Es ist wieder Lesedealzeit. Heute darf ich euch den Debütroman von der sympatischen Autorin Olivia De Winter vorstellen. ab dem 14.09 soll das ebook dann erhältlich sein und wenige Tage später dann das TB.
WANN
WENN NICHT
JETZT
Kapitel 1
Reinfälle in Serie
In all den
Jahren hatte Vio viele wunderschöne Ecken der Stadt kennengelernt – Frankfurt
wurde da im Allgemeinen völlig unterschätzt –, aber erst vor zwei Jahren hatte
sie ihren absoluten Lieblingsplatz entdeckt: die Maininsel an der Alten Brücke.
Dieses winzige Naturschutzgebiet war nicht öffentlich zugänglich, sondern dem ‚Frankfurter
Ruderverein von 1865’, der sein Vereinshaus auf der Insel hatte, vorbehalten.
Das war sicherlich einer der Gründe, warum Vio gerade hier Mitglied geworden
war und selten eines der Feste des Clubs versäumte.
Mit einer
Weißweinschorle in der Hand stand sie abseits von den anderen, die sich um den
Grill geschart hatten und gierig auf die ersten Würstchen und Steaks warteten.
Von ihrem Lieblingsplatz, einer erhöhten, hölzernen Plattform, aus genoss sie
im Dunklen die Aussicht über den ruhigen Fluss auf den beleuchteten Dom. Der
Anblick war so bezaubernd, dass Vio endlich das morgendliche Genmais-Debakel
und die Auseinandersetzung mit Fackermann aus ihren Gedanken verbannen konnte.
„Diese Insel
muss das schönste Fleckchen Erde in Frankfurt sein“, hörte sie plötzlich eine
Stimme von links.
Vio fuhr
hektisch herum. Bei all der Musik und den Gesprächen hatte sie niemanden
heraufsteigen hören.
„Sorry, ich
wollte dich nicht erschrecken!“ Ein Grinsen blitzte auf. Ein unwiderstehliches
Grinsen, um genau zu sein. Mutmaßlich die Mutter aller unwiderstehlichen
Grinsen. Und es gehörte einem Fremden, dem es ausgesprochen gut stand. „Hi, ich
bin Bene.“
Benedikt van
der Rijk – der Neuzugang, natürlich! Unter den Frauen im Club hatte es seit
Wochen fast kein anderes Thema mehr gegeben. In jedem Gespräch fiel irgendwann
ein Satz wie „Hast du Bene schon kennengelernt?“, „Ach, ich wünschte, ich wäre
zehn Jahre jünger, der wäre genau mein Fall!“ oder „Schade, dass er immer Einer
rudert, so lernt man ihn ja nie richtig kennen.“
Jetzt, wo er
vor ihr stand, konnte Vio die ganze Aufregung sehr gut verstehen. Dieser Bene
sah wirklich verboten gut aus! Mit seinen etwas längeren, von der Sonne
gebleichten Haaren, den blauen Augen und den muskulösen Schultern könnte man
ihn sich auch perfekt auf dem Titelblatt der ‚Men’s Health’ vorstellen.
„Du kannst doch
sprechen, oder?“ Das neckische Grinsen wurde noch eine Spur breiter. Offenbar
war er es gewohnt, dass Frauen in seiner Gegenwart zu Salzsäulen erstarrten. Er
stieg die letzten Sprossen der Leiter zu ihr hinauf und stand nun in seiner
ganzen Größe vor ihr. Sie reichte ihm gerade mal bis zur Schulter, obwohl sie
fast 1,70 m groß war.
„Ach weißt du,
das mache ich den ganzen Tag für Geld. Privat rede ich eigentlich nie.“
Auf Benes Stirn
bildete sich eine Falte, und er sah eindeutig irritiert aus. Ups! Kein Fan von
Ironie.
„Scherz. Ich
bin Vio.“ Lächelnd streckte sie ihm ihre Hand entgegen. Sein Gesicht entspannte
sich, und er nahm ihre Hand.
„Oh, Viola
Hagenstett ... die Frau Moderatorin!“
Wie originell. War ja klar: großartige Optik, nichts dahinter. Aber mit diesem
Grinsen kam der Kerl sicher auch ohne coole Sprüche weit genug, vermutete Vio.
„Die Mädels hier im Club sind alle große Fans von dir“, fügte er hinzu.
Von dir noch
viel mehr, dachte Vio, ließ diesen Gedanken aber lieber unausgesprochen.
„Und jetzt, wo
ich dich endlich kennenlerne, kann ich sie wirklich gut verstehen“, fuhr Bene
fort und ließ seinen Blick mit größter Selbstverständlichkeit an ihr hinunter-
und wieder heraufgleiten. „Wobei ich vermutlich etwas andere
Beurteilungskriterien habe ...“
* * *
„Du hast was???“, Gwens Empörung war weder zu
übersehen noch zu überhören.
„Ein Taxi nach Hause genommen! Ja, ich weiß, das war blöd
...“
Gestern Abend war es Vio noch sehr vernünftig und clever
vorgekommen, Bene nach ein bisschen Geplänkel und einem eher flüchtigen
Gute-Nacht-Kuss auf der romantischen Insel nicht mit nach Hause zu
nehmen. Okay, vielleicht traf ‚vernünftig und clever’ nicht ganz den Kern der
Sache. Sie war wirklich ziemlich außer Übung, was Männer betraf. Ihre letzte
Affäre lag etliche Monate zurück, und ihre letzte richtige Beziehung sogar fast
drei Jahre. Und beides gab wenig Anlass, sich selbstbewusst in das nächste
Abenteuer zu stürzen. Aber immerhin hatte sie Bene ihre Telefonnummer gegeben!
Allerdings hatte er sich bisher noch nicht gemeldet, also war die schnelle
Flucht getreu Großmutters Ratschlag ‚Willst du gelten, mach dich selten!’
wahrscheinlich doch eine Fehlkalkulation gewesen.
„Blöd ist überhaupt kein Ausdruck!“ Gwen war jetzt voll
in Fahrt. „Da hören wir uns seit Monaten – ach, was sag ich, seit Jahren! –
dein Gejammer an, dass es in Frankfurt keine tollen Männer gibt und dann wirft
sich dir dieses Schnittchen direkt in den Weg und du lässt die Chance
vorbeiziehen!“
„Der ruft bestimmt noch an. Und wenn nicht, hast du ja
auch seine Nummer und kannst dich bei ihm melden“, schaltete Gitti sich ein.
Brigitte Graf war Vios älteste Freundin, die sie
praktisch aus Sandkastenzeiten kannte. Und offensichtlich hatte sie keine
Ahnung von Männern. Sie und Bene anrufen, das wäre ja noch schöner!
„Das mache ich ganz bestimmt nicht! So etwas habe ich gar
nicht nötig.“
Gwen und Gitti verdrehten in seltener Einigkeit die
Augen, während Vio mit großer Geste die Bedienung heranwinkte, um eine neue
Runde Sprizz zu ordern. Bei dem schönen Wetter saß das Trio mitten im Trubel
vor dem ‚Sugar’ auf der Berger Straße, das ihre Stammkneipe war, seit Gwen vor
einem guten Jahr ins Nachbarhaus eingezogen war.
„Ach, Leute, ihr wisst doch, dass das nicht funktionieren
würde“, verteidigte Vio sich. „Männer sind Jäger! Wenn die Beute sich ihnen
freiwillig ergibt, langweilt sie das nur.“
„Alternativ kann die Beute natürlich auch allein in ihrem
Designer-Bau sitzen und Wohnzeitschriften lesen. Das ist als
Freizeitbeschäftigung ja total unterschätzt.“
Gitti hatte für Vios Designtick nicht besonders viel
übrig. Sie selbst war Tierärztin im Taunus, Fachgebiet Pferde, und hatte ihre
Praxis und Wohnung auf dem Hof, den sie von ihren Großeltern geerbt hatte.
Einrichtungsmäßig hatte sich da nicht viel getan seit den 70er Jahren. Die
Sachen waren ja schließlich noch 1A in Schuss – zumindest sah Gitti das so.
„Du hast leicht reden! Dein Erik ist dir ja praktisch in
den Schoß gefallen mit seinem kranken Gaul.“
„Das verletzte Springpferd, das ich in vier Wochen
wieder fit hatte! Und danach hätte ich Erik auf jeden Fall angerufen, um ihn
wiederzusehen.“
„Wenn er nicht sowieso sofort mit einem Blumenstrauß und
einer Essenseinladung vor deiner Tür gestanden hätte. Ist klar!“
Gittis Blick verklärte sich augenblicklich. Sie war seit
fast zwei Jahren mit Erik zusammen und verliebt wie am ersten Tag. Außerdem
würde Erik in puncto erstes Date wohl für alle Zeiten ungeschlagen bleiben. Das
Abendessen, zu dem er Gitti eingeladen hatte, war nämlich ein äußerst
formidables Picknick mitten in einem Weinberg im Rheingau gewesen.
„Und du hast mir immer noch keinen seiner Bekannten
vorgestellt“, fuhr Vio fort. „Da wäre sicher jemand Passendes für mich dabei.“
„Schätzchen, du weißt doch, dass ich diese Berater und
Banker nicht ausstehen kann. Erik ist eine Ausnahme, aber der Rest von diesen
Typen ist total öde. So einen willst du nicht, glaub mir das!“
„Das ist doch ein Vorurteil. Da gibt es bestimmt eine
Menge netter Männer. Und so einer würde auch zu mir passen. Was will ich denn
bitte – jetzt nur mal rein hypothetisch – mit so einem jungen Typen wie Bene,
der nur Sport macht und irgendwelchen Marketing-Web-2.0-Kram, von dem ich
nichts verstehe. Darüber brauchen wir also wirklich nicht länger zu reden ...“
„Kann man wenigstens mal ein Foto von dem Kerl sehen? Nur
damit wir wissen, von wem wir hier nicht reden?“, schaltete Gwen sich
wieder ein.
„Klar“, antwortete Vio und zog ihr iPad aus der Tasche.
Natürlich hatte sie Bene schon gestern Nacht ausführlich gegoogelt. Man musste
ja zumindest wissen, wen man da geküsst hatte! Und heute Nachmittag hatte Orna,
die gute Seele des Ruderclubs, Partyfotos vom Vorabend online gestellt.
„Das ist er.“ Sie legte das Gerät auf den Tisch und
begann, das Fotoalbum ‚Ruderclub Party Saisonstart’ durchzublättern. Orna
gehörte offensichtlich zu den Bene-Fans der ersten Stunde, denn er war auf
knapp der Hälfte der Fotos zu sehen.
„Das ist er? Hast du nicht was von ‚ziemlich
gutaussehend’ gesagt? Der Typ ist eine Zehn, wenn du mich fragst!“ Gwen
vergrößerte eine der Aufnahmen so, dass nur noch Benes muskulöser Oberarm zu
sehen war.
„Aber hallo! Den rufst du an – und wenn ich selbst wähle
und dir den Hörer ans Ohr halte“, stimmte Gitti vehement zu. „Blätter mal
weiter!“, ermahnte sie Gwen, die immer noch fasziniert zwischen Benes
Ellenbogen und Schulter hin- und herscrollte.
Optisch einwandfrei, das musste Vio zugeben. Aber
deswegen musste man doch nicht gleich durchdrehen. Inzwischen waren ihre
Freundinnen bei dem besten Foto aus der Reihe angekommen: Bene, der mit einem
Bier in der einen Hand sich mit der anderen die blonden Strähnen aus der Stirn
strich und dabei mit diesem unverschämten Grinsen direkt in die Kamera blickte.
Er sah wirklich wahnsinnig gut aus ... und sehr sexy ... und unglaublich jung
...
„Wie alt ist der denn eigentlich?“, riss Gitti sie aus
ihrer Träumerei. Dafür hatte man wohl Uraltfreundinnen – zwei Seelen, ein
Gedanke.
„Zweiunddreißig. Allein das ist schon ein
Ausschlusskriterium. Damit mache ich mich doch total lächerlich.“
„Ach Quatsch, ältere Frau – jüngerer Mann, das liegt nach
wie vor voll im Trend.“ Gwen konnte beim Thema Promi-Tratsch und -Klatsch kaum
jemand das Wasser reichen.
„Na klar, ich suche mir meine Männer ja auch nach
Trendkriterien aus! Und ‚Cougar’ wollte ich schon immer unbedingt mal sein.“
Vio rollte mit den Augen.
„Jetzt übertreib mal nicht. Dass du bald vierzig wirst,
sieht man dir überhaupt nicht an. Keine Ahnung, warum du damit ein Problem
hast.“ Gwen hatte ein sagenhaftes Talent, die unangenehmsten Dinge nicht in
Vergessenheit geraten zu lassen.
„Kinder, wenn ich nicht sofort etwas zu essen bekomme,
kippe ich um“, wechselte Gitti – die ihren Vierzigsten ohne großes Aufheben
bereits vor einigen Monaten hinter sich gebracht hatte – wenig unauffällig das
Thema. „Kann jemand von hier aus die Tageskarte lesen? Ich brauche dringend
einen Riesenteller Pasta.“
Eigentlich hätte das Ablenkungsmanöver durchaus
funktionieren können, aber genau in diesem Moment erklang ein iPhone-SMS-Ton.
Vio und Gwen griffen gleichzeitig nach ihren Handtaschen, während Gitti sich
entspannt zurücklehnte. Sie selbst hatte ein uraltes Handy und schaltete es
auch fast nie an. Dementsprechend hatte sie keinen Grund, in Hektik zu
verfallen.
„Das war meines“, verkündete Gwen eine Spur mitleidig.
„Wartet mal ... Cool! Carla zieht nach Frankfurt, sie hat einen Job in Mainz ab
nächstem Monat. Ist eine Kollegin von dir, Vio. Die wirst du mögen. Eine
Klassefrau!“
Bevor nähere Informationen zu der ominösen Carla
eingeholt werden konnten, piepte es wieder. Vier Augen richteten sich auf Vio.
„Diesmal war es deines, Herzchen“, erklärte Gwen völlig
unnötig.
Mit leicht zittrigen Fingern griff Vio erneut nach ihrem
Telefon und öffnete die Nachricht.
Hi, schöne Frau, wie wär’s? Wollen wir das gute
Wetter nutzen und morgen eine Runde rudern gehen? 15 Uhr Hand am Boot. Lg, Bene
Vio wurde plötzlich ganz flau im Magen. Er hatte sich
gemeldet! Gut, Rudern war das, was man eben gemeinsam tat, wenn man Mitglied im
selben Ruderclub war. Ein Date sah anders aus. Aber immerhin hatten sie sich
gestern Abend geküsst, und wenn sie daran zurückdachte, bekam sie sofort wieder
weiche Knie. Diese Schultern und diese weiche Haut an der Stelle, wo sie in den
Hals übergingen ... und wie gut er roch, so natürlich und frisch und nach
Abenteuer ...
„Lass sehen, was er schreibt!“ Gitti griff sich das
Handy, während Gwen sich neugierig über den Tisch beugte.
Offensichtlich gab es immer noch Momente, in denen
erwachsene Frauen sich benahmen wie Teenager, selbst wenn sie kurz vor den
Wechseljahren standen, kam es Vio in den Sinn, als sie ihre Freundinnen
betrachtete. Würde das denn nie aufhören?
„Geil! Du hast ein Date mit Mr. Supersexy!“, rief Gwen
begeistert.
„Das ist kein Date. Er will mit mir rudern gehen. Dazu
verabredet man sich, wenn man im selben Club ist“, wiegelte Vio halbherzig ab.
„Ich dachte, die Leute im Club wissen nicht viel von ihm,
weil er immer Einer rudert?“, widersprach Gitti mit unbestechlicher Logik. „Vom
Rudern verstehe ich ja nichts, aber ich gehe mal davon aus, dass man zu zweit
nicht im Einer rudert, oder?“
Um Gottes Willen, mit Bene im Rennzweier! Vio beschlich
die Panik. Bene war, so viel hatte sie seinen Erzählungen und denen der anderen
entnommen, ein extrem guter Ruderer, der in der Vergangenheit haufenweise
Wettbewerbe gewonnen hatte und immer noch regelmäßig an Regatten teilnahm. Sie
selbst war erst seit knapp zwei Jahren dabei und kam inzwischen gut mit dem
allgemeinen Tempo mit, aber von seinem Niveau war sie Lichtjahre entfernt.
„Ich kann unmöglich mit ihm rudern gehen! Dafür bin ich
nicht gut genug!“
„Sei nicht albern. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass
er dich treffen will, weil du der perfekte Ruderpartner bist. Der sucht doch
ganz sicher eine ganz andere Art von Trainingspartner. Alles neu macht der Mai
...“ Gwen grinste anzüglich.
„Jetzt musst du auf jeden Fall erst mal zusagen“,
ergänzte Gitti pragmatisch. „Ich weiß ganz genau, dass du morgen nichts
Besseres vorhast. Also keine dummen Ausreden. Und zur Feier des Tages gönnst du
Hungerhaken dir mal eine Pizza!“
* * *
Als Vio am
nächsten Tag um kurz nach drei im Ruderclub ankam, hatte Bene das Boot schon
ins Fahrtenbuch eingetragen. Er hatte sich für einen Zweier namens ‚Pech und
Schwefel’ entschieden. Na, wenn das kein gutes Omen für ein erstes Date war,
dachte Vio, auch wenn das hier technisch betrachtet gar keines war. Aber nur
nicht zu viel in die Bootsauswahl hineininterpretieren, ermahnte sie sich
sofort. Immerhin gab es ja im Club keinen Zweier namens ‚Pest und Cholera’, den
er alternativ hätte auswählen können.
„Nach vorne,
Schöne“, kommandierte Bene gut gelaunt, als sie das Boot klargemacht hatten.
Als er sah, dass sie widersprechen wollte, fügte er hinzu: „Ich hab den
Obmannschein.“
Großartig, dann
wusste er also auch schon, dass sie die Prüfung vor vier Wochen nicht bestanden
hatte! Dabei war das nur eine Anhäufung von unglücklichen Zufällen gewesen, und
sie konnte das Ganze auch vor Ende des Sommers wiederholen. Es gab also
überhaupt keinen Grund, hier den Profi raushängen zu lassen.
Aber ‚Obmann
sagt an’, das war die Regel, und so setzte sie sich ohne Murren auf den
vorderen Platz im Boot. Auch wenn sie diesen Platz hasste. Denn beim Rudern saß
man ja mit dem Rücken zur Fahrtrichtung, also musste der vorne Sitzende sich
dauernd umdrehen, um zu sehen, ob ein Hindernis kam.
Beim Rudern auf
Bene schauen zu müssen war die Hölle! Nicht, dass sie sein Tempo nicht halten
konnte – er war glücklicherweise nicht im Regatta-Modus unterwegs –, aber
irgendwie brachte der Anblick vor ihr sie dauernd aus dem Takt. Es gab doch
tausend Vorschriften. War da nicht eine dabei, die besagte, dass man keine
Kleidung tragen sollte, die Mannschaftskollegen die Konzentration raubte? Hätte
er nicht irgendein albernes, buntes T-Shirt in XXL tragen können? Aber nein,
der Mann mit dem perfekt durchtrainierten Körper musste natürlich in einem
engen, weißen Shirt antreten, das sein Muskelspiel noch besonders betonte.
‚Rudern trainiert alle Muskelgruppen’ – das war der Satz, der sie zu diesem
Sport geführt hatte, aber das jetzt so deutlich vorgeführt zu bekommen, war
wirklich nicht hilfreich!
„Alles klar bei
dir? Du bist so schweigsam“, erkundigte sich Bene, während er sich umdrehte.
Natürlich ohne aus dem Takt zu kommen.
„Alles
bestens“, gab sie lächelnd zurück – und sah für einen kurzen Moment, wie sich
Benes Augen plötzlich erschrocken weiteten. Sein „Achtung!“ hörte sie noch,
aber dann ging alles ganz schnell: Etwas Hartes erwischte sie schmerzhaft
direkt am Hinterkopf und das Boot kippte.
Das Nächste,
was Vio wahrnahm, war nasse Kälte und eine Lunge voller Wasser. Keuchend
kämpfte sie sich an die Oberfläche des Mains zurück. Vielleicht hätte sie doch
nicht das Kenter-Training schwänzen sollen ... Aber wer konnte schon ernsthaft
damit rechnen, in den Main zu fallen!
In dem Moment
fühlte sie Benes Arm um ihren Oberkörper. Natürlich, so ein Rennzweier war ein
fragiles Ding – wenn einer rausfiel, hatte der Zweite keine Chance, trocken zu
bleiben.
„Ruhig atmen,
schön langsam.“
Vio holte tief
Luft. Ein und aus ... Ein und aus ...
Mit jedem
Atemzug spürte sie deutlicher die Nähe von Bene, der sie umklammerte, während
er mit der anderen Hand das Boot festhielt. Sie sah ihn an. Im Wasser war der
Größenunterschied zwischen ihnen verschwunden und sie waren direkt auf
Augenhöhe. Bene sah ihr ins Gesicht, ohne eine Miene zu verziehen. Zwei, drei
Sekunden verstrichen und Vios Anspannung wuchs ins Unermessliche. Würde er sie
jetzt küssen?
„Alles klar bei
dir?“
Okay, Küssen
war offensichtlich nicht angesagt.
„Ja, geht
schon“, stieß sie nervös hervor. Von ruhigem Atmen war sie fast ebenso weit
entfernt wie direkt nach ihrem Sturz aus dem Boot. Aber Bene schien es gar
nicht zu bemerken.
„Ich fasse es
nicht“, verkündete er fröhlich. „Da gibt es auf der ganzen Strecke bis Oberrad
nur eine einzige Weide, die derart tief über den Main hängt, und genau die
müssen wir treffen.“ Er lachte.
Der Mann hatte
wirklich ein sonniges Gemüt! Aber immerhin hatte er sehr diplomatisch ‚wir’
gesagt, obwohl glasklar war, wen die Schuld an dieser Schwimmeinlage traf.
„So, lass uns
mal das Boot ans Ufer schleppen, damit wir wieder heil hineinkommen. Und dann
ist zurückrudern angesagt.“
Folgsam begann
Vio mit einer Hand am Boot hinter ihm her die kurze Strecke zum Ufer zu
schwimmen. Dabei hoffte sie inständig, dass er mit ‚zurückrudern’ nur das Boot
gemeint hatte.
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UUUUND konnte ich euch nun etwas neugieriger auf das Buch machen? Ich hoffe es doch mal sehr. Zu dem Buch habe ich noch eine kleine Überraschung für euch, dazu aber mehr die Tage auf meinem Blog *zwinker*















