Die Zeit sie vergeht sooo schnell und schon ist er da, der dritte Advent und heute hat die fabelhafte Autorin Manuela Inusa eine feine Geschichte für euch dabei:
Weihnachtsplätzchen
Gestern
habe ich versucht zu backen. Nachdem mein 15-jähriger Sohn Jason sich die ganze
Zeit darüber beklagt, dass wir nur Supermarkt-Gebäck im Haus haben, habe ich
mir ein Backbuch geschnappt. Das kann ja nicht so schwer sein, dachte ich. Ich
staubte also das Backbuch ab, wobei ich beinahe erstickt wäre und erst mal
volle fünf Minuten brauchte, um mich wieder einzukriegen, wonach ich eigentlich
schon gar keine Lust mehr hatte auf Backen. Dann suchte ich ein Rezept für
Weihnachtskekse heraus. Die ganz einfachen, da konnte man ja wohl nicht viel
verkehrt machen.
Ich hatte mich mal wieder geirrt. Denn nachdem ich aus dem
wahrscheinlich viel zu dünn ausgerollten Teig hübsche kleine Sterne und
Tannenbäume ausgestochen hatte, die jedes Mal wieder kaputtgingen, als ich sie
vom Boden lösen und auf das Backblech legen wollte, bekam ich schon einen
kleinen Nervenzusammenbruch. Scheißegal, dachte ich, dann sind es halt etwas
schiefe Bäume und Sterne mit nur drei Zacken, wen stört es schon, solange sie
nur gut schmecken?
Ich schob das Blech in den Ofen. Ich wartete. Das Warten fand
ich schrecklich. Da tat sich nichts. Die Plätzchen sahen auch nach fünf Minuten
noch genauso aus wie am Anfang. Ich stellte also den Herd hoch auf 200 Grad und
ging die Wäsche aufhängen. Dabei stellte ich mir vor, wie ich am Abend meinem
Mann und meinem Sohn einen Teller mit dem köstlichen Weihnachtsgebäck
hinstellen würde. Die würden aber staunen. Das Strahlen in ihren Augen … Moment
mal! Was war das? Ich schnupperte.
»Oh nein, die Plätzchen!«, rief ich und lief in die Küche, aus
der mir schon im Flur der Qualm entgegenkam.
Und wieso funktionierte der Rauchmelder nicht, der sonst
schon beim Dampf vom Nudelkochen laut lospiepte?
So ein Mist! Die schönen – okay, ich geb´s ja zu, die nicht
so schönen – Plätzchen waren nur noch schwarze Klumpen, die höllisch stanken.
Ich riss den Backofen auf und nahm das Blech mitsamt den schwarzverbrannten
Keksen heraus. Da ich von dem Gestank der Ohnmacht nahe war, öffnete ich, ohne
groß zu überlegen, das Küchenfenster und schüttete das Backblech komplett aus.
»Hilfe! Attacke!«, kam sofort von unten.
Ich traute gar nicht, hinunter zu sehen, denn ich hatte
natürlich die Stimme der Meckerziege des Hauses – Frau Schniegelbeck – erkannt.
Vorsichtig lehnte ich mich aus dem Fenster.
»Oh, Frau Schniegelbeck. Habe ich Sie getroffen? Das tut mir schrecklich leid.«
In Wirklichkeit tat es mir überhaupt nicht leid. Die Schnepfe
mit den schrecklichen falschen Haaren hatte es mehr als jede andere verdient.
Ständig beschwerte sie sich über irgendwas, motzte an allem rum und hatte mich
in den 16 Jahren, die ich jetzt in diesem Haus wohnte, nicht einmal freundlich
angelächelt. Aber immer schön höflich bleiben.
»Frau Müller, wieso bewerfen Sie mich denn mit Holzkohlen?«,
rief sie empört hinauf.
»Das sind keine Holzkohlen, sondern Weihnachtsplätzchen«,
klärte ich sie auf.
»Na, da sollte Ihnen aber mal jemand einen Back-Kurs zu Weihnachten
schenken!«
»Und Ihnen sollte mal jemand eine anständige Perücke schenken!«,
schrie ich sauer zurück.
»Also, so was, Sie werden noch von mir hören…«, rief Frau
Schniegelbeck noch, doch ich hörte den Rest nicht mehr, da ich bereits schrill
lachend ins Badezimmer gelaufen war.
Ich konnte nicht mehr, mein Bauch tat schon richtig weh.
Endlich hatte ich es der blöden Kuh gegeben!
Plötzlich piepte es. Na toll, jetzt ging der blöde
Rauchmelder doch noch an. Ich rannte in den Flur und versuchte hochzuspringen
und diesen verdammten Knopf zu erwischen. Doch ich bin nur 1,57 m groß, das
sagt ja wohl alles. Die Haustür ging auf und Jason stand da, mich fragend
ansehend, während ich noch immer auf und ab sprang wie ein kleiner Hobbit.
»Mama, was in aller Welt machst du da?«
»Bist du schwerhörig? Der Rauchmelder ist angegangen und ich
versuche ihn auszuschalten. Heb mich mal hoch, dann kann ich endlich den Knopf
drücken.«
Jason sah mich an, als hätte ich nicht alle Tassen im
Schrank. »Mama! Willst du, dass ich einen Leistenbruch erleide, oder was? Du
hast ganz schön zugenommen dieses Jahr. Alter, da wird man ja ganz wahnsinnig
bei diesem Lärm!«
Er lief in die Kammer und holte den Besen. Im nächsten Moment
hatte er schon mit dem Stiel auf den Knopf gedrückt und das kaum mehr
auszuhaltende Geräusch zum Schweigen gebracht. Wieso war ich nicht darauf
gekommen? Ich sah Jason dankbar an, doch dann fiel mir wieder ein, was er
gesagt hatte. Ich sei dick geworden. Er hatte ja recht. Aber so kurz vor
Weihnachten würde ich ganz bestimmt keine Diät anfangen, soweit kam es noch!
Ich würde bestimmt nicht auf die Gans, die Preiselbeersoße und meine geliebten
Lebkuchen verzichten.
Ich wollte Weihnachten genießen. Und die Sache mit Frau Schniegelbeck war doch
schon mal ein guter Anfang.
Ich war noch den ganzen Nachmittag vom Glück beseelt. Ich war
richtig guter Laune. Doch das änderte sich schlagartig, als es an der Tür
klingelte und Jason kurz darauf rief: »Mama, du solltest mal herkommen!
Dringend!«
Die Polizei stand an der Tür. »Sind Sie Frau Müller?«
»Ja, das bin ich. Was kann ich für Sie tun?«, fragte ich
ängstlich. Mir schwante schon Schlimmes.
»Eine Frau Schniegelbeck hat uns gerufen, weil Sie sie angeblich mit Holzkohlen
beschmissen und dabei schwer an der Stirn verletzt haben. Was haben Sie dazu zu
sagen?«
»Ich habe nicht mit Holzkohlen geschmissen«, versuchte ich
mich zu verteidigen.
»Sieht aber ganz danach aus«, sagte einer der Polizisten, der
große, starke, gutaussehende. Er betrachtete ein schwarzes Etwas in seiner Hand
und hielt es mir demonstrativ hin.
»Das ist keine Kohle, das ist ein Weihnachtsplätzchen«, sagte
ich.
Die beiden Polizisten sahen sich verwirrt an, dann fingen sie
an zu lachen.
»Das soll ein Weihnachtsplätzchen sein?«, fragte mich der
nicht so gutaussehende Polizist schmunzelnd.
»Ja, genau.« Oh Gott, war das peinlich.
»Wo gibt`s denn solche Weihnachtsplätzchen? In der Hölle?« Er
lachte wieder und der andere stimmte mit ein. Inzwischen fand ich den gar nicht
mehr so attraktiv.
»Nein, nicht in der Hölle«, ich versuchte ruhig zu bleiben.
»Ich habe sie nur leider etwas verbrennen lassen.«
»Und dann dachten Sie, sie wären eine gute Waffe, um damit
ihre verhasste Nachbarin zu attackieren?«
Allmählich wurde es mir zu dumm. »Ich habe Frau Schniegelbeck doch gar nicht
attackiert. Ich wusste nicht wohin mit den heißen Plätzchen, und da habe ich
sie kurzerhand aus dem Fenster gekippt. Ich gebe zu, das war vielleicht etwas
unbedacht. Aber ich schwöre, ich hatte keine Ahnung, dass Frau Schniegelbeck
gerade in dem Moment unten längsging.«
»Also, ich glaube Ihnen. Wir haben vorhin mit Frau Schniegelbeck
gesprochen. Sie ist natürlich sehr aufgebracht und erwartet eine
Entschuldigung, aber wir werden es ihr wohl ausreden können, Anzeige gegen Sie
zu erstatten.«
»Ja, natürlich werde ich mich gleich bei ihr entschuldigen.
Es tut mir wirklich leid.«
Der Gutaussehende beugte sich zu mir herunter und flüsterte:
»Und ehrlich gesagt hat sie eine Holzkohlenattacke vielleicht sogar verdient,
so wie die drauf ist.«
Was? Hatte ich richtig gehört? So was von einem Polizisten?
»Es war doch aber gar keine Holzkohle«, sagte ich jetzt etwas
lauter als beabsichtigt.
Die Polizisten sahen einander an und nickten gütig, so als
hätten sie es gerade mit einem Kind zu tun, von dem sie ganz genau wussten, es
hatte den Lolli gestohlen, obwohl es das leugnete, sie aber gnädiger Weise ein
Auge zudrückten.
Ich hatte jetzt die Nase voll. Sollten die doch glauben, was
sie wollten. »Also, war das dann alles?«, fragte ich hoffnungsvoll.
»Ja«, sagte der nicht so gut Aussehende und tippte sich an
die Mütze. »Wir wünschen Ihnen schöne Feiertage.«
Ich verabschiedete mich und schloss die Tür, konnte aber noch
genau hören, was einer der Polizisten zum anderen sagte, da es im Treppenhaus
sehr hallte. »Also, wenn das wirklich Plätzchen sein sollen, dann ist eine
Anzeige von der Tante da unten noch ihr kleinstes Problem.«
»Ja«, stimmte der andere ihm zu. »Der arme Ehemann. Wenn sie
überhaupt einen hat.«
»Ich glaube, mit solchen Backkünsten hätte sie längst den verständnisvollsten
Mann vergrault…«
Das wurde mir echt zu viel, ich ging in mein Zimmer, verkroch mich unter der
Bettdecke und versteckte mich vor der Welt. Sollte Jason doch weiter seine
Supermarkt-Plätzchen essen!
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