Zum ersten mal gibt es heute einen doppelten Lesedeal für euch und zwar von den Autorinnen Ally Taylor & Carrie Price. Haltet den 25. August im Augen denn da gehen beide Bücher an den Start. Wenn ihr nun wissen wollt was euch erwarten wird, ich lade euch zum stöbern ein:
Jen
Der Wind lässt meine langen, braunen Haare tanzen.
Die Luft schmeckt
nach Meer.
Die Sonne
streichelt zart über meine gebräunte Haut, während die Wasseroberfläche wie
tausend Diamanten unter dem Boot funkelt.
Wenn es eine
Jahreszeit gibt, die ich gerne für immer festhalten will, dann ist es der
Sommer. Weil im Sommer alles nicht so schlimm ist. Die Tage erscheinen uns
länger, aber wir füllen sie mit wunderschönen Erinnerungen, die wir an den
verregneten Herbsttagen wie eine Diashow durch unseren Kopf jagen. Im Sommer
tun auch die hässlichen Erinnerungen weniger weh.
Hier, auf dem
Meer, könnte ich fast glauben, dass mein Leben perfekt ist. Vor mir in der
Ferne liegt der Hafen von Oceanside, mit den vielen kleinen Booten, die wie
Perlen an einer Halskette aufgereiht sind. Der Pier mit den zahlreichen
Menschen, die jetzt so weit weg sind, und deren Geschnattere mich nicht
erreicht, weil der Wind lieber die Geräusche der Natur zu mir trägt. Das
Kreischen der Möwen, ein sicheres Zeichen, dass wir schon auf dem Rückweg sind.
Das Boot
schaukelt ein bisschen hin und her, während sich das große Segel vom Wind
aufblasen lässt und so weiß aussieht, wie ein frisch gewaschenes Leintuch am
Himmel. Meine Sonnenbrille schiebe ich mir in die Haare und beobachte, wie das
Wasser vom Boot durchschnitten wird, wie die kleinen Wellen sich kräuseln. Ich
liebe das Meer. Ich liebe den Sommer. Ich schließe die Augen und konzentriere
mich auf diesen kurzen Moment, der nur mir gehört. Diesen Moment, den ich ins
Einmachglas der Erinnerungen stecken werde, das ich dann in einigen Monaten wieder
öffne, um mir die Geräusche, den Duft und das Gefühl des Sommers
wiederzuschenken. Nur so überlebt man die dunklen Monate, in denen man nicht
hier sein kann. Die Monate, in denen man nicht frei ist ...
„So eine
verdammte Scheiße!“
Seine Stimme
rüttelt zuerst nur leicht an meinem perfekten Moment, so wie ein Kind an dem
Rock der Mutter zupft, wenn es Aufmerksamkeit will.
„Fuck!”
Doch dann stößt
er mit seinen Flüchen die Tür zu meinem geheimen Ort auf. Ich öffne die Augen,
bin zurück im Hier und Jetzt – und sehe den kleinen Yachthafen bedrohlich
schnell näherkommen.
„Fuck, wie
funktioniert dieser Scheiß denn?”
Da steht er in
seinem strahlenden, hellblauen Poloshirt, dessen Kragen er nach oben geklappt
hat, weil es cool wirken soll. Dabei sieht alles schlichtweg nur
dämlich aus: Seine dunkelblauen, kurzen Cargohosen mit Bügelfalte, auch die
schicken Segelschuhe, die darauf hinweisen sollen, dass er gerne segelt. Die
letzten zwei Stunden haben mich erfolgreich vom Gegenteil überzeugt. Kevin
Bennett, der blonde Surferboy mit dem strahlenden Lächeln und den klaren Augen,
mag aussehen wie ein perfekt gestylter, junger Mann, dessen größtes Hobby
Segelboote sind. Aber die Realität ist leider eine andere. Nur meine gute
Erziehung verbietet es mir, ihm zu sagen, für wie unfähig ich ihn halte. Also
stehe ich lächelnd auf und nehme ihm die verschiedenen Seile aus der Hand.
„Das ist ganz
einfach ...”
Ich ziehe an
einem Seil und das Segel über unseren Köpfen bewegt sich, das Boot folgt dieser
Anweisung und verliert an Geschwindigkeit. Ich greife nach dem Ruder und lenke
es sanft an einer ziemlich teuer aussehenden Segelyacht vorbei. Sie liegt
glänzend im Hafen, frisch poliert, als würde sie jeden Tag von einem ganzen
Reinigungstrupp gewartet. Als würde sie nur auf den großen Einsatz für eine
Regatta oder eine Weltumsegelung warten. Annie steht in geschwungener
Schrift am Bug. Für einen kurzen Augenblick bleibt alles in mir und um mich
herum stehen – und ich verliere diesen Moment.
Mit einem lauten
Krachen prallt unser Boot gegen den Steg. Kevin hält sich an der kleinen Reling
fest und wirft mir einen genervten Blick zu.
„Ganz toll,
Jenny! Wolltest du uns umbringen?”
Wollte ich
das? Ich weiß, es ist eine
rhetorische Frage, aber manchmal würde ich sie gerne beantworten. Bedeutet
Leben nicht auch Sterben? Sterben wir nicht alle langsam, während wir leben?
„Fuck! Mein Dad
bringt mich um, wenn er das sieht!”
Wieder ist es
Kevins Stimme, die mich zurück in die Realität holt, als er sich über die
Reling beugt und das ganze Ausmaß des Zusammenpralls begutachtet. Ich habe in
meinem Leben einige Segelunfälle miterlebt. Die Sache hier ist maximal ein
kleiner Kratzer, ganz sicher nicht mehr ...
„Ganz toll
gemacht, Jenny. Wie soll ich das denn jetzt erklären?”
Versuch es mal
mit der Wahrheit! Dass du keine Ahnung vom Segeln hast und ich dich da draußen
vor geschätzten zwanzig Anfängerfehlern bewahren musste!
„Es tut mir leid,
Kevin. Ich war unaufmerksam.”
Erneut spiele ich
eine Rolle, die ich in den letzten Jahren immer wieder gespielt habe. Die ich
beherrsche wie keine zweite Person, und die mir an manchen Tagen gar nicht mehr
wie eine Rolle, sondern wie mein wahres Ich vorkommt.
„Mit ein bisschen
Politur ist das verschwunden. Und, wenn ich das erwähnen darf, ich würde sagen,
die junge Dame hat dir da draußen den Arsch gerettet. Oder wolltest du eine
Eskimorolle mit dem Boot hinlegen?”
Ich höre die
raue, tiefe Stimme, bevor ich das Gesicht dazu sehen kann. Kevin dreht sich,
ebenso überrascht wie ich, zu dem Mann am Steg um. Er trägt dunkelblaue Jeans,
die schon mal bessere Tage gesehen haben, dazu ein weißes Unterhemd, das sich
über seinen muskulösen Oberkörper spannt. Seine kurzen, braunen Haare scheinen
dem bekannten Out-of-Bed-Look zu folgen, und seine warmen, braunen Augen
funkeln Kevin herausfordernd an. Er scheint viel Zeit an der frischen Luft zu
verbringen, denn seine Haut ist von der Sonne gebräunt. Schnell greift er nach
dem Seil am Bug des Bootes und bindet es an einer in der Nähe schwimmenden Boje
fest. Kevin starrt ihn noch immer fassungslos an, bevor er seine Stimme
wiederfindet.
„Sie hat das Boot von meinem Vater fast
geschrottet!”
Der junge Mann an
Land schüttelt leicht lächelnd den Kopf.
„Sie hat dir nur
gezeigt, wie man segelt, Kumpel.”
Die Art und
Weise, wie er das Wort “Kumpel” betont, lässt keinen Zweifel daran, dass die
beiden genau das nicht sind.
„Und diese
Schramme ...?”
Er ignoriert
Kevin und sieht stattdessen zu mir. Seine Augen mustern mich kurz und ich spüre
ein Kribbeln dort, wo sein Blick mich berührt. Meine Haut fühlt sich mit einem
Mal ungewohnt heiß an.
„Die ist morgen
nicht mehr zu sehen. Darum kümmere ich mich.”
Erst jetzt fallen
mir die Ölspuren an seinen Händen auf. Er muss hier arbeiten. Im Yachtclub. Das
würde zumindest seinen Aufzug an diesem herrlichen Sommertag erklären. Kevin
nickt langsam, als auch er versteht, dass es sich um einen Angestellten des
Clubs handeln muss.
„Ich zahle dafür
keinen Cent.”
Der junge Mann
verschränkt genervt die Arme vor der Brust, und ich kann sehen, wie seine
Muskeln hervortreten. Nur eine kleine Geste, nicht mal besonders
provozierend, aber Kevin wirkt davon eingeschüchtert. Ich hingegen bin
fasziniert. Seine hellen, braunen Augen werden dunkler, als er Kevin anstarrt,
und ich meine zu bemerken, dass sich sein Körper anspannt.
„Das habe ich von
jemandem wie dir auch nicht erwartet.”
Kevin würdigt
mich keines Blickes, als er vom Boot steigt. Dabei verheddert er sich auch noch
fast in einem der Seile und bleibt nur mit Mühe auf den Beinen. Er lässt mich
und den anderen Mann einfach stehen.
„Ich muss mich
für sein Verhalten entschuldigen, er ist ...”
Mir will keine
passende Formulierung einfallen, kein Wort, das beschreibt, was ich von Kevin
halte.
„... ein
arrogantes Arschloch?”
Dabei schenkt mir
der junge Mann ein Lächeln und streckt mir die Hand entgegen, um mir den
Abstieg vom Boot zu erleichtern. Sein Blick, der eben noch Kevin gegolten und
fast gefährlich gewirkt hat, ist mit einem Mal sanft, warm und unverschämt
sexy. Seine Mundwinkel sind zu einem leichten Lächeln verzogen, seine Augen –
das kann ich sehen – scannen meinen Körper völlig unverhohlen. Ich fühle mich
nackt unter diesem Blick aus seinen braunen Augen. Ich trage Jeansshorts und
ein helles Top, durch welches man das farbige Oberteil meines Bikinis sehen
kann. Als ich seine Hand endlich annehme, passiert etwas ... Als würde mich
eine Welle mitreißen. Eine Woge, die einen nicht nach unten drückt, sondern
sanft mit der Brandung nach Hause führt. Sein Blick, den er die ganze Zeit
nicht abwendet, bringt mich sicher auf den Steg neben sich. Für mein Empfinden
stehe ich vielleicht etwas zu nah an ihm dran, aber ich mache auch keine
Anstalten, das zu ändern. Ich kenne zu viele Männer wie Kevin. Sie sind
überall, sie sind wie der sprichwörtliche Sand am Meer. Etwas an diesem Mann
hier ist anders. Ich kann nur noch nicht so genau sagen, was es ist. Da er
meine Hand noch immer in seiner hält, entscheide ich mich dafür, das als
Ausrede zu benutzen, um seinen Namen in Erfahrung zu bringen. Ich fange also
an, seine Hand zu schütteln.
„Jennifer Main.”
Wieder dieses
Lächeln, wenn auch nur ganz kurz.
„Patrick Steel.”
Patrick Steel ...
Nur ein Name, der allerdings nicht
passend sein könnte. Sein Blick lässt mich für einen kurzen Moment erröten. So
sehen Männer mich für gewöhnlich nicht an. Ich will wegsehen, aber es fällt mir
schwer, mich von dem Anblick seines markanten Gesichts zu lösen. Er trägt einen
Dreitagebart, an dem wohl schon eher vier oder fünf Tage keine Rasierklinge
mehr zum Einsatz gekommen ist. Eigentlich reagiert mein Körper nicht so auf die
Nähe eines Mannes – aber alles, was ich kenne, scheint gerade ziemlich aus den
Fugen zu geraten. Nicht nur mein Herz hämmert wie verrückt, auch meine Wangen
fühlen sich ungewohnt heiß an. Dabei schütteln wir nur unsere Hände am Pier.
„Miss Main, ich
werde mich um die Schramme kümmern.”
Seine Stimme,
tief und vibrierend, schlägt diese eine Saite in meinem Inneren an, die auch
dann noch schwingt, als er meine Hand loslässt und wieder den Abstand zwischen
unsere Körper bringt, der vom Anstand gefordert wird.
„Vielen Dank, Mr.
Steel.”
Er kann nur ein
paar Jahre älter sein als ich. Obwohl er mit seinem Outfit hier, im schicken
Bereich des Yachthafens, eine große Ausnahme bildet, fühle ich mich auf
magische Weise zu ihm hingezogen. Er zwinkert kurz und wendet sich dann einem
älteren Herren zu, der offenbar seine Aufmerksamkeit und seinen Rat braucht.
Wie schade! Ich hätte plötzlich noch 327.362 Fragen an ihn, alles Vorwände, um
mehr Zeit mit ihm verbringen zu dürfen. Aber mein Vater erwartet mich pünktlich
und mit guten Nachrichten zurück. Ich werfe noch einen letzten Blick zu
Patrick, der schon in das Gespräch mit dem Älteren vertieft ist, und spüre das
Lächeln auf meinen Lippen. Ein ehrliches Lächeln. Eines, das ich viel zu lange
nicht mehr gezeigt habe. Und schuld daran ist er: Patrick Steel.
Mein Dad erwartet mich im Restaurant des Yachtclubs
mit einem liebevollen Lächeln, das über seine Augenringe hinwegtäuschen soll.
Vermutlich gelingt es ihm bei den anderen Gästen, die ihm ehrfürchtig die Hand
schütteln, aber mich kann er nicht täuschen. Manchmal habe ich das Gefühl, mein
Vater spielt für alle eine Rolle – so wie ich. Er ist der erfolgreiche
Geschäftsmann, der es von der Provinz bis ins wunderschöne Oceanside geschafft
hat. Yachtclubs an der ganzen Ostküste tragen unseren Namen. Seinen Namen.
Die Liebe meiner Mutter zum Meer hat ihn schließlich für immer nach Oceanside
gebracht, und diesen Sommer, das habe ich ihm versprochen, werde ich mit ihm
hier verbringen.
„Du siehst aus,
als hättest du eine tolle Zeit gehabt.”
Er drückt mich an
sich, und wie immer würde ich in seinen Umarmungen gerne die Zeit anhalten. Nur
hier darf ich wieder Daddys kleines Mädchen sein, das fest daran geglaubt hat,
dass ihr Vater alles aufhalten, verändern und verbessern kann.
„Es war ein
toller Tag bisher.”
Das Lächeln auf
meinem Gesicht überrascht mich noch immer, weil es wieder mal schön war,
draußen auf dem Boot – aber nicht so schön, um dieses Lächeln zu rechtfertigen.
Nachdem wir Platz genommen haben, sieht mich mein Vater, James Main, gespannt
an. Er hat das Date mit Kevin für mich arrangiert. Weil er denkt, er müsse das
für mich tun, schließlich war ich nach meinem Ex-Freund Carl nicht mehr so
richtig glücklich. Nun, zumindest denkt er das. Ich würde ihm so gerne
sagen, dass ich keinen Mann an meiner Seite brauche, um einen schönen Sommer in
Oceanside zu verbringen. Und das, was ich mir wünsche, damit ich wieder richtig
lachen kann, das kann er mir nicht geben. Nicht mein Vater, nicht Carl – und
ganz sicher nicht Kevin!
„Das freut mich.
Kevin ist sehr angetan von dir.”
Er zwinkert mir verschwörerisch zu, reicht mir
die Karte und winkt einen der Kellner zu uns an den Tisch.
„Hank, was immer
meine Tochter will, sie bekommt es.”
Hank, der junge
Kellner, nickt und schenkt mir ein Lächeln. Es ist eines dieser
“Oceanside-Lächeln”. So nenne ich sie. Seitdem ich hier bin, habe ich von allen
Angestellten meines Vaters, von den Gästen, den Söhnen der Gäste, und allen
anderen, die wissen, wer ich bin, genau dieses Lächeln bekommen. Mit einer
Ausnahme ... Unauffällig schaue ich von der Terrasse, auf der wir sitzen, zum
Hafen hinunter. Irgendwo dort kümmert sich Patrick Steel um die Schramme, die
ich Kevins Boot verpasst habe. Patrick, dessen Lächeln anders war. Es wirkte
nicht aufgesetzt, er wusste zu dem Zeitpunkt nicht, wer ich bin. Mir geht seine
Berührung nicht mehr aus dem Kopf. Wie seine Haut sich angefühlt hat. Rau, aber
nicht zu rau. Weich, aber nicht zu weich. Sein Blick, der erahnen lässt, dass
er nicht aus Oceanside kommt. Das Funkeln, während er Kevin angesehen hat, als
würde er Streit suchen – und dann sofort wieder die Sanftheit, als er mir vom
Boot geholfen hat. Alleine der Gedanke an diese überraschende Nähe, lässt mein
Herz kurz größer werden.
„Jen, ich habe
dich schon lange nicht mehr so lächeln sehen ...”
Ich drehe mich
schnell wieder zu meinem Vater und zucke die Schultern, tue so, als wäre die
Sonne oder der Ort schuld daran, während gleichzeitig das schlechte Gewissen
meine Wirbelsäule nach oben kriecht. Ich will ihm nicht wehtun.
„Ich war nur
wirklich gerne mal wieder draußen.”
Er nickt und
greift nach der Serviette, weil er meinem Blick nicht standhalten kann. Aber
diesen Sommer möchte ich es auf einen weiteren Versuch ankommen lassen.
„Daddy,
vielleicht fahren wir beide auch mal wieder raus. Was meinst du?”
Meine Stimme ist
nicht viel mehr als ein Flüstern, weil ich weiß, wie schwer es ihm fällt. Es
bricht mir das Herz, ihn so zu sehen. Seit so vielen Jahren schon. Er starrt
auf die Serviette in seiner Hand, die kurz verdächtig zittert, dann schüttelt
er langsam den Kopf.
„Ich habe zu viel
zu tun. Ich treffe mich nachher noch mit Bill und ...”
„Daddy ... Nur
ein kleiner Törn?”
Ich will nicht
betteln, wie damals, als ich noch ein Kind war, und er sich von mir zu jeder
Schandtat hat überreden lassen. Ein Blick aus meinen Rehaugen hat früher
gereicht. Mein Dad hat dann alles stehen lassen, um mir am Hafen alles über
Boote beizubringen, was er wusste. Damals ... Es liegt nur ein paar Jahre
zurück, fühlt sich aber wie ein anderes Leben an. Sind wir noch die gleichen
Menschen?
„Jen ... Ich habe
keine Zeit für so was. Aber frag doch Kevin! Ich bin mir sicher, dass ihm jede
Ausrede einfällt, um mit dir Zeit zu verbringen.”
Da ist es wieder:
Das Lächeln, das ihn zum Erfolgsmenschen hat werden lassen. Keiner seiner Angestellten
hat jemals schlecht über meinen Vater gesprochen. Nie kamen Beschwerden über
ihn – den Chef, der sich alle Namen merken kann, der immer höflich ist und
dabei dieses Lächeln benutzt. Aber ich kenne meinen Vater, der nicht zugeben
kann, wie kaputt sein Inneres ist. Ich bin ihm verdammt ähnlich.
„Okay. Ich frage
Kevin.”
Nicht, weil ich will – sondern weil ich hoffe,
durch mein Verhalten eines Tages wieder ein ehrliches Lächeln auf das Gesicht
meines Vaters zaubern zu können.
Patrick
Oceanside hat gerade eine Attraktion mehr bekommen.
Von meinem Platz am Hafen kann ich sie da oben sitzen sehen. Als sie mir ihren
Namen verraten hat, hielt ich es kurz für einen Zufall. Main. Nicht
gerade ein seltener Name. Aber hier, unter diesen Umständen ... Jetzt sitzt sie
mit all den anderen reichen Bonzen auf der Terrasse, und hält sich vermutlich
für etwas Besseres. Den Mann an ihrer Seite kenne ich, auch wenn er bestimmt
vergessen hat, wer ich bin. Warum sollte er sich auch meinen Namen oder mein
Gesicht merken? Schließlich arbeite ich nur für ihn. Und das auch nur in diesem
Sommer. Und das auch nur, weil mein Kumpel Jackson mir den Job besorgt hat.
Klar, das Geld ist super, die Trinkgelder sind höher als in der Stadt. Ich bin
dankbar, während der Hochsaison diese Arbeit bekommen zu haben. Aber viel
wichtiger als die Kohle ist der Stellplatz im Bootshaus hinter mir. Dort könnte
ich mein Auto parken. Den Pick-up, mit dem ich zum Bewerbungsgespräch gefahren
bin. Keine drei Stunden später habe ich ihn verkauft. Ein kurzer Blick auf die
Schramme am Boot von diesem Lackaffen Bennett – und ich weiß genau, wie ich das
Problem beheben kann. Der hat vorhin so getan, als wäre es ein Totalschaden.
Idiot! Dabei hat Jennifer das alles ziemlich gut im Griff gehabt. Zumindest die
meiste Zeit. Dann war sie einen Moment abgelenkt und hat zu spät reagiert.
Trotzdem keine große Kiste. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie das Boot aussehen
würde, wenn Bennett es in den Hafen gelenkt hätte.
Ich werfe noch
einen Blick nach oben zur Terrasse und verfluche mich dafür selbst. Sie ist die
Tochter vom Chef, die Freundin von Kevin Bennett. Was um alles in der Welt will
ich von ihr? Die ist doch wie alle anderen hier auch. Sie spielt einen
perfekten Sommer lang die perfekte Tochter aus reichem Hause, die nett ist zu
armen Kerlen wie mir. Weil man das so macht. Dann gibt sie mir zu viel
Trinkgeld und glaubt, damit ist eine gute Tat getan. Ich scheiße auf ihre
Kohle! Sobald ich hier fertig bin, sieht mich dieses Kaff sowieso nie wieder.
Ich sehe Jackson,
der in seiner Resort-Uniform zu mir an den Hafen joggt. Er sieht aus wie alle,
die für das Main & Carmichael Resort
arbeiten, mit seiner kurzen Hose und dem weißen Polohemd mit eingesticktem
Namen. Das sollte ich eigentlich auch tragen, aber ich mache mich ungerne zum
Affen. Kein Bedarf.
„Pat, ich brauche
deine Hilfe!”
Jackson Reed. Der
einzige Mensch weit und breit, dem ich auch nur ein bisschen vertrauen würde.
Er weiß mehr über mich, als die meisten anderen – und trotzdem weiß er bei
Weitem noch nicht alles.
„Was kann ich für
dich tun?”
„Lewis fällt für
heute Abend aus. Ich springe ein bei den Kellnern.”
Jackson, der
eigentlich hier als Animateur sein Geld verdient, damit er nach dem Sommer
endlich seinen Traum von der Schauspielschule in Erfüllung gehen lassen kann.
Die Großstadt ruft seinen Namen. Ich habe Jackson immer nur arbeiten gesehen.
Jeden Job nimmt er an, jeden Cent spart er zusammen. Er hat sein Ziel fest im
Blick, ähnlich wie ich meines.
„Und wie kann ich
da helfen?”
„Du springst für
mich ein.”
Jackson zwängt
sich Tag für Tag in ein Piratenkostüm und bespaßt Kinder am Strand, während
sich die Eltern mit Gin am Mittag für den Abend einstimmen. Oder er springt in
einem Hot Dog-Kostüm durch die Stadt und verteilt kleine Flyer. Und so gerne
ich ihn habe, für mich würde das zu weit gehen. Schnell hebe ich abwehrend die
Hände.
„Vergiss es! Auf
keinen Fall!”
„Du weißt doch
gar nicht, was ich meine.”
„Die Antwort ist:
Nein!”
Damit drehe ich
mich um und stapfe genervt zurück zum kleinen Holzhaus am Steg. Jackson wäre
nicht Jackson, wenn er sich so leicht abschütteln ließe.
„Du kriegst einen
Smoking!”
Ich bin schon
fast an der Tür, als ich kurz stehen bleibe. Einen Smoking? Das klingt nicht
nach einem Abend mit Kindern, die alle an meinen Armen und Beinen zerren.
„Und das Essen
soll super sein. Alles, was du tun musst, ist ab und zu mit einer von den Frauen
tanzen.”
Ich will die Tür
öffnen, aber Jackson ist schneller und schiebt sie wieder zu, bevor er sich mit
dem Rücken dagegen lehnt und mich mit einem breiten Lächeln ansieht.
„Komm schon ...”
Wenn Jackson
einmal aufhören würde, dieser Vicky hinterherzurennen, dann würde er mit diesem
Lächeln jede Frau kriegen. Nur bin ich eben keine Frau, bei mir funktioniert
der Trick nicht.
„Nein.”
„Du schuldest mir
was ...”
Oha, er zieht
die Schuld-Karte. Verdammt!
„Jackson! Tu mir
das nicht an.”
„Was tue ich dir
an? Einen schicken Anzug, gutes Essen, hübsche Frauen ... Du hättest es
schlimmer erwischen können.”
Jetzt wird das
Lächeln zu einem breiten Grinsen und ich erkenne den Typen wieder, der mich in
Boston in einer Kneipe aufgegabelt hat, als ich vom Barhocker gefallen bin, im
wahrsten Sinne des Wortes sturzbetrunken. Nun, es wäre ja nur ein Abend. Und
ich könnte ihm diesen Gefallen tun.
„Wer wird denn
alles da sein?”
„Alle! Der Chef
ruft und alle tanzen an. Du kannst doch tanzen, oder?”
„Für die alten
Schachteln wird es reichen.”
„Spitze! Komm um
fünf einfach zu meiner Unterkunft, okay?”
Er klopft mir
dankbar auf die Schulter und will dann schon wieder gehen. Ich könnte mich
rausreden und ihm sagen, dass ich nicht tanzen kann. Den einen Sommer, den ich
als Tanzlehrer in einer Kleinstadt in Vermont verbracht habe, könnte ich
verschweigen. Zusammen mit den Erinnerungen an alles, was damals passiert ist.
Und wieso ich den Sommerjob verloren habe ... Ehrlich gesagt, ich bin nicht der
Typ für große Events. Ich bin lieber für mich alleine und verbringe Zeit mit
einem Buch, einem Reiseführer und meinen Gedanken. Während ich im Kopf schnell
die Tänze durchgehe, die ich noch beherrsche, zuckt ein Frauengesicht vor
meinem inneren Auge auf. Schnell drehe ich mich um.
„Jackson!?”
Er bleibt auf dem
Steg stehen und dreht sich zu mir um.
„Hm?”
„Es kommen alle,
sagtest du?”
„Alle.”
Mein Blick
wandert zur Terrasse des Restaurants, aber sie ist nicht mehr da. So ist das
mit Menschen, die einfach so auftauchen und einfach so wieder verschwinden.
Wir treffen so viele von ihnen und die meisten werfen dir nicht mal einen Blick
zu. Aber sie hat mir diesen Blick zugeworfen. Diesen einen Blick, den
man nur dann draufhat, wenn da etwas ist, was man sehen will. Ungewohnt, dass
mir solche Blicke gelten. Bisher haben die Menschen immer versucht, mich nicht
zu sehen. Das ist wie ein Fehler auf einem Foto. Klar, die Technik bietet
inzwischen unendliche Möglichkeiten, einen ungewollten Farbfleck zu entfernen.
Man wird sehr schnell unsichtbar und verschwindet, obwohl man da ist. Blicke,
die durch einen hindurchgehen, sind so schmerzhaft, als würde man körperlich
aufgespießt. Das kann vielleicht nur jemand verstehen, der selbst einmal
unsichtbar war.
Unsichtbar ...
Es gibt kein
schlimmeres Gefühl. Wenn es danach geht, habe ich eine stattliche Sammlung von
unangenehmen Gefühlen in mir. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn eine Nase
bricht. Ich kenne das Geräusch, wenn Knochen zersplittern, den Schmerz, der wie
eine Explosion das ganze Gesicht lähmt. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn
die grimmige Kälte einen umfasst, wie eine grausame Umarmung, aus der man sich
nicht mehr lösen kann – egal, wie viel Kraft man aufbringt. Es ist zwecklos,
weil man niemals genug Feuer in sich hat, wenn diese Kälte kommt. Das
ist ein emotionales Gesetz, gegen das man sich nicht wehren kann.
Alleine der
Gedanke jagt mir eine Gänsehaut über den Körper, versetzt mich zurück in eine
Zeit, so weit weg von hier. Weit weg von Oceanside. Die Sonne strahlt heute von
einem wolkenlosen Himmel. Die meisten Gäste am Strand tragen leichte Kleidung,
schlendern barfuß durch den feinen Kies am Strand und sonnen sich auf den
blauen Liegestühlen, zu denen die Kellner mit makellosen, weißen Hemden die
Cocktails bringen. Und obwohl ich weiß, dass es Sommer ist, fühlt es sich
plötzlich wie eine eiskalte Nacht in Chicago an. Wenn mich diese Erinnerungen
so überfallen, dann muss ich für einen kurzen Moment die Augen schließen. Es
sind nur Erinnerungen ... Im Moment können sie mir nichts
anhaben. Aber diese Nachwirkungen sind heimtückisch. Weil sie Erinnerungen an
die Zukunft sind. Wenn der Winter kommt, wird auch die Kälte wiederkommen. Sie
wird mich suchen und umarmen, ob ich das will oder nicht. Deswegen bin ich
hier. Weil es meine letzte Chance ist, ebendieser Angst zu entkommen.
Jennifer Mains
Gesicht flackert vor meinem inneren Auge auf. Nur kurz und unscharf, aber ihr
Lächeln wärmt den Teil in meinem Inneren, der immer zuerst von der Kälte
erschlagen wird. Das ist verrückt und albern, weil wir nur einige Minuten
gesprochen haben, weil es nur ein Blick und eine kurze Berührung war. Und
trotzdem. Dieses Lächeln ...
Ich öffne die
Augen und es ist wieder Sommer.
© Carrie Price
Julie
Stille. Als hätte man die Welt
ausgeschaltet. Ich höre nur meinen Puls und ein dumpfes Rauschen. Das Wasser
umhüllt mich, nimmt mich in die Arme, lässt nichts zwischen uns kommen. Wie
eine zweite Haut. Es ist seltsam. Ich müsste nur einatmen. Ein tiefer Atemzug.
Dann wäre alles vorbei. Ich öffne die Lippen einen Spalt und das Wasser dringt
in meinen Mund. Immer tiefer. Bis in den Rachen. Es schmiegt sich an die
Schleimhäute. Nur der Geschmack von Chlor ist falsch.
Die Welt ist verschwommen. So als würde sie sich
zurücknehmen. Als wären die Regeln plötzlich andere. Ich bin noch immer ein
Teil von ihr, aber eben schwerelos schwebend in dieser perfekten Temperatur,
zwischen kalt und erfrischend. Alles pulsiert, ist unscharf und weit weg,
während das Wasser mich verschluckt. Meine Lunge rebelliert. Sie sucht nach
Luft, findet aber keine. Meine Arme und Beine von mir gestreckt liege ich da
und starre von unten auf die Wasseroberfläche, die inzwischen fast glatt
geworden ist. Alles ist friedlich. Ich bin allein in der Stille. Niemand kann
mich ansprechen. Niemand findet in diese Welt. Sie gehört mir und es gibt
keinen Ort, an dem ich mich wohler fühle. Freier. An dem ich mich lebendiger
fühle. Diesen einen Atemzug vom Tod entfernt. Mein langes Haar treibt in
Richtung Oberfläche. Wie braune Flammen, die in Zeitlupe neben mir hochsteigen.
Jeden Augenblick muss ich Luft holen. Alles in mir will atmen. Die Panik setzt
ein. Langsam. Schleichend. Ich brenne von innen, während das Wasser mich
angenehm kühlt. Meine Muskeln zucken, so als wollten sie mich aufwecken. Als
wollten sie mir zeigen, dass das kein Traum ist. Dass ich endlich atmen muss.
Luftblasen verlassen meine Lunge und steigen auf. Es waren die letzten. Ich bin
leer. Ich schließe einen Moment die Augen und genieße die Stille.
Ein dumpfes Geräusch lässt mich unvermittelt
hochschauen. Das Wasser aufgewühlt, voll winziger Bläschen, ein Umriss, Hände,
die nach mir greifen, dunkle Augen, die mich ansehen, starke Arme, die mich
packen, sich eng um mich legen. Ich spüre Muskeln, die sich anspannen, spüre,
wie mich jemand festhält, dann stößt er sich vom Boden ab. Der Luft entgegen.
Und mit ihr dem Lärm und dem Leben.
Mein Kopf verlässt das Wasser. Alles dreht sich.
Die Welt pulsiert, während ich nach Luft ringe. Ich habe die Orientierung
verloren. Vielleicht habe ich es dieses Mal übertrieben. Alles in mir brennt.
Jeder Atemzug. Vielleicht war das zu viel. Die Welt dreht sich so viel schneller,
als meine Augen ihr folgen können. Bis sie etwas finden, das sie
unwiderstehlich anzieht. Einen Fixpunkt. Ich gehe ins Netz, als wäre er ein
Köder. Als wäre ich die Nadel und er der Norden.
„Fuck!? Alles okay?“, fragt er atemlos.
Ich schaue in dunkle Augen. In ein Gesicht, das
mich trifft wie ein Kinnhaken. Sein Körper presst meinen gegen die Pool-Wand,
seine Arme liegen um mich wie ein Schutzschild, während ich einfach nur
versuche zu atmen. Ich erliege dem Ausdruck in seinen Augen wie einem Giftpfeil,
der mich aus dem Nichts zwischen die Schultern trifft. Diesem fremden Gefühl.
Der Gänsehaut, die sich um meinen Körper spannt. Dem plötzlichen Krampf in
meinem Magen, der sich rumorend ausbreitet. Ich atme flach, aber ich atme. Ich
spüre wie sich meine Eingeweide bei seinem Anblick abrupt zusammenziehen. So, als
würden sie gerade von zwei Händen tief in meinem Inneren ausgewrungen. Wie
Teig, der geknetet wird. Sein Herz schlägt gegen meines.
„Bist du okay?“, flüstert er und ich nicke, weil
ich nicht sprechen kann. Er wischt sich das Haar aus der Stirn. Es ist so
dunkel wie seine Augen. Ein Ton wie Zartbitterschokolade. In seinen langen
Wimpern sammeln sich Wassertropfen und laufen über seine Wangen. Sein Brustkorb
drängt sich an meine Brust. Sein Becken berührt meines.
„Sicher?“
„Es geht mir gut...“ Tut es das? Geht es mir gut?
Bin ich vielleicht tot?
Meine Augen gleiten über seine Lippen. Über diesen
Mund, auf dessen Winkel sich ein schiefes Lächeln legt, während seine Augen
mich festhalten. Ich spüre sie wie Hände auf meinem Gesicht. Aber eigentlich
ist es nur ein Moment, den unsere Augen teilen. Ein Blick wie eine Berührung,
wie ein Kuss, wie eine Fantasie.
„Du... du kannst mich jetzt loslassen...“ Habe ich
das gerade gesagt? Und wenn ja, warum?
„Okay“, flüstert er, bewegt sich aber nicht. Bei
jedem Atemzug presst sich seine Brust gegen meine. Außer unserem flachen Atem
und dem Plätschern des Wassers ist alles still. Weit entfernt brechen die
Wellen und donnern an Land. Meine Welt ist stehen geblieben. Sie ist
eingefroren. Sie besteht nur noch aus diesem Anblick. Meine Augen baden in
seinem Gesicht. Versinken in seinen maskulinen Zügen, den dichten Brauen und
dem Dreitagebart. Das Problem ist, er weiß, wie gut er aussieht. Und außerdem
gibt es da noch die Sache mit Kyle. Bei diesem Gedanken wird das Rauschen der
Wellen plötzlich lauter.
Mein Körper will den Moment noch behalten, aber es
macht keinen Sinn. Typen wie er sind das Zeug, aus dem Albträume gemacht sind.
Verdammt reich und genauso sexy. Das sind die, die denken, sie können alles
haben. Aber da ist etwas hinter der Bad-Boy-Fassade in teuren Klamotten.
Verborgen hinter diesem Lächeln, das ich als Pochen in meinem Bauch spüre,
erkenne ich einen klitzekleinen Hauch Peter Pan. Er versteckt sich ganz
tief in diesen schwarzen Augen, die ein Spiel mit mir spielen.
„Wie heißt du?“, flüstert er und ich spüre seinen
warmen Atem auf meiner Haut.
„Julie... Julie Donovan...“
„Ich bin Jake Baker...“
Seine Lippen sind nur noch ein paar Zentimeter
von meinen entfernt. Unser Atem vermischt sich und der Kuss schwebt wie eine
Fantasie zwischen unseren Lippen. Oh mein Gott, ich wollte noch nie jemanden so
dringend küssen wie ihn. Ich bin benommen und betäubt. Wie im Rausch. Dann
weicht er ein Stück zurück und sieht mir ein letztes Mal tief in die Augen. Da
ist kein Lächeln. Nur dieser fordernde Blick, der mein Hirn in vier Zügen
schachmatt setzt, und dieser undurchdringliche Abgrund dahinter. Jake lässt
mich los, aber seine Hände hinterlassen warme, kribbelnde Abdrücke auf meiner
Haut. Er schaut ein letztes Mal zu mir, dann stößt er sich ab und stemmt sich
aus dem Wasser.
Jake
Ich ziehe sie aus dem Wasser und
halte sie fest, weil ich nicht anders kann. Meine Hände suchen ihre Nähe. Und
nicht nur sie.
Die Jeans klebt kalt an meinen Beinen, das Shirt
auf meiner Haut. Ich höre, wie mir das Blut durch die Adern rauscht. Mein Herz
rast und meine Hände kribbeln. Wassertropfen laufen über mein Gesicht. Aber das
ist es nicht. Das ist alles egal. Fuck. Ich atme tief ein und sehe sie
an. Ertrinke in ihren türkisblauen Augen. Und diesem Ausdruck in ihren Tiefen,
der sich wie eine Faust um mein Herz legt. Was ist los mit mir?
„Ich.“ Sie sieht an sich hinunter und ich folge
ihrem Blick. „Ich muss mich umziehen...“
Ihr flacher Atem hebt und senkt ihre Brüste, das
lange braune Haar klebt strähnig auf ihrer Haut, ihre nackten Beine schimmern,
Wassertropfen zeichnen ihre Konturen nach. Sie sieht mich an. Ihre Augen
sprechen mit mir, flüstern mir etwas zu. Etwas, das ich nicht verstehe. Ich
spüre ihren Atem auf meiner Haut. Ihre Lippen locken mich an. Sie schluckt hart
und lässt meine Hand los.
„Ich mich auch“, sage ich schließlich und weiche
einen Schritt zurück.
Julie streicht sich eine Strähne hinters Ohr und
sieht mich an. Unschuldig. Zerbrechlich.
Ich sehe ihr zu, wie sie ihre Tasche aufhebt und
in Richtung Strand verschwindet. Sie dreht sich ein letztes Mal um und lächelt
mich an, und dieses Lächeln läuft als Schauer über meine Haut. Das ist nicht
gut. Aber es fühlt sich fantastisch an.
...
Ich parke den Wagen und laufe in
Richtung Haus, und da steht Denise. Fuck. Wie konnte ich das nur
vergessen?
„Jake, hi...“, sagt sie und lächelt. „Hast du mich vergessen?“ Fuck. Ich
atme tief ein und sehe sie an, während meine Gedanken wieder zu Julie driften.
Zu der Art, wie sie mich angesehen hat. Ihrem Körper an meinem. Ich schlucke
hart. „Was ist passiert?“ Denise sieht an mir hinunter und legt ihre Hand knapp
neben meinen Schritt. „Warum bist du so nass?“
Normalerweise würde das reichen. Ich weiß, dass es
reichen würde. Ich würde sie jetzt küssen und in ein paar Minuten würde ich sie
ficken. Und es wäre gut. Vielleicht nicht gerade weltklasse, aber gut. Ich
wünschte, ich hätte Julie nie gesehen. Sie und diese Augen, die mich verfolgen.
Die mich nicht loslassen. Das Adrenalin jagt durch meinen Körper und mein
Brustkorb zieht sich zusammen. Los, konzentrier dich, Jake. Auf Denise. Auf
ihre Wahnsinns-Titten. Sie lächelt mich an. Ich könnte sie flachlegen. Jetzt.
Ganz ohne das blöde Date, auf das ich ohnehin keine Lust hatte. Sie rückt näher
an mich heran. Ihr warmer Körper drängt sich an meinen. Komm schon, werd
endlich hart.
„Wir sollten dich aus den nassen Klamotten
rausholen“, flüstert sie und ich spüre ihren Atem auf meiner Wange. „Es hat
ganz schön abgekühlt...“ Ich drücke sie von mir weg und sehe ihr in die Augen.
Schaue auf ihren Mund. Sie sieht mich von unten an und befeuchtet sich die
Lippen. „Komm schon, lass uns reingehen...“
Okay. Du kriegst das hin. Ich atme
tief ein und die Luft dehnt meinen Brustkorb. Du willst sie. Sie ist heiß.
Ja, sie ist heiß. Aber ich will sie nicht mehr. Fuck.
„Denise... ich...“
Der dünne Stoff von ihrem weißen Kleid ist nach
unserer Umarmung feucht und durchsichtig. Ihre Brustwarzen ziehen sich zusammen
und zeichnen sich darunter ab. Mein Atem geht schneller. Aber mein Kopf macht
nicht mit. Er will Julie. Und allein beim Gedanken an diesen Ausdruck in ihren
Augen und ihre kleinen festen Brüste werde ich hart.
„Gib mir fünf Minuten“, sage ich und zwinge mich
dazu zu lächeln. „Ich ziehe mich schnell um.“
Ich laufe nach oben, werfe die nassen Sachen ins
Bad und renne nackt ins Schlafzimmer zurück. Ich greife gerade nach dem
Handtuch, das ich vorhin nach dem Duschen aufs Bett geworfen habe, und trockne
mich oberflächlich ab, da höre ich, wie unten die Tür aufgeht.
„Jake?“
„Ich bin gleich da!“, rufe ich und ziehe frische
Kleidung aus meiner Reisetasche. Und bei jedem Handgriff sehe ich Julie und
diesen Blick, der mich für einen Moment alles andere vergessen lässt. Da sind
nur ihre großen, beinahe kindlichen Augen, und diese zweideutige Aufforderung,
die die Unschuld durchbricht. Sie lauert hinter der Fassade.
Ich habe nur ein paar Minuten mit ihr verbracht.
Ein paar Minuten. Ich kenne sie nicht. Ich habe keine Ahnung, wer sie
ist, aber etwas an ihr zieht mich unwiderstehlich an. So, als wäre zwischen uns
ein unsichtbares Band, über das sie die Kontrolle hat. Und damit auch über
mich.
Ich habe in meinem Leben wirklich schon viele
gutaussehende Frauen gesehen. Frauen, die so schön waren, dass ich sogar kurz
an Gott geglaubt habe. Aber Julie ist so viel mehr als nur schön. Sie ist
unnahbar und provokant, zerbrechlich und zart, aber zur selben Zeit so verdammt
sexy, dass ich ihr am liebsten die Kleider vom Leib gerissen hätte.
Ich greife nach den Boxershorts und der Jeans und ignoriere die Tatsache,
dass allein der Gedanke an diesen Ausdruck in ihren Augen gereicht hat, dass
ich hart werde. Diese unbeschreiblichen Augen, die mir etwas vormachen. Die
mich täuschen und mit mir spielen. Die mir etwas versprechen und gleichzeitig
so tun, als wäre sie zurückhaltend und schüchtern. Ein Teil von mir will sie
beschützen, der andere über sie herfallen, und das in derselben Sekunde.
„Jake?“
„Warte... ich bin gleich soweit. Einen Moment...“
Aber sie wartet nicht. Sie geht einfach die Stufen
hoch und öffnet die Tür. Ihr Blick fällt auf meinen steifen Schwanz und sie
lächelt.
„Einen Augenblick dachte ich wirklich, du willst
nicht...“ Sie kommt näher und streift sich die Träger über die Schultern. Ich
stehe nur da. Das Handtuch in der Hand. Ich will etwas sagen, aber ich weiß
nicht was. „Ich brauche kein Date“, haucht sie und lässt das Kleid zu Boden
fallen. Fuck. Beim Anblick dieser Titten pulsiert mein Schwanz und sie
grinst.
Sie schubst mich und ich stolpere einen Schritt
rückwärts, bis ich die Bettkante in den Kniekehlen spüre. Denise drückt mich in
die Matratze und kniet sich zwischen meine Beine. Sie nimmt lächelnd ihr Haar
zusammen und gleitet langsam nach unten. Hör auf zu denken. Hör einfach auf.
Vor einer Stunde wäre das der Hammer gewesen. Genau das wollte ich von diesem
Date. Ich wollte sie ficken. Und jetzt? Ihre Lippen öffnen sich und legen sich
eng um meinen Schwanz. Fuck. Ihre Zunge fährt den Schaft entlang,
während sie den Kopf auf und ab bewegt. Ich schließe die Augen und atme scharf
ein. Alles in mir spannt sich an. Jeder Muskel verkrampft sich. Ja, sie kann
blasen.
Julie
Der laue Abendwind streift meine
Haut und lässt mich erschauern, während ich zu den Angestellten-Unterkünften
gehe. Ich bemerke nur am Rande, wie stark meine Unterlippe zittert. Dafür bin
ich viel zu abgelenkt von den zitternden Muskeln in meinen Armen und Beinen.
Und meinen Brustwarzen, die sich genüsslich zusammenziehen und gegen den dünnen
Stoff des BHs reiben. Von der Gänsehaut, die jedes noch so kleine Haar an
meinem Körper wie in Zeitlupe aufrichtet. Und von diesem rasenden Herzschlag,
der jeden meiner Schritte begleitet wie ein aufgeregter kleiner Wachhund. Ich
rede mir ein, dass ich friere, aber die Wahrheit ist, nur meine Unterlippe
friert. Der Rest ist Jake.
Die nasse Kleidung klebt bleiern an meinem Körper.
Beinahe wie die Gedanken, die ich nicht abschütteln kann. Zwischen den
zugegebenermaßen kläglichen Ablenkungsversuchen meines Hirns bleibe ich immer
wieder an Jake Bakers kantigem Gesicht hängen. An seinem Lächeln. Und
diesem Blick. Und diesem Kinn.
Ich steige die Stufen zu unserem Apartment hoch,
während meine Gedanken weiterhin wie eine Klette an diesen dunklen Augen
hängen, in denen ich beinahe ertrunken wäre. Ich will gerade die Tür
aufschließen, als mich ein hysterisches Kreischen fast zu Tode erschreckt.
„Awww, Süße, da bist du ja!!!“
„Verdammt, Caroline, willst du mich
umbringen?“
Mein Herz stolpert gegen meinen Brustkorb und
das Adrenalin rauscht durch meinen Körper. Und dieses Mal ist es nicht nur
Jake. Sie ignoriert meine vor Wut zusammengekniffenen Augen und mustert mich.
„Will ich wissen, warum du klatschnass bist?“
„Nein...“
„Okay, dachte ich mir... Du hast echt ’nen Knall,
Jules...“
„Da redet die Richtige...“, flüstere ich grinsend.
„Ja, das habe ich verdient...“
„Wie lang bist du schon da?“
„Vielleicht zehn Sekunden...“, sagt sie und
lächelt mich an.
„Dann gebe ich dir eine Führung...“ Ich halte die
Karte an die Tür und sie springt auf. „Komm schon, ich zeige dir alles...“
Ich nehme sie bei der Hand und ziehe sie hinter
mir her. „Das hier ist die Küche...“ Sie ist wirklich sehr rudimentär, vier
Kochplatten, ein ziemlich verlebter Kühlschrank, ein paar ziemlich abgenutzte
Hängeschränke. In der Mitte ein weißer Plastiktisch und vier passende Stühle.
An der Wand neben der Eingangstür ein improvisiertes Regal mit ein paar
kümmerlichen Vorräten. „Und hier...“ Ich zerre sie in einen winzigen Flur. „...
ist das Bad. Es ist klein, aber es ist sauber.“
„Machst du Witze?“, fragt sie und schüttelt den
Kopf. „Wir haben unser eigenes Bad!“
„Jap, so ist es...“
Sie steckt den Kopf hinein und schaut sich um. Hellblaue quadratische
Pool-Fliesen, die vielleicht bei einem Bauprojekt übrig geblieben sind, ein
kleines Waschbecken mit Spiegel und Ablage, ein Fenster so groß wie ein
Schuhkarton und eine winzige Dusche mit einem ziemlich abgenutzten
Plastikvorhang, der irgendwann einmal vermutlich weiß war und nun eher in
Richtung sandfarben geht. Im Vergleich zu den Sammelduschen ist das aber
trotzdem der Himmel auf Erden.
„Und das hier...“ Ich ziehe sie hinter mir her,
„...ist dein Zimmer.“ Ich stoße eine Tür auf. „Meins ist direkt gegenüber...“
Ich beobachte sie, während sie sich umsieht. Zugegeben, wenn man es genau
nimmt, erinnern die Zimmer eher an zwei begehbare Wandschränke, aber wir
schlafen hier ja nur.
„Jeder sein eigenes Zimmer und ein Bad?!“, sagt
Caroline grinsend.
„Eben... Was will man mehr?“
„Später noch auf einen Sprung zur Strandparty? Und
davor vielleicht noch ein kaltes Bier?“
Ich muss lachen. „Bier ist im Kühlschrank und was
die Party angeht...“ Ich will gerade einen Grund dagegen finden, als mir der
Gedanke durch den Kopf schießt, dass Jake auch dort sein könnte und ich höre
mich sagen: „Warum eigentlich nicht?“
„Aber ich treffe Lucas dort“, sagt sie vorsichtig.
„Ist das blöd für dich?“
„Überhaupt nicht...“
„Oh, Jules, ich freue mich so auf den Sommer!“
„Ach ja, bevor ich es vergesse...“ Ich zeige auf
die Tür rechts neben mir. „Du kannst natürlich auch dieses Zimmer hier haben,
aber man kann von der Terrasse aus reinschauen...“
„Nah... da nehme ich lieber das hier...“ Sie
strahlt mich an. „Jules, wir haben einen ganzen Sommer, der noch vor uns liegt,
einen echt gut bezahlten Job, Leute, die uns in Ruhe lassen, und einen Haufen
heißer Typen...“ Sie wirft ihre Handtasche aufs Bett, nimmt sich
den Rucksack von den Schultern und stellt ihn ab. „Apropos heiße Typen...“,
sagt sie lächelnd und ich denke natürlich sofort wieder an Jake. „Du hast Kyle
gerade verpasst.“
„Verpasst?“, frage ich und fühle mich auf eine
seltsame Art ertappt. „Warum?“
„Hat ’ne Nachtschicht...“, antwortet sie.
„Das ist nicht dein Ernst.“
„Doch, die haben wohl irgendwas durcheinander
gebracht... Er hatte nur noch Zeit zu duschen und musste sofort weiter... Armer
Kerl.“
„Und in welchem Apartment wohnt er?“
„7a.“
Jake
Sie bebt unter mir. Ihr Atmen wird
zum Stöhnen und dieser Klang vibriert überall. Das Raunen bin ich und der Film
in meinem Kopf macht mich fertig. Julie liegt unter mir. Ihr Körper umschließt
meinen. Und ich bekomme nicht genug davon. Will tiefer. Immer noch
tiefer. Mit geschlossenen Augen genieße ich die Bilder mit dem Gefühl von
weicher Haut unter meinen Händen. Den Geruch von Schweiß. Nicht mal das Kondom
stört mich. Alles ist perfekt. Ich schiebe mich in sie hinein. So tief, dass
mein Schwanz komplett in ihr verschwindet. Fuck, sie ist feucht. Ihr
flacher Atem trifft mein Gesicht, ihre Hände halten mich, klammern sich an mir
fest. Ihr Körper zuckt unter meinem und die Anspannung klettert immer weiter.
Ihre Muskeln zittern. Ich spüre es. Gleich wird sie kommen. Sie stöhnt
ungeduldig, flehend. Sie muss kommen. Sie muss, weil ich es nicht mehr
lange halten kann. Julie atmet ein letztes Mal scharf ein und schließt die
Augen. Ihr Mund ist zu einem stummen Schrei geformt. Sie hält die Luft an und
erstarrt unter mir. Bohrt ihre Finger in mein Fleisch. Und dann kommt es. Das Pulsieren.
Oh Fuck. Fuck! Ihr Körper massiert meinen Schwanz. Ich bewege
mich schneller. Okay. Gleich. Jeden Moment. Ich öffne die Augen
und sehe in das falsche Gesicht. Das war ein Fehler.
...
„Mein Gott, Jake...“,
flüstert sie atemlos. „Das war...“ Denise liegt auf dem Rücken, ihre Brust hebt
und senkt sich hektisch. Sie versucht das zu beschreiben, was eben zwischen uns
passiert ist, nur dass es eben nicht zwischen uns passiert ist.
Mein Kopf hat mit Julie geschlafen und zur Strafe bin ich nicht gekommen. Die
Wut flutet meinen Körper. Sie brennt bis in meinen Magen. Ich kann mich nicht
daran erinnern, jemals so scharf gewesen zu sein wie in diesem Moment. Und trotzdem muss
ich meinem beschissenen Schwanz dabei zusehen, wie er in sich
zusammenfällt. Denise dreht sich zu mir und stützt den Kopf auf der Handfläche
ab. „Ich habe keine Worte dafür“, flüstert sie. „Im Ernst, Jake, das war
unbeschreiblich...“
Ich steige in meine Boxershorts und zwinge mich zu
einem Lächeln. „Ja, es war... ziemlich gut.“ Bis ich dich gesehen habe. Ja, das ist scheiße und es ist unfair, aber
es fühlt sich an, als hätte ich mich beim Kommen verschluckt. Wie ein Niesreiz,
der in dem Bruchteil einer Sekunde vor dem Niesen dann doch noch einen
Rückzieher macht.
„Machst du Witze?“, fragt sie und legt ihre Hand
auf meine. „Das war der beste Sex, den ich je hatte.“
„Der beste Sex, den du je hattest, huh?“, frage
ich grinsend. Ich greife nach der Jeans, die ich vorhin aus der Tasche gezogen
habe, und ziehe sie an.
„Wo willst du hin?“, fragt sie, als ich ihr das
Kleid hinwerfe.
„Ich habe noch eine Verabredung.“
„Wie meinst du das, eine Verabredung?“, fragt sie
und schaut beleidigt.
„Na, eine Verabredung eben“, sage ich, ziehe mir
das dunkelblaue Shirt über den Kopf und greife nach meinem Handy, aus dem noch
immer Wasser tropft. Das Teil kann ich vergessen. Na ja, was soll’s, dann muss
ich mich eben durchfragen. Ich werfe es aufs Bett zurück.
„Aber, ich dachte...“
„Süße, glaub mir, ich bin kein Typ für mehr“, sage
ich trocken. Sie schaut mich von unten an. „Ich dachte, das war klar.“
„Können wir uns trotzdem wiedersehen?“
„Sicher“, antworte ich.
„Aber jetzt muss ich los.“
...
Meine Augen sind
abgerichtet. Ich suche in einem Meer aus Gesichtern nach diesem einen. Diesen
Augen und diesem Blick, der mich in nur ein paar Sekunden um den Finger
gewickelt hat. Ich schaue mich weiter um. Warum ich dachte, dass sie hier sein
wird, weiß ich auch nicht. Hoffnung, vermutlich.
„Jake?“
Ich drehe mich um.
„Andrew?! Hey!“
„Wusste ich es doch, dass du es bist!“, sagt er
nickend. „Was führt dich nach Oceanside?“
Ich zucke die Schultern. „Familie...“
„Moment, war die nicht in Clearwater?“
„Doch“, antworte ich nickend und ignoriere den
Stich in meinem Herzen, den die Erinnerungen dort hinterlassen.
„Aber?“, bricht Andrews Stimme zu den Gedanken
in meinem Kopf.
„Mein Bruder arbeitet den Sommer über hier...“
„Ah, okay.“ Er grinst dieses schiefe Grinsen. „Ist
echt schön, dich zu sehen. Mensch, wie lange ist das jetzt her?“
„Puh... Bestimmt vier, fünf Jahre...“
„Wahnsinn, doch schon so lange.“ Andrew sieht
knapp an mir vorbei und verdreht die Augen. „Oh, nicht doch“, flucht er
leise.
„Was ist?“
„Da hinten ist mein Dad...“
„Was macht er hier?“
„Vermutlich überreicht er irgendeinen Scheck.“
„Mr. MacDougall, der alte Wohltäter...“, antworte
ich grinsend.
„Pfft... ja, genau...“
„Es ist also nicht besser geworden...“
„Im Gegenteil“, antwortet Andrew und zeigt in
Richtung Bar. „Ich brauche ein Bier...“
...
Wir lassen das Geld, die gemachten
Titten und das aufgesetzte Lächeln hinter uns und gehen an den Strand. Das Bier
kühlt meinen Kopf. Der Alkohol betäubt mein Hirn und damit die Gedanken, die
sich nicht von Julie verabschieden wollen, während die Wellen auf den Sand
donnern und sich dann langsam wieder zurückziehen.
„Ist alles okay bei dir?“, fragt Andrew, während
er sich neben mich setzt. „Du bist so still...“
„Ich... doch, ja, alles bestens...“ Ich nehme
einen großen Schluck Bier, dann frage ich: „Wenn es mit deinem Dad so
beschissen ist, was machst du dann hier? Ich meine, du könntest den Sommer doch
auch in Boston verbringen?“
Er zuckt mit den Schultern. „Ich war länger nicht
dort...“
„Was ist mit der Uni?“
„Geschmissen...“ Eine Weile schweigen wir, dann
schließlich sagt er: „Und zu deiner Frage, warum ich hier bin... vermutlich
weil ich nicht genau weiß, wo ich sonst hin soll.“
So kenne ich Andrew nicht. So nachdenklich und
ernst. Der Andrew von früher hat zu viel gesoffen, die Nächte durchgefeiert und
andauernd gekifft, weil er damals dachte, dass das zum Erwachsenwerden
dazugehört. Woher ich das weiß? Weil ich dabei war. Bei jedem Bier, jedem Joint
und jeder Nacht. Wir waren zusammen im Internat. Und die besten Freunde. Halbstarke
Milchgesichter, die alles gevögelt haben, was sie kriegen konnten. Wir
haben sogar Wetten abgeschlossen, wer es wohl zuerst schafft, welches Mädchen
flachzulegen. Ich denke, wir hatten zu viel Geld und zu viel Langeweile. Und
irgendwie trotzdem eine tolle Zeit.
„Warte mal, hattet ihr nicht dieses Strandhaus in
Clearwater?“
„Doch.“ Die Erinnerungen an meine Kindheit wollen
mein Hirn fluten, aber ich lasse sie nicht. „Da wohne ich zur Zeit auch.“
„Wo warst du davor?“
„Ich hab nach dem College für eine Weile in der
Firma meines Vaters gearbeitet und dann bin ich nach Europa gegangen...
ich war die letzten drei Jahre dort.“
„Wow“, sagt Andrew und nickt. „Klingt gut.“
„Ja, das war es auch.“ Das stimmt. Das war es.
Vielleicht sollte ich einfach wieder zurückgehen.
„Warum bist du zurückgekommen?“
„Keine Ahnung“, antworte ich seufzend. „Es war
irgendwie an der Zeit...“
Das ist eine Lüge. Ich drifte in Gedanken zum
wahren Grund. Er bohrt sich schmerzhaft in meine Lunge.
„Kennst du die Kleine da?“, reißt mich Andrews
Stimme in die Realität zurück. Er nickt mit dem Kinn zum Steg. „Sie starrt
schon die ganze Zeit hier rüber.“
Eine Sekunde lang habe ich Hoffnung, aber es ist
nicht Julie. „Nein, keine Ahnung wer das ist...“
„Sie scheint Interesse zu haben...“
„Aber ich nicht“, entgegne ich abschätzig.
„Was ist? Sie ist doch ganz niedlich...“
„Nicht mein Typ...“
„Wir haben uns ganz offensichtlich zu lange nicht
gesehen...“, sagt Andrew lachend. „... der Jake, den ich kannte, hatte keinen
Typ. Dem hat die Tatsache gereicht, dass sie Titten hat...“
„Witzig...“
„Nein, im Ernst, seit wann hast du einen Typ?“
Seit drei Stunden, denke ich und spüre den
eisigen Schauer, der sich wie in Zeitlupe auf meinem Rücken ausbreitet.
„Also, ich bin nicht interessiert, aber wenn du sie
willst, bitte, viel Spaß...“ Er sagt nichts und sein Gesicht wird ernst. „Was
ist?!“, frage ich grinsend. „Sag bloß, es gibt eine Frau?“
„Hm“, murmelt er.
„Echt jetzt!? MacDougall, du überraschst
mich!“
„Lach ruhig, Jake, aber irgendwann wird dir das auch
passieren. Irgendwann kommt eine, mit der ist es anders.“ Er wischt sich die
blonden Haare aus der Stirn, aber der Wind wirbelt sie sofort wieder in sein
Gesicht zurück. „Glaub mir... es wird eine kommen, die willst du nicht nur
flachlegen...“
„Sondern?“
„Beschützen.“
„Beschützen“, flüstere ich, während mein Herz mich
fast erschlägt. Mir wird plötzlich schwindlig. Ein dünner Schweißfilm legt sich
auf meine Haut. Seine Worte verknoten meinen Magen. Sie lassen mich angestrengt
atmen und meine Hände zittern. Andrew schaut nachdenklich aufs Wasser und nimmt
einen großen Schluck Bier. „Dann hast du also eine Freundin?“, frage
ich, um meine Gedanken von Julie zurück in die Realität zu holen.
Andrew schaut mich an und schüttelt den Kopf.
„Nein, wir... wir sind nicht zusammen...“
„Warum nicht? Was ist passiert?“
„Nichts ist passiert“, antwortet er und lächelt.
„Sie liebt einfach einen anderen...“ Und auch, wenn er versucht, es zu
überspielen, es ist ein trauriges Lächeln. Getränkt von Erinnerungen.
Einen Augenblick schauen wir nur schweigend aufs
Meer, dann schließlich sage ich: „Sie muss etwas Besonderes sein...“
„Das kann man so sagen“, flüstert er seufzend.
„Und lass mich raten...“ Er sieht mich an. „Sie
ist in Boston...“
„Du kennst mich immer noch zu gut...“ Andrew
grinst, steht auf und klopft sich den Sand von der Jeans. „Ich hole noch ein
Bier. Für dich auch?“
„Warte, ich komme mit...“
©
Ally Taylor
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Na wie hat euch diese doppelte Leseprobe denn gefallen? Ich hoffe ich konnte euch etwas einstimmen auf zwei wundervolle Romane. Und wie findet ihr die Cover? Die sehen doch super aus, oder?