Guten morgen,
Die letzte Kolumne liegt schon wieder ein paar lange Wochen zurück. Es klappt leider nicht immer so, wie ich mir das wünsche mit dem monatlichen Thema. Hier hier kommt mein August Thema zum quasseln. Die Heuchelei des „Schönen Lesens“.
Ich liebe Bücher.
Gerade deshalb macht es mich manchmal stutzig, wie sehr sich das Lesen inzwischen in eine kleine Wohlfühl-Oase verwandelt hat. Alles soll schön aussehen, gemütlich sein, ästhetisch inszeniert werden: Kaffee neben dem aufgeschlagenen Buch, eine kuschelige Decke, Kerzen, Blumen und natürlich ein perfekt arrangiertes Foto. Auch gegen diese kleinen Lesemomente habe ich überhaupt nichts. Im Gegenteil , auch ich liebe sie selbst.
Aber ich frage mich zunehmend, ob wir dabei manchmal vergessen, was Literatur eigentlich kann und darf.
Für mich persönlich muss ein gutes Buch nicht immer schön sein. Es darf mich auch gerne verstören. Es darf mich wütend machen, oder auch traurig zurücklassen oder mir einen Kloß im Hals bescheren. Es darf Fragen aufwerfen, auf die ich keine angenehmen Antworten finde.
Es darf Figuren zeigen, die ich nicht mag, Situationen, die ich kaum ertrage, und Wahrheiten, vor denen ich am liebsten die Augen verschließen würde. Genau darin liegt für mich die große Stärke von Büchern: Sie können uns aus unserer Komfortzone reißen. Sie können uns mit gesellschaftlichen Problemen, menschlichen Abgründen, Gewalt, Einsamkeit, Verlust, Ungerechtigkeit oder moralischen Grauzonen konfrontieren. Sie können uns etwas fühlen lassen, das wir im Alltag vielleicht lieber verdrängen.
Manchmal ist gerade das Buch, das ich am liebsten weglegen würde, dasjenige, das mir am längsten im Kopf bleibt. Das Buch, über das ich noch Tage später nachdenke. Das mich nachts beschäftigt. Das mich zwingt, meine eigenen Vorstellungen zu hinterfragen. Versteht ihr wie ich das ganze denn meine?
Ich möchte Bücher nicht nur lesen, um mich wohlzufühlen. Ich möchte lesen, um etwas zu fühlen. Und ein Gedanke, den ich besonders stark finde:
Ich möchte Bücher nicht danach beurteilen, wie gut sie mir gefallen haben, sondern danach, was sie mit mir gemacht haben.
Denn manchmal ist mein Lieblingsbuch nicht das Buch, das mir die schönsten Stunden geschenkt hat. Es ist das Buch, das mir eine Stunde lang den Boden unter den Füßen weggezogen hat – und mich danach anders auf die Welt schauen ließ.
Ich liebe das schöne Lesen. Aber ich liebe noch viel mehr das echte Lesen und das darf manchmal verdammt noch mal auch weh tun.

Hey Sheena,
AntwortenLöschenein toller Text!
Stimme zu.
Zum einen ist mein Leseumfeld eigentlich nie besonders hübsch arrangiert (wer das macht und braucht soll das bitte machen, das würde ich nie kritisieren, liegt ja bei jedem selbst), ich liege meist irgendwo rum und lese einfach, manchmal, bei Still Beating oder You First (allgemein die You-Reihe), saß ich auch irgendwo rum und habe jede mögliche Minute genutzt um weiterzulesen. Ich hätte auch im Gehen gelesen, hätte ich das irgendwie hinbekommen.
Zweitens: genau so ist es, auch mit beiden eben genannten Büchern, (und auch noch mit z.B. Terminal Boredom, dem dritten von mir genannten bei Bestbewertung aber auch Abendrot, komischerweise habe ich das gelesen und direkt auch noch gehört)– es sind keine Wohlfühlbücher.
Aber das mag bei anderen anders sein, vielleicht möchte jemand beim Lesen einfach ein gutes Gefühl vermittelt bekommen, was okay ist.
Es sind bei mir nur eher Bücher mit mehreren Ebenen, und die sind oft nicht im klassischen Sinn schön.
Und dennoch verweilen gerade diese Geschichten noch lange in meinem Kopf.
Manchmal möchte ich auch bewusst eher seichte Unterhaltung, ich bin dann vielleicht in einer Phase, wo ich sensibler bin oder so und dann lese oder höre ich eben eher leichte Kost (wenn ich es denn abschätzen kann, meist lese ich einfach drauf los).
Es gibt aber Dinge, die ich nicht so gut abkann, mir fällt gerade spontan ein Film ein, In meinem Himmel (The lovely Bones, habe das Buch aber nicht gelesen).
Wenn irgendwas schlimmes mit Kindern ist, kann ich das nicht.
Also ja, 'es ist das Buch, das mir eine Stunde lang den Boden unter den Füßen weggezogen hat', passt gut zu meinen Leseerlebnissen.
Oder 'mich danach anders auf die Welt schauen ließ'. Unterschreibe ich so.
Ich erwarte das aber nicht von jedem Buch, meist passiert es, ohne dass ich es vorher weiß oder erwarte und das ist nochmal die Kirsche auf der Torte:)
Liebe Grüße,
Silver
LöschenIch habe auch nicht immer Lust und Zeit mein Leseumfeld (meistens für Fotos) dann besonders hübsch arrangieren. Wenn ich kurz bei Insta oder Bluesky ein neues Buch zeige, das ich lese, steht oft nur ein Getränk dabei, ab und an im Herbst / Winter auch eine Kerze, aber meistens vergesse ich diese.
Danke für deine ausführliche Meinung Silver.
Liebe Grüße
Ah, diese Arrangements hatte ich gar nicht im Kopf, lol :D
LöschenIch präsentiere sie ja auch recht 'lieblos' aber es soll sich ja auch auf das Buch konzentriert werden.
Ich finde es nicht schlimm das so zu inszenieren, mich beeindruckt, wie immer neue Spots dafür gefunden werden, was sich da für Mühe gegeben wird.
Aber sowas braucht es für mich nicht, ich sehe ein Buch dadurch nicht mit anderen Augen.
Ich glaube, das macht einfach Spaß alles herzurichten, vielleicht auch gerade bei Büchern, die man besonders mochte.
Ich bleibe aber bei meinem 'stumpfen' zeigen vom Cover:)
du bringst es treffend auf den Punkt
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