Diese Woche geht das ja richtig Schlag auf Schlag und zack gibt es den nächsten Lesedeal für euch. Diesen konnte ich mit der sympatischen Autorin Berit Bonde aushandeln. Ihr Taschenbuch soll am 23.6 erscheinen.
Kapitel 1
»Herzlichen Glückwunsch. Damit gehört der Laden offiziell
Ihnen.« Der Makler griff nach den Papieren, die ich soeben fein säuberlich
unterschrieben hatte, klopfte die Blätter zu einem akkuraten Stapel zusammen
und gab ihn über seine Schulter hinweg an seine Sekretärin weiter. »Frau Voss,
seien Sie doch bitte so nett und machen Sie gleich zwei Kopien des Vertrags,
eine für den Vermieter und eine für Frau Sander.«
Frau Sander, das war ich. Clara Sander. Dreißig Jahre alt,
einen Meter achtundsechzig groß, kastanienbraune Haare, grüne Augen und seit
einem Jahr glücklicher Single. Ungelogen, ich war glücklicher Single, auch wenn
die meisten diese Aussage nur belächelten, aber nach mehreren Fehltritten hatte
ich erst mal genug von der Männerwelt und genoss das Alleinsein. Wirklich.
Ehrlich. Also ganz ehrlich.
Da saß ich also nun im Büro meines Maklers und hatte den
wohl wichtigsten Schritt meiner bisherigen Karriere getan. Ab sofort schimpfte
ich mich stolze Mieterin eines kleinen Ladens in der Hamburger Innenstadt. Und
mit klein meinte ich auch klein. Sechzig Quadratmeter waren das Maximum, das
mein Sparbuch hergegeben hatte, und wenn mein Plan nicht aufgehen würde, würde
der Traum, meine eigene Chefin zu sein, ziemlich bald wie eine Seifenblase
zerplatzen. Aber no risk, no fun, oder?
»Frau Sander?«
»Hm? Entschuldigung, ich muss wohl in Gedanken gewesen
sein.« Der Makler war bereits aufgestanden und streckte mir die Schlüssel zu
meinem neuen Laden und damit auch zu meiner Zukunft entgegen. Schnell stand ich
ebenfalls auf und nahm sie ihm ab. »Danke, wirklich, ohne Sie hätte ich niemals
so schnell den perfekten Laden gefunden.«
»Dafür sind wir doch da, liebe Frau Sander«, sagte er mit
diesem strahlenden Blendamed-Lächeln, das fast alle Makler hatten. »Stets zu
Diensten, wenn Sie uns brauchen.« Meine Zukunft in der Hand haltend, verabschiedete
ich mich von ihm.
Mit einem Kribbeln im Bauch öffnete ich die schwere Holztür
des Altbaus, in dem sich das Maklerbüro befand, und rannte in eine breite
Männerbrust hinein, sodass ich mit Schwung seitlich gegen den Türrahmen
knallte. Die Kopien meines Vertrags flatterten wild durch die Gegend und
landeten weit verstreut auf dem Bürgersteig im Dreck. »Toll, natürlich genau in
die einzige Pfütze weit und breit«, kommentierte ich die Lage und rieb mir die
Schläfe. Das würde sicherlich eine schöne Beule geben.
»Haben Sie denn keine Augen im Kopf?«, fragte der Typ mit
der stahlharten Männerbrust. Bei genauerem Hinsehen waren wohl nicht nur meine,
sondern auch seine Papiere im Dreck gelandet. Ohne mich weiter zu beachten,
machte er sich daran, die Blätter aufzusammeln.
»Ignoranter Affe«, murmelte ich vor mich hin und sammelte
wahllos einzelne Blätter auf.
»Cupcake Love, das gehört dann wohl zu Ihnen.« Der ignorante
Affe stand genau neben mir, und der süffisante Unterton in seiner Stimme war
nicht zu überhören. Er reichte mir die Vertragsblätter, auf denen dick und fett
der Name meines zukünftigen Ladens prangte. Ich schnappte mir die Papiere und
drehte mich auf dem Absatz um. Solche Typen waren es nicht wert, dass ich mich
über sie aufregte. Ich rauschte in Richtung meines Wagens davon, den ich nur
ein paar Meter vom Haus entfernt geparkt hatte. Cupcake Love war ein toller
Name. Über den Namen meines neuen Ladens hatte ich wochenlang gegrübelt, da
würde ich mich jetzt ganz sicher nicht von so einem Möchtegernmacho
verunsichern lassen.
»Jetzt warten Sie doch«, rief er mir nach, aber im selben
Moment hatte ich schon die Tür meines knallroten Minis zugeknallt und den
Rückwärtsgang eingelegt. Ohne mich noch einmal nach ihm umzusehen, rauschte ich
aus der Parklücke und machte mich auf den Weg von Eppendorf in die Innenstadt.
Kaum, dass ich mich in den Verkehr eingefädelt hatte, war der Typ so gut wie
vergessen. Das erklärte Ziel hieß Valentinstraße fünf. Dort wartete der wohl
schönste Laden der ganzen Innenstadt auf mich. Die Eingangsfront war komplett
verglast, und wenn man durch die Tür trat, sah man zur linken Seite auf einen
langen Tresen, der bald über und über mit meinen Cupcakes gefüllt sein würde.
Alte Holzdielen gaben dem Laden einen gemütlichen Touch, und gegenüber vom
Tresen war Platz für ein paar Tische und Sessel. Ich stellte mir das Ganze
loungemäßig vor, cool, aber nicht zu cool. Ich wollte nicht nur die hippen und
attraktiven Leute in mein Café locken, sondern auch kleine, niedliche Omas, die
mit ihren Stricknadeln klappern und dabei gemütlich einen Cupcake naschen
würden. Die Einrichtung sollte auf jeden Fall britisch sein, mit vielen
Blumenmustern und Bonbonfarben. Ich seufzte glücklich, während ich an einer der
zahlreichen Ampeln auf dem Weg zur Innenstadt auf Grün wartete. Nach der
Vertragsunterzeichnung begann nun der beste Part meines Plans, das Einrichten.
Gut, erst würden die Wände gestrichen werden müssen. Und eine Grundreinigung
würde nötig sein. Aber wozu hatte ich Freunde? Das würde sich bestimmt alles in
Nullkommanichts regeln lassen. Bis zur geplanten Eröffnung waren es noch vier
Wochen. Alles überhaupt kein Problem.
Wieder eine rote Ampel. Immerhin hatte ich es schon fast bis
ans Ende der Rothenbaumchaussee geschafft. Noch wenige Minuten zum Ziel. Ich
sah mir die schönen Altbauten an. Wann würde mein Laden so viel Geld abwerfen,
dass ich mir hier eine Wohnung würde leisten können? Es wurde grün. Ich legte
den ersten Gang ein und düste los, bevor meine Hintermänner mich ungeduldig
anhupen würden, wie es mir oft passierte, wenn ich als Erste an der Ampel stand
und vor mich hin träumte. Heute hatte ich wahrhaftig schon genug Stress gehabt.
Ich brauchte nicht noch mehr Männer, die mich anpflaumten. Leider hatte ich
wohl übersehen, dass nur die Linksabbieger eine grüne Ampel gehabt hatten. Mit
quietschenden Bremsen kam ich fünf Millimeter vor einem dicken BMW zum Stehen,
der im selben Moment offensichtlich nach rechts abbiegen wollte.
Während ich noch starr vor Schreck mit den Fingern am Lenkrad
klebte, war der BMW-Mann schon ausgestiegen und brüllte mich an.
»Mei, san Sie narrisch? Wohl den Führerschein in der
Lotterie gewonnen? Deppertes Weibsbild!«
Na toll, ein Bayer, und auch noch einer von der Sorte mit
Fußballfahnen am Fenster.
Okay, der Beinaheunfall war meine Schuld gewesen, aber mich
von einem bayerischen Fußballfan niedermachen lassen? Niemals. Ich stieg
ebenfalls aus und baute mich vor ihm auf.
»Okay, Mister, ich mag eine Frau sein, und mein Fahrstil
lässt vielleicht ab und an zu wünschen übrig, aber immerhin weiß ich mich im
Gegensatz zu Ihnen zu benehmen. Und jetzt regen Sie sich ab, steigen brav in
Ihr Auto und fahren weiter, einverstanden?« Während ich auf ihn einredete,
wurde sein Gesicht puterrot, und er schnappte nach Luft. »Keine Widerrede?
Dachte ich mir, also los.« Mit dem Zeigefinger drückte ich ihm auf die Brust
und schob ihn zurück auf seinen Sitz.
Ohne auf weitere Kommentare zu warten, drehte ich mich um
und setzte mich hocherhobenen Hauptes wieder in meinen Wagen. Im Rückspiegel
sah ich, wie der Mann hinter mir im Wagen sichtlich amüsiert schmunzelte.
Immerhin hatte ich den Leuten ein gutes Schauspiel geboten. Der Bayer hatte in
der Zwischenzeit unter lautem Fluchen seine Tür zugeknallt und rauschte mit
immer noch hochrotem Kopf an mir vorbei.
»Männer. Kein Wunder, dass so viele an einem Herzinfarkt
sterben«, murmelte ich, ignorierte bewusst, dass die Ampel mittlerweile wieder
auf Rot gesprungen war, und fuhr weiter.
Mit Schwung bog ich in die Valentinstraße ein und konnte schon
von Weitem einen kleinen Menschenauflauf vor meinem Laden erkennen. Ich
ergatterte eine der wenigen Parklücken und verzichtete darauf, einen Parkschein
zu ziehen. Ich malte mir das Schlimmste aus. Bestimmt stand der Laden unter
Wasser, oder es hatte gebrannt, oder jemand war eingebrochen und nun standen
die Leute vor dem eingeschlagenen Fenster und warteten darauf, dass die Polizei
kommen würde. Beim Näherkommen erkannte ich Herzchenballons, Luftschlangen und
ein riesiges rosafarbenes Plakat über der Eingangstür, auf dem in dicken großen
Buchstaben Herzlichen Glückwunsch! stand. Viele kleine bunte Cupcakes waren
darunter gemalt worden.
Kaum, dass meine Freunde mich bemerkt hatten, brüllten sie
im Chor los, und Luftschlangen flatterten mir um die Ohren.
»Surprise!«
»Alles, alles Gute zum neuen Laden. Wir wollten dich
überraschen.«
»Du hast doch gerade den Vertrag unterschrieben, oder? Hier,
nimm ein Glas Champagner, das müssen wir unbedingt feiern.«
Bevor ich auch nur einen Ton sagen konnte, hatte Dine mir
schon ein Glas in die Hand gedrückt. Dine war eine meiner besten Freundinnen.
Wir kannten uns schon viele Jahre, und ich war mir ziemlich sicher, dass sie
dies alles organisiert hatte. Mindestens zehn meiner Freunde standen vor dem
Laden und tranken bereits Champagner oder Orangensaft. »Von wem wusstet ihr
denn überhaupt, dass das heute ist?«
»Marlene hat geplaudert. Du glaubst doch wohl nicht, dass du
so etwas vor uns verheimlichen kannst.« Dine grinste, und im selben Moment
drängelte sich meine Schwester Marlene mit ihrer kleinen Tochter Cecilia zu uns
durch. Strahlend hielt die Kleine mir ein selbstgemaltes Bild eines Cupcakes
vor die Nase. Jetzt ahnte ich auch, wer das Plakat verschönert hatte.
»Guck mal, Tante Clara, ich hab einen Kuchen für dich
gemalt«, rief sie und drückte mir einen feuchten Schmatzer auf die Wange.
»Genau so einen, wie du sie immer für uns backst.«
»Wow, so einen schönen Kuchen habe ich aber noch nie
gebacken, meine Süße. Da muss ich mir noch ganz viel Mühe geben, damit ich das
so toll hinbekomme wie du.«
»Das schaffst du schon, Tante Clara. Wenn du noch ganz viel
übst«, erwiderte Cecilia. Marlene lachte und drückte mir die Kleine in den Arm.
»Na Schwesterherz, alles glattgegangen bei der
Vertragsunterzeichnung?«
»Alles in Butter«, erwiderte ich und hielt ihr die
Ladenschlüssel vor die Nase.
»Na, dann mal rein, oder?«
»Halt, Moment«, tönte es von der Seite. Mein bester Freund
Basti tauchte neben mir auf und hielt mir einen rosa Schlüsselanhänger in Form
eines Cupcakes vor die Nase. »Dein erster Glücksbringer.«
»Rosa, Basti, wirklich?«, frotzelte Dine.
Basti zuckte nur mit den Schultern. »Wenn es nach mir
gegangen wäre, wäre sogar noch eine Plüschbommel dran, aber davon hat Marlene
mich dann doch abgehalten.«
Basti hatte sich mit neunzehn dafür entschieden, der
Frauenwelt zu entsagen und sich zu outen. Was wirklich ein Jammer war. Er
erinnerte mich immer an den Hauptdarsteller aus dem Film ‚Wedding Date‘, eine
ganz wunderbare Liebeskomödie, natürlich mit Happy End. Ich war absoluter Film-
und Serienfreak und sah mir nur Filme an, von denen ich sicher war, dass sie
gut ausgehen würden. Ich verbrachte meine Abende gern mit einer Schachtel
Pralinen und einer Packung Taschentücher vor dem Fernseher.
»Der ist echt super, Basti, danke.« Ich friemelte den
Schlüssel sofort an den Anhänger, was sich mit Cecilia auf dem Arm als nicht
besonders leicht erwies, um weitere Diskussionen zwischen Basti und Dine zu
vermeiden. Seit sie sich kannten, verhielten sie sich wie Hund und Katze.
Niemand wusste, warum sie sich eigentlich nicht leiden konnten. »Also, dann mal
alle mir nach«, rief ich, drückte Marlene wieder ihre Kleine in den Arm,
schloss die Ladentür auf und trat in eine Miefwolke.
Kapitel 2
»Puh. Das riecht nach toten Mäusen, die es nicht mehr
geschafft haben, sich ihr eigenes Grab zu schaufeln und jetzt als Zombies
durch die Welt wandeln«, sagte Dine. »Und wie das hier
aussieht.«
Schockiert stand ich im Raum und sah mich um. Ich befand mich
inmitten von Schutt und Geröll. Der Vormieter hatte anscheinend ganze Arbeit
geleistet, als er hier ausgezogen war. Bei der Besichtigung mit dem Makler war
der Laden noch vollkommen intakt gewesen, und die Gäste hatten an kleinen
Tischen friedlich ihren Kaffee geschlürft. Von dem niedlichen Café war nicht
mehr viel übrig geblieben. Vielleicht hätte ich besser hinhören sollen, als der
Makler in einem Nebensatz erwähnt hatte, dass der Vormieter dafür sorgen würde,
dass die eingezogenen Trennwände noch abgerissen werden würden. Das war ganz
offensichtlich geschehen. Leider hatte er nach dem Einreißen wohl vergessen,
den Schutt mitzunehmen.
»Heilige Scheiße, mein lieber Herr Gesangsverein«, murmelte
Basti.
»Ich glaube, ich ticke aus«, sagte ich. Der Rest meiner
Freunde betrat den Laden nicht. Der Geruch war anscheinend schon nach draußen
geströmt.
Basti machte sich inzwischen an einer halb
heruntergerissenen Tapete zu schaffen. »Hier haben wir auch die Ursache des
üblen Gestanks«, rief er zu uns herüber. »Das ist ganz eindeutig Schimmel.«
Entsetzt drehte ich mich um und sah ihn an. »Das ist nicht
dein Ernst, oder?«
»Ich fürchte doch«, sagte er und zeigte auf die dunklen
Flecken an der Wand. »Das ist unzweifelhaft Schimmel, und zwar von der ganz
üblen Sorte.«
»Ich bringe den Makler um. Wo sind meine Autoschlüssel? Ich
fahre jetzt sofort los und drehe ihm den Hals um. Oder noch besser, ich besorge
mir eine Knarre.« Voller Wut trat ich gegen den einzigen Stuhl, der mitten im
Raum stand.
»Das würde ich mir gut überlegen«, tönte es im selben Moment
von der Tür. »Laut Vertrag haben Sie den Laden inklusive aller bestehenden
Mängel übernommen, und wenn ich hier richtig lese, sind eventuelle
Feuchtigkeitsschäden in der Mängelliste auf Seite zwei aufgeführt.«
Langsam drehte ich mich um. Die Stimme kam mir bekannt vor.
So einen Klugscheißer konnte ich jetzt gerade noch gebrauchen.
Ich hatte mich nicht getäuscht, im Türrahmen stand der
ignorante Affe, der am Morgen dafür gesorgt hatte, dass meine Vertragspapiere
mehr Matsch als Papier waren. »Was machen Sie denn hier?«, entfuhr es mir,
während ich mir mit verstaubten Händen die Haare aus dem Gesicht wischte.
»Nun, Sie waren ja heute Morgen so schnell verschwunden, da
konnte ich Ihnen nicht mehr sagen, dass ich noch zwei Seiten Ihres Vertrages
unter meinen Papieren gefunden habe. Zum Glück stand auf einer der Seiten die
Adresse Ihres Ladens, und da ich gerade in der Nähe war …«
»… dachten Sie, dass Sie ja kurz vorbeischauen könnten, um
sich weiter über meine Geschäftsidee lustig zu machen.« Ich schnappte mir die
beiden Seiten, die er mir hinhielt. Dine hatte sich inzwischen neben mich
gestellt und haute mir ihren Ellenbogen in die Seite. »Au, bist du besch…«,
sagte ich.
»Entschuldigen Sie, meine Freundin meint es nicht so, sie ist
nur gerade ein bisschen gereizt.« Dine strahlte den Typen mit ihrem schönsten
Lächeln an.
»Tja, wenn ich mir das Elend hier so ansehe, fehlt Ihnen
wohl noch ganz schön viel Love an Ihren Cupcakes«, erwiderte er und ging dabei
ein paar Schritte im Laden umher, umgeben von Staubwolken, die jeder einzelne
seiner Schritte aufwirbelte.
»Wenn der Typ noch einmal einen Witz über den Namen meines
Ladens macht, garantiere ich für nichts«, zischte ich Dine zu und stellte mich
ihm in den Weg. »Okay, Herr …«
»Van der Brugge. Samuel van der Brugge, aber nennen Sie mich
Sam.«
»Wunderbar, Herr van der Brugge«, sagte ich und ignorierte
absichtlich die Hand, die er mir hinhielt. »Da Sie ja anscheinend herzlich
wenig von meiner Geschäftsidee halten, ist es wohl besser, wenn Sie uns hier
mit unserem Elend allein lassen.«
Er grinste mich an. »Ganz wie Sie meinen, Frau Sander, aber
falls Sie mal Rechtsbeistand brauchen sollten, hier ist meine Karte.«
Kaum, dass er mir seine Visitenkarte in die Hand gedrückt
hatte, war er auch schon aus der Tür.
»Was für ein ungehobelter Mistkerl, was denkt der sich
eigentlich, wer er ist?«, murmelte ich vor mich hin und drehte die Visitenkarte
in der Hand.
»Aber heiß ist er, das muss man ihm lassen«, sagte Dine und
griff nach dem umgekippten Stuhl, um sich zu setzen.
Ich schnaubte ungerührt und steckte mir die Visitenkarte in
die Hosentasche.
Nachdem wir noch eine ganze Weile in meinem Laden
herumgestanden und beratschlagt hatten, welches Chaos am besten zuerst zu
beseitigen sei, machte ich mich auf den Weg nach Hause. Die To-do-Liste in
meinem Kopf war gefühlt zehn Kilometer lang. Herr van der Brugge hatte recht.
Die Feuchtigkeitsschäden waren tatsächlich in der Mängelliste aufgeführt und
von mir abgenommen worden.
»Du musst das Kleingedruckte lesen, Clara, das
Kleingedruckte.« Oft genug hatte meine Mutter mir diesen Satz eingetrichtert,
und welchen Fehler musste ich als Erstes machen? Gott, ich hasste Schimmel, das
Zeug war nicht nur gesundheitsschädlich, sondern auch wirklich widerlich. Allein
der Geruch. Mit ein bisschen Schimmel-Ex war mir hier wahrscheinlich nicht
geholfen, da mussten Profis ran. Punkt eins auf meiner Liste war:
Schimmelbuster finden, die alles vernichten würden, endgültig und bis in alle
Ewigkeit.
Leicht deprimiert schloss ich die Tür zu meiner kleinen
Wohnung im Herzen von Altona auf und schmiss meine Tasche auf die Kommode im
Flur. Herzzerreißend kläglich quakend kam mir Fee entgegengestiefelt und warf
sich vor meine Füße, um sich wonnig auf dem Boden zu wälzen. Fee war meine
Perserkatze und seit fünf Jahren meine treue Mitbewohnerin. Ich hatte sie zu
mir geholt, als sie noch ganz klein gewesen war, und seitdem waren wir ein Herz
und eine Seele, auch wenn Madame oft quakig war, wenn ich zu lange arbeitete
und spät nach Hause kam.
»Na, meine Süße, möchtest du dein Futter?« Mit Fee auf dem
Arm ging ich in die Küche und öffnete den Kühlschrank, aus dem mich Micky Maus,
das Krümelmonster, Miss Piggy und Kermit anstrahlten. »Schau, Fee, heute hast
du eine riesige Auswahl. Ich vermute mal, du entscheidest dich für die Maus?«
Fee strampelte maunzend auf meinem Arm und machte Anstalten, sich in den
Kühlschrank zu stürzen. »Oder vielleicht doch lieber dein normales Futter?
Cupcakes sind nicht ganz nach deinem Geschmack, stimmt’s?« Micky Maus und Co.
waren aus Marzipan und steckten als Deko auf einer dicken Schicht aus
Schokoladencreme. Eine Bekannte von Marlene hatte mich engagiert, drei Bleche
Cupcakes für den Geburtstag ihrer sechsjährigen Tochter zu backen. Das Ergebnis
stand nun seit dem Morgen in meinem Kühlschrank und wartete darauf,
ausgeliefert zu werden. Punkt zwei auf meiner To-do-Liste für den nächsten Tag.
Ich ließ Fee runter und füllte Hühnchenfleisch in ihren
Napf, vor dem sie sich zufrieden schmatzend niederließ und mich, ihren
allerliebsten Dosenöffner auf der ganzen Welt, nicht mehr beachtete.
Aus dem einzigen noch freien Fach im Kühlschrank lachte mich
eine Flasche Weißwein an, genau das Richtige nach dem Ladendesaster.
Mit der Flasche und einem Korkenzieher bewaffnet, ging ich
ins Wohnzimmer und schnappte mir auf dem Weg meinen Laptop vom Küchentisch.
Wäre doch gelacht, wenn ich nicht heute noch einen Schimmelprofi auftreiben
würde, der gleich am nächsten Tag loslegen konnte. Google war schließlich mein
bester Freund und Ratgeber in allen Lebenslagen. Die ersten drei Treffer hörten
sich bereits vielversprechend an.
»Also, Clara, wer soll denn nun dein Herzblatt sein?
Kandidat Nummer eins mit dem Motto ‚Ihr Schimmel, unser Problem‘. Oder Kandidat
Nummer zwei, der wirklich absolut widerliche Vorher-Nachher-Fotos auf seiner
Website zeigte, wobei auf den Nachher-Fotos alles glänzte und nicht der
kleinste Schimmelfleck zu sehen war. Oder Kandidat Nummer drei, der auf die
Masche ‚Unsere Chemikalien sind vielleicht nicht legal, aber der Schimmel zahlt
Ihnen auch keine Miete‘ setzte.
Ich entschied mich für Kandidat Nummer zwei und hoffte
inständig, dass die Fotos nicht mit Photoshop bearbeitet worden waren. Nach
einem kurzen Telefonat hatte ich bereits einen Termin für den nächsten Morgen.
Zufrieden ließ ich mich in die Sofakissen sinken und nippte an meinem Wein. Fee
hüpfte auf das Sofa und kuschelte sich schnurrend an mich.
Als ich mich noch weiter in die Couch sinken ließ, stach mir
hartes Papier in den Rücken. Die Visitenkarte von diesem van der Brugge war mir
offenbar aus der Hosentasche gerutscht. Ich griff danach und betrachtete sie
erneut. Auf der Vorderseite standen sein Name sowie der Name seiner Kanzlei und
eine Webseite.
»Na, dann wollen wir doch mal sehen, ob du wirklich so cool
bist, wie du tust, Sam«, sagte ich und griff nach meinem Laptop.
Die Firmenwebseite gab relativ wenig her. Die Kanzlei schien
sich auf Miet- und Familienrecht spezialisiert zu haben, van der Brugge war
offensichtlich Fachanwalt für Steuerrecht. Jeder Anwalt der doch recht großen
Kanzlei war mit Bild und einer Kurzbeschreibung auf der Seite aufgeführt. Auf
dem Bild sah er wirklich unverschämt gut aus, das musste ich zugeben. Braune
Haare, strahlend blaue Augen, eine markante Gesichtsform und natürlich in
Schlips und Kragen, wie sollte es auch anders sein. Fehlte nur noch der
Dreitagebart und er käme meinem Ideal von einem Mann ziemlich nahe. Er
erinnerte mich ein bisschen an meinen ersten großen Schwarm aus der Schulzeit,
Heiner Blohm. Gott, was war ich damals in den verknallt gewesen. Ich war erst
vierzehn, er schon siebzehn und somit drei Klassen über mir. In dem Alter
hatten drei Jahre Altersunterschied leider noch sehr viel ausgemacht, und ich
hatte nach monatelanger Schwärmerei meinen ersten Korb bekommen, dabei waren
Marlene und ich sogar extra dem Schulchor als Sopransängerinnen beigetreten,
weil Heiner dort Klavier gespielt hatte. Damals hatte ich das als eine gute
Taktik empfunden, heute eher als extrem peinlich, aber was tat man nicht alles
für die Liebe. Als Heiner dann irgendwann die Schule gewechselt hatte, hatte
auch mein Liebeskummer nachgelassen, und ich war mit meinem ersten Freund
zusammengekommen. Ein paar Jahre später hatte ich Heiner zufällig in einer
Disco getroffen, wo er mir dann ziemlich klar zu verstehen gegeben hatte, dass
er mittlerweile kein Problem mehr mit dem Altersunterschied hatte. Zu seinem
Pech waren andere Jungs mittlerweile viel interessanter geworden, auch wenn
seine blauen Augen immer noch der Hammer gewesen waren, und so war wieder
nichts aus uns geworden.
Schnell klickte ich mich durch van der Brugges Team und
blieb bei seiner Sekretärin hängen. Blond, blauäugig, bestimmt einen Meter
fünfundsiebzig groß und sicherlich mit ellenlangen Beinen, auch wenn ich das auf
dem Foto nicht sehen konnte. Typ Topmodel. »Na wunderbar, überrascht mich jetzt
aber auch nicht wirklich«, murmelte ich, nahm einen Schluck Wein und kraulte
Fee den Bauch. »Aber was soll’s, so ein arroganter Typ interessiert uns eh
nicht, oder Fee?« Diese rollte sich auf die Seite und maunzte zustimmend. »Und
wer braucht schon zwei Meter lange Beine?«, fügte ich hinzu und begutachtete
meine kurzen. Ich war auch riesig, leider nur im Sitzen. Ein Sitzriese
sozusagen, langer Oberkörper und kurze Beine. Gut, das war vielleicht ein
bisschen übertrieben, aber ein paar Zentimeter mehr wären ganz nett gewesen.
Aus den Augenwinkeln sah ich, dass auf meinem Laptop das Briefchen als Symbol
für neue Nachrichten blinkte. Ich hatte vier neue E-Mails, drei davon Spams, eine
von Dine mit dem Betreff »Sam von der Brücke«.
Hey Süße, falls der ignorante Affe von heute Morgen doch
nicht uninteressant sein sollte, schau doch mal bei Facebook vorbei.
LG, Dine
Darunter hatte sie einen Link eingefügt, der zu seinem
Facebook-Profil führte.
»Total uninteressant, vollkommen unwichtig, interessiert
mich überhaupt nicht. Punkt.« Im nächsten Moment hatte ich schon auf den Link
geklickt. Sein Profilfoto zeigte ihn am Strand lässig an ein Surfbrett gelehnt,
die Haare nass und verwuschelt, bei strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel.
Ziemlich ungewöhnlich für einen Anwalt, ein privates Foto bei Facebook,
andererseits hatte er sonst nichts freigegeben. Außer seinem Profilfoto und ein
paar allgemeinen Angaben konnte ich mir nichts ansehen, nicht mal seine
Freundesliste.
Langsam fuhr ich mit dem Mauszeiger über den Button zum
Versenden einer Freundschaftsanfrage.
»Nein, Clara, blamier dich nicht. Du machst dich nur
lächerlich. Lass es einfach, sonst bildet er sich noch was darauf ein.« Ich gönnte
mir noch einen Schluck Wein. Sicherheitshalber schob ich den Laptop ein Stück
von mir weg, damit ich nicht erst in Versuchung kommen würde. Meine Neugierde
war nicht gerade eine meiner besten Eigenschaften und hatte mich schon in die
unmöglichsten Situationen gebracht. Das würde mir diesmal nicht passieren, ganz
sicher nicht.
Während ich noch auf meinen Laptop starrte, machte sich mein
Magen lautstark bemerkbar. Fee wurde von dem lauten Gegrummel wach und sah mich
träge an.
»Okay, Zeit, etwas zu essen. Das ist auf jeden Fall besser,
als sich gut aussehende, eingebildete Männer anzusehen.« Ich stand auf. Fee
raffte sich ebenfalls auf, offensichtlich in der Hoffnung, dass in der Küche
auch für sie noch etwas abfallen würde. Bevor sie mir jedoch folgte, beschnupperte
sie neugierig Laptop und Maus und stampfte mitten im Kabelgewirr herum.
»Fee, nein! Weg da!« Wie üblich schien sie sich überhaupt
nicht für mein Geschrei zu interessieren. Bevor ich reagieren konnte, war sie
vom Sofa runtergehüpft und hatte die Maus mitsamt Kabel mit sich gezogen.
Scheppernd knallte die Maus auf den dunklen Holzboden, wodurch Fee sich zu Tode
erschreckte und wie vom Blitz getroffen durch die Wohnung raste. Natürlich, wie
sollte es auch anders sein, war die Maus mit der Oberseite nach unten
heruntergefallen, und ich hatte das Gefühl, ein leises »Klick« gehört zu haben.
Eine dumpfe Vorahnung beschlich mich, und ich drehte den Laptop zu mir, nachdem
ich die Maus aufgehoben hatte.
Ihre Freundschaftsanfrage wurde versendet.
Nein, nein, nein. Warum musste so etwas immer mir passieren?
Hektisch klickte ich auf der Seite herum, was natürlich überhaupt nichts
brachte.
Freundschaftsanfrage rückgängig machen.
Ja, genau das war es, was ich gesucht hatte. Klick.
Möchten Sie die Anfrage wirklich rückgängig machen?
Ja, natürlich, nichts mehr als das. Ein weiterer Klick und
die Anfrage wurde zurückgenommen. Erleichtert ließ ich mich auf mein Sofa
sinken. Das war ja gerade noch gut gegangen. Es sei denn … Mist, Mist, Mist.
Wieso hatte ich nicht daran gedacht, dass van der Brugge die Anfrage trotzdem
sehen würde? Und nun würde er auch noch sehen, dass ich meine Anfrage
zurückgezogen hatte. Diese ganzen Informationen wurden ja immer per E-Mail
verschickt. Ich hatte also alles nur noch schlimmer gemacht. Jetzt blieb
eigentlich allein die Flucht nach vorn. Ich musste die Anfrage neu verschicken,
und falls er mich jemals darauf ansprechen würde, würde ich alles auf
irgendwelche Internetprobleme schieben. Nach dem Motto, ich hätte gedacht, die
Anfrage wäre nicht verschickt worden, deswegen hatte ich es noch mal probiert.
Eine gute Lösung. Ich klickte erneut auf den Button zum Versenden der Anfrage
und meldete mich dann bei Facebook ab. Für heute hatte ich mich wirklich genug
blamiert. Vielleicht würde ich ja auch Glück haben, und er würde mich nicht als
Freundin bestätigen, dann würde er auch nicht die zahlreichen peinlichen Fotos
zu sehen bekommen, auf denen meine Freunde mich markiert hatten. Die Hoffnung
starb ja bekanntlich zuletzt. Und überhaupt, wieso machte ich mir eigentlich
Gedanken? Dieser Typ war mir doch total egal. Wirklich. Ehrlich.
Um nicht noch mehr Katastrophen heraufzubeschwören,
beschloss ich, hungrig und leicht angeduselt ins Bett zu gehen und alle Mittel
der modernen Kommunikation auf stumm zu stellen. Morgen würde ich weitersehen.
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Hach das macht doch Lust auf mehr oder? Das Cover ist auch ein absoluter Blickfang und sehr passend. Ich bin schon sehr auf das Buch gespannt, ihr auch?


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