Am Sonntag den 31. Mai erscheint der neue Roman "Flirt mit einem Star" von Autorin Annemarie Nikolaus und hier habt jetzt die exklusive Möglichkeit kurz hineinschnuppern zu dürfen:
Leseprobe „Flirt mit einem Star“
1
Tanja Walters
schreckte mit ihrer abgefahrenen Fahrradklingel zwei Elstern auf, die sich auf
dem Radweg um einen glitzernden Fetzen Stanniolpapier zankten. Das Papier blieb
liegen, als die beiden in die Kastanie vor dem Festplatz am Zehlendorfer
Hüttenweg flüchteten.
Tanja stieg ab und schloss das Fahrrad an einer Straßenlaterne an. Dann bückte sie sich nach dem
Stanniol und warf es in den nächsten Abfallkorb. Das hatten sie nun davon!
An jedem
Karussell spielte eine andere Musik; die Betreiber versuchten anscheinend,
einander zu übertönen. Dachten sie, wer am lautesten war, lockte die meisten
Leute an? Der verführerische Duft nach Gegrilltem kam ihr entgegen. In einer
Gasse, in der Barbecue-Buden mit Mais, Grillrippchen, Steaks und amerikanischem
Bier standen, drängten sich die Festbesucher. Sie kam zwar gerade vom
Mittagessen, aber sie hätte sich trotzdem wenigstens ein Rippchen gekauft, wenn
die Schlangen vor den Essensständen nicht so lang gewesen wären.
Für sie als
Square Dancerin war das Deutsch-Amerikanische Volksfest geradezu ein Muss. Und
sie liebte es. Das echte Amerika konnte sie sich frühestens leisten, wenn sie
mit dem Architektur-Studium fertig war.
Am Riesenrad
traf sie den ersten aus dem Tanzclub Lietzensee: Norbert Kaminski stieg mit
seinem zwölfjährigen Sohn Oliver aus einer Gondel.
„Tanja, Tanja!“
Oliver hüpfte auf sie zu. „Fährst du Geisterbahn mit mir?“
„Wieso ich?“
Sie grinste Norbert an. „Fürchtet sich dein Vater?“
Oliver zog die
Mundwinkel nach unten. „Nein. Deswegen macht es mit Papa keinen Spaß. Er tut
nur so.“
„Dann musst du
noch mal wiederkommen, wenn deine Mutter dabei ist. Ich grusele mich auch
nicht.“
„Das geht
nicht.“ Plötzlich sah Oliver aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen.
Norbert zog
warnend die Augenbrauen hoch. Da war sie wohl in ein Fettnäpfchen getreten. Und
sie hatte gedacht, Norberts Scheidung wäre einvernehmlich gewesen.
Sie legte ihren
Arm um Olivers Schultern. „Dann verdonnern wir Chris dazu. Komm, wir gehen ihn
suchen.“
Mit den anderen
aus ihrer Square Dance-Gruppe waren sie in der „Main Street“ verabredet. Hier
hatten sich die Budenbesitzer auf Country Music geeinigt. Sehr vernünftig! Ein
wenig leiser war es auch. Tanja sang mit, was sie kannte, während sie nach den
Tänzern Ausschau hielten.
Chris Rinehart,
der amerikanische Caller der Gruppe, stand neben Tanjas Partner Micky Hassloff
an einer Schießbude. Chris war in Zivil gekleidet, während Micky vom Stetson
bis zu den hochhackigen Stiefeln wie ein Cowboy aussah. Ein äußerst echt
aussehender Cowboy: muskulös und braungebrannt, als würde er tatsächlich das
ganze Jahr über Rinderherden hüten. Selbst die sandblonden Haare wirkten wie
von zu viel Sonne gebleicht. Dabei saß er Tag und Nacht in der TU vor den
dämlichen Computern.
Chris erklärte
ihm die Bedienung eines Luftgewehrs und der Schießbudenmann verfolgte das Tun
der beiden mit offensichtlichem Unwillen. Aber dann wurde er von einem älteren
Mann mit Sombrero und befranstem Trapperhemd abgelenkt und wandte sich von ihnen
ab.
Sie ging näher
und wies dann auf den Inhaber. „Der hat wohl Angst, dass Micky ihm die Bude
abräumt.“
Micky drehte
sich um. Das Blau seiner Augen wurde intensiver, als er sie ansah. Dunkel wie
ein See, in dem sie versinken könnte. Was für ein alberner Gedanke! Ertrinken
würde sie; sie konnte überhaupt nicht schwimmen.
Sie stützte
sich mit einem Ellenbogen neben ihm auf den Tresen und hoffte, dass sie cool
wirkte.
„Tanja, was
soll ich dir schießen?“
„Mir? Tja ...
Kein Stofftier jedenfalls. Ich habe schon hundert Stück. Mindestens.“ Sie
blickte vom Laufband mit den vorbeirollenden Zahlen zu den ausgestellten
Gewinnen hoch und wieder zurück zum Laufband. „Kannst du überhaupt vorher
wissen, was du erwischst?“
Chris lachte.
„Irgendwas wird er schon treffen.“
„Irgendwas ...“
Es war alles Schnickschnack, was da aufgereiht war. „Können die einen nicht was
Nützliches gewinnen lassen?“ Vielleicht sollte sie Micky besser gleich sagen,
dass sie an nichts davon interessiert war. Aber er hatte seine Schüsse wohl
schon bezahlt. Er sollte auch nicht denken, dass sie nichts von ihm haben
mochte.
„Das ist hier
das Deutsch-amerikanische Volksfest!“ Micky schwenkte das Luftgewehr. „Hier
geht es nicht um Nutzen, sondern um Völkerfrieden. Oder so ähnlich.“
„Völkerfrieden?
Micky, du bist aus der Zeit gefallen: Die DDR gibt es nicht mehr.“ Wie immer,
wenn ihm keine Entgegnung einfiel, bekam er rote Ohren. Es war so leicht, ihn
aufzuziehen.
„Du meinst
unsere Lebensart.“ Chris wies mit einer ähnlich großspurigen Geste wie Micky
zur Gasse mit den Barbecues.
„Eure
Lebensart? Pah!“ Sie grinste frech. „Ihr habt uns einfach unsere Quadrille
abgeguckt.“
„Aber du musst
zugeben, unser Square Dance ist viel lustiger als eure Quadrille. Deswegen ist
die längst aus der Mode gekommen.“ Chris legte Micky eine Hand auf die
Schulter. „Je länger du zögerst, desto unsicherer wirst du.“
Mickys Blick ging vom Laufband zu Tanja zurück. „Kann nicht sein! Mehr unsicher geht
nicht.“ Insbesondere, wenn sie so dicht neben ihm stand, dass ihr Parfüm ihn
benebelte. Als ob nicht ihr Anblick allein reichte, ihm den Atem zu nehmen.
Ihre dunkelblonden Haare waren gerade wieder halblang gewachsen und mit jedem
Windstoß streichelten sie ihr Gesicht. Dort, auf ihrer Wange, hätte er gerne
selber seine Finger. Doch da
war wohl nichts zu machen. Seit über drei Jahren tanzten sie nun zusammen, aber
Tanja kam nicht einmal dann zu ihm, wenn sie mit ihrem Computer nicht klarkam.
Mit zusammengekniffenem Auge legte er das Gewehr an
die Schulter, entschied sich für ein
Ziel und schoss. Daneben. Was hatte er sich auch von Chris bequatschen lassen!
Er repetierte und schoss ein zweites Mal, ohne erst lange zu zielen. Dieses Mal
traf er. Er richtete sich auf und wischte sich die klammen Finger an der Hose
ab. „Zufall.“ Wenigstens stand er jetzt nicht wie ein kompletter Idiot da.
(...)

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