Heute habe ich für euch einen tierischen Lesedeal am Start, aber lest doch einfach selber.
Autorin Carin Müller hat ganz exklusiv für euch einen XXL an den Start gebracht. Das eBook Hundstage erscheint am Buchmessenfreitag (10.10) und jetzt hab ich noch ein kleines Goodie für euch in der Tasche: Solltet ihr in Frankfurt oder Umgebung wohnen oder seit auf der Messe, dann kommt doch am Freitag Abend (19 Uhr in Frankfurt im Lockstoff), da stellt Carin Müller mit einer anderen Autorin ihr Buch gleich dem Publikum vor. Klickt HIER für die Facebook Veranstaltung.
Kapitel 1: Kekse und Kriege
"He, du
Schlappschwanz, ist deine Alte jetzt auf Hartz IV, oder was treibst du dich um
diese Zeit hier rum?" Jimi stand breit grinsend und mit verschlagenem
Gesichtsausdruck an der Ecke.
Der Adressat
dieser schnöden Beleidigung erstarrte augenblicklich zur Salzsäule. Hinter
seiner rotbraun belockten Stirn tobten die Gedanken. Schlappschwanz? Und was,
bitteschön, war Hartz IV? Egal, es erforderte zumindest eine milde Drohung als
Reaktion.
"Noch ein
Ton, Vollidiot, und ich mach dich platt!"
"Oh, mir
schlottern ja schon die Beine vor Angst." Jimi kratzte sich gelangweilt am
Ohr.
Die Salzsäule,
die im normalen Alltag durchaus agil war und auf den Namen Tobi hörte, kam langsam
in Wallung und baute sich zu voller Größe auf – allerdings immer noch mehrere
Meter von dem üblen Aggressor entfernt.
"Wenn du
Krieg willst, kannst du Krieg haben. Und das ist meine letzte Warnung!",
knurrte er drohend.
"Was ist?
Bist du zu feige zum Kämpfen, du Schluffi? Wundern würde es mich nicht ... Ich
hab gerade die Laila getroffen, und sie hat mir gesteckt, dass du sie vorhin
wieder mal angebaggert hast. Sie hat sich halb totgelacht dabei. Gib's auf,
Alter, bei dem scharfen Schnittchen hast du keine Chance. Die steht nur auf
erfahrene Kerle, nicht auf frustrierte Jungfrauen wie dich."
Frustrierte
Jungfrau? Das war der Tropfen, der das Fass endgültig zum Überlaufen brachte.
Wie sagte sein Kumpel Rocky immer so schön: Wer Wind sät, wird Sturm ernten!
Und so stürzte
sich Tobi wie ein entfesselter Tornado mit einem kehlig gekrächzten "Ich
bring dich um!" auf Jimi.
Damit hatte sein
Kontrahent nicht gerechnet, und Tobi war mit zwei großen Sätzen bei ihm, packte
ihn am Hals und warf ihn auf den Rücken.
Bäh, die langen
Zotteln verfingen sich zwischen Tobis Zähnen und rochen auch eklig. Irgendwie
nach … Waschmittel. Es war höchstens eine Millisekunde, in der er angewidert
seinen schraubstockartigen Griff gelockert hatte, aber lange genug, dass sich
die beiden zweibeinigen Furien einmischen konnten. Seine Furie hieß Kiki,
packte ihn am Halsband und fragte ihn brüllend, ob er den Verstand verloren
hätte.
Nein, der war
intakt. Verloren hatte er nur die Nerven, aber das war doch, bitteschön,
absolut nachvollziehbar! Nur offensichtlich für Kiki nicht …
Und auch nicht
für die andere Furie. Die hieß Roswitha Schultheiß und beorderte Tobis Gegner
nun mit einem knappen "Jimi, hierher!" an ihre Seite. Der
schwarzweiße Border Collie machte sich prompt folgsam auf den Weg und nahm
neben seinem Frauchen Platz – nicht ohne Tobi einen verächtlichen Blick
zuzuwerfen. Sofort begann die Frau, ihrem Tier das Fell zu zausen. Jimi fiepte
leise.
"Hat Ihr
Hund ein Flohproblem?", fragte Kiki interessiert. Tobi musste ihr insgeheim
recht geben, es sah wirklich so aus, als würde die Schultheiß ihren Hund
gründlich lausen.
"Ich suche
Jimi nach Verletzungen ab", entgegnete die mit eiskaltem Blick. "Und
wenn ich etwas finde, rufe ich die Polizei und werde Sie anzeigen. Ihr Hund ist
gemeingefährlich, und Jimi ist ein mehrfach prämierter Zuchtrüde von
unschätzbarem Wert ..."
Nicht schon
wieder diese Leier! Tobi knurrte wütend. Roswitha Schultheiß wohnte nur zwei
Straßen weiter, und die aufregenden Abenteuer von James of Rosen Heights, genannt
Jimi, amüsierten und nervten die zwei- und vierbeinige Bevölkerung des gesamten
Viertels. Da sie Frührentnerin war und nichts anderes zu tun hatte, kümmerte
sich Frauchen mit einer ungesunden Hingabe um den dreijährigen Border Collie.
Jimi ging zweimal in der Woche zum Agility-Training (fehlte nur noch das
Ballettröckchen für Frauchen und Hund, lästerte Kiki regelmäßig), durfte
täglich drei Stunden in den Wald (dafür wäre Tobi durchaus auch zu haben
gewesen) und wurde regelmäßig ausgiebig gebürstet (geschah ihm recht, fand
Tobi, bei dem das glücklicherweise nur selten nötig war), damit er in voller
Pracht bei den zahlreichen Hundeschauen auftreten konnte (nun ja, wenn man
sonst nichts zu tun hatte ...). Selbstverständlich hatte das Tier auch seine eigene
Website, auf der sich nachlesen ließ, welche glücklichen Hündinnen er bereits
begattet hatte. Denn schließlich war Jimi 'ein mehrfach prämierter Zuchtrüde
von unschätzbarem …'
Inzwischen tat es
Tobi schon leid, dass er Jimi nur in den Hals gezwickt und ihm nicht die Eier
abgebissen hatte. Dann hätte sich diese elende Angeberei ein für alle Mal
erledigt. Er knurrte nochmals wütend in Richtung seiner schwarzweißen Nemesis
und hörte, was die beiden Menschenfrauen noch zu besprechen hatten:
"Wir haben einfach
zwei Rüden, die sich nicht leiden können", behauptete Kiki. "Da kann
es immer mal zu Reibereien kommen. In den seltensten Fällen passiert ja etwas
Ernsthaftes."
Pah, wenn die
wüsste, dachte Tobi. Er hätte heute todsicher kurzen Prozess mit dem blöden
Lackaffen gemacht.
"Außerdem
ist es doch albern, dass wir uns jetzt streiten, nur weil sich unsere Hunde
nicht mögen. Da sollten wir doch drüberstehen", fuhr Kiki fort, verzog ihr
Gesicht zu einem halbwegs überzeugenden Lächeln und nahm ihre Leine noch
kürzer.
"Sie haben
recht", lenkte Roswitha Schultheiß zähneknirschend ein, jedoch nicht ohne
hinzuzufügen: "Ich werde mir Jimi aber ganz genau ansehen, und wenn er
eine Verletzung hat, gehe ich sofort zum Tierarzt und stelle Ihnen die Kosten
in Rechnung. Jimi muss topfit sein, er hat morgen einen Casting-Termin für
diese neue Fernsehserie."
Wäre Tobi ein
Mensch, er hätte seine üble Stimmung vermutlich am Wetter festgemacht. Doch –
pah! – das schaurige Februarwetter, das den Zweibeinern so nachhaltig aufs Gemüt
schlug, war für ihn, einen prächtigen dreijährigen Airedale Terrier, nicht der
Rede wert. Ihn plagten erheblich fundamentalere Probleme. Gut, im Grunde war es
exakt ein Problem, doch eines mit weitreichenden Auswirkungen: sein Sexleben!
Besser gesagt, sein nicht vorhandenes Sexleben. Und dabei war 'nicht vorhanden'
leider nicht im temporären Sinn zu verstehen. Er machte nicht nur eine
unbefriedigende Phase durch, nein, Tobi hatte noch nie in seinem Leben Sex
gehabt – zumindest nicht unter Beteiligung eines weiteren Lebewesens. Wenn man
bedachte, dass drei Hundejahre je nach Fachbuch siebenundzwanzig bis
dreiunddreißig Menschenjahren entsprachen, war das in der Tat ein Grund zur
Verzweiflung. Selbst wenn man noch an das alte Ammenmärchen glaubte, ein Hundejahr
entspräche sieben Menschenjahren, wäre der Jungfrauen-Status für einen echten
Kerl mit dann einundzwanzig kaum zu verkraften.
Tobis Menschen
Kiki und Paul Bach zählten sich natürlich nicht zu den märchengläubigen
Amateuren in Sachen Tier. Sie hatten vor der Anschaffung des Welpen gefühlte
tausend Bücher zum Thema "Früherziehung beim Hund" gelesen, und
selbstredend hatte man zu dritt monatelang die Hundeschule besucht – bis sie
rausgeflogen waren, weil Tobi im zarten Alter von neun Monaten seine neuentdeckten
Triebe mit einer rassigen Doggendame ausleben wollte. Was hieß in diesem
Zusammenhang bitte "frühreif"? Das waren immerhin fünfzehn
Menschenjahre. Fünfzehn! Wenn er sich die gleichaltrigen Menschenjungs in der
Nachbarschaft so ansah, die mit ihren pickeligen Gesichtern und müffelnden
Klamotten hinter den hübschen Mädchen herstierten, aber zu feige waren für
echte Annäherungsversuche, dann war er in dem Alter echt ein anderes Kaliber
gewesen. Er nämlich hätte im Gegensatz zu den wirklich peinlichen Jungs seine
großgewachsene Herzensdame nach allen Regeln der Kunst erfolgreich verführt.
Mit seinem umwerfenden Charme. Jawoll! Daran bestand nicht der allergeringste
Zweifel.
Doch so weit war
es leider nie gekommen. Stattdessen wurden mindestens achtzig weitere
Publikationen zum Thema "So überleben Mensch und Mobiliar die tierische
Pubertät" angeschafft. Kurz, Kiki und Paul fühlten sich ihrem Hund
durchaus gewachsen.
Was natürlich
kompletter Bullshit war. Tobi wusste es besser: Die beiden hatte keine Ahnung!
Wenn er da allein schon an seine vollkommen unzureichende und unberechenbare
Ernährungssituation dachte. Er bekam seine beiden Hauptmahlzeiten immer zu
unterschiedlichen Uhrzeiten – und grundsätzlich zu wenig. Auch auf eine
regelmäßige Gabe von Leckerlis wie Kekse, Knochen, Pansen oder Wurst war
überhaupt kein Verlass. Oder die alberne Outfitfrage. Hallo, er war ein Hund!
Er hatte ein Fell! In Tobis Augen war das eine absolut zufriedenstellende
Ausstattung, doch er besaß darüber hinaus drei Halsbänder und drei passende
Leinen (optisch wenig ansprechende Instrumente, die seinen Freiheitsdrang
einschränkten). Wenn Kiki und Paul sich wirklich so gut mit Hunden auskennen
würden, wie sie behaupteten, dann wüssten sie, dass er als gut sozialisiertes
Rudeltier die Nächte am liebsten mit engem Kontaktliegen mit seiner Gruppe
verbringen würde – sprich: angekuschelt an seine Menschen in deren Bett oder
auf dem Sofa. Doch nein, er musste auf seinem Hundebett schlafen, das im
Wohnzimmer lag und das Kiki als stylisch bezeichnete. Warum auch immer.
Am schlimmsten
quälte ihn aber ihre kühne These, dass Hunde glückselig im Hier und Jetzt
lebten und daher weder über Zukunft noch Vergangenheit nachdachten – kompletter
Schwachsinn. Genauso wie das angeblich stark ausgeprägte Bedürfnis eines
Stadthundes nach Abwechslung. In der Konsequenz bedeutete das für ihn nämlich:
Er musste jeden Tag entweder Paul oder Kiki zur Arbeit begleiten, je nach Lust,
Laune und Terminsituation der beiden. Von daher waren auch die Gassireviere und
-zeiten gänzlich unvorhersehbar. Er war heute hier, morgen da. Ganz schlechte
Voraussetzungen, um einen vielversprechenden Flirt mal auf ein verbindlicheres
Niveau zu hieven.
War das denn
wirklich so schwer zu verstehen? Er stand voll im Saft und wollte, nein musste,
dringend mal ein bisschen Druck ablassen ...
Und dann kam auch
noch dieser Drecksack von Jimi daher. Der hatte nicht nur reichlich Sex,
sondern auch ein Ego, das von Frankfurt bis nach Australien reichte. Tobi hatte
zwar keine Ahnung, wo genau Australien lag, aber wohl weit weg, und dahin
sollte sich der Drecks-Border-Collie auch bitteschön verziehen! Da behauptete
der doch glatt, dass Laila ihn, Tobi, ausgelacht hätte. Also wirklich! Laila
war ein Traum! Und tatsächlich ein 'scharfes Schnittchen'. Eine große weiße
Greyhound-Hündin mit hellbraunen Flecken. Sehr schick. Und eigentlich auch sehr
nett. Tobi konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie schlecht
über ihn geredet haben sollte. Das hatte sich dieser widerwärtige Angeber
bestimmt nur wieder ausgedacht. Laila wusste nämlich zu allem Überfluss auch
noch zu berichten, Jimi liefe seit Tagen durch die Gegend und erzählte überall,
dass er jetzt auch noch Filmstar sei. Irgendein entfernter Verwandter von ihm
hatte mal in "Ein Schweinchen namens Babe" mitgespielt, und er plante
jetzt eine noch viel größere Karriere. Meine Fresse!
"Alles klar
bei dir, Tobi?" Kiki lächelte ihren Hund an und tätschelte ihm den Kopf.
"Mhmm",
brummte er unbestimmt, stellte allerdings erfreut fest, dass sie offensichtlich
wieder milder gestimmt war. Vor einer Stunde war sie noch fuchsteufelswild
gewesen und hatte ihn angebrüllt. Zum zweiten Mal an diesem Tag. Nach dem
Jimi-Zwischenfall hatte sie ihn ja ein paar Stunden allein zuhause gelassen –
und was sollte er sagen? Irgendwie musste sich ein Kerl doch abreagieren.
Außerdem konnte sie sich eigentlich gar nicht beklagen, schließlich hatte er
nur das Altpapier zerfetzt, also die Zeitungen im Korb neben der Wohnungstür,
und die Papiersachen, die auf dem Esstisch lagen. Hey, es hätten auch ihre
Schuhe sein können – aber er war schließlich ein gut erzogener Hund, er
vergriff sich nicht an anderer Leute Spielzeug!
"Bist du
sicher, dass alles in Ordnung ist?" Kikis Stimme klang eine Spur besorgt.
"Nein",
brummte er, "nichts ist in Ordnung! Ich bin jung und will das Leben
genießen, stattdessen lebe ich wie ein Mönch. Das ist ungesund und schlecht
fürs Gemüt."
"Was ist
denn los?" Sie kraulte ihrem Hund das bärtige Gesicht, und unwillkürlich
entfleuchte ihm ein wohliger Grunzer. "Das gefällt dir, stimmt's?"
"Mhmmmmm",
brummte er genießerisch. "Mach weiter!" Doch seine ignorante
Menschenfrau sprang auf und schnappte sich das klingelnde Telefon.
"Paul? … Na
ja, geht so. Ich hatte schon bessere Tage. Als ich vorhin heimkam, hatte Tobi
sämtliche Zeitungen, meine letzten Entwürfe und die Versicherungsunterlagen auf
Konfettigröße geschreddert. … Bitte, jetzt keine Vorwürfe. … Was heißt hier
Unordnung? Die Papiere lagen auf dem Esstisch, wo du sie gestern hingelegt hast!
... Was kann ich dafür, dass er sich neuerdings Sachen vom Tisch holt? … Keine
Ahnung, vielleicht war er sauer, weil ich ihn allein gelassen habe? … Ach ja,
heute Morgen gab's auch mal wieder Stress mit diesem Border Collie und seiner
dämlichen Besitzerin. … Ja, das war echt peinlich. Ich war gerade am Telefon
und kurz abgelenkt, da reißt er sich los und geht Jimi ohne Vorwarnung an den
Kragen. … Nein, Blut ist keines geflossen, aber ich habe Tobi so was von zur
Sau gemacht. … Ich weiß auch nicht, was zurzeit mit ihm los ist. Vielleicht
sollten wir mal zum Tierarzt? … Ja, du auch. Bis später. Küsschen." Sie
legte auf und sah Tobi ratlos an.
Der seufzte
schwer, denn was ihn neben seinem mehr als mangelhaften Privatleben echt am
meisten nervte, waren diese ewigen Missverständnisse. Als ob er Jimi ohne
Vorwarnung attackieren würde! Schließlich hatte er doch, ehe er ihm an die
Gurgel gegangen war, laut und deutlich angekündigt: "Ich bring dich
um!"
"Dafür musst
du mich erst einmal erwischen!", hatte prompt die arrogante Erwiderung
gelautet. Denn, falls das noch nicht klar geworden sein sollte, Jimi war nicht
nur ein mehrfach prämierter Blödmann (Border Collie World Champion oder so
ähnlich), sondern hielt sich durch sein komisches Agility-Training für den
Megasportler schlechthin. Doch diesmal hatte er es ihm gezeigt. Touchdown! Voll
auf den Rücken, die maximale Demütigung in der Hundewelt. Klar, dass Tobi ein
bisschen stolz auf sich war, doch dann ging wieder das menschliche Gezeter los.
Kiki hielt sich
schon wieder das Telefon ans Ohr – sie würde doch nicht ernsthaft beim Tierarzt
anrufen? Doch offensichtlich meldete sich am anderen Ende keiner, denn sie
rollte genervt mit den Augen und warf dann ihr Handy aufs Sofa.
"Sie rufen
außerhalb unserer Sprechzeiten an", kündigte sie an. "Tobi, du hast
Glück. Der Tierarzt hat heute zu und ehrlich gesagt, habe ich sowieso keine
Lust auf dieses Theater."
"Ich auch
nicht!", rief Tobi erfreut und warf sich schwanzwedelnd vor ihr in Pose.
"Wir könnten doch rausgehen und was Tolles unternehmen!"
"Weißt du was? Wir gehen jetzt erst eine
Runde joggen und dann besuchen wir Marta und Rocky."
Na, wer sagt's
denn? Es bestand vielleicht doch noch Hoffnung in der interkulturellen
Kommunikation zwischen Hund und Mensch.
***
Gut zwei Stunden
später begleitete er Kiki zu deren Freundin Marta Romano. Die schicke
Italienerin betrieb den kleinen Weinladen "Marta's Vineyard" im
Viertel und war außerdem die Zweibeinerin von Tobis bestem Kumpel Rocky.
Nachdem er von Marta das obligatorische Begrüßungsleckerli geschnorrt hatte,
trollte er sich zu dem Boxer, der es sich auf seiner Decke im hinteren Teil des
Ladens gemütlich gemacht hatte und vor sich hin döste. Als Rocky träge ein Auge
hochklappte, wollte er ihm umgehend von seinem vormittäglichen Gladiatorenkampf
erzählen. Das Gespräch lief allerdings nicht ansatzweise wie gewünscht.
"Er war
hier? Also wirklich, es ist mir ein Rätsel, warum du diesen Widerling überhaupt
in deinen Laden lässt." Tobi glaubte es einfach nicht. Jimi und Roswitha Schultheiß
waren am frühen Nachmittag hier gewesen. Und Jimi hatte Rocky alles brühwarm
erzählt – allerdings natürlich nur in einer ausgesprochenen
Pro-Border-Collie-Variante.
"Was soll
ich machen?", erwiderte der alte Boxer. Rocky war fast fünfzehn, was in
Menschenjahren etwa Johannes Heesters entsprach. "Ist ja nicht mein Laden,
sondern Martas, und wenn sie meint, dass Jimi Kundschaft ist … Und außerdem
habe ich keine Probleme mit ihm. Zu mir ist er immer ausgesprochen
höflich."
"Was soll
das denn jetzt heißen, nicht dein Laden? Wie passt das denn bitteschön zu
deinen Regeln Nummer eins und vier?" Was war nur mit Rocky los?
Altersmilde? Seit Tobi denken konnte, musste er sich tagein tagaus 'Rockys
Regeln für ein erfolgreiches Hundeleben' anhören. Und selbstverständlich
versuchte er alles Hundemögliche, sich daran auch zu halten. Was oft eine echte
Herausforderung darstellte. Aber jetzt hielt sich der Urheber plötzlich selbst
nicht mehr daran? Wurde er langsam senil oder was?
Weil Rocky aber
zunächst gar nicht reagierte – war er eingeschlafen oder tot? –, rief Tobi sich
sicherheitshalber noch einmal alle Regeln ins Gedächtnis:
1.
Hunde sind die überlegene Spezies!
2.
Wir pinkeln immer im Stehen! Daher sind wir
Hündinnen überlegen. (Erweiterung zu Regel eins: Rüden sind die überlegene
Spezies!)
3.
Wir fraternisieren NIEMALS mit anderen –
unwürdigen – Haustieren wie Katzen, Wellensittichen oder Hamstern! (Vgl. Regel
eins)
4.
Wir hören nur dann auf unsere Menschen, wenn es
uns sinnvoll erscheint! (Vgl. Regel eins)
5.
Wir zeigen keine Schwäche, kennen kein Mitleid
und machen immer, was wir wollen! (Vgl. Regel eins)
"Weißt du,
manchmal frage ich mich, ob du wirklich reif genug bist, meine Regeln zu
verstehen", kam es nach einer gefühlten Ewigkeit doch noch von Rocky. Er
war also noch am Leben! Wie schön.
Inzwischen war
aber auch Tobi ein wenig eingedöst und verstand gerade nur Bahnhof.
"Was? Wieso
das denn? Wieso soll ich nicht reif genug sein für deine Regeln?"
"Also
gut", Rocky grunzte resigniert. "Noch mal von vorn. Jimi hier in den
Laden zu lassen, war natürlich kein Regelverstoß. Das Geschäft gehört Marta.
Und damit basta! Finito!" Gelegentlich kehrte der alte Recke seine
Italienischkenntnisse hervor.
"Aber wenn
wir die überlegene Spezies sind, warum gehört es dann nicht dir?" Wenn das
mal keine berechtigte Frage war …
"Weil Hunde
keine Läden führen! Ganz einfach. Das ist unter unserer Würde, das haben wir
gar nicht nötig."
"Aha."
Sehr überzeugend war das nicht gerade. Andererseits, was sollten Hunde auch mit
einem Weinladen? Hundefutter wäre etwas anderes, aber ... egal.
"In Regel
vier predigst du aber doch, dass wir nur auf unsere Menschen hören, wenn es uns
sinnvoll erscheint. Wie passt das damit zusammen, dass du diesen Kotzbrocken
reinlässt?" Pah, damit hatte er ihn.
"Das ist
kein Widerspruch. Wenn Marta will, dass ich nett zu den Kunden bin, damit sie
hier möglichst viel einkaufen, ist das auch zu meinem Vorteil. Schließlich
zahlt sie mein Essen. Und wie gesagt, Jimi ist immer höflich zu mir."
"Natürlich
ist er das, der eklige Schleimer! Mit dem Boss im Revier legt sich nicht einmal
ein selbstherrlicher Border Collie an. Trotzdem nervt es mich total, dass du zu
ihm nett bist."
"Ich bin
nicht nett zu ihm, er interessiert mich nicht mal."
"Was dich
aber offenbar nicht daran hindert, ausführlich mit ihm zu plaudern und über den
dummen Tobi zu lästern." Der Airedale fühlte eine frische Woge
Selbstmitleid über sich zusammenschlagen. Er kam sich ein bisschen betrogen vor
von seinem besten Freund, ach was, Vaterersatz. An wen sollte er sich denn noch
halten, wenn nicht einmal mehr Rocky auf seiner Seite stand?
"Jetzt
jammere nicht rum", grantelte der Alte ärgerlich. "Ich habe nicht mit
ihm gesprochen! Seine Menschenfrau hat alles Marta erzählt, und er hat es
kommentiert. Ich hab ja kaum zugehört."
"Na gut,
aber jetzt will ich dir meine Sicht der Dinge schildern."
"Tobi,
können wir nicht mal das Thema wechseln? Übers Wetter reden? Wie lange es wohl
noch so nass und kalt bleiben wird wie im Moment? Mir tun alle Knochen weh, und
ich sehne mich nach dem Frühling."
"Da hast du
es doch. Du findest das Wetter wichtiger als mich! Versteh mich doch: Ich will
endlich leben!"
"Aber du
lebst doch, was willst du noch? Und warum beneidest du diesen Wichtigtuer Jimi
so sehr?"
"Weil er
alles hat, was ich mir wünsche!"
Rocky linste den
frustrierten Jüngling träge aus seinem Knautschgesicht an und grunzte dann mit
ätzender Ironie in der Stimme: "Ach? Du wünschst dir also einen so
nervigen Menschen wie diese Schultheiß, die dich täglich auf Hochglanz
striegelt und jedes Wochenende auf eine andere Hundeschau scheucht? Und die von
dir verlangt, alberne Kunststückchen auf Befehl abzuspulen und immer das zu
tun, was sie sagt? "
"Natürlich
nicht! Ich will Aufmerksamkeit, Bewunderung, eine Filmkarriere, Weiber, Sex!
Vor allem Sex! Ich will einfach nur das, was mir zusteht: Regel zwei: Rüden
sind die überlegene Spezies! Ich bin drei Jahre alt, erwachsen, gesund. Und ich
habe Bedürfnisse!"
"Glaub einem
alten Kerl wie mir: Das geht vorüber. Außerdem sind die Frauen den ganzen
Stress nicht wert." Damit rollte Rocky sich zusammen und war Augenblicke
später tief eingeschlafen.
Toller Tipp – und
so ergiebig! Grrr! Tobi schaute zu Kiki und Marta, die sich offensichtlich
immer noch was zu erzählen hatten. So schnell kam er wohl nicht heim.
Also schloss er
die Augen und holte Laila zurück in seine Träume. Wo sie mit ihrem glänzenden
Fell auf ihn zugetänzelt kam, ihm kokett die Schnauze ableckte und dann ins Ohr
raunte ...
"Tobi,
aufwachen! Wir gehen heim."
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Das klingt doch schon sehr vielversprechend oder? Das Cover finde ich selber total klasse und sehr passend.