Daniels
Blut.
Schlagartig
wurde ihr klar, dass sie dieses Kleid mit Sicherheit niemals wieder tragen
würde. Sie packte das nasse Stoffknäul, hastete in die Küche und stopfte es
wütend in den Mülleimer unter der Spüle.
Nachdem
sie sich etwas beruhigt hatte, holte sie den Sonnenanhänger und die Rock ́Zone
Demo-CD aus ihrer Tasche und ging zurück ins Wohnzimmer, wo ihr Kater noch
immer auf der Truhe hockte und gebannt zum Fenster hinaus sah. Elizabeth legte
die CD ein und wählte Titel zwei. Nein, das war nicht der Song, den sie hören
wollte. Also versuchte sie es mit Titel fünf. Schon am ersten Takt erkannte sie
die Ballade, die Daniel geschrieben und auch selbst gesungen hatte. Sie setzte
den Song auf Endlosschleife, dann ließ sie sich im Schneidersitz auf dem Sofa
nieder und wickelte sich in ihre alte Häkeldecke. Die Hände in ihrem Schoß
spielten mit dem silbernen Amulett, während sie Daniels Ballade immer und immer
wieder hörte. Irgendwann war Beckett doch auf die Couch gesprungen und lag nun
an ihr Bein gekuschelt neben ihr, seine runden, gelben Augen nach wie vor starr
auf die Fensterscheibe geheftet.
Nicht nur
der Song, auch Elizabeths Gedanken waren in einer Endlosschleife gefangen.
Immer und immer wieder spielte sich der vorletzte Abend vor ihrem geistigen
Auge ab. Wenn sie nicht in den Club gegangen wäre, oder wenn sie ihn früher
verlassen hätten ... wenn sie gleich zum Taxistand gegangen und nicht stehen
geblieben wären. Wenn, wenn, wenn ... So viele Möglichkeiten, die alle dazu
geführt hätten, dass Daniel noch am Leben wäre.
Elizabeth
schüttelte frustriert den Kopf. Was hatte das Schicksal sich nur dabei gedacht,
sie diesen umwerfenden Mann finden zu lassen, nur um ihn ihr sofort wieder zu
nehmen? Als wollte das Universum einen grausamen Scherz mit ihr treiben und
höhnisch sagen: Hier ist der Eine unter einer Million. Der Prinz, auf den du
immer gewartet hast. Sieh ihn dir gut an, denn haben kannst du ihn leider
nicht.
„Ich
wünschte, ich hätte dich früher kennengelernt, Danny“, seufzte sie.
Ja, das
wünschte ich mir auch ...“, hörte sie ein antwortendes Seufzen. Elizabeth
zuckte heftig zusammen und hob den Kopf. Ihr blieb fast das Herz stehen. Mit um die
Brust geschlungenen Armen stand er am Fenster und blickte hinaus in die Dunkelheit.
Sie konnte ihn so deutlich sehen, wie sie noch vor einer Stunde Vivian in
diesem Raum gesehen hatte. Er sah genauso aus wie vor zwei Tagen: Jeans,
darüber ein weißes Hemd mit bis zu den Ellenbogen hochgekrempelten Ärmeln,
unordentliche Haare, die ihm in die Stirn fielen. Sein Gesichtsausdruck war
finster, und er wirkte seltsam verloren. Mit großen
Augen und offenem Mund starrte Elizabeth die Erscheinung an. Sie verlor
eindeutig den Verstand! Wenn sie Glück hatte, war es kein permanenter Zustand,
sondern hatte etwas mit ihrer Gehirnerschütterung zu tun. Gleich morgen würde
sie ihren Arzt anrufen und nachfragen, ob Halluzinationen zum Krankheitsbild
gehörten oder ob sie sich ernsthaft Sorgen machen musste. Sie
blinzelte mehrere Male, aber auch das änderte nichts. Nach wie vor sah sie
Daniel Mason am Fenster stehen.Sie hatte nicht bemerkt, dass sie vergessen
hatte zu atmen. Geräuschvoll sog sie die Luft durch ihre Zähne ein. Die
Daniel-Halluzination drehte den Kopf und blickte sie traurig an. Doch plötzlich
weiteten sich seine Augen, und sein düsterer Gesichtsausdruck hellte sich
schlagartig auf, als ihn die Erkenntnis zu treffen schien, dass sie seinen
Blick erwiderte. Von einem Wimpernschlag zum nächsten stand er über sie
gebeugt, das Gesicht nur eine halbe Armlänge von ihrem entfernt. Elizabeth
zuckte jäh zurück, und Beckett sprang wie vom wilden Affen gebissen von der
Couch und machte sich davon.„
Du kannst
mich sehen, nicht wahr?“ Daniels grüne Augen leuchteten hoffnungsvoll. „Bitte
sag, dass es so ist.“
Mit noch
immer offenen Mund nickte Elizabeth. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein. Du
kannst nicht hier sein. Das ist ganz und gar unmöglich ... Ich halluziniere nur
...“
„Liz ...
Liz, beruhige dich. Ich bin es wirklich. Hab keine Angst.“ Daniel ging vor ihr
in die Knie und hob beschwichtigend die Hände.
Elizabeth
schüttelte den Kopf jetzt so heftig, dass ihr die Decke von den Schultern
rutschte. „Vielleicht träume ich auch nur. Ja, genau, ich bin auf der Couch
eingeschlafen und das ist nichts weiter als ein Traum.“
„Das ist
kein Traum, Liz. Auch wenn ich wünschte, das Ganze wäre nur ein Alptraum, aus
dem ich einfach erwachen könnte.“
„Das ...
ich verstehe das nicht ... ich meine ... wie?“„Bitte
glaub mir, Liz. Ich bin es wirklich. Bis eben konnte mich kein Mensch sehen
oder hören. Aber du kannst es jetzt!“ Er lachte erleichtert auf. „Gott, es tut
so gut, gesehen zu werden!“
„Aber ... wie?“,
wiederholte Elizabeth noch immer völlig verstört.
„Ich habe
nicht den leisesten Schimmer. Aber es ist großartig!“
Elizabeth
zwang sich aus ihrer Starre und hob zögerlich eine Hand an Daniels Gesicht.
Ihre
Fingerspitzen
glitten geradewegs durch seine Wange. Alles, was sie spürte, war Kälte und ein
Kribbeln, als ob ihre Finger eingeschlafen wären. Hastig zog sie ihre Hand
zurück. „Wie ist das nur möglich?“ Ungläubig betrachtete sie ihre Finger, wie
um sicherzustellen, dass noch alle dran waren.
Ratlos hob
Daniel die Schultern. „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und ...“
„Ja,
danke. Ich kenne Hamlet“, fiel Elizabeth ihm forsch ins Wort.
„Darauf
wette ich“, erwiderte er mit einem vielsagenden Blick auf ihre beiden
vollgestopften
Bücherregale.
„Nein.
Nein, das kann nicht sein.“ Sie schüttelte den Kopf, wie um sich selbst zur
Vernunft zu bringen. „Das
ist doch Irrsinn. So etwas wie Geister gibt es nicht.“
Die
Daniel-Halluzination schnaubte. „Ja, der Überzeugung war ich bis vor Kurzem
auch.“ Er erhob sich
aus der Hocke und setzte sich in den Sessel neben der Couch, ganz vorsichtig,
als wäre er nicht sicher, ob das Möbelstück sein Gewicht auch wirklich tragen
würde.
„Warum
bist du hier? Warum bist du nicht ...“ Mit einer vagen Geste deutete Elizabeth
Richtung Zimmerdecke.
„Ich weiß
es nicht“, seufzte Daniel. „Ich denke, ich war einfach noch nicht bereit
loszulassen, als ich ...“, jetzt machte er eine unbestimmte Handbewegung und
seufzte erneut. „Wie du gestern richtig festgestellt hast: Es war einfach nicht
fair. Nicht jetzt und nicht so.“
Elizabeth
erinnerte sich genau daran, wann und wo sie das gesagt hatte. Und sie erinnerte
sich auch an die undeutliche Gestalt eines Mannes in ihrem Zimmer. „Du warst
da. Im Krankenhaus.“ Die ganze Zeit? Diese Vorstellung war ihr mehr als
unangenehm.
„Ich war
die meiste Zeit über in deiner Nähe, seit ...“ Wieder diese unbestimmte Geste.
Es schien ihm ebenso schwerzufallen wie ihr, manche Worte laut auszusprechen. Langsam,
mit wackeligen Beinen, erhob sich Elizabeth. Daniel tat
es ihr sofort gleich. „Was ist? Wohin gehst du?“
„Ich
brauche jetzt unbedingt etwas zu trinken“, erklärte sie und ging in die Küche,
um sich einen
großzügigen Wodka-Martini zu mixen.
Daniel
folgte ihr und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen. „Ich
bin mir ja nicht
sicher, ob du in deinem Zustand Alkohol trinken solltest, Liz“, bemerkte er mit
einer kritisch hochgezogenen Augenbraue. „Ich meine, mit deiner
Gehirnerschütterung und allem.“
„Oh doch!“
Sie nickte energisch. „Glaub mir, in meinem momentanen Zustand sollte ich sogar
ganz dringend Alkohol trinken. Ansonsten könnte es nämlich passieren,
dass ich in den nächsten Minuten laut schreiend auf die Straße renne. Cheers!“
Sie leerte das Glas in einem Zug und füllte es umgehend nach.
Ausgerüstet
mit dem zweiten Wodka-Martini machte Elizabeth sich auf den Weg zurück ins
Wohnzimmer, wo sie sich auf ihren gewohnten Platz niederließ, an ihrem Drink
nippte und Daniel dabei beobachtete, wie er sich wieder ganz sachte in den
Sessel setzte.
„Warum
tust du das?“ fragte sie zögerlich über das Glas hinweg.
„Warum tu
ich was?“
„Du setzt
dich wie auf rohe Eier.“
„Oh. Das.
Naja ... Am Anfang hatte ich Probleme mich hinzusetzten oder auch nur irgendwo
anzulehnen.
Ich hatte irgendwie keinen ... Halt. Aber wenn ich genau darauf achte, was ich
tue, funktioniert es ganz gut.“ Er lehnte sich nach vorne und studierte
Elizabeth eingehend. Sein intensiver Blick verursachte ein Prickeln an ihrem
Haaransatz. „Weißt du, du wirkst erstaunlich gefasst. Ich bin sicher, die
meisten Leute würden nicht so gelassen reagieren, wenn ihnen gerade ein ... ein
Geist begegnet wäre.“
„Das
täuscht“, entgegnete sie und nahm noch einen Schluck. „Wahrscheinlich wirkt der
Schock noch nach. Außerdem bin ich noch immer nicht überzeugt, dass ich nicht
doch träume ... oder einen Hirnschaden davongetragen habe.“ Diese Erklärungen
würden auf jeden Fall mehr Sinn ergeben. Sie glaubte doch nicht an Geister,
Himmel noch mal!
Aber er
wirkte so real. Sie konnte sogar Einzelheiten erkennen, die ihr vor zwei Tagen
im trüben Licht des Clubs und in der Gasse entgangen waren. Wie zum Beispiel
die kleine blasse Narbe an seinem Kinn oder die versprengten Sommersprossen auf
seiner Nase und den Wangen. Oder das Loch im rechten Ohrläppchen, wo er früher
wohl einen Ohrring getragen hatte. Und wie er sich bewegte, was er sagte, und
die Art, wie er sie ansah. All diese Details konnte sie sich doch nicht
einbilden!
„Du
träumst nicht“, sagte Daniel. „Und soweit ich das beurteilen kann, geht es
deinem Kopf schon wieder ganz gut.“
Er lehnte
sich langsam im Sessel zurück und zeigte mit dem Daumen auf die Stereoanlage,
die noch immer die Ballade in Endlosschleife abspielte. „Ich freue mich
wirklich, dass dir der Song gefällt. Aber ist dir aufgefallen, dass sich auf
der CD noch etwa fünfzehn weitere Titel befinden?“ Just in diesem Augenblick
sprang die CD auf den nächsten Track.
„Hast du
... warst du das?“, fragte Elizabeth perplex.
„Keine
Ahnung. Sieht fast so aus.“ Daniel war scheinbar nicht weniger verblüfft.
„Versuch
es noch mal“, schlug sie vor und sah gespannt zwischen Daniel und der
Stereoanlage hin und
her. Er schloss die Augen und konzentrierte sich sichtlich. Die CD sprang
erneut einen Track weiter. Dann wurde die Musik lauter und anschließend wieder
leiser.
„Nett. Du
kommst mit eingebauter Fernbedienung. Wie praktisch“, kicherte Elizabeth. Ihr
erstes Lachen in zwei Tagen. Erschrocken über ihren Ausbruch guter Laune hob
sie verlegen das Glas an die Lippen.
Daniel
grinste sie an, fast ein wenig selbstgerecht, wie sie fand. Er schloss erneut
die Augen und der Fernseher ging an. Dann flackerte die Leselampe neben dem
Sessel, und der Fernseher schaltete sich wieder aus. „Es scheint mit allen
elektrischen Geräten zu funktionieren.“
„Vielleicht
hat es ja damit etwas zu tun, dass du selbst auch eine Art von Energie bist“,
dachte Elizabeth laut nach.
„Gut
möglich. Mann, ich wünschte wirklich, ich hätte ein Handbuch mitgeliefert
bekommen! Du kennst nicht zufällig jemanden, der sich auf dem Gebiet des
Paranormalen auskennt?“
„Tut mir
leid, nein, aber ich kann gerne mal in den Gelben Seiten nachschauen.“
„Oder wie
wär ́s mit googeln? Ich habe gehört, dass du damit recht erfolgreich bist.“
Ups.
Natürlich war er auch hier gewesen, als sie Vivian die ganze Geschichte
ihres
Kennenlernens
erzählt hatte. „Daniel, ich ...“, begann sie betreten. „Keine
Sorge, Liz. Das war mir auch vorher schon klar. Du bist nämlich eine lausige
Lügneri falls dir
das noch niemand gesagt hat.“
Sie
runzelte die Stirn. Er hatte die ganze Zeit gewusst, dass sie log? Wenn sie so
leicht zu
durchschauen
gewesen war, warum hatte er dann trotzdem den Abend mit ihr verbracht?
„Und
außerdem“, sagte Daniel, „bin ich wirklich froh, dass du so hartnäckig warst.
Es wäre
nämlich
eine Schande gewesen, dich nicht gekannt zu haben.“
Ihre
Unterhaltung hatte einen so natürlichen und leichten Ton angenommen, dass
Elizabeth beinahe die Umstände vergessen hätte, wegen derer sie hier zusammensaßen. Daniels letzter Satz brachte ihr den Irrwitz der Situationschlagartig zurück ins Bewusstsein. Wenn sie tatsächlich weder
träumte noch halluzinierte und er wirklich real war, dann hatte sie eine Menge
Fragen an ihn.
„Darf ich
dich etwas fragen?“ Ihr Blick war auf das leere Glas in ihren Händen geheftet. „Wie
war es? Zu ... zu sterben, meine ich.“
Daniel
seufzte und antwortete nicht sofort. Schließlich erwiderte er fast flüsternd: „Ich
kann es nicht genau beschreiben. Da war Schmerz. Und Kälte. Und da warst du.
Die Welt schien sich auf deine Stimme und deine braunen Augen zu reduzieren.
Und am Ende war da nur noch deine Stimme in der Finsternis, die mich anflehte,
nicht aufzugeben und bei dir zu bleiben.“
Er erhob
sich und begann im Zimmer auf und ab zu wandern. Es war ihm deutlich anzusehen,
dass er nach den richtigen Worten suchte. „Und dann kam der Moment“, fuhr er
nach einer Weile fort, „an dem ich mich entscheiden musste.“ Er stutzte und
neigte den Kopf zur Seite. „Nein, das ist nicht ganz richtig. Es war keine
bewusste Entscheidung. Vielmehr hatte ich die Chance, alles hinter mir zu
lassen, einfach loszulassen. Es wäre ganz einfach gewesen, ganz natürlich.
Aber ich konnte nicht. Ich wollte dich nicht ... enttäuschen, denke ich. Ich
wollte nicht aufgeben. Und außerdem war ich so wütend! Wütend auf die Kerle,
die uns angegriffen haben, und wütend, weil ich nicht wusste, wer sie waren und
wieso sie es taten.“ Sein schiefes Grinsen blitze kurz auf. „Da kam wohl wieder
der Polizist in mir durch, was?“ Ernster sagte er dann: „Auf jeden Fall scheine
ich die Gelegenheit verpasst zu haben weiterzuziehen.“
„Und
bereust du es? Nicht gegangen zu sein, als du die Chance hattest?“ Jetzt sah
Elizabeth ihm in die Augen.
Daniel
erwiderte ihren Blick und schüttelte leicht den Kopf. „Nein, jetzt nicht mehr.“
Als sie fragend die Augenbrauen hob, erklärte er: „Bis heute Abend konnte mich
niemand sehen oder hören. Du nicht und auch sonst niemand. Du hast keine
Vorstellung davon, wie unglaublich frustrierend
das war. Wie ich schon sagte, blieb ich die meiste Zeit in deiner Nähe, aber
ich war auch bei meiner Familie und bei Freunden. Und ich war bei Tony und in
der Pathologie, um zu sehen, wie weit sie mit den Ermittlungen sind. Aber ich
konnte mit niemanden in Kontakt treten.“ Daniel stockte, als er
Elizabeths bestürzten Gesichtsausdruck bemerkte. „Was hast du? Bist du ok?“
„Du warst
in der Pathologie? Um was zu tun? Bei deiner eigenen Obduktion zuzusehen?!“
Gleichgültig hob Daniel die Schultern. „Ich war zu spät. Sie waren schon
fertig.“
Ein
Schauder durchlief Elizabeth. Das war eindeutig die surrealste Unterhaltung,
die sie je geführt
hatte. Gleichzeitig war es der endgültige Beweis, dass sie weder träumte noch
halluzinierte. So etwas konnte sie sich, Gehirnerschütterung hin oder her, ganz
sicher nicht selbst ausdenken.
„Alles in
Ordnung?“ Daniel sah sie prüfend an, und erst, als sie relativ gefasst nickte,
fuhr er fort: „Also jedenfalls konnte ich, so sehr ich mich auch anstrengte,
nirgends auch nur das Geringste ausrichten, und ich hatte das Gefühl bald
durchzudrehen.“
„Das
Gefühl kenne ich gut“, murmelte Elizabeth. Lauter sagte sie: „Aber warum ich?
Warum bin ich die Einzige, die dich sieht?“ Stirnrunzelnd hielt sie inne. „Bist
du dir überhaupt sicher, dass ich die Einzige bin? Ich meine, vielleicht hat
sich ja was Grundlegendes an deiner ... deiner Beschaffenheit geändert und
jeder kann dich jetzt sehen.“
Daniel
blickte auf. „Vielleicht hast du recht ...“ Und mit einem Flirren, das an eine
durch Regentropfen gestörte Wasseroberfläche erinnerte, verschwand er. Sobald
sie die Tür hinter Vivian geschlossen hatte, holte Elizabeth das Kleid, das sie
vor zwei Nächten getragen hatte, aus der Plastiktüte und brachte es ins
Badezimmer. Sie hielt es unter den laufenden Wasserhahn und beobachtete, wie
das Blut aus dem Stoff gewaschen wurde und in einem wirbelnden Sog im Abfluss
verschwand.
Daniels
Blut.
Schlagartig
wurde ihr klar, dass sie dieses Kleid mit Sicherheit niemals wieder tragen würde.
Sie packte das nasse Stoffknäul, hastete in die Küche und stopfte es wütend in
den Mülleimer unter der Spüle.
Nachdem sie sich etwas beruhigt hatte, holte sie den Sonnenanhänger und
die Rock ́Zone Demo-CD aus ihrer Tasche und ging zurück ins Wohnzimmer, wo ihr
Kater noch immer auf der Truhe
hockte und gebannt zum Fenster hinaus sah. Elizabeth legte die CD ein und
wählte Titel zwei. Nein, das war nicht der Song, den sie hören wollte. Also
versuchte sie es mit Titel fünf. Schon am ersten Takt erkannte sie die Ballade,
die Daniel geschrieben und auch selbst gesungen hatte. Sie setzte den Song auf
Endlosschleife, dann ließ sie sich im Schneidersitz auf dem Sofa nieder und
wickelte sich in ihre alte Häkeldecke. Die Hände in ihrem Schoß spielten mit
dem silbernen Amulett, während sie Daniels Ballade immer und immer wieder
hörte. Irgendwann war Beckett doch auf die Couch gesprungen und lag nun an ihr
Bein gekuschelt neben ihr, seine runden, gelben Augen nach wie vor starr auf
die Fensterscheibe geheftet.
Nicht nur
der Song, auch Elizabeths Gedanken waren in einer Endlosschleife gefangen.
Immer und immer wieder spielte sich der vorletzte Abend vor ihrem geistigen
Auge ab. Wenn sie nicht in den Club gegangen wäre, oder wenn sie ihn früher
verlassen hätten ... wenn sie gleich zum Taxistand gegangen und nicht stehen
geblieben wären. Wenn, wenn, wenn ... So viele Möglichkeiten, die alle dazu
geführt hätten, dass Daniel noch am Leben wäre.
Elizabeth
schüttelte frustriert den Kopf. Was hatte das Schicksal sich nur dabei gedacht,
sie diesen umwerfenden Mann finden zu lassen, nur um ihn ihr sofort wieder zu
nehmen? Als wollte das Universum einen grausamen Scherz mit ihr treiben und
höhnisch sagen: Hier ist der Eine unter
einer Million. Der Prinz, auf den du immer gewartet hast. Sieh ihn dir gut an,
denn haben kannst du ihn leider nicht.
„Ich
wünschte, ich hätte dich früher kennengelernt, Danny“, seufzte sie.
„Ja, das
wünschte ich mir auch ...“, hörte sie ein antwortendes Seufzen.
Elizabeth
zuckte heftig zusammen und hob den Kopf. Ihr blieb fast das Herz stehen.
Mit um die
Brust geschlungenen Armen stand er am Fenster und blickte hinaus in die Dunkelheit.
Sie konnte ihn so deutlich sehen, wie sie noch vor einer Stunde Vivian in
diesem Raum gesehen hatte. Er sah genauso aus wie vor zwei Tagen: Jeans,
darüber ein weißes Hemd mit bis zu den Ellenbogen hochgekrempelten Ärmeln,
unordentliche Haare, die ihm in die Stirn fielen. Sein Gesichtsausdruck war
finster, und er wirkte seltsam verloren.
Mit großen
Augen und offenem Mund starrte Elizabeth die Erscheinung an. Sie verlor
eindeutig den Verstand! Wenn sie Glück hatte, war es kein permanenter Zustand,
sondern hatte etwas mit ihrer Gehirnerschütterung zu tun. Gleich morgen würde
sie ihren Arzt anrufen und nachfragen, ob Halluzinationen zum Krankheitsbild
gehörten oder ob sie sich ernsthaft Sorgen machen musste.
Sie
blinzelte mehrere Male, aber auch das änderte nichts.
Nach wie
vor sah sie Daniel Mason am Fenster stehen.
Sie hatte
nicht bemerkt, dass sie vergessen hatte zu atmen. Geräuschvoll sog sie die Luft
durch ihre Zähne
ein.
Die
Daniel-Halluzination drehte den Kopf und blickte sie traurig an. Doch plötzlich
weiteten sich seine
Augen, und sein düsterer Gesichtsausdruck hellte sich schlagartig auf, als ihn
die Erkenntnis zu treffen schien, dass sie seinen Blick erwiderte. Von einem
Wimpernschlag zum nächsten stand er über sie gebeugt, das Gesicht nur eine
halbe Armlänge von ihrem entfernt. Elizabeth zuckte jäh zurück, und Beckett
sprang wie vom wilden Affen gebissen von der Couch und machte sich davon.
„Du kannst
mich sehen, nicht wahr?“ Daniels grüne Augen leuchteten hoffnungsvoll. „Bitte
sag, dass es so ist.“
Mit noch
immer offenen Mund nickte Elizabeth. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein. Du
kannst nicht hier sein. Das ist ganz und gar unmöglich ... Ich halluziniere nur
... mein Kopf ...“
„Liz ...
Liz, beruhige dich. Ich bin es wirklich. Hab keine Angst.“ Daniel ging vor ihr
in die Knie und hob beschwichtigend die Hände.
Elizabeth
schüttelte den Kopf jetzt so heftig, dass ihr die Decke von den Schultern
rutschte. „Vielleicht träume ich auch nur. Ja, genau, ich bin auf der Couch
eingeschlafen und das ist nichts weiter als ein Traum.“
„Das ist
kein Traum, Liz. Auch wenn ich wirklich wünschte, das Ganze wäre nur ein
Alptraum, aus dem ich einfach erwachen könnte.“
„Das ...
ich verstehe das nicht ... ich meine ... wie?“
„Bitte
glaub mir, Liz. Ich bin es wirklich. Bis eben konnte mich kein Mensch sehen
oder hören. Aber du kannst es jetzt!“ Er lachte erleichtert auf. „Gott, es tut
so gut, gesehen zu werden!“
„Aber ... wie?“,
wiederholte Elizabeth noch immer völlig verstört.
„Ich habe
nicht den leisesten Schimmer. Aber es ist großartig!“
Elizabeth
zwang sich aus ihrer Starre und hob zögerlich eine Hand an Daniels Gesicht.
Ihre
Fingerspitzen
glitten geradewegs durch seine Wange. Alles, was sie spürte, war Kälte und ein
Kribbeln, als ob ihre Finger eingeschlafen wären. Hastig zog sie ihre Hand
zurück. „Wie ist das nur möglich?“ Ungläubig betrachtete sie ihre Finger, wie
um sicherzustellen, dass noch alle dran waren.
Ratlos hob
Daniel die Schultern. „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und ...“
„Ja,
danke. Ich kenne Hamlet“, fiel Elizabeth ihm forsch ins Wort.
„Darauf
wette ich“, erwiderte er mit einem vielsagenden Blick auf ihre beiden
vollgestopften
Bücherregale.
„Nein.
Nein, das kann nicht sein.“ Sie schüttelte den Kopf, wie um sich selbst zur
Vernunft zu bringen. „Das
ist doch Irrsinn. So etwas wie Geister gibt es nicht.“Die
Daniel-Halluzination schnaubte. „Ja, der Überzeugung war ich bis vor Kurzem
auch.“ Er erhob sich
aus der Hocke und setzte sich in den Sessel neben der Couch, ganz vorsichtig,
als wäre er nicht sicher, ob das Möbelstück sein Gewicht auch wirklich tragen
würde.
„Warum
bist du hier? Warum bist du nicht ...“ Mit einer vagen Geste deutete Elizabeth
Richtung Zimmerdecke.
„Ich weiß
es nicht“, seufzte Daniel. „Ich denke, ich war einfach noch nicht bereit
loszulassen, als ich ...“, jetzt machte er eine unbestimmte Handbewegung und
seufzte erneut. „Wie du gestern richtig festgestellt hast: Es war einfach nicht
fair. Nicht jetzt und nicht so.“
Elizabeth
erinnerte sich genau daran, wann und wo sie das gesagt hatte. Und sie erinnerte
sich auch an die undeutliche Gestalt eines Mannes in ihrem Zimmer. „Du warst
da. Im Krankenhaus.“ Die ganze Zeit? Diese Vorstellung war ihr mehr als
unangenehm.
„Ich war
die meiste Zeit über in deiner Nähe, seit ...“ Wieder diese unbestimmte Geste.
Es schien ihm ebenso schwerzufallen wie ihr, manche Worte laut auszusprechen.
Langsam,
mit wackeligen Beinen, erhob sich Elizabeth.
Daniel tat
es ihr sofort gleich. „Was ist? Wohin gehst du?“ „Ich
brauche jetzt unbedingt etwas zu trinken“, erklärte sie und ging in die Küche,
um sich einen
großzügigen Wodka-Martini zu mixen.
Daniel
folgte ihr und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen. „Ich
bin mir ja nicht
sicher, ob du in deinem Zustand Alkohol trinken solltest, Liz“, bemerkte er mit
einer kritisch hochgezogenen Augenbraue. „Ich meine, mit deiner Gehirnerschütterung
und allem.“
„Oh doch!“
Sie nickte energisch. „Glaub mir, in meinem momentanen Zustand sollte ich sogar
ganz dringend Alkohol trinken. Ansonsten könnte es nämlich passieren,
dass ich in den nächsten Minuten laut schreiend auf die Straße renne. Cheers!“
Sie leerte das Glas in einem Zug und füllte es umgehend nach.
Ausgerüstet
mit dem zweiten Wodka-Martini machte Elizabeth sich auf den Weg zurück ins
Wohnzimmer, wo sie sich auf ihren gewohnten Platz niederließ, an ihrem Drink
nippte und Daniel dabei beobachtete, wie er sich wieder ganz sachte in den
Sessel setzte.
„Warum
tust du das?“ fragte sie zögerlich über das Glas hinweg.
„Warum tu
ich was?“ „Du setzt
dich wie auf rohe Eier.“
„Oh. Das.
Naja ... Am Anfang hatte ich Probleme mich hinzusetzten oder auch nur irgendwo anzulehnen.
Ich hatte irgendwie keinen ... Halt. Aber wenn ich genau darauf achte, was ich
tue, funktioniert es ganz gut.“ Er lehnte sich nach vorne und studierte
Elizabeth eingehend. Sein intensiver Blick verursachte ein Prickeln an ihrem
Haaransatz. „Weißt du, du wirkst erstaunlich gefasst. Ich bin sicher, die
meisten Leute würden nicht so gelassen reagieren, wenn ihnen gerade ein ... ein
Geist begegnet wäre.“
„Das täuscht“, entgegnete sie und nahm noch einen Schluck. „Wahrscheinlich
wirkt der Schock noch nach. Außerdem bin ich noch immer nicht überzeugt, dass
ich nicht doch träume ... oder einen Hirnschaden davongetragen habe.“ Diese Erklärungen würden auf jeden Fall mehr Sinn ergeben. Sie glaubte doch nicht an Geister, Himmel noch mal!
Aber er
wirkte so real. Sie konnte sogar Einzelheiten erkennen, die ihr vor zwei Tagen
im trüben Licht des Clubs und in der Gasse entgangen waren. Wie zum Beispiel
die kleine blasse Narbe an seinem Kinn oder die versprengten Sommersprossen auf
seiner Nase und den Wangen. Oder das Loch im rechten Ohrläppchen, wo er früher
wohl einen Ohrring getragen hatte. Und wie er sich bewegte, was er sagte, und
die Art, wie er sie ansah. All diese Details konnte sie sich doch nicht
einbilden!
„Du
träumst nicht“, sagte Daniel. „Und soweit ich das beurteilen kann, geht es
deinem Kopf schon wieder ganz gut.“
Er lehnte
sich langsam im Sessel zurück und zeigte mit dem Daumen auf die Stereoanlage,
die noch immer die Ballade in Endlosschleife abspielte. „Ich freue mich
wirklich, dass dir der Song gefällt. Aber ist dir aufgefallen, dass sich auf
der CD noch etwa fünfzehn weitere Titel befinden?“ Just in diesem Augenblick
sprang die CD auf den nächsten Track.
„Hast du
... warst du das?“, fragte Elizabeth perplex.
„Keine
Ahnung. Sieht fast so aus.“ Daniel war scheinbar nicht weniger verblüfft.
„Versuch
es noch mal“, schlug sie vor und sah gespannt zwischen Daniel und der
Stereoanlage hin und
her. Er schloss die Augen und konzentrierte sich sichtlich. Die CD sprang
erneut einen Track weiter. Dann wurde die Musik lauter und anschließend wieder
leiser.
„Nett. Du
kommst mit eingebauter Fernbedienung. Wie praktisch“, kicherte Elizabeth. Ihr
erstes Lachen in zwei Tagen. Erschrocken über ihren Ausbruch guter Laune hob
sie verlegen das Glas an die Lippen.
Daniel
grinste sie an, fast ein wenig selbstgerecht, wie sie fand. Er schloss erneut
die Augen und der Fernseher ging an. Dann flackerte die Leselampe neben dem
Sessel, und der Fernseher schaltete sich wieder aus. „Es scheint mit allen
elektrischen Geräten zu funktionieren.“
„Vielleicht
hat es ja damit etwas zu tun, dass du selbst auch eine Art von Energie bist“,
dachte Elizabeth laut nach.
„Gut
möglich. Mann, ich wünschte wirklich, ich hätte ein Handbuch mitgeliefert
bekommen! Du kennst nicht zufällig jemanden, der sich auf dem Gebiet des
Paranormalen auskennt?“
„Tut mir
leid, nein, aber ich kann gerne mal in den Gelben Seiten nachschauen.“
„Oder wie
wär ́s mit googeln? Ich habe gehört, dass du damit recht erfolgreich bist.“
Ups. Natürlich war er auch hier gewesen, als sie Vivian die ganze Geschichte ihres Kennenlernens erzählt hatte. „Daniel, ich ...“, begann sie betreten.
„Keine Sorge, Liz. Das war mir auch vorher schon klar. Du bist nämlich eine lausige
Lügnerin, falls dir das noch niemand gesagt hat.“Sie runzelte die Stirn. Er hatte die ganze Zeit gewusst, dass sie log? Wenn sie so leicht zu durchschauen gewesen war, warum hatte er dann trotzdem den Abend mit ihr verbracht?
„Und außerdem“, sagte Daniel, „bin ich wirklich froh, dass du so hartnäckig warst.
Es wäre nämlich eine Schande gewesen, dich nicht gekannt zu haben.“
Ihre Unterhaltung hatte einen so natürlichen und leichten Ton angenommen, dass
Elizabeth beinahe die Umstände vergessen hätte, wegen derer sie hier zusammensaßen. Daniels letzter Satz brachte ihr den Irrwitz der Situation schlagartig zurück ins Bewusstsein. Wenn sie tatsächlich weder träumte noch halluzinierte und er wirklich real war, dann hatte sie eine Menge Fragen an ihn.
„Darf ich dich etwas fragen?“ Ihr Blick war auf das leere Glas in ihren Händen geheftet. „Wie war es? Zu ... zu sterben, meine ich.“Daniel seufzte und antwortete nicht sofort. Schließlich erwiderte er fast flüsternd: „Ich kann es nicht genau beschreiben. Da war Schmerz. Und Kälte. Und da warst du.
Die Welt schien sich auf deine Stimme und deine braunen Augen zu reduzieren. Und am Ende war da nur noch dein Stimme in der Finsternis, die mich anflehte, nicht aufzugeben und bei dir zu bleiben.“ Er erhob sich und begann im Zimmer auf und ab zu wandern. Es war ihm deutlich anzusehen, dass er nach den richtigen Worten suchte. „Und dann kam der Moment“, fuhr er nach einer Weile fort, „an dem ich mich entscheiden musste.“
Er stutzte und neigte den Kopf zur Seite.
„Nein, das
ist nicht ganz richtig. Es war keine bewusste Entscheidung. Vielmehr hatte ich
die Chance, alles hinter mir zu lassen, einfach loszulassen. Es wäre ganz
einfach gewesen, ganz natürlich. Aber ich konnte nicht. Ich wollte dich
nicht ... enttäuschen, denke ich. Ich wollte nicht aufgeben. Und außerdem war
ich so wütend! Wütend auf die Kerle, die uns angegriffen haben, und wütend,
weil ich nicht wusste, wer sie waren und wieso sie es taten.“ Sein schiefes
Grinsen blitze kurz auf. „Da kam wohl wieder der Polizist in mir durch, was?“
Ernster sagte er dann: „Auf jeden Fall scheine ich die Gelegenheit verpasst zu
haben weiterzuziehen.“
„Und
bereust du es? Nicht gegangen zu sein, als du die Chance hattest?“ Jetzt sah
Elizabeth ihm in die Augen.
Daniel
erwiderte ihren Blick und schüttelte leicht den Kopf. „Nein, jetzt nicht mehr.“
Als sie fragend die Augenbrauen hob, erklärte er: „Bis heute Abend konnte mich
niemand sehen oder hören. Du nicht und auch sonst niemand. Du hast keine
Vorstellung davon, wie unglaublich frustrierend das war. Wie ich schon sagte,
blieb ich die meiste Zeit in deiner Nähe, aber ich war auch bei meiner Familie
und bei Freunden. Und ich war bei Tony und in der Pathologie, um zu sehen, wie
weit sie mit den Ermittlungen sind. Aber ich konnte mit niemanden in Kontakt
treten.“ Daniel stockte, als er Elizabeths bestürzten Gesichtsausdruck
bemerkte. „Was hast du? Bist du ok?“
„Du warst
in der Pathologie? Um was zu tun? Bei deiner eigenen Obduktion zuzusehen?!“
Gleichgültig hob Daniel die Schultern. „Ich war zu spät. Sie waren schon
fertig.“
Ein
Schauder durchlief Elizabeth. Das war eindeutig die surrealste Unterhaltung,
die sie je
geführt
hatte. Gleichzeitig war es der endgültige Beweis, dass sie weder träumte noch
halluzinierte. So etwas konnte sie sich, Gehirnerschütterung hin oder her, ganz
sicher nicht selbst ausdenken.
„Alles in
Ordnung?“ Daniel sah sie prüfend an, und erst, als sie relativ gefasst nickte,
fuhr er fort: „Also jedenfalls konnte ich, so sehr ich mich auch anstrengte,
nirgends auch nur das Geringste ausrichten, und ich hatte das Gefühl bald
durchzudrehen.“
„Das
Gefühl kenne ich gut“, murmelte Elizabeth. Lauter sagte sie: „Aber warum ich?
Warum bin ich die Einzige, die dich sieht?“ Stirnrunzelnd hielt sie inne. „Bist
du dir überhaupt sicher, dass ich die Einzige bin? Ich meine, vielleicht hat
sich ja was Grundlegendes an deiner ... deiner Beschaffenheit geändert und
jeder kann dich jetzt sehen.“
Daniel
blickte auf. „Vielleicht hast du recht ...“ Und mit einem Flirren, das an eine
durch Regentropfen gestörte Wasseroberfläche erinnerte, verschwand er.
Elizabeth
fuhr vom Sofa hoch und starrte auf die Stelle, wo sich Daniel eben noch
befunden hatte. Mindestens eine Minute lang stand sie einfach nur regungslos
da, unschlüssig, was sie nun tun sollte. Schließlich entschied sie, dass ein
dritter Wodka-Martini eine richtig gute Idee wäre und ging in die Küche.
Als sie
sich mit ihrem Glas wieder Richtung Wohnzimmer aufmachte, lehnte Daniel im
Türrahmen. „Du bist die Einzige, die mich sieht.“
Elizabeth
schob sich an ihm vorbei. „Bleibt die Frage nach dem Warum. Und was war das
eben? Hast du dich gebeamt oder so was? Was ist nur aus dem guten alten durch
die Wände gehen geworden?“
„Das kann
ich natürlich auch“, erklärte Daniel schmunzelnd, während er Elizabeth folgte. „Aber
wenn ich mich auf einen bestimmten Ort konzentriere, kann ich dorthin springen,
beamen, materialisieren, wie immer du es nennen willst.“ Er bedachte sie mit
einem seltsamen Blick. „Und auch hier scheinst du die Ausnahme von der Regel zu
sein. Es funktioniert nur mit Orten, nicht mit Personen. Ich hatte versucht,
mich auf Tony zu konzentrieren, aber das hat nicht geklappt. Wenn ich mich aber
auf dich konzentriere, kann ich hinspringen, wo immer du dich gerade
befindest.“
„Tja, ich
bin eben einzigartig.“ Elizabeth hob nonchalant die Schultern. Die
Wodka-Martinis zeigten eindeutig Wirkung „Ja, das bist du in der Tat. Ich bin noch immer fasziniert, wie gut du das alles aufnimmst.“ Elizabeth lachte auf. „Vielleicht kommt der hysterische Anfall ja noch.“ Sehr wahrscheinlich sogar, und zwar, wenn sie wieder nüchtern war. Sie schwiegen einen Moment, dann fragte sie:
„Und wie
geht es jetzt weiter?“„Wenn ich das nur wüsste.“ Daniel musterte sie kurz. „Wie geht es deinem Kopf?“„Er schmerzt höllisch, aber ich halte es aus. Was mich nicht umbringt, macht mich härter.“
Huch!
Hatte sie das eben tatsächlich gesagt? Sie schlug eine Hand vor den Mund, als
wollte sie die Worte dorthin zurückschieben, wo sie hergekommen waren. „Entschuldigung!“
Das war der Nachteil des Alkohols. Zwar nahm man alles wesentlich gelassener,
aber dafür hatte man auch nicht mehr die volle Kontrolle über seine Zunge.
„Schon
gut. Aber vielleicht solltest du jetzt lieber ins Bett gehen. Du siehst so aus,
als hättest du jede Minute Schlaf bitter nötig. Außerdem will ich nicht schon
wieder dafür verantwortlich sein, dass du zu spät ins Bett kommst.“
Das schlug
eine Saite in Elizabeth an, und ließ ihre Schuldgefühle wie Luftblasen zurück
an die Oberfläche steigen. „Danny, es tut mir so leid. Es ist allein meine
Schuld, dass wir um diese Zeit noch im Club waren. Wenn ich nicht ...“
„Liz. Liz,
bitte! Wage ja nicht, dir für das, was passiert ist, die Schuld zu geben. Das
hatte nicht das Geringste mit dir zu tun! Es wäre auf jeden Fall so gekommen,
egal wo, wann, und mit wem ich unterwegs gewesen wäre. Das war weder ein Zufall
noch ein Raubüberfall. Die Typen hatten es gezielt auf mich abgesehen.“
„Dein
Partner sieht das anders.“ Ihr fielen Woods Worte wieder ein. „Was meinte er
eigentlich damit, dass du auf die gleiche mysteriöse Weise angegriffen wurdest
wie die Opfer der Teenager-Morde?“
Daniel sah
sie argwöhnisch an. „Willst du etwa darüber schreiben?“
„Selbstverständlich
nicht!“ Die Frage verletzte sie zutiefst. Wie konnte er das von ihr denken,
nach allem, was passiert war? Erbost stand sie auf und marschierte an ihm
vorbei. „Weißt du was, Daniel, ich bin tatsächlich sehr müde. Ich gehe jetzt
ins Bett. Du kannst gerne hier bleiben und rumspuken, oder du suchst dir
irgendein altes Herrenhaus, wo du kettenrasseln kannst. Ist mir völlig egal.
Gute Nacht.“
Daniel war
im Schlafzimmer, noch bevor sie die Tür hinter sich geschlossen hatte. Er stand
dicht vor ihr und hob beschwichtigend die Hände. „Tut mir leid, Liz. Bitte sei
nicht sauer. Ich habe das nicht so gemeint, wie es sich angehört hat. Natürlich
vertraue ich dir, aber ich bin noch immer Polizist ... irgendwie. Und ich will
nicht, dass die Polizeiarbeit behindert wird.“ Er sah sie fast flehentlich an.
Elizabeth
erwiderte seinen Blick aus schmalen Augen. „In Ordnung“, sagte sie schließlich.
„Ich habe wohl auch ein wenig überreagiert. Meine Nerven liegen doch ziemlich
blank.“
„Ist ja
auch kein Wunder. Ich sag dir was. Du schläfst erst mal ausgiebig, und morgen
reden wir weiter – über alles, was du willst.“
Sie nickte
langsam, dann sah sie stirnrunzelnd zu ihm auf. „Das mag jetzt vielleicht eine
dumme Frage sein, aber bist du nur nachts aktiv?“
„Nein, ich
bin rund um die Uhr munter. Man könnte mich also guten Gewissens einen
ruhelosen Geist nennen.“
Elizabeth
verzog das Gesicht. „Witzig.“
„Eher geistreich. Gute Nacht, Liz. Wir sehen uns morgen.“ Er hob eine Hand, als wollte er ihre Wange streicheln, verharrte dann aber und war im nächsten Moment verschwunden.
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Die Reihenfolge wäre: Ghostbound, Soulbound & Spellbound
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