Stoffesel Klausmüller hüpfte über den weichen
Waldboden. Er wühlte sich durch Laubhaufen, die der letzte Herbst
zurückgelassen hatte. Hin und wieder schielte er zu Klara und Joey, die auf den
Pferden Domino und Artistin saßen. Domino und Artistin ignorierte er.
Es war noch kein Jahr her, da war der kleine
Stoffesel durch eine Ritterrüstung gerutscht. Das hatte ihn auf unerklärliche
Weise zum Leben erweckt. Seitdem sprang er durch die Gegend, liebte
Lampenschirme, wenn er auf ihnen schaukelte und Kekse, wenn sie in sein Maul geschoben
wurden. Pferde lehnte er ab. Doch leider liebte Klara sie. Und da Klausmüller
seine Klara liebte – vielleicht sogar noch mehr als Kekse – musste er sich
damit abfinden, dass auch Pferde bei ihren Ausflügen dabei waren.
Und
darum eierten jetzt zwei Pferdehinterteile vor Klausmüller her. Besonders das
Hinterteil von Domino sah sehr träge aus. Klaras Fersen stupsten immer mal
wieder gegen die Seiten des Pferdes, damit das Hin- und Herschwanken des
Pferdepos nicht ganz zum Erliegen kam. Domino war nicht immer so lahm gewesen,
doch mittlerweile war er ein ziemlich alter Opa, der das Rennen den Jungen
überließ und den nichts aus der Ruhe brachte. Sein ehemals schwarzes Maul war
weiß gesprenkelt, sein Rücken hing durch und die Unterlippe schwabbelte wabbelig
entspannt herum.
Klausmüller hingegen jagte imaginäre Schurken durch
Laubhaufen, schlich sich zwischen Bäumen entlang und schlug jeden Hasen in die
Flucht. Der Boden war weich und roch gerade jetzt in der Frühlingssonne so
herrlich nach Frische, nach Leben, nach Energie. Und die setzte Klausmüller
gerade in Riesenhüpfer um. Zwischendurch schickte er sein allerliebstes
Esellächeln zu Klara hoch.
Die
zwölfjährige Klara schielte zu Joey und war so froh, wieder hier zu sein, hier
ihre Osterferien verbringen zu dürfen, auf dem Hof ihrer Großtante Agnes. Dabei
hatte sie sich letzten Sommer erst noch geweigert, in den Ferien zu Tante Agnes
zu fahren. Doch das war vor ihrem Urlaub gewesen. Dann hatte sie ja gemerkt,
dass Tante Agnes Pferde besaß. Und wäre sie nicht hierhergekommen, wäre
Klausmüller nie durch diese Ritterrüstung gerutscht und er wäre weiterhin ein
normales Kuscheltier. Das konnte Klara sich nun überhaupt nicht mehr
vorstellen, obwohl Klausmüller oft genug so tun musste, als sei er ein
Stofftier, nichts weiter als ein Stofftier, denn Klara hatte beschlossen, dass
niemand außer ihr und Joey Klausmüllers Geheimnis kennenlernen sollte.
Joey
…, ja, den hatten sie auch hier kennengelernt, letzten Sommer, auf dem Hof von
Tante Agnes. Joey war dreizehn und er kümmerte sich um die Pferde auf Tante
Agnes’ Hof. Er war zunächst nicht so gesprächig gewesen, letztes Jahr, als
Klara ihn zum ersten Mal traf, denn er traute nicht jedem und wartete erst
einmal ab. Doch da Klara wie er die Pferde liebte und zudem seine Reitkünste
bewunderte, hatte er ihr bald ein Lächeln und einen strahlenden Blick aus
seinen einzigartig grünen Augen geschenkt. Und es hatte nicht lange gedauert,
bis Joey gemerkt hatte, dass Klaras Stoffesel alles andere als ein normales
Stofftier war.
Doch sonst wusste
niemand von Klausmüllers Fähigkeiten. Und im Wald konnte Klausmüller sich
richtig austoben, denn hier war es ziemlich menschenleer. Aber eben leider nur
‚ziemlich‘, denn einer war doch da. Ein Mensch, den weder Klara noch Joey
bemerkten. Und auch Klausmüller sah ihn nicht. Und dieser eine Mensch bemerkte
auch Klausmüller, Klara und Joey nicht – bis Klausmüller die Beine dieses
Menschen mit einem Baum verwechselte und an diesen entlangstrich.
Da war es vorbei mit der Frühlingsidylle im Wald.
Ein Spazierstock sauste durch die Frühlingsluft, traf Klausmüller und
schleuderte ihn gegen Artistins Schulter. Artistin scheute und Domino spitzte
die Ohren.
Im
ersten Moment dachte Klara, dass Klausmüller mal wieder seine Sonnenbrille vor
die Augen geschoben hätte. Die Brille hatte er letzten Sommer in einem Schuppen
gefunden. Und so unwahrscheinlich es auch klang: Diese Brille besaß magische
Kräfte. Wenn Klausmüller sie vor die Augen schob, konnte es passieren, dass er
unkontrolliert durch die Luft sauste. Doch diesmal hatte er seine Sonnenbrille
noch hinter den Ohren sitzen und er flog auch nicht hin und her wie ein
Pingpong-Ball, sondern prallte nur einmal gegen Artistin und trudelte dann zu
Boden. Dort versank er in einem Blätterhaufen. Aus diesem stöhnte es jetzt und
zwei Eselohren kamen zum Vorschein. Dann wabbelte der Haufen hin und her und
Klausmüller tauchte wieder auf.
„Klausmüller!“,
rief Klara, „Was machst du da?“
Doch
dann schaute sie nach rechts, dahin, wohin auch die Pferde ihre Hälse bogen.
Und sie entdeckte ihn, den Menschen. Er war eine Frau. Eine alte Frau. Eine
sehr alte Frau.
Sie stand da, neben
einem Baum, in der rechten Hand einen Stock, der auf Klara, Joey und die Pferde
zielte. Die Beine standen so weit auseinander, dass der graue Rocksaum sich um
die kurzen, knorpeligen Beine spannte. Man sah zwar, dass sie schon etliche
Lebensjahre auf dem Buckel hatte, doch ihre drohende Haltung und ihr auf die
Kinder gerichteter Spazierstock drückten eine gewisse Kampfbereitschaft aus. Klausmüller
spürte die Prellung an seiner Schulter und wusste, dass die Oma durchaus bereit
war, ihre Kampfbereitschaft in einen Kampfeinsatz umzuwandeln.
Klausmüller,
Klara und Joey starrten auf die Kampfomi, die ebenso zurückstarrte. Das weiße
Haar hing der Frau etwas wirr ins Gesicht und die Brille saß ziemlich schräg
auf einer kleinen Kartoffelnase. Mit gerunzelter Stirn fixierte ihr Blick Klara
und Joey. Klara bewegte sich als Erste wieder.
„Guten
Tag“, sagte sie und nickte der alten Frau zu.
Daraufhin
senkte diese ihren Stock, trat einen Schritt vor und sagte: „Oh wie schön,
Kinder mit Pferden! Das sieht man auch selten.“
„Alte Frauen, die so
tun, als ob sie alte Bäume wären und dann zuschlagen, sieht man noch seltener.“
Das war Klausmüller. Er pustete gerade ein letztes Laubblatt von seinem Fell.
Klara blieb die Spucke weg. Hatte Klausmüller sie
noch alle? Er konnte doch nicht einfach fremde Leute anquatschen! Wo blieb da
seine Ganz-normales-Stofftier-Tarnung? Klara warf Klausmüller einen strengen
Blick zu, doch Klausmüller schaute nicht zu ihr. Er behielt die alte Frau im
Blick, die jetzt auf ihn zukam. Klausmüller zog sich zurück – zwei Schritte.
Klara wartete auf den Aufschrei der alten Dame – oder würde sie gleich wieder
ihren Stock einsetzen, um das sprechende Stofftier aus ihrem Umkreis zu
katapultieren?
Die
Frau beugte sich mit ihrem eh schon ziemlich runden und schiefen Rücken noch
tiefer runter, reckte ihr Kinn weit nach vorne zu Klausmüller und schob mit der
stockfreien Hand ihre schief sitzende Brille zurecht. Klausmüller stand still.
Nur sein Oberkörper schob sich nach hinten, seine Lippen zogen sich über die
Zähne ins Maulinnere. Auweia.
„Es
muss Ihr Fell gewesen sein, das mich erschreckt hat.“ Sie richtete sich
etappenweise und mit ihren Händen auf den Stock gestützt wieder auf, so weit,
wie ihre schiefen Knochen das zuließen. „Sie sind an meinen Beinen
herumgestrichen, als ich gerade ein wenig geschlafen habe.“
„Sie
schlafen im Stehen?“ Joey zog die Augenbrauen zusammen. „Im Wald?“
Er
hatte schon viele Märchen gehört, von seinem Vater zum Beispiel, wenn der mal
wieder in die Werkhalle entschwand, in der ihr Kirmeskarussell stand – ein
Kinderkarussell mit bunten Autos und vielen Knöpfen zum Hupen, Tuten und
Sirenenabspielen. Joeys Vater bastelte dann angeblich an neuen Autos herum, um
das Karussell attraktiver zu machen, doch Joey wusste, dass sein Vater das
eigentlich schon längst aufgegeben hatte und sich dorthin nur noch zurückzog,
um eine Flasche Alkohol aus der Werkzeugkiste zu holen und dann stundenlang
dort rumzusitzen und nichts zu tun, außer die Flasche hin und wieder anzuheben.
Dabei hatte Joey als kleiner Junge immer darauf gewartet, dass sein Papa eines
Tages mit dem Superkarussell auftreten würde. Doch das Karussell blieb immer gleich,
sein Vater hingegen stolperte abends durch die Wohnung, roch unangenehm und
sprach so undeutlich, dass Joey seine Worte kaum verstand. Eines Tages hatte
Joey ihn beobachtet. Stundenlang. Danach wusste er, dass er längst nicht alles
glauben sollte, was man ihm so sagte.
Und
genauso wenig glaubte er dieser alten Frau die Geschichte vom Mittagsschlaf im
Wald.
„Ja“,
untermauerte die alte Dame ihre Aussage nun, „für gewöhnlich natürlich nicht.
Doch wenn man schon so lange wie ich unterwegs ist, dann kann es schon mal
vorkommen, dass man sich ein wenig ausruhen möchte.“
„Wohin
sind Sie denn unterwegs?“, fragte Klara.
„Na,
nach Hause, mein Kind.“
Sie
beugte abermals ihren Rücken tief hinab. Ihre beiden Hände stützen sich auf
ihren Spazierstock, sodass sie aussah wie eine Hängebrücke, nur dass ihr Rücken
nicht wirklich durchhing, sondern sich buckelig nach oben wölbte. Dann löste
sie die rechte Hand von ihrem Stock und hielt sie Klausmüller entgegen.
„Greismann“,
sagte sie, „Elfriede Greismann, sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen.
Leider stinken Sie ein wenig.“
„Klausmüller,
einfach Klausmüller“, sagte Klausmüller und legte seinen Huf in die runzelige
und etwas starre alte Hand. „Ich stinke kein Stück und Sie sind etwas schief
gebaut.“ Er ließ seinen Blick über Frau Greismanns Äußeres gleiten.
„Klausmüller“,
sagte Klara. Doch Frau Greismann schien Klausmüllers Äußerung zu ihrer
Schieflage nicht zu stören.
„Na,
dann ist ja alles klar“, sagte sie und richtete sich wieder auf. Dazu stemmte
sie sich mit der linken Hand auf ihren Stock und hielt ihre rechte Hand an ihre
Hüfte. Zentimeter für Zentimeter schraubte sie sich in ihre aufrechte
Ausgangsposition zurück. „Ihr habt einen stinkenden Esel und ich habe mich
verlaufen. Wisst ihr zufällig, wie ich zu meiner Wohnung zurückkomme?“ Sie
blickte jetzt Klara fest in die Augen. Ihre Brille hatte wieder eine Schieflage
eingenommen, als wolle sie die Schrägstellung des Rückens nachahmen.
„Wo
wohnen Sie denn?“, fragte Klara und dachte darüber nach, ob es wohl noch mehr
sprechende Stofftiere gibt, da die alte Frau Klausmüller einfach so hinnahm,
als wäre er nicht ungewöhnlich.
„In
der Birkenallee 72“, sagte Frau Greismann und kratzte sich an der Stirn, „oder
71.“
„Wissen Sie was? Wir
begleiten Sie“, sagte Klara, stieg von Domino herunter und nahm Dominos Zügel
in die Hand. Schon stapfte sie neben Frau Greismann durch das alte Laub. Joey
und Klausmüller schauten sich kurz an und marschierten dann hinterher.
Frau
Greismann plauderte davon, dass sie eigentlich nur kurz aus dem Haus gegangen
sei, weil ja vorher diese zwei Männer bei ihr gewesen wären. Die hätten bei ihr
geklingelt und gefragt, ob sie ihr Badezimmer benutzen dürften. Der eine musste
sich die Hände waschen, weil er Diabetes hatte und es Zeit war, sich in den
Finger zu piksen, um die Blutwerte zu messen. Und davor mussten die Hände
gewaschen werden. Frau Greismann hatte die beiden Männer hereingelassen. Sehr
nette Männer übrigens. Und als sie wieder weggingen, hatte der mit dem Diabetes
sein Messgerät vergessen. Und da hatte Frau Greismann sich Sorgen gemacht. Das
Messgerät, das musste der doch haben, oder? Der arme Mann. Der konnte ja nun
nicht mehr sein Blut fragen, ob es noch mit genügend Zucker vorsorgt war. Das
ging doch nicht. Sie nahm das schwarze Gerät in ihre Hände und drehte es ein
paar Mal unschlüssig hin und her. Und dann ging sie raus, den beiden Männern
hinterher. Doch die waren zu schnell, die waren so rasch in eine Nebenstraße
gehuscht und dann in einem Auto entschwunden, dass Frau Greismann nur noch mit
ihrem Stock hinterherwinken konnte. Und selbst das hatten die Männer wohl nicht
bemerkt. Und so stand Frau Greismann schließlich alleine da. Sie drehte sich um
und ging nach Hause. Das war zumindest der Plan. Doch mit einem Mal kam ihr
alles so unbekannt vor. Da musste sie sich wohl verlaufen haben.
„Und
wo ist das Messgerät jetzt?“, fragte Joey.
Frau
Greismann packte sich vor die Brust und drehte sich zu Joey um. „Nanu“, sagte
sie, „das habe ich mir um den Hals gehängt. Das war in so ’ner Tasche. Komisch.
Das muss ich wohl verloren haben.“
Frau Greismann zuckte mit den Schultern und stapfte
weiter. Joey warf erst Klara und dann Klausmüller einen vielsagenden Blick zu.
Wenigstens Klausmüller schien mit ihm übereinzustimmen. Die Alte hatte doch
einen Tick.
Ausgeraubt
Eine
halbe Stunde später hatten sie die Birkenallee erreicht. Zielstrebig stapfte
Frau Greismann auf die Nummer 72 zu. Immerhin hatte die alte Frau ihren
Haustürschlüssel dabei. Den hatte sie an einem langen Band um ihren Hals hängen.
„Morgens
kommt immer einer vorbei und hilft mir ein wenig. Der besteht darauf, dass ich
meinen Haustürschlüssel ständig bei mir trage.“ Frau Greismann bückte sich zu
dem Schlüsselloch hinunter und versuchte, den Schlüssel hineinzuschieben. Das
Band, an dem der Schlüssel hing, behielt sie dabei um den Hals gebunden.
„Eigentlich wollte ich das gar nicht, aber er sagt immer: ‚Frau Greismann,
irgendwann werden Sie froh sein, den Schlüssel dabeizuhaben.‘“ Frau Greismann
schüttelte den Kopf. „Jetzt hat der tatsächlich recht behalten.“ Frau Greismann
versuchte immer noch, das Schlüsselloch zu treffen.
Klara wollte Frau
Greismann gerade ihre Hilfe anbieten, als der Schlüssel doch seinen Weg fand
und Frau Greismann die Tür zu ihrem kleinen Häuschen öffnen konnte. Da sie es
dann jedoch nicht sofort schaffte, den Schlüssel wieder herauszuziehen,
schlurfte sie in tief gebeugter Haltung mit dem Kopf auf Schlüssellochhöhe in
ihren Flur hinein und folgte dem Weg der Tür, wie ein angeleinter Hund seinem
Herrchen folgt. Klausmüller drängelte sich zwischen ihren Beinen durch und
huschte in den Hausflur.
Boah
ey!“, rief Klausmüller. „Hier stinkt’s!“ Er trat den Rückzug an.
„Das
sind Sie, mein guter Herr Klausmeier“, sagte Frau Greismann, die sich
mittlerweile aus ihrer angeleinten Lage befreit hatte.
„Klausmüller“,
korrigierte Klausmüller und betrat mit zusammengezogenen Nüstern abermals den
Hausflur.
Seine
Augen fixierten die Tür vor ihm, auf die Frau Greismann jetzt zustapfte und
hinter deren Scheibe irgendetwas Riesiges auf und ab tanzte.
„Nicht
öffnen!“, versuchte Klausmüller Frau Greismann noch zu warnen. Doch diese hatte
bereits die Klinke heruntergedrückt und schob die Tür auf.
„In
Deckung!“ Klausmüller raste hinter Klaras Beine und schob Klara wie einen
Ritterschild vor sich her.
„Hey,
wer bist du denn?“, hörte er Klaras Stimme und schon schmiss sich grau-weißes
zotteliges Fell gegen Klaras Beine.
Klausmüller
schnappte nach Luft, suchte den Ausgang. Er blickte zur Haustür. Die war zu.
Welcher Vollidiot hatte die denn geschlossen? Er tänzelte hinter Klaras Beinen
im Zickzack herum und versuchte sich auf zwei Beinen auszubalancieren. Mit den
Vorderhufen hielt er sich die Nüstern zu.
„Klara!
Ich sterbe!“, schrie er. „Was ist das? Das stinkt bestialisch!“ Mit einem
zarten Plumps ließ er sich auf den Fußboden fallen.
„Das
ist doch nur ein Hund.“ Klara hielt den Hund am Halsband fest.
„Herr
Klausmüller“, mischte sich jetzt Frau Greismann ein. „Jetzt stellen Sie sich
doch nicht so an. Das ist doch nur Tessa. Mein lieber Bobby.“
„Wie
denn jetzt?“, fragte Joey, der gerade zur Tür hereinkam. Er hatte die Pferde im
Vorgarten angebunden und das kleine Gartentor verschlossen. „Heißt der Hund
Tessa oder Bobby?“
„Hä?“
Frau Greismann runzelte ebenfalls die Stirn, doch da ihre Stirn eh schon
runzelig war, fiel das kaum auf. „Nein“, sagte sie, „Tessa ist ihr Name. Sie
ist ein Bobby oder Bobbo oder Bobding. Na, wie heißen die denn noch mal?“
„Bobtail“,
sagte Joey und klopfte Tessa das Fell. Sofort drehte sie sich zu Joey um. Ihr
Schwanz wedelte nun wild über Klausmüller hinweg.
„Egal ob Tessa, Bobpo,
Bobtail …“ Klausmüller richtete sich auf und wurde mit dem
nächsten Schwanzschlag wieder umgehauen. Er presste erneut die Vorderhufe auf
seine Nüstern. „Die stinkt!“ Er hustete. Tessa spitzte die Ohren und Klara hob
Klausmüller auf den Arm. Sie drehte sich zu Joey.
„Hier stinkt’s wirklich
etwas“, raunte Klara Joey zu. Der nickte, während Frau Greismann den dreien
zuwinkte, damit sie ihr ins Wohnzimmer folgten.
Zögernd gingen sie hinter Frau Greismann her. Tessa
legte sich auf den Wohnzimmerboden und platzierte ihre Schnauze auf den
Vorderpfoten. Ihre Augen waren trotz des für Bobtails üblichen langen Fells
deutlich zu erkennen: zwei schwarze Knöpfe inmitten von kahl geschorenen
Stellen. Frau Greismann hatte ihr kürzlich das Sichtfeld mit der Schere
freigeschnitten. Das war geschehen, weil Frau Greismann es satt hatte,
andauernd das Hinterteil mit dem Vorderteil zu verwechseln. Und nachdem sie
einmal Tessa das Halsband um den Po gewickelt hatte, hatte sie zur Schere
gegriffen und den Vorhang vor Tessas Augen entfernt. Das sah zwar ziemlich
bescheuert aus, aber Tessa hatte endlich freie Sicht und Oma Greismann wusste
nun: Das Halsband kommt dahin, wo ihr die zwei dunklen Punkte
entgegenleuchteten. Und diese strahlenden, dunklen Knöpfe richteten sich nun
auf Klausmüller. Nur auf Klausmüller. Der wiederum war froh, dass er die
erhöhte Position auf Klaras Arm innehatte.
Klara entdeckte die Ursache für den Gestank in der
Wohnung. Mitten auf dem Wohnzimmerteppich prangte ein riesiger Hundehaufen.
Frau Greismann schien den überhaupt nicht wahrzunehmen. Sie schlurfte direkt
auf ihn zu. Klaras „Vorsicht!“-Ruf verhallte ohne Reaktion von Frau Greismann.
Klara, Joey und Klausmüller verharrten in ihren Bewegungen und starrten auf
Frau Greismanns Beine, als könnten sie so den Weg von Frau Greismanns Füßen
lenken. Und sie hatten Glück: Frau Greismann stapfte knapp am Haufen vorbei.
Und
dann war es Tessa, die eine Kettenreaktion auslöste, bei der Frau Greismann
schließlich Klausmüller schnappte und ihn als Putzlappen für ihre
Wohnzimmerlampe nutzte.
Denn Tessa sprang an
Klara hoch und schleckte dem in Klaras Armbeuge gekuschelten Esel durchs Gesicht.
Von der sabbernden Hundezunge überrumpelt, sprang der mit einem Satz von Klaras
Arm und landete auf Frau Greismanns Wohnzimmerlampe, mit der er dann
versehentlich einen Angriff gegen die arme Frau Greismann flog. Noch bevor
diese den Wohnzimmerschrank richtig geöffnet hatte, klebten ihr bereits der
Lampenschirm vorm Kopf – und ein Esel im Gesicht.
„Ups.“
Klausmüller glitt an Frau Greismanns Körper dem Boden entgegen. Frau Greismann
hingegen schwankte nach dem Zusammenstoß mit Klausmüller zunächst nur mit
leichten, kreisenden Bewegungen, dann jedoch sah sie aus, als breitete sie sich
gleich auf dem Boden aus.
Klausmüller
floh über den Sessel wieder auf die Lampe und schaute den Pendelbewegungen von
Frau Greismann zu. Zum Glück ergriff Klara rechtzeitig Frau Greismanns Ellbogen
und brachte sie aus ihrer kreiselnden Umlaufbahn wieder in eine stabile
Standposition. Klausmüller atmete erleichtert auf, Frau Greismann ebenso. Dann
wischte Frau Greismann sich mit ihrer rechten Hand durchs Gesicht. Spinnfäden
zierten ihre Falten und hafteten nun auch an ihren Fingern.
„Ich
muss den Lampenschirm mal wieder putzen“, meinte Frau Greismann. „Wenn meine
Tochter das sieht, will sie mir wieder eine Putzfrau aufschwatzen. Als wenn ich
nicht selbst putzen könnte.“
Sie
schüttelte den Kopf, als müsste sie das Bild ihrer Putzfrauen-aufdrängenden
Tochter loswerden. Dann griff sie nach dem Lampenschirm, packte Klausmüller und
wedelte mit ihm durch den Staub und die Spinnfäden. Noch bevor Klausmüller so
recht wusste, wie ihm geschah, hatte sie ihn schon wieder auf den Boden
gesetzt.
„Ich glaub, ich muss
mich ein wenig setzen“, meinte Frau Greismann und ließ sich von Klara zum
Wohnzimmersessel führen.
Es
dauerte jedoch nicht lange und Frau Greismann hievte sich wieder aus dem
Sessel. „Was wollte ich denn noch?“, fragte sie.
„Den
Haufen da entfernen.“ Klausmüller zeigte mit seinem Huf Richtung Hundehaufen.
„Nein“,
murmelte Frau Greismann, „das war etwas anderes.“ Sie kratze sich am Kinn und
sah sehr nachdenklich aus.
„Haben
Sie irgendwo eine Küchenrolle?“, fragte Joey, während Klara zu einem Fenster
ging und es öffnete.
„Ja, dort, in der Küche
auf dem Tisch.“
Frau
Greismann begleitete Joey in die Küche. Eine Packung Milch, ein Messer, ein
Teller, eine Haarbürste mit drei Millionen grauen Haaren und eine Nagelschere
bevölkerten den Tisch. Von der Küchenrolle keine Spur.
„Ich
wollte euch etwas kalte Limonade anbieten. Das war’s“, sagte Frau Greismann und
öffnete den Kühlschrank.
„Können wir nicht
gehen?“, fragte Klausmüller. Seine Nüstern zog er zu zwei schmalen Schlitzen
zusammen.
Joey
nahm die Milch vom Tisch und reichte sie Frau Greismann. Frau Greismann stellte
die Milchbox in das Seitenfach des Kühlschranks. Sie wollte gerade die Tür
schließen, als Joey ins Kühlfach griff und die Küchenrolle hervorzog. Er nahm
sie mit ins Wohnzimmer, riss einige Blätter ab und entfernte den Hundehaufen.
Klausmüller wandte sich ab und gab würgende Geräusche von sich. Klara half
Joey. Joey brachte die Küchenrollenblätter nach draußen und Klausmüller strich
wie eine Katze um Klaras Beine.
„Ich
will hier raus“, röchelte er.
„Ja, gleich“, sagte
Klara.
Frau
Greismann erschien mit einer Limoflasche im Wohnzimmer.
„Irgendwo
habe ich auch noch Kekse“, sagte sie.
Mit
einem Satz saß Klausmüller auf dem Sofa.
„Wir
bleiben“, sagte er.
Frau
Greismann stellte die Limoflasche auf den Tisch vor Klausmüller und stiefelte
dann Richtung Schrank.
„Gläser“,
murmelte sie, „Gläser brauchen wir.“ Sie öffnete die Schranktür: „Ah!“, rief
sie. „Da sind ja auch die Kekse.“
Sie zog eine Kekspackung hervor und Klausmüller
spürte, wie die Spucke in seinem Maul zu einem See anschwoll.
Frau
Greismann drehte sich zum Sofa, ging zwei Schritte und wurde dann aschfahl im
Gesicht. Sie blieb stehen und begann zu zittern. Klara und Klausmüller blickten
von Frau Greismann zu Joey, der gerade wieder zur Tür hereinkam. War
irgendetwas an Joey, das Frau Greismann so erschauern ließ? Joey stand in der
Wohnzimmertür und fragte sich, warum ihn alle anstarrten. Tessa lag wie schon
zuvor schwanzwedelnd auf dem Fußboden. Doch Frau Greismann schien sich nicht
vor Joey so erschrocken zu haben. Sie wankte nun zum Schrank zurück, riss die
Türen auf, die sie gerade geschlossen hatte – und ließ die Kekse zu Boden
sauen. Klausmüllers Augen sausten mit. Auch seine Mundwinkel bewegten sich nach
unten. Wenn das hier so weiterging, hatten sie gleich nur noch Kekskrümel.
„Oh
nein!“, rief Frau Greismann und fuhr sich mit beiden Händen vor den Mund.
„Ist
etwas nicht in Ordnung?“ Klara eilte zu Frau Greismann. Bilder tauchten in
Klaras Kopf auf. Bilder von ihrer eigenen Oma, als die einmal in ihrem
Wohnzimmer zusammengebrochen war. Zum Glück war damals Klaras Mama zur Stelle
gewesen, hatte Oma aufgefangen und aufs Sofa gesetzt. Danach hatte sie einen
Krankenwagen gerufen und Oma war ins Krankenhaus gekommen. Gott sei Dank war es
ihrer Oma später wieder besser gegangen. Doch Klara konnte sich noch genau an
ihre eigenen zitternden Knie erinnern, als sie Oma so teilnahmslos im Sofa
hatte hängen sehen. Wie gut, dass ihre Mama sich so beruhigend neben Oma
gesetzt hatte, mit Oma geredet und ihre Hände gehalten hatte. Gleichzeitig
hatte sie mit ruhiger Stimme Klara aufgefordert, ihr das Telefon zu bringen.
Klara
versuchte nun, ebenso ruhig zu bleiben wie ihre Mama damals. Sie eilte auf Frau
Greismann zu, ohne hektisch zu werden. Frau Greismann indessen öffnete mit
zitternden Händen den Deckel einer alten Teekanne und sank dann lautlos in
Klaras Arme. Joey kam sofort zu Hilfe. Gemeinsam brachten sie Frau Greismann zu
ihrem Sessel.
Klausmüller
starrte weiterhin auf die Kekspackung, die jetzt von den anderen unbeachtet den
Boden zierte.
Erst
als Frau Greismann: „Es ist alles weg“, murmelte, schaute er kurz zu ihr.
Dann
nahm die Plätzchenpackung ihn wieder gefangen.
„Frau
Greismann?“ Klara versuchte Frau Greismann in die Augen zu schauen. Die alte
Frau wirkte abwesend. „Frau Greismann, hallo“, sagte Klara, „was ist denn alles
weg?“ Klara nahm Frau Greismanns Hand und strich über deren Handrücken.
„Mein
gutes Geschirr ist weg“, sagte Frau Greismann leise. Ihr Blick aus hellblauen
Augen verlor sich auf dem Teppichboden, den sie anstarrte.
„Vielleicht
ist es im Kühlschrank“, meinte Klausmüller und sprang vom Sofa. Irgendjemand
musste sich jetzt mal um die vernachlässigte Packung am Boden kümmern.
„Und mein Herz…“ Frau
Greismanns Stimme brach ab.
Klausmüllers
Kopf sauste hoch. Er hatte gerade die Kekspackung in mühevoller Arbeit zwischen
seine Zähne geklemmt. Klara tätschelte leicht mit der rechten Hand Frau
Greismanns Wangen. Die linke Hand ließ sie in ihre Jackentasche zu ihrem Handy
gleiten. Klausmüller verfiel in Panik.
„Wir
brauchen einen Krankenwagen!“, rief er. Die Kekspackung verließ sein Maul und
raste zu Boden.
„…medaillon,
wollte ich sagen“, hauchte Frau Greismann. Ihr Blick löste sich vom Teppich und
wanderte zu Klausmüller.
„Was’n
das?“ Klausmüllers Blick wankte zwischen Klara und Joey hin und her.
„Das
ist ein Anhänger für eine Halskette“, klärte Klara Klausmüller auf. „Das Herz
kann man aufklappen und zum Beispiel ein Foto hineingeben.“
„Ausgeraubt“,
murmelte Frau Greismann, „ich bin ausgeraubt worden.“
„Sie meinen“, sagte
Klara, „hier waren Einbrecher?“ Klara zog ihre Hand wieder aus der Jackentasche
und legte sie zurück auf Frau Greismanns Handrücken.
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Und wie hat euch die Geschichte gefallen? Ich hoffe ich konnte euch nun anfixen? Also merkt euch den 28. Mai