlossenen Augen trete ich ein und betätige den Lichtschalter. Dann mache
ich die Augen auf. Und betätige den Lichtschalter erneut. Und wieder. Und
nochmal.
Nein. Das kann nicht sein.
Mein Verstand weigert sich zu begreifen, was meine Augen
sehen. Nicht nur der Maler war da, auch der Elektriker hat es endlich zu mir
geschafft. Und gemeinsam haben die beiden meine wunderschöne, neue
Dachgeschosswohnung in Draculas Stadtdomizil verwandelt. Ungläubig starre ich
an die Zimmerdecke, die mich gleich in zweifacher Hinsicht entsetzt. Zum einen
hat der Elektriker alle Lampen in den Ecken montiert. Hat der noch nichts von
einer Raummitte gehört?!
Und zum andern ist die Decke schwarz. Aber nicht nur
die. Es hat auch die Wände getroffen. Meine ganze Wohnung ist komplett schwarz
ausgemalt worden. Ich stehe in einem gottverdammten Friedhof. Wie betäubt wanke
ich vom komplett schwarzen Wohnzimmer in das komplett schwarze Schlafzimmer und
wieder zurück ins komplett schwarze Wohnzimmer.
Das darf nicht wahr sein. Hier die leeren Farbeimer.
Caparol Capatrend SCHWARZ.
Wo zum Teufel sind meine SAND-Farbeimer?! Wo?
Nachdem ich die gesamte Wohnung ohne Ergebnis durchsucht
habe, hämmere ich die Nummer des Malers in mein Handy.
„Ja?“
„SIND SIE GESTÖRT?! SIE HABEN MEINE GANZE WOHNUNG
SCHWARZ GESTRICHEN!“ Ich renne auf den Flur hinaus und die Treppe hinunter bis
zum Innenhof und reiße, Ruhestörung hin oder her, die Müllcontainer einen nach
dem anderen mit Getöse auf.
„Des wollten Se ja so, kann ich nix für, wenns Ihnen
jetzt nicht mehr gefällt. Habens wohl Ihre Tage gekriegt.“
Arrrrgggghhhh!!!
„Sie Idiot!“, schreie ich hemmungslos.
Hinter mir höre ich ein tiefes Lachen. Holger kommt aus
dem Fahrradschuppen, er sieht schick aus, duftet unwiderstehlich und lacht. Ich
kann ihn nicht leiden.
„Kann ich irgendwie helfen?“, fragt er belustigt.
„Keine Ahnung, würden Sie für mich den idiotischen Maler
verprügeln?!“
„Jetzt ist aber gut, ne?“, tönt es aus meinem Handy.
Holger lacht noch lauter, hebt die Hände in einer
Friedensgeste und verschwindet.
So ein Arsch. Vielleicht ein gutaussehender Arsch, aber
ein Arsch.
„Ich zahle Ihnen keinen Cent!“, zische ich.
„Des werden wir sehen“, sagt der alte Sack und legt auf.
Wie ein tollwütiger Hund wühle ich mich knurrend durch den Dreck. Verdammte
Scheiße, wo sind meine Eimer mit Sand?!
Keine Chance. Wo auch immer meine wunderschöne Farbe
ist, hier ist sie nicht. Durch ein offenes Fenster höre ich eine gehässige
Stimme in den Abendhimmel rufen: „Ey, wohl in der Schule auch nicht bei der
Farbenlehre aufgepasst? Sandtöne sind nix, schwarz macht schlank!“
Dieses Miststück! SIE hat die Farben vertauscht! Und
wahrscheinlich steckt sie auch hinter den Lampen, der ist wirklich alles
zuzutrauen!
„Deine beschissenen, schwarzen Farbeimer kannst du gerne
wiederhaben!“, brülle ich.
„Ne, kannst du behalten“, gibt sie cool zurück und
schließt das Fenster.
„Rot ist dann wohl deine Farbe!“, rufe ich ihr hilflos
hinterher. Hoffentlich hat ihr die Kombi aus blutverschmiertem Fahrradsattel
und weißer Hose eine superpeinliche Situation beschert!
Am liebsten würde ich sofort losheulen. Wenn die mir
zwischen die Finger kommt …
Nein, kühler Kopf. Ich darf die Wohnung nicht verlieren.
Lieber verliere ich meinen Stolz als meine Beherrschung.
Auf dem Weg in meine Gruft versuche ich einen letzten
Rest Zweckoptimismus aus mir herauszukratzen. Sinnloses Unterfangen. Völlig
fertig sinke ich auf mein Matratzenlager und schließe die Augen. Dahinter ist
es schwarz, genauso schwarz wie meine Wohnung.
Irgendwann schlafe ich ein.
Noch hundertsechs Tage
Heißt es nicht, man müsse nur eine Nacht drüber
schlafen, dann sähe die Welt gleich ganz anders aus? Vielleicht muss man aber
auch drunter schlafen, nicht drüber. Am besten unter irgendeinem muskulösen
Kerl. Mit einem Japsen schrecke ich aus einem wirren Traum hoch, in dem Daniel
Craig eine tragende Rolle spielte. Mein Pyjama klebt an meiner Haut.
Großartig, das ist also das Highlight meines Lebens.
Als ich die Augen aufschlage, sieht meine Welt nicht
besser und meine Wohnung noch genau wie am Abend zuvor aus. Wenn nicht
schlimmer. Die schwarze Farbe wirkt am Tag noch dunkler und bedrückender, da
sie die Morgensonne absorbiert. Missmutig ziehe ich die Decke enger um mich und
kuschle mich darin ein. Weder will ich heute aufstehen, noch irgendeinen Menschen
sehen. Abgesehen von Gérard. Soll ich ihn anrufen?
Nein. Gérard hat sich jetzt sicher erst zum Schlafen
hingelegt. Als freischaffender Fotograf genießt er flexible Arbeitszeiten und
Sexualpartner. Einen kurzen Moment bin ich furchtbar neidisch auf Gérard und
sein Leben. Einen ganz kurzen.
Um mich abzulenken, ordere ich über das Internet 7,
nein, besser 8 Eimer Farbe, Ton Eierschale, weil eine innere, psychisch
belastete Stimme mir zuflüstert, es nicht nochmals mit Sand zu probieren. Dann
gehe ich unter die Dusche und lasse kaltes Wasser auf mich herabrieseln. Mann,
tut das gut. Es klingelt an der Tür. Nicht schon wieder.
„Post!“, brüllt es von draußen.
„Ich komme gleich!“, brülle ich.
„Post!“, brüllt es von draußen.
„Ja, verdammt!“, brülle ich.
„Post!“, brüllt es von draußen.
Oh mein Gott, gibt es in dem Haus irgendjemanden, der
normal ist? Als ich, endlich in ein riesiges Badetuch gewickelt, die Tür öffne,
erwartet mich draußen nur gähnende Leere.
„Post? Hallo?!“, rufe ich versuchsweise in den Flur. Ein
leises Treppenknarren antwortet mir. Und dann Schönrichtig: „Lady Grazie benötiget
ihre Ru-he!“
Leise schließe ich die Tür. Diese Lady Grazie scheint
eine Art Hausmafia-Boss(in) zu sein. Einen Instant-Morgenkaffee, etwas Make-up
und eine Online-Ausgabe der Bildzeitung später mache ich mich auf den Weg zu
meinem Postfach. Zwar finde ich keine Aufforderung, zur nächsten
Postdienststelle zu kommen, dafür aber einen braunen Putzlappen mit einem
handschriftlich verfassten Briefchen von Schönrichtig:
„Meine lieben Mitbewohner! Lady Grazie neigt in letzter
Zeit zu unerfreulichem Fließschnupfen. Ich bin zu der Ansicht gekommen, dass
sie unter einer heftigen Form der Stauballergie leidet. Daher sei es Ihnen
allen ans Herz gelegt, das Treppengeländer sowie weitere glatte Gegenstände mit
beigelegtem Staubfänger abzuwischen, wenn Sie sich durch das Haus bewegen.
Wohlgemerkt, jedes Mal. Ab imo pectore, von ganzem Herzen, Ihr Eduard Schönrichtig.“
Tief seufzend stecke ich den sonderbaren Brief in meine
Tasche. Wenn die Dachgeschosswohnung nicht so unglaublich hinreißend wäre, würde
ich das alles nicht mitmachen. Aber eine bezahlbare Wohnung in Hamburg finden?
So wahrscheinlich, wie den Mann fürs Leben zu bekommen.
Am Abend stehe ich mit einem bis unter den Rand gefüllten
Korb Schmutzwäsche in den Startlöchern. Heute bin ich zehn vor acht in der
Liste zum Waschen eingetragen, und wie ich dieses Haus und seine Bewohner kennengelernt
habe, sollte ich besser nicht zu spät kommen. Mit einem letzten Blick auf die
Uhr stoße ich die Tür zur Waschküche auf. Sofort schlägt mir eine fiese
Duftmischung aus Rauch und Waschpulver entgegen.
Und wer sitzt da mit einer Zigarette zwischen den giftgrünen
Fingernägeln? Na?
Katja thront in einem schwarzen Mini auf der Waschmaschine,
die Zigarette in der einen, das Handy in der anderen Hand. In der Waschtrommel
wirbelt rote Spitze herum und ich rate mal so ins Blaue, dass es sich dabei um
Wäsche handelt, die ihr Vater vorzugsweise nicht sehen soll. Schönrichtig kann
und will ich mir beim Anblick roter Spitze auch gar nicht vorstellen. Bei
Katjas herablassendem Gesichtsausdruck flackert die Wut erneut in mir auf.
Tief durch die Nase einatmen.
Einfach die Geschichte mit dem Umzugskarton, der
Wandfarbe und den Deckenleuchten hinter mir lassen. Katja ist ein verwirrtes
junges Mädchen und ich eine reife Erwachsene. Drüberstehen. Das ist der Plan.
Betont lässig schaue ich auf die Uhr. „Na, ich glaube,
deine Waschzeit ist um.“
Katja zieht die gezupften Augenbrauen nach oben. „Na,
ich glaub wohl eher, deine Lebenszeit ist um“, faucht sie zurück.
Okay, soviel zum Plan. Ich schnappe mir ihre Zigarette
und trete sie aus. „Nicht die Hausordnung gelesen? Rauchen ist im gesamten Haus
verboten.“
Katja funkelt mich an. „Schon die Morgenzeitung gelesen?“
„Das warst auch du?“
Sie lächelt süffisant. „Aber schreibst du nicht lieber,
als du liest? Oh, nimm mich, Liebster, verzehre mich und streu heiße Küsse über
mich!“, schmettert sie und begleitet meinen Vers mit ausladenden Armbewegungen.
„Du kleines Miststück“, zische ich leise. „Jetzt hör mir
mal zu. Du bist mit deinen Aktionen zu weit gegangen. Es reicht. Du hast mir
mein Tagebuch bis heute Abend zurückgebracht, oder …“
„Oder was?“, fragt Katja gedehnt und räkelt sich wie
eine schwarze Katze.
„Oder ich erzähle deinem Vater von einigen deiner
Freizeitaktivitäten. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass das allzu angenehm
für dich wird.“
Katja verdreht die Augen wie eine trotzige Fünfjährige,
es fehlt nur noch, dass sie mir die Zunge entgegenstreckt. „Du kannst mir gar
nichts. Du bist die Neue hier, schon vergessen? Wenn du Papa auch nur irgendwas
sagst, stecke ich der Rosenstein ein paar Insiderinfos über deine
Friedhofswohnung. Könnte auch sein, dass ich in der Nacht satanische Gesänge gehört
habe. Du bist hoffentlich bei keiner Sekte?“ Sie hüpft geschmeidig von der
Waschmaschine.
Scheiß Heimvorteil. Ich muss hier raus. Sofort.
Unverrichteter Dinge trete ich aus der Waschküche zurück in den Hausflur und überrasche
Schönrichtig, wie er dezent fluchend eine neue Kameraanlage installiert.
„Befehl von Lady Grazie?“, frage ich trocken.
Schönrichtigs Kopf ruckt herum. „Oh, Fräulein Sonnenthal“,
sagt er zögernd. „Fräulein Sonnenthal, es gäbe da etwas, über das ich gerne mit
Ihnen sprechen würde.“
Das war ja klar. Es geht wohl kaum um die Mieterin der
Woche.
„Ja?“
„Es geht um das Minutenlicht. Seit Sie eingezogen sind …“
„Ja?“
„Nun, das Minutenlicht brennt leider Gottes andauernd.
Und Lady Grazie braucht ihren Schlaf! Wussten Sie, dass die Hausordnung
vorsieht, das Licht nur einmal zu drücken, wenn man ins Haus kommt?“
„Ich wohne im Dachgeschoss.“
„Das ist Lady Grazie und mir sehr wohl bewusst“, flüstert
Schönrichtig mit weit aufgerissenen Augen und fummelt an seinem
lavendelfarbenen Halstuch herum. Ändert aber nichts an der vermaledeiten
Hausordnung, schon klar. Im selben Moment wird es dunkel.
Ich hole tief Luft, drücke den Knopf und sprinte los.
Ungefähr bei Stufe 64 geht mir die Puste aus. Und kurz danach auch die Lichter.
Mist! Beschämt taste ich mich am Treppengeländer entlang und knalle prompt
gegen einen sportlichen Körper.
Nicht schon wieder.
„Das hatte ich schon vermisst“, sagt Holger und ich kann
das Grinsen in seiner Stimme hören. „Auch wenn Sie vermutlich wieder
abstreiten, dass es Ihre Schuld war.“ Er steigt zwei Stufen die Treppe hinunter
und ich sehe im Licht der Straßenlaterne, das durch das Flurfenster fällt, wie
er sich die Kapuze seines Sweatshirts vom Kopf zieht. Obwohl er gute 15 cm
tiefer steht, begegnen wir uns auf Augenhöhe. „Tut mir übrigens leid, dass ich
gestern so schnell los musste. Aber heute nach dem Spiel hätte ich Zeit, Ihren
Maler zu verprügeln.“
„Das klingt gut. Hätten Sie danach auch noch Zeit für
den Elektriker und die Möbelpacker?“
Er lacht leise. „Klar, sagen Sie mir nur, wann und wo.“
Noch hunderteins Tage
Ich muss endlich meine Wäsche waschen. Außerdem muss ich
– obwohl Sonntag ist, und ich eine Pause nötig hätte – ins Büro fahren und in
aller Eile den Marketingplan für nächstes Jahr fertigstellen, weil Ralph wieder
einmal zu beschäftigt war, mir etwas von der verschobenen Deadline zu erzählen.
Manchmal frage ich mich, was Ralph denn die ganze Zeit so beschäftigt hält. Die
Miniaturkriegsfigurensammlung? Golfspielen? Das Mitarbeiterruntermachen?
Speichellecken?
Gedankenverloren stopfe ich meine Wäsche in die
Maschine, schlage den Deckel zu und spurte von der Waschküche zu meinem
Fahrrad. Wenn ich mich beeile, bin ich in drei Stunden wieder zurück, zwei Stunden
braucht das Programm und die dritte … verdammt. Ich muss das Risiko einfach
eingehen und hoffen, dass das Gör nicht riecht, dass meine Wäsche Freiwild ist
– und sie postwendend in den Biomüll verabschiedet.
Drei Stunden und 37 Minuten später bin ich zurück.
Haustor aufsperren, Fahrrad hineinschieben, Schreikrampf unterdrücken. Nein,
nein, bitte nicht! DAS DARF DOCH NICHT WAHR SEIN!
Ich will kreischen, laut und lang und schrill, dann
fluchen, derb und noch derber, Schönrichtig aus seiner Wohnung zerren, ihn
durchschütteln und fragen, wie er nur jemals, JEMALS auf die Idee kommen
konnte, dieses Biest in die Welt zu setzen! Stattdessen bleibe ich stumm und
lehne mich kraftlos gegen das schwarze Brett. Katja hat meine gesamte Wäsche im
Haus aufgehängt. Damit nicht genug. An den exponierten Stellen des
Treppenhauses finde ich Sadomaso-Spielzeug. Eine Peitsche, ein stachelbesetztes
Lederhalsband, dazwischen eines meiner ausgewaschenen schwarzen Höschen, und
daneben ein roter Spitzenbody mit einem unübersehbaren Loch im Schritt. Wenn
Frau Rosenstein das mitbekommt, bin ich die Wohnung schneller los als Gérard
seine Unschuld. Das darf nicht passieren. Hastig greife ich nach den fremden Dessous,
als ein spitzer Schrei hinter mir ertönt. Schönrichtig hat das Haus mit einer Tüte
voller Orangen und Kamillentee betreten und sieht zutiefst verstört vom
schwarzen Leder zur roten Spitze und wieder zurück.
„Ach du meine Güte, ach du meine Güte!“, stottert er und
krallt sich an seinen Einkäufen fest. „Ach du meine Güte, Fräulein Sonnenthal,
ach!“
Bei seinem Anblick ist mir danach, nach der Peitsche zu
greifen und damit vor seinem Gesicht herumzuwedeln, damit er etwas Luft
bekommt. Doch das sollte ich lieber lassen, sonst kippt er mir gleich um.
„Ach du meine Güte?“, wiederhole ich scharf. „Das können
Sie laut sagen! Sie sollten diesem Balg einmal ordentlich die Meinung geigen,
das da hinter Ihrem Rücken in der Waschküche raucht und sich an fremdem
Eigentum vergreift! Kehren Sie mal vor Ihrer eigenen Tür, und zwar schön richtig!“
Schönrichtig sieht mich mit offenem Mund an und flüchtet
in seine Wohnung.
Mein Handy klingelt. Entnervt ziehe ich es aus der
Tasche, fest entschlossen, nicht ranzugehen, oder den, der dran ist, total
fertigzumachen. Leider geht weder das eine noch das andere. Es ist Ralph. „Ja?“,
belle ich in den Hörer.
„Ihre Peitsche?“, fragt in dem Moment eine samtige
Stimme hinter mir. Ich habe langsam genug davon, mich ständig umzudrehen und
hinter mir Männer zu finden, die meine Wäsche und sonstwas anstarren. Also tue
ich es nicht. „Nein“, zische ich in Richtung Holger, ohne ihn eines Blickes zu
würdigen. „Nein, nicht du“, presse ich ins Telefon. „Ja, der Plan ist fertig,
ich habe ihn dir vor etwa einer halben Stunde gemailt.“ Nein, verdammt, ich
weiß nicht, warum er noch nicht bei dir angekommen ist, liegt vielleicht daran,
dass du ein Idiot bist, der zu viel Golf und Miniaturkrieg spielt. „Okay,
dann fahre ich jetzt nochmal ins Büro und sehe nach, was da los ist. Mach ich.“
Ich lege auf und drehe mich um.
Mist, verdammter. Holger ist immer noch da. Und wie er
so mit dem schwarzen Lederhalsband herumspielt, sieht er nicht aus, als hätte
er es eilig.
„Respekt, Maya. Seit Sie eingezogen sind, ist dieses
langweilige, alte Haus viel spannender geworden.“ Er grinst und seine blauen
Augen funkeln mich an. Ich finde den Schatten seines Dreitagebartes ziemlich
sexy und hasse mich und ihn gleichermaßen dafür.
„Wie schön für Sie. Ich muss jetzt los, aber falls Sie
noch jemanden für mich verprügeln wollen, können Sie meinen Chef mit auf die
Liste setzen. Er heißt Ralph und hat die Größe eines Zwergs.“
„Maler, Elektriker, Möbelpacker, Zwergenchef. Alles
klar.“ Holger hängt das Halsband ordentlich an den Treppenpfosten und steckt
die Hände in seine Jeans. „Falls Sie sonst noch was brauchen, Winterreifen
umstecken, Auto waschen, Müll runterbringen – Sie wissen ja, wo Sie mich
finden.“ Mit dem vertrauten Grinsen kommen auch jede Menge Sonnenstrahl-Lachfältchen.
Die er sich gern dorthin stecken kann, wo keine Sonne scheint.
„Dankeschön. Es geht doch nichts über hilfsbereite
Nachbarn.“ Und Abgang.
„Und was ist jetzt mit Ihrer Wäsche?“
„Das ist nicht meine Wäsche.“
„Schade“, sagt Holger. Mehr nicht. Plus ein etwas zu
langer Blick auf meinen schwarzen Spitzen-BH. Plötzlich habe ich ein ganz
komisches Gefühl im Bauch.
Eine Stunde später hat Ralph die E-Mail endlich bekommen
und das Haus ist leer und sauber. Vor meiner Wohnungstür finde ich meine
Dessous inklusive der SM-Teile fein säuberlich in Schönrichtigs Papiertüte.
Irgendwie tut es mir leid, ihm so gehörig die Meinung gesagt zu haben. Auch
wenn ich seine Tochter hasse. Sicherlich war es für ihn eine große Überwindung,
diese Dinge anzufassen. Wahrscheinlich hat er einen dieser Greifstöcke
verwendet, mit denen Rentner im Park den Müll aufheben.
Müde nehme ich das ganze Zeug und schließe die Tür auf.
Jetzt verstehe ich auch, was der Postbote vorgestern bringen wollte, als ich
unter der Dusche war. Garantiert hat Katja die Sadomaso-Sachen auf meinen Namen
im Internet bestellt, den Postboten rechtzeitig abgefangen und dann die Dessous
im Haus verteilt. Die Kleine arbeitet gründlich.
Ich stelle die braune Tüte im Vorzimmer ab, ziehe mir
die Schuhe aus und gieße ein Glas Prosecco ein. Draußen am Balkon genieße ich
den Blick über die Stadt. Angenehm. Die kühle Abendluft trägt eine Stimme an
mich heran. Unangenehm. Diesmal rezitiert Katja nicht aus meinen Tagebüchern,
sondern heult sich offenbar bei einer Freundin am Telefon aus.
„Ich kann eben nicht“, höre ich sie murren. „Papa hat
gesagt: Auf keinen Fall gehst du zu der Party. Ey, er hat das echt ernst
gemeint. Und ich versuch es schon seit Wochen, seit Wochen, kannst du mir
glauben.“
Meine Ohren werden groß wie Rhabarberblätter.
„Das letzte Mal gab’s auch Ärger. Aber vielleicht könnte
ich mich rausschleichen“, höre ich Katja gedämpft. „Das weiß man bei ihm nie.
Einmal schläft er wie ein Murmeltier, dann ist er wieder die halbe Nacht wach.“
Pause. „Ich weiß.“ Pause. „Boah, ich weiß das doch! Ich will doch auch!“ Pause.
„Ja. Also gut. Ich sag dir noch Bescheid. Tschüss.“
Ein schrilles Klingeln aus dem Inneren meiner Wohnung lässt
mich zusammenfahren. Es ist nicht mein Handy, sondern die Türglocke. Ich atme
auf. Wenigstens nicht Ralph, der mich wieder ins Büro zitiert. Vor der Tür
steht Schönrichtig mit wirrer Gargamel-Frisur und schwarzem Halstuch. Er sieht
aus, als käme er direkt vom Erschießungskommando.
„Fräulein Sonnenthal, nach langer Diskussion und
schweren Herzens haben Lady Grazie und ich befunden, Sie für diese Woche auf
die schwarze Liste des schwarzen Brettes zu setzen. Alea iacta est. Die
Würfel sind gefallen. Es ist uns nicht leichtgefallen, Fräulein Sonnenthal,
ganz und gar nicht, aber gewisse …“, er holt tief Luft, „… Grenzen wurden
eindeutig überschritten. Wir bitten Sie höflichst, Ihr Fahrrad aus dem
Fahrradschuppen zu entfernen. Dies ist eine der Sanktionen für das schwarze
Schaf des Hauses.“ Obwohl Schönrichtig sehr leise spricht, verstehe ich jedes
Wort überdeutlich. Leider. Denn ich fühle mich total gedemütigt, fast so wie
bei Jan. Äußerlich völlig ruhig nicke ich Schönrichtig zu und schnappe mir den
Schlüssel für das Fahrradschloss. Besser, ich bringe es gleich hinter mich.
Gemeinsam gehen wir hinunter, nur jede zweite Stufe nehmend. Als ich mein Rad aus
dem Schuppen schiebe, greift Schönrichtig nach meinem Arm und senkt seine
Stimme zu einem Flüstern: „Sie müssen sich ab sofort wirklich anstrengen, Fräulein
Sonnenthal. Lady Grazie ist sehr, sehr enttäuscht von Ihnen.“ Er wirft einen
nervösen Blick über die Schulter. „Dieses Mal konnte ich sie noch davon überzeugen,
nicht direkt mit meiner Großtante zu sprechen, aber in Zukunft kann ich für
nichts garantieren!“
Ich stutze. „Wollen Sie damit sagen, Frau Rosenstein ist
Ihre Großtante?!“
Schönrichtig nickt hastig und ich atme geräuschvoll aus.
Jetzt wundert mich gar nichts mehr. Wenn ich an das Kennenlernen mit der
Vermieterin und ihrem toten Kanarienvogel zurückdenke, hätte ich glatt selbst
dahinterkommen können.
„Meine Großtante und Lady Grazie sind seit Jahren
befreundet“, vertraut mir Schönrichtig bedeutungsvoll an. „Nehmen Sie sich in
Acht, Fräulein Sonnenthal, nehmen Sie sich in Acht!“ Er seufzt. „Ach. Und dabei
haben Sie doch so gut angefangen …“
2,5 Stunden später knie ich mit einer Laune, noch giftiger
als Katjas Bemerkungen, auf dem Bürgersteig vor unserem Haus. Die ausgedehnte
Fahrradtour, die ich zur Beruhigung meiner Nerven unternommen habe, hat leider
keine Wirkung gezeigt. Und jetzt klemmt auch noch das verdammte Fahrradschloss
und lässt mich den Schlüssel nicht abziehen.
Das Haustor quietscht leise, und ich höre Schritte
hinter mir. Bitte nicht. Egal, wer es ist, ich will nicht mit ihm sprechen, am
liebsten will ich ihn gar nicht kennen.
„Hübsche Pose.“
Mist.
„Streckst du den dicken Arsch in die Luft, um Männer
aufzureißen, nachdem das mit der Reizwäsche nicht geklappt hat?“
Dieses Biest! Betont langsam drehe ich mich um. Oh. Da
geht wohl jemand auf die verbotene Party. Die langen, dunkelbraunen Haare
fallen Katja in weichen Wellen über den Rücken. Dazu trägt sie graue Jeans,
hohe Stiefel, Smokey Eyes und einen bösen Ausdruck im Gesicht. Ich ziehe eine
Augenbraue hoch. „Weiß Papi, wo du hingehst? Oder denkt der, du machst mal
wieder Hausarbeit?“
„Geht dich nix an“, knurrt sie. „Ups, ist das eine
Spinne auf deiner Hand?“ Reflexartig lasse ich den soeben abgezogenen
Fahrradschlüssel fallen. Der prompt im Gully landet. „Ups“, wiederholt sie. „Schwarze
Käfer, uns umgebt, nicht mit Summen! Macht euch fort!
Spinnen, die ihr künstlich webt, webt an einem andern Ort!“
Ihr Zitat stammt aus dem Sommernachtstraum
beziehungsweise meinem Tagebuch. Ich sehe ihr direkt in die Augen und schüttle
den Kopf. Aufforderung verstanden. Kann sie aber knicken. So schnell wird sie
mich nicht los. Mein Handy klingelt und Katja macht sich böse kichernd vom
Acker. Unterdrückte Rufnummer.
„Hallo?“
„Guten Tag. Spreche ich mit Maya Sonnenthal?“
Verdammt. Diese hohe Stimme kenne ich. Verdammt! Ich räuspere
mich. „Ja, hier ist Maya Sonnenthal.“ Ich muss fröhlicher klingen, jetzt,
sofort! Und netter! Aber was will sie? Haben sie und Lady Grazie nun doch einen
Plausch geführt?!
„Meine Liebe, hier spricht Ihre Vermieterin. Wie erging es
Ihnen bisher?“
„Ganz phantastisch, phänomenal, geradezu wunderbar“, flöte
ich. „Und wie geht es Ihnen, Frau Rosenstein?“
„Nun, ich bin etwas besorgt.“
Shit.
„Das tut mir sehr leid.“
„Mir auch.“ Frau Rosenstein macht eine Pause. „Ich habe
von gewissen … Unregelmäßigkeiten im Haus gehört.“
„Tatsächlich?“
„Ja, leider. Mir ist zu Ohren gekommen, dass es in
letzter Zeit recht turbulent zuging.“
„Tatsächlich?“ Auch wenn man etwas wiederholt, wird es
nicht besser.
„Ja, leider. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen …“
„Nein!“
„Fräulein, Sie wissen doch noch gar nicht, wozu ich mich
entschlossen habe.“
„Bitte, Frau Rosenstein, werfen Sie mich nicht hinaus!
Ich kann nichts dafür, aber ich werde mich bessern, ich verspreche es Ihnen!“
Oh nein, habe ich die Frau gerade angefleht? Ja, das
habe ich. Und ich bin zu mehr bereit.
„Ach Gottchen, nun bewahren Sie doch Haltung“, herrscht
mich Schönrichtigs Großtante an, die selbst zuweilen angeregte Unterhaltungen
mit ihrem ausgestopften Kanarienvogel führt und unter akuter Schmutzparanoia
leidet. „Ich werfe Sie nicht hinaus. Das heißt, nicht sofort. Meine Quelle ist
zuweilen etwas eigen, und Sie haben auf mich einen recht vernünftigen Eindruck
gemacht – obwohl Sie die Büste meines verstorbenen Mannes hinuntergeworfen haben,
aber um den war es nicht wirklich schade. Wie dem auch sei, der Zweifel ist
kein guter Berater für Entscheidungen. Deshalb werde ich Ihre Probezeit verlängern.“
Ich lasse meinen angehaltenen Atem aus und versuche, das
verdammte Herzklopfen unter Kontrolle zu bekommen. „Für wie lange?“, frage ich
tonlos.
„Für weitere drei Monate. Erst dann erhalten Sie den
Mietvertrag.“
Mist. Das sind in Summe noch viereinhalb Monate mit
einem Fuß auf der Straße. Und Katjas Stiefelabsatz lauert nur darauf, mir den
finalen Tritt zu geben.
„Ich weiß Ihre Offenheit zu schätzen, Frau Rosenstein.
Danke“, sage ich erschöpft.
„Danken Sie mir nicht zu früh, meine Liebe. Ich werde
Sie genau beobachten.“
Zurück in meiner Gruft setze ich mich auf den Balkon.
Ich brauche einen Plan. Oder besser gleich mehrere Pläne. Einen, um die nächsten
viereinhalb Monate hier zu überstehen, einen, um die sonderbare Quelle (ich
wette, die trägt ein Halstuch) wieder für mich zu gewinnen, und einen, um Katja
ihre Bosheiten auszutreiben. Zugegeben, das letzte Unterfangen dürfte
schwieriger werden, als Griechenland aus den roten Zahlen zu holen, aber ich
stelle mich der Herausforderung. Morgen werde ich zu Schönrichtig gehen und
mich bei ihm entschuldigen. Für alles und noch mehr. Und ich werde ihn bitten,
wieder meinen rosafarbenen Platz im Fahrradabstellraum beziehen zu dürfen. Das
ist der Plan.
3 Uhr morgens. Schlafloses Umherwandern. Ich brauche
frische Luft.
Auf meinem Balkon atme ich ein paar Mal tief ein und
aus. Am Himmel blinkt ein Flugzeug im Steigflug und ich wünschte, ich säße
drin. Mit ein bisschen Abstand sieht die Welt gleich ganz anders aus. Menschen
werden zu Ameisen, Städte zu Spielzeuglandschaften, Schicksale verweben sich zu
Teppichen – man kann sich endlich mal zurücklehnen und in den Beobachtungsmodus
wechseln.
Apropos Beobachtungsmodus. Von meinem Balkon aus sehe
ich Katja aus einem Taxi steigen. Ihre Bewegungen sind weniger geschmeidig als
sonst, aber ihr sechster Sinn funktioniert einwandfrei, denn sie hebt den Kopf
und sieht mir direkt ins Gesicht. Mein Anblick scheint etwas in ihr auszulösen,
ein gewisses Unwohlsein – allerdings nicht nur im übertragenen Sinn. Sie wird
doch nicht. Sie wird doch, sie wird doch – um Himmels willen – sie – nein!
Pfui Teufel! Katja kotzt direkt auf mein wunderschönes,
glänzendes, vier Wochen altes Citybike. Meinen abgelegenen Beobachtungsposten
verfluchend rase ich die Treppe hinunter auf die Straße. Von Katja ist weit und
breit nichts zu sehen.
Oh, wie eklig! Grün-bräunliche Masse tropft von meinem
Sattel. Zum Glück habe ich meinen Autoschlüssel dabei, zum Glück befindet sich
im Auto Jans alter Werkzeugkasten und darin eine Zange, mit der ich den
Fahrrad-Diebstahlschutz kurzerhand durchzwicke. Mit einem alten Lappen und
einer Menge Selbstbeherrschung hebe ich das fürchterlich stinkende Ding auf meinen
Heckklappenträger und schließe die Schnallen.
Den Lappen entsorge ich im Müll, dann gieße ich mir ein
halbes Fläschchen Desinfektionsgel über die Hände und fahre los. Ruhig jetzt.
Wo war nochmal die 24 Stunden geöffnete Waschstraße? Ich habe sie gesehen, erst
vor kurzem, ich habe sie quasi noch vor Augen, sie muss hier ganz in der Nähe -
Shit. Bei dem ganzen konzentriert-auf-die-Gebäude-neben-der-Straße-Starren
fällt mir erst im letzten Moment der Polizist auf, der mit einem roten Ding in
der Hand vor dem Auto herumwedelt. Ich steige heftig auf die Bremse.
„Führerschein und Zulassungsschein, bitte.“ Seine
leidenschaftslose Stimme vertreibt im Nu die Reste meiner Katja-Wut. Ich habe
nichts mit. Keine Handtasche, keinen Ausweis, nicht mal mein Handy.
Augenblicklich wird mir heiß bis zu den Ohren. Mit Autoritäten habe ich es
nicht so. Und der Polizist sieht zu allem Überdruss auch noch ziemlich groß,
glatzköpfig und ganz und gar humorlos aus.
„Tut mir leid, ich habe …“ Ich räuspere mich. „Ich habe
meine Handtasche zu Hause vergessen.“
Er leuchtet mir mit einer Taschenlampe in die Augen. „Steigen
Sie mal aus.“
Shit. Wieso kann mich der nicht einfach fahren lassen?
Seufzend komme ich der Aufforderung nach. Meister Proper
leuchtet über meinen Körper, (wobei mir mein ausgeleiertes Hello
Kitty-Nachtshirt über der verbeulten Jogginghose schmerzlich bewusst wird), und
dann in mein Auto.
„Schon mal geblasen?“, fragt er.
Ich schaue ihm direkt in die Augen.
„Schon mal einen fahren gelassen?“, frage ich.
Null Reaktion. Doch. Ein Muskel in seinem Kiefer zuckt.
„Kommen Sie her“, sagt er. Und dann: „Blasen Sie hier
hinein. Ganz entspannt.“ Ich bin ungefähr so entspannt wie auf dem Gynäkologenstuhl.
Er schiebt mir ein kleines Röhrchen zwischen die Lippen und ich puste hinein.
Nach einem Blick auf das Messgerät grunzt er.
„Na gut. Autoapotheke und Pannendreieck.“
„Habe ich im Kofferraum.“ Ich gehe mit ihm ums Auto
herum. „Hier riecht es komisch“, bemerkt der glatzköpfige Bulle. Was er nicht
sagt. Ich lächle ihn freundlich an. „Könnten Sie mir bitte mal eben helfen, das
Fahrrad vom Heckklappenträger zu heben?“
Völlig am Boden zerstört komme ich Stunden später nach
Hause. Das ist nicht so gut gelaufen. Ich habe einen Polizisten mit fremder
Kotze bespritzt, mein Fahrrad stinkt immer noch wie Hölle und mein Auto hat
einen neuen Lackschaden. Außerdem habe ich eine fette Geldstrafe aufgebrummt
bekommen.
Ich möchte nur unter die Dusche und schlafen, muss aber
in einer Stunde arbeiten. Gähnend wanke ich ins Haus und betätige den
Lichtschalter. Im ersten Stock öffnet sich die Tür und Schönrichtig kommt
heraus. Er trägt einen feierlichen Gesichtsausdruck zur Schau und sein Halstuch
sieht aus, als wäre es mit Goldfäden durchwirkt. „O dulce tormentum, ubi
reprimitur gaudium, oh süße Qual, wenn Freude aufgehalten wird“, trägt er
mit feierlicher Stimme vor. „Lady Grazie gibt sich die Ehre, euch zu empfangen,
Fräulein Sonnenthal.“ Er holt etwas hinter seinem Rücken hervor. Ich reiße die
Augen auf. „Ist das …?“, krächze ich.
„Das ist Lady Grazie“, nickt er mit seligem Lächeln und
streichelt das Plüschschwein in seiner Hand.
„Lady Grazie“, wiederholt eine Stimme aus dem Bauch des
Wesens. Offenbar verfügt das Ding über eine Aufnahme- und Wiedergabefunktion
wie ein Kassettenrecorder. Dadurch sieht es tatsächlich so aus, als könne das
eigenartige Stofftier reden, was die Sache nicht besser macht. Ich beginne hysterisch
zu lachen. Tränen spritzen mir aus den Augen. All das … die ganze Hausordnung …
das Staubwischen, das Treppenspringen, das Minutenlicht … für ein Schwein! Lady
Grazie ist ein Schwein! Ein sprechendes Stoffschwein! Mit einem barocken Kleid
und einer blonden Langhaarperücke! Ich krümme mich wie ein getretener Hund. „Lady
Grazie ist nicht echt“, japse ich völlig fertig.
Schönrichtigs Augen beginnen zu flackern. „Was soll das
heißen, Lady Grazie ist nicht echt? Und ob Lady Grazie echt ist, sie lebt! Sie
lebt! Sie lebt!“, brüllt mein Nachbar empört. Das ist das erste Mal, dass er in
meiner Gegenwart die Stimme erhebt. Jetzt macht er mir Angst. Ohne ein weiteres
Wort schleife ich mich selbst die Treppe hinauf. Lady Grazies und Frau Rosensteins
angebliche Freundschaft, Katja, die absurde Hausordnung … die Sommer- und
Winterfarben im Fahrradschuppen, die Fensterputzpläne, die schwarze Liste –
einfach alles – ist eine riesige Verschwörung! Der durchgeknallte Vater und die
gehässige Tochter haben die Hausordnung offenbar nur erfunden, um neue Mieter
mit ihren Spielchen in den Wahnsinn zu treiben!
Tiefer kann ich nicht mehr sinken.
Vielleicht aber doch. Der gutaussehende Nachbar schwebt
an mir vorbei. Sein Lächeln friert ein, als ihm Katjas hartnäckiger
Kotze-Geruch entgegenweht, der sich in meiner Kleidung festgesetzt hat.
Aus. Schluss. Ich brauche einen neuen Plan. Einen, der
wehtut. Einen Racheplan.
Katja und ihr Vater haben mich nach Strich und Faden
verarscht! Ich fühle mich sowas von gedemütigt. Und ich bin nicht mehr müde.
Ja, Leben, du mich auch!
Ich will etwas zerstören. Sofort. Nachdem ich Jans Bild
mit einem Teppichmesser zerfetzt und vom Balkon geschmissen habe, geht es mir
etwas besser. Aber noch nicht ganz. Ich will etwas abfackeln. Zertrampeln, verwüsten,
zerbrechen, vernichten.
Nein. Ich habe eine bessere Idee. Meine Augen glimmen
bedrohlich in der Dunkelheit. Stelle ich mir zumindest vor. Denn jetzt weiß
ich, was ich tun werde.
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Wow ist das eine klasse Story, oder was denkt ihr dazu? Ich habe das Buch ja schon da und freue mich sehr aufs baldige lesen.
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Jetzt habt ihr die Chance ganz exklusiv ein Buchschweinchen + signiertes Printbuch zu gewinnen.
Und als Trostpreist werden noch 3 eBook im Wunschformat verlost.
Was ihr tun müsst? Ich habe im Text rote, große Buchstaben versteckt. Diese gilt es zu finden. Daraus bastelt ihr mir den Lösungssatz und mailt das ganze (extra für Gewinnspiele angelegte emailadresse) an: thebookdealer@gmx.de
Teilnehmen könnt ihr bis Montag 28. Juli /17.59 Uhr danach findet die Auslosung statt.
1.) Teilnehmer müssen über 18 Jahre alt sein, ansonsten benötige ich eine Einverständniserklärung der Eltern.
2.) Die Adressen/Emailadressen werden nur für das Gewinnspiel verwandt und anschließend gelöscht.
3.) Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.