Prolog
Ich
erinnere mich noch genau an die Zeit, als uns alles egal war. Außer uns selbst
war nichts wichtig. Weder die Blicke der Anderen, noch unsere schimpfenden
Eltern. Auch die wütenden Schreie unserer Nachbarn, wenn wir in ihrem Vorgarten
die Blumen zertrampelt hatten, waren uns gleichgültig. Wir beide hatten uns –
und mehr zählte nicht.
Ben war für mich schon immer etwas
Besonderes gewesen. Wir wuchsen seit Kindertagen zusammen auf und immer, wenn
meine Mutter über Nacht nicht zuhause war, konnte ich bei ihm übernachten und
wir erzählten uns Gruselgeschichten, bis wir uns beide so sehr fürchteten, dass
wir in den Armen des Anderen Schutz suchten. Ich wusste, wie er roch, ich
wusste, was er morgens in seiner Brotbüchse hatte und ich wusste, wie er
atmete.
Bens Kindheit verlief wesentlich einfacher
als meine. Er war von allen Seiten behütet und man hatte sich um ihn gekümmert,
wie man sich um ein Kind kümmern sollte. Bei mir war das ein bisschen anders.
Meine Mutter hatte meinen Vater früh verlassen und ich zog im Alter von acht
Jahren mit ihr neben Bens Familie ein. Meine Mutter und ich hatten uns als
eingespieltes Team versucht, aber lange erfüllte dieses Manöver nicht seinen
Zweck. Oft musste ich mir nach der Schule in der Stadt etwas zu essen kaufen,
weil sie später von der Arbeit kam als geplant. Mein Vater rief zuerst
regelmäßig an, später immer weniger. Ich fühlte mich nicht wohl in meinem neuen
Zuhause und weinte oft, als keiner hinsah.
In der Schule redete niemand mit mir. Jeder,
der mal die Schule wechseln musste, kennt dieses Gefühl. Du wirst von
mindestens zwanzig Augenpaaren praktisch ausgezogen und gescannt. Es ist nicht
einfach Anschluss zu finden, wenn man gerade nicht in der Stimmung ist, anderen
ein Lächeln zu schenken.
Nach etwa einer Woche, in der ich immer
wieder hoffte, dass es so wird wie früher, hatte ich meinen Haustürschlüssel
vergessen. Als ich nach der Schule nach Hause kam, stand ich vor verschlossener
Tür und wie meistens, war meine Mutter noch nicht da. Mein Schlüssel lag
drinnen auf der Kommode und seufzend ließ ich mich vor der Tür nieder. Es
dauerte nicht lange, da meldete sich meine Blase zu Wort. Da ich ein Kind war,
das sich davor fürchtete, die Toiletten mit so vielen anderen Kindern zu
teilen, ging ich in der Schule nie aufs Klo. Nun saß ich da, mit voller Blase
und leerem Magen und wusste nicht, was ich tun sollte. Ich rappelte mich auf
und lief vor dem Haus hin und her. Hin und her. Immer wieder, bis der Druck zu
groß wurde. Da das Nachbarhaus das letzte Reihenhaus in der Straße war, konnte
ich dort außen herum schleichen und in den Garten schauen. Kurzentschlossen
öffnete ich die Zauntür, warf einen Blick auf die Terrasse und schlich hinter
einen Kirschbaum. Ich weiß noch, dass ich den Baumstamm um Entschuldigung bat,
als ich meinen Rock bis zu den Knien herunterzog, in die Hocke ging und laufen
ließ. Ich schloss die Augen und zog die Nase kraus, während sich der
Ammoniakgeruch in meine Nase schlich.
»Mama? Hier pinkelt jemand in unseren
Garten!«, hörte ich plötzlich eine Jungenstimme rufen und zog mir vor Schreck
so eilig den Rock hoch, sodass ich mit meinen Sandalen fast in die Pfütze
gelatscht wäre. Peinlich berührt stand ich da und wusste nicht, ob ich wegrennen
oder stehenbleiben sollte. Verunsichert wie ich war, blieb ich natürlich wie
angewurzelt stehen und linste hinter dem Baum hervor. Eine wunderschöne Frau
mit langen Beinen und blondem welligem Haar fasste den Jungen zärtlich am
Hinterkopf und kam mit ihm gemeinsam auf mich zu. Sie lächelte, als sie mich
sah und meine Mundwinkel wanderten schuldig nach unten.
»Hey«, sagte die Frau und ich vergrub meine
Hände in der Rockfalte. »Bist du nicht das Mädchen, das vor Kurzem nebenan
eingezogen ist?« Sie ging vor mir in die Hocke und nahm eine meiner Hände in
ihre.
»Ja«, sagte ich leise und blickte zu dem
Jungen, der mich skeptisch beäugte. Seine braunen Haare fielen ihm leicht über
die wachsamen Augen.
»Habt ihr keine Toilette zuhause?«, fragte
er geradeheraus und ich war schon drauf und dran mit dem Kopf zu schütteln, so
verwirrt war ich auf einmal.
»Meine Mama ist nicht da und ich hab keinen
Schlüssel dabei«, sagte ich und schaute zu Boden. Nichts zuvor war mir je so
peinlich gewesen.
»Ich würde sagen, dann kommst du jetzt mit
rein und isst mit uns zu Mittag. Es gibt Spaghetti mit Pilzen«, schlug die
hübsche Frau vor und nahm mich, sowie ihren Jungen, an der Hand. Im Haus roch
es wunderbar und mein Magen begann sogleich zu knurren. Ich leckte mir die
Lippen, da ich eine solche Mahlzeit schon ewig nicht mehr zu mir genommen
hatte. Der Junge und ich nahmen Platz an einem großen Tisch, der mit einem
pastellgelben Tischtuch versehen war. Vorsichtig ließ ich meine Finger darüber
gleiten.
Da stupste der Junge mich mit seinem
Ellbogen an. »Ich bin Ben«, sagte er. Ich drehte mich zu ihm um und lächelte
kläglich. »Du hast schöne Haare, so lockig.«
»Danke«, murmelte ich. »Ich bin Maja.« Ben
lächelte mich an und seine grünen Augen wurden zu süßen Schlitzen. Ich lächelte
zurück, fasste mir in meine Locken und empfand sie zum ersten Mal als in
Ordnung. Normalerweise mochte ich meine Haare ganz und gar nicht, aber das
hatte sich durch Ben geändert. Vieles hatte sich durch Ben geändert. Und auch
durch seine Mutter.
Es dauerte nicht lange, bis ich in Bens Familie
eine eigene gefunden hatte, denn durch Ben erhielt ich ein Stück heile Welt,
einen Gefährten, ausgewogenes Essen und einen eigenen Kirschbaum.
Aber wie alles im Leben, war auch das nicht
von Dauer. Denn nach der Schule hatte Ben uns verlassen. Für ganze drei Jahre.
Er wollte seinen Traum verwirklichen, einmal im Ausland zu leben. Und diesen
Traum konnte ich ihm nicht abschlagen, auch wenn mein eigener dadurch
zerbrach...
Kapitel
1
»Jim,
kannst du bitte etwas schneller fahren?« Mit verzogenem Mund sah ich Bens Vater
an und krümmte mich mit angezogenen Knien auf dem Beifahrersitz. Der
Anschnallgurt drückte mir auf die Blase und Jims dämliches Gegrinse gab mir den
Rest.
»Du
hättest im Club gehen können«, sagte er und hob prophezeiend die Hand, bevor er
sie wieder zurück auf den Schaltknauf sinken ließ.
»Du
weißt, dass ich nicht auf öffentliche Toiletten gehe«, presste ich hervor und
pustete mir die geglätteten Haare aus dem Gesicht, während ich meine
Handgelenke zwischen die Schenkel drückte. Als wenn das irgendetwas geholfen
hätte.
»Es
ist später Nachmittag, die Toiletten hat heute noch niemand benutzt.« Jim
schüttelte den Kopf und ein Schmunzeln stahl sich über seine Lippen, als er an
einer roten Ampel hielt. Mir entfuhr ein Stöhnen und ich ließ den Kopf gegen
das Fenster sinken.
»Weißt
du, Jim, manchmal kann ich dich gar nicht leiden«, knurrte ich und warf ihm
einen scharfen Blick zu. Er erwiderte ihn und plusterte leicht die Wangen dabei
auf, was mich zum Lachen brachte.
»Willst
du, dass ich dir auf den Sitz pinkle?«, kreischte ich und stampfte einmal mit
beiden Füßen auf. Im gleichen Moment setzte sich der Wagen wieder in Bewegung
und es gab nur noch etwa zweihundert Meter zu überwinden, bevor wir endlich
zuhause ankämen. Jim trat nun wirklich beständig auf das Gas. Wahrscheinlich
machte er sich tatsächlich ein wenig Sorgen um seine Stoffsitze.
Als
Jim den Wagen in unsere Straße lenkte, sah ich meine Mutter Valerie und Bens
Mutter Linda vor dem Haus stehen. Meine Mutter hielt ein Sektglas in der Hand
und Linda stand mit verschränkten Armen da, ihre altrosa Bluse beulte sich im
Wind.
Nachdem
Jim den Wagen gestoppt hatte, sprang ich raus und lief vornüber gebeugt auf die
beiden zu.
»Mum?«,
rief ich. »Kannst du bitte Jim bei den Flaschen behilflich sein, ich muss ganz
dringend auf Toilette.« Eine Antwort wartete ich gar nicht erst ab, sondern humpelte
an den beiden vorbei zur offenstehenden Haustür.
»Kein
Problem«, rief meine Mutter hinterher und Linda begann irgendeinen Satz, dessen
Ende ich nicht mehr mitbekam, denn da hetzte ich schon die Treppenstufen zu
Bens Wohnung hinauf. Ich trampelte wie ein Elefant ins Badezimmer und schmiss
die weiße Tür hinter mir zu. Zwei Sekunden später riss ich mir die Hose runter
und ließ mich auf die Klobrille plumpsen.
»Endlich«,
keuchte ich und konnte förmlich dabei zusehen, wie mein Bauch wieder flacher
wurde. Ich stöhnte erleichtert und laut, schloss die Augen und hielt die Nase
in die Luft. Plötzlich klopfte es.
»Besetzt!«,
schrie ich erschrocken und zog mein Shirt in die Länge, damit es meine Blöße
verdeckte. Peinlich berührt rollte ich ein Stück Klopapier ab.
»Die
wissen doch, dass ich auf Toilette bin«, murmelte ich und stand auf, zog meine
Hose wieder hoch und spülte ab.
»Alles
ok da drin?«, hörte ich eine allzu bekannte Stimme fragen und erstarrte. Dann
kribbelte es in meinem Bauch wie im freien Fall und ich stürmte zur Tür, zog
sie auf und sah ihm für den Bruchteil einer Sekunde ins Gesicht, bevor ich ihm
um den Hals fiel. Seine Arme umfassten meine schmale Taille und übermütig hob
er mich hoch. Ich zappelte nicht wie ich es sonst immer tat, sondern blieb
einfach in seinem Griff hängen und legte mein Gesicht in seinen Nacken, drückte
meine Lippen in seine Halsbeuge.
»Du
hast mir gefehlt, Maja«, sagte er und ich spürte seinen Atem an meiner
Schulter.
»Und
du mir erst«, flüsterte ich, umarmte ihn fester und kämpfte mit den
Freudentränen. »Was machst du schon so früh hier, ich…«, stammelte ich und kurz
darauf ließ er mich sanft wieder herunter und meine Arme lösten sich
widerwillig von ihm.
»Wir
sind etwas früher angekommen. Wir hatten mehr Verkehr eingeplant«, sagte er und
zuckte mit den Schultern. Dann sah er zu mir herab und ein breites Grinsen
überfiel sein gebräuntes Gesicht.
»Wir?«,
hakte ich verwirrt nach und er legte mir seinen Zeigefinger auf den Mund. Sein
Grinsen ging ins Spöttische über.
»Eins
nach dem Anderen, Prinzessin. Vielleicht wäschst du dir erst mal die Hände.« Nickend
riss ich die Augen auf und ging zum Waschbecken hinüber, ließ kühles Wasser
über meine Finger laufen, die bereits ebenfalls vor Aufregung zu kribbeln begonnen
hatten.
»Mein
Gott, Ben, du glaubst gar nicht wie langweilig es hier ohne dich war«, rief ich
aus, während ich meine Hände abtrocknete und anschließend zusah, dass das
Handtuch wieder ordentlich auf der Stange hing.
»Ich
wünschte, ich könnte dasselbe behaupten. Aber ich hatte viel Spaß in Neuseeland.«
Skeptisch blickte ich zu ihm auf, suchte in seinen Augen nach einem Hinweis,
wie ich diese Aussage zu deuten hatte.
»Aha«,
murmelte ich. Dann lächelte ich gezwungen. »Nun ja, ist ja ganz klar, neues
Land, neue Leute und so…« Wir sahen uns an, schweigend. Dann atmete Ben tief
ein und streckte mir eine Hand hin.
»Komm,
lass uns in mein Zimmer gehen, ich möchte dir jemanden vorstellen.«
Mein
Herz stockte, dann schlug es doppelt so schnell wie vorher. Ich fühlte mich,
als würde mich irgendein lebenswichtiges Organ im Stich lassen, nahm aber
trotzdem seine Hand und hoffte, dass mich keine allzu böse Überraschung
erwarten würde. Aber meine Fantasie spielte mir bereits eine Verlobte vor, am Besten
noch mit Bens Neugeborenem am Rockzipfel. Bei dem Gedanken wurde mir ganz flau
im Magen.
Zusammen
gingen wir zu seinem Zimmer hinüber, in dem ich die letzten Monate sehr oft
meine Nächte verbracht hatte, einfach, um mich nicht ganz so einsam zu fühlen.
Nervös schluckend zählte ich die Schritte, bis wir um die kleine Trennwand
herum waren, die seine Schlafnische vom hell beleuchteten Wohnzimmer trennte.
Und dann stand ich plötzlich da, Hand in Hand mit Ben vor zwei fremden
Menschen, deren Augen neugierig auf mich gerichtet waren.
»Da
wir jetzt alle vollständig sind, eine kleine Vorstellungsrunde«, verkündete Ben
und drückte meine Hand ein wenig fester. »Chelsea, Sam, das hier ist die
berühmte Maja.«
»Hallo«,
murmelte ich, ließ Bens Hand los und versuchte freundlich zu wirken, jedoch
schien das die kurzröckige Naturblondine wohl ohnehin nicht zu interessieren.
Aber der junge Mann neben ihr, welcher die Haare gelockt und hinter den Ohren
trug und dessen Klamotten einem kultivierten Mann gehören könnten, schien ganz
erfreut zu sein.
»Hey«,
sagte dieser und stand auf um mir die Hand zu reichen. »Ich bin Sam. Ben hat
über die Jahre bei meiner Familie gelebt.«
»Ah,
schön mal jemanden davon kennenzulernen, er hat immer nur Bilder von der
Umgebung geschickt. Und was tust du hier, wenn ich fragen darf?« Ich versuchte
meine Frage nicht zu spitz klingen zu lassen und reichte Chelsea indessen
ebenfalls die Hand. Ihre war ganz weich und kühl. Sie blickte mich barsch an
und sagte kein Wort zur Begrüßung.
»Ich
möchte hier die ersten drei Monate meines praktischen Jahres als Arzt
vollziehen«, sagte er und ich zog eindrucksvoll die Augenbrauen nach oben. Arzt
also, sehr schön. »Und Chelsea, meine Cousine übrigens, hatte hier die Chance
eines Praktikums bei einer berühmten Designerin. Sie möchte gern mit Mode
arbeiten.«
»Für
Mode interessiere ich mich auch«, sagte ich gespielt anerkennend und lächelte
in ihre Richtung. Sie erhob ebenfalls einen Mundwinkel und strich sich mit
ihren langen Fingernägeln eine Strähne zurück.
»Du
interessierst dich für Mode? Seit wann denn?«, fragte Ben. Genervt drehte ich
mich zur Seite, um ihn ansehen zu können. »Warst du nicht immer eher der Musik-
und Kunsttyp?«
»Mode
ist Kunst, Ben«, sagte ich und ließ mich auf dem großen Sessel nieder, der in
meiner Nähe stand. Kurze Zeit später setzte Ben sich auf die Lehne und legte
die Hände im Schoß zusammen.
»Und
wo werdet ihr wohnen in der nächsten Zeit?«, hakte ich nach und verschränkte
locker die Arme vor der Brust. Chelsea nahm kaum den Blick von mir, allerdings
vermied sie es in die Höhe meiner Augen zu geraten.
»Wir
haben uns hier für die Zeit eine kleine Wohnung gemietet, nichts Besonderes,
aber für uns reicht es«, sagte Sam und lächelte. Er schob sich die Ärmel seines
weißen Hemdes nach oben und erst da fiel mir auf, dass er die obersten Knöpfe
offen trug.
»Okay
und wann geht ihr dahin zurück?«, fragte ich ohne darüber nachzudenken, welche
Worte gerade aus meinem Mund purzelten. Chelsea fixierte mich in einem Anflug
von Ärger und für einen Moment herrschte greifbare Stille.
»Naja,
nach der Party?« Sam schluckte.
»Natürlich«,
sagte ich und schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, wisst ihr…«
»Du
hast Ben so lange nicht gesehen«, beendete Sam meinen Satz und beugte sich nach
vorne, legte seine Ellbogen auf den Knien ab, sodass ich freien Blick auf
seinen Oberkörper bekam. »Keine Sorge, wir verstehen das.«
»Danke«,
sagte ich erleichtert. »Es war wirklich nicht böse gemeint.« Ben sah mich
lächelnd an und legte mir eine Hand auf mein Knie. Sofort verspürte ich ein
warmes, intensives Gefühl, das mir bei Ben vorher gänzlich unbekannt war. Es
erschreckte mich und ich fragte mich, ob es nur die Sehnsucht nach ihm war,
oder ob ich tatsächlich für ihn so was wie Liebe entwickelt hatte. Aber war das
denn überhaupt möglich, wenn jemand drei Jahre lang gar nicht da war?
»Ich
würde sagen, wir machen uns langsam auf den Weg nach unten. Die ersten Leute trudeln
bestimmt schon ein«, schlug Ben vor und bewegte seinen Daumen auf meinem Bein
hin und her. Nervös atmete ich ein und rückte mich auf dem Sessel zurecht.
»Ich
glaube, unsere Mütter haben die Gäste sehr gut im Griff«, sagte ich und Ben
nickte übertrieben.
»Mit
größter Sicherheit. Solange der Sekt nicht ausgeht, ist alles in bester
Ordnung.« Ich kicherte und stand dabei auf. Ben erhob sich ebenfalls von der
Lehne und winkte seine beiden Freunde mit sich. Dann begaben wir uns alle
zusammen nach unten zu den anderen Gästen. Es waren tatsächlich bereits ein
paar Leute eingetroffen, um Ben willkommen zu heißen, und die meisten davon
kannte ich schon mehrere Jahre. Immerhin waren meine Mutter Valerie und ich
hier bei jedem Geburtstag oder Herbstessen eingeladen und natürlich immer
anwesend. Auch wenn meine Mutter meistens beruflich unterwegs war, hatte sie
sich mit Linda doch sehr innig angefreundet.
»Da
seid ihr ja endlich, wir wollten schon eine Fahndung rausgeben«, sagte meine
Mutter beschwipst und hob ihr Sektglas in die Höhe. »Möchtest du einen Schluck,
meine Kleine?«
»Danke,
Mama, jetzt nicht«, wehrte ich ab und schob sie sanft zur Seite, damit ich
hinter den anderen in die Küche gehen konnte. Alle schnappten sich ein Glas und
ich beobachtete, wie Chelsea gleich hinter Ben stand, er ihr Sekt einschenkte
und wie sich ihre Blicke dabei trafen.
»Los,
stoß mit mir an«, sagte sie und Ben hob sein Glas, sah ihr in die Augen und
dann berührten sich die Gläser und ich sah Chelsea dabei zu, wie sie ihres an
ihre Lippen führte. Natürlich sah es verführerisch dabei aus. Ihre Nase war
vorne etwas platt, aber trotzdem schön, ihre Lippen schmal, aber sinnlich
geformt und ihre Wimpern lang und getuscht. Ihre ellenlangen blonden Haare und
ihr kurzer Rock taten ihr Übriges. Vor allen Dingen trug er dazu bei, dass mir
übel wurde.
»Ich
geh mal raus«, sagte ich und wusste nicht, ob mich überhaupt noch jemand
wahrnahm. Schnell drehte ich mich um, bahnte mir durch die Gäste einen weg zur
Terrasse und atmete dort die frische Luft. Ein älteres Pärchen sah sich gerade
Lindas Blumen an, die sie im Frühling erst neu eingepflanzt hatte und nickte
mir freundlich zu. Ich lächelte zurück und ließ mich auf der weißen Bank in der
Nähe des Kirschbaums nieder. Jedes Mal, wenn ich dort saß, weckte es
Erinnerungen, aber dieses Mal schmerzten sie auf eine seltsame Weise.
»Maja?«,
hörte ich Lindas Stimme neben mir. Gedankenverloren blickte ich sie an. »Was
machst du hier draußen?«
»Ach,
nichts…« Mir fiel keine gescheite Erklärung ein. Linda setzte sich neben mich
und warf ihre Haarpracht zurück.
»Wärest
du nicht einfach an uns vorbeigerannt, hätte ich dich vorgewarnt«, sagte sie
und nippte an ihrem Sekt. Ihre Lippen waren in einem leuchtenden Rot bemalt und
ich bewunderte sie jedes Mal dafür, dass sie als Blondine solche Farben tragen
konnte. Die meisten Frauen sahen mit gebleichtem Haar und roten Lippen gleich
aus wie eine vom Bordstein. Aber Linda wirkte immer so edel und unnahbar.
»Darum
geht es gar nicht«, sagte ich und blickte auf meine Füße, die ich ineinander
verhakt hatte.
»Ach
nein?«, fragte Linda. »Ich denke schon, dass es um Bens Besuch geht. Jedenfalls
um einen Teil davon. Sie schwieg kurz und lachte dann leise auf.
»Naja,
sie war nicht gerade erfreut darüber, mich kennenzulernen«, sagte ich
schulterzuckend. Linda strich mir meine Haare über den Rücken. Sie drehte die
unteren Wellen um ihre Finger und ließ sie dann wieder auslaufen.
»Genauso
wenig warst du erfreut, sie zu sehen«, sagte Linda wissend. Sie hatte bemerkt,
dass ich mich Ben gegenüber verändert hatte. Dass ich mir Fotos von ihm viel
öfter als nötig angesehen hatte, ständig bei ihnen zuhause abhing, anstatt die
Zeit mit meiner Mutter zu verbringen, Bens T-Shirts trug, die er nicht mitgenommen
hatte und sein Duschgel benutzte. Ja, sie wird beim Wäsche machen sicher auch
bemerkt haben, dass auf Bens Kopfkissen - obwohl er schon ein Jahr nicht mehr
da war - immer noch sein Parfum zu riechen war. Und zwar in aller Deutlichkeit.
Sie wusste es, sie kannte mich. Und sie war nicht blind. Aber vielleicht wusste
sie auch mehr über Chelsea, als mir lieb war.
»Was
ist das zwischen den beiden?«
»Nun,
das solltest du Ben wohl besser selbst fragen, Schatz«, sagte sie leise. »Ich
weiß nicht, ob da überhaupt was ist. Er hat mir nie von ihr erzählt, aber
plötzlich steht sie da und…«
»Und
scheint von Bedeutung zu sein«, beendete ich den Satz fast flüsternd. Ich
vergrub kurzerhand mein Gesicht in den Händen und Linda zog mich in ihre Arme.
Sie strich sanft mit ihren schmalen Fingern über meine Haut und ihr Kinn legte
sich für einen kleinen Augenblick auf meinen Kopf.
»Gibt
es etwas, das du mir sagen möchtest?«, fragte Linda leise. »Ich weiß, der
Standardsatz aller Filme, aber…«
»Ich
mag ihn eben«, brachte ich bloß heraus und fragte mich gleichzeitig, wieso es
mir so schwer fiel, Linda meine Gefühle für Ben zu gestehen. Immerhin war sie
für mich wie eine zweite Mutter.
»Ja,
ich weiß«, sagte sie und räusperte sich. Dann setzte sie sich gerade hin und
ich löste mich wieder aus ihrer Umarmung.
»Deine
Gefühle haben sich verändert, oder?« Stille kehrte zwischen uns ein und es war,
als stände die Zeit für mich still. Das einzige, was ich noch vernahm, war das
leise Vogelgezwitscher und die gedämpfte Musik, die aus der Wohnung drang.
»Ich
glaube schon«, seufzte ich. Und dann sah ich Linda an, erkannte ein Funkeln in
ihren Augen. Sie stand auf, nahm meine Hand und zog mich ebenfalls von der
Bank.
»Maja,
kein Mädchen könnte eine so perfekte Schwiegertochter für mich abgeben, wie du
es tun würdest«, sagte sie aufrichtig und ein Lächeln stahl sich über ihre
Lippen. »Ich weiß, dass du für Ben eine große Bedeutung hast. Finde heraus, wie
es zwischen euch steht.«
Ich
wand mich und wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Ihre Worte waren wie
Balsam für meine Seele und es war ein schönes Gefühl zu wissen, dass sie auf
meiner Seite stand.
»Danke«,
sagte ich nur und ließ mich von ihr auf die Wange küssen.
»Aber
immer gerne«, sagte Linda und strich mir mit ihren langen schmalen Fingern durchs
Haar. »Und jetzt gehen wir rein, trinken etwas und sehen, was der Abend so
bringt.«
»Okay.«
»Und
lass dich bloß nicht von Chelsea aus dem Spiel kicken«, warnte Linda mit
erhobenem Glas. »Sie ist zwar hübsch und hat wundervolle Beine, aber genau das
hast du auch. Und nicht nur das, sondern auch Herz. Und kein Herz könnte Bens
Herz so verzaubern wie deines, Maja.«
Wir
gingen rein und am liebsten wäre ich Linda noch hundert Mal für diese Worte in
die Arme gefallen. Wie lange sie wohl schon darauf gewartet hatte, dass ich mit
ihr darüber rede? Wann war sie sich sicher, dass ich mich in Ben verliebt
hatte? Ich hatte mir seine Emails manchmal zehnmal am Tag durchgelesen und ihn
monatelang als Hintergrund auf dem Desktop seines eigenen Computers gehabt.
Dazu war ich einfach ein missmutiger Mensch, wenn er nicht da war und konnte
mich in den drei Jahren nur schwer mit anderen Leuten beschäftigen. Ja,
wahrscheinlich lag es schon ewig auf der Hand. Ob es für Ben auch so
offensichtlich war, nachdem er mich so lange nicht gesehen hatte? Ich hatte ihm
schließlich nicht auf die Nase gebunden, dass ich den ganzen Tag über alleine
zuhause hockte. In seinem Zimmer. Unter seiner Wolldecke. In seinen Shirts.
Dennoch spukte die Frage in meinem Kopf herum, wie gut er mich noch kannte.
Damals hätte ich so etwas nicht vor ihm verheimlichen können. Aber wir beide
hatten uns in den vergangenen Jahren beide sehr verändert.
»Da
seid ihr ja, ich hab euch schon gesucht«, rief meine Mutter und legte einen Arm
um meine Schultern. »Mensch, es ist so schön mal Leute aus Neuseeland
kennenzulernen. Gerade habe ich mit den beiden ein bisschen geplaudert.«
»Ach
ja?«, sagte ich und verschränkte genervt die Arme vor der Brust, wand mich aus
der Umarmung meiner Mutter. Grinsend strich sie sich ein paar Strähnen ihres
schwarzen Bobs hinter die Ohren.
»Diese
Chelsea ist ja wirklich eine Granate«, stellte sie fest und legte nachdenklich
einen Finger an ihre Wange.
»Aha«,
sagte ich schlicht und versuchte die Wut über ihren Kommentar nicht zu hoch
kochen zu lassen.
»Ist
sie Model?«, fragte sie ernsthaft interessiert.
»Woher
soll ich das wissen, Mutter?«, keifte ich. »Es interessiert mich auch nicht«,
fügte ich etwas weniger bissig hinzu und suchte im Raum nach einer Fluchtmöglichkeit.
»Na,
na, meine Liebe. Nur kein falscher Neid.«
»Keine
Sorge, auf so etwas bin ich nicht neidisch«, sagte ich und lächelte ironisch.
Als
meine Mutter kurz darauf plötzlich von Jim angesprochen wurde, nutzte ich die
Gelegenheit und ging. In der Küche entdeckte ich Ben mit Sam und ich gesellte
mich kurzerhand dazu.
»Hey«,
murmelte ich.
»Hey«,
sagte Ben und sah mich freundlich an. Auch Sam lächelte freundlich.
»Sollen
wir eine Runde um den Block?«, fragte ich Ben und sah ihn bittend an. Ben legte
den Kopf ein wenig schief und schien über meinen Vorschlag nachzudenken. Zu
einer Entscheidung kam er allerdings nicht mehr, denn Chelsea quetschte sich
dreist an mir vorbei und stellte sich neben Ben, um ihm irgendetwas ins Ohr zu
flüstern. Ich sah wie Ben ihr die Hand locker auf den Rücken legte und
irgendwann nickte. Dann ging Chelsea und Ben war dabei ihr zu folgen.
»Komme
gleich wieder«, sagte er, allerdings eher zu Sam, als zu mir. Ich seufzte
schwer.
»Soll
ich mit dir um den Block gehen?«
»Nettes
Angebot, Sam. Aber das ist etwas, was ich dann doch lieber mit Ben tun würde«,
sagte ich schulterzuckend.
»Ich
kriege selten einen Korb«, sagte er grinsend.
»Das
glaub ich gern«, sagte ich und schenkte ihm einen anerkennenden Blick. »Aber
keine Sorge, das hier ist auch keiner.«
»Versteh
schon«, sagte Sam, lehnte sich mit dem Po an die Küchentheke und schlug locker
einen Fuß über den anderen. »Aber da ja gerade niemand mit uns seine Zeit
verbringen will, könnten wir uns ja trotzdem zusammentun.« Seine Worte klangen
hart, auch wenn sie eher amüsant gemeint waren. Mir schnitten sie die Haut vom
Herzen und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich zuckte einfach nur mit
den Schultern und blickte auf den Boden.
»Ich
glaube, ich geh mal kurz hoch«, sagte ich und hob die Hand zum Abschied. Sam
nickte und füllte sein Glas, als ich die Küche verließ. Im Flur begegnete mir
Linda, die wohl auch gerade von der Toilette kam, aber ich huschte so schnell
an ihr vorbei, dass sie mich nicht aufhielt. Ich hatte gerade keine Lust zu
reden und wollte mich einfach nur für einen Augenblick verkriechen und
nachdenken. Darüber, dass Ben mich wegen Chelsea einfach stehen ließ, was er
vorher noch nie für irgendjemanden getan hatte. Und darüber, was zwischen den
beiden eigentlich lief. Auch wenn ich mir sicher war, dass es mich nicht
weiterbrachte, wenn ich es wusste. Es würde mich nur noch trauriger machen.
Oben
angekommen betrat ich Bens Wohnzimmer und setzte mich auf sein großes schwarzes
Sofa. Ich schaltete den Fernseher an und zappte einmal durch. Aber als ich mich
für nichts begeistern konnte, legte ich die Fernbedienung zur Seite und öffnete
das Fenster über dem Sofa, von dem aus man über den ganzen Garten und die
Terrasse blicken konnte. Oft hatte ich im letzten Sommer dort gesessen und die
Ruhe genossen, auch mitten in der Nacht.
Eigentlich
wollte ich nur ein bisschen frische Luft reinlassen, aber dann erblickte ich
plötzlich Linda und Ben, die sich angeregt unterhielten. Linda gestikulierte
wild und ich befürchtete, dass sie Ben gleich ihren letzten Schluck Sekt
überkippen würde. Neugierig lehnte ich mich über das kleine Stück Dach, um
besser sehen zu können. Sam und Chelsea standen rechts in der Ecke der Terrasse
und stießen an, auf was auch immer. Mein Blick wanderte wieder zurück zu Ben
und seiner Mutter. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt, was seine
Muskeln zur Geltung brachte. Erstaunt schüttelte ich den Kopf. Wie schmal er
früher gewesen war und wie trainiert er jetzt dort unten stand. Er war nicht
mehr derselbe, das stand fest. Ich wusste nur noch nicht, ob das gut oder
schlecht war. Vielleicht war er in Neuseeland zum Weiberheld mutiert. Nicht,
dass er hier keine Freundinnen gehabt hätte. Ben war schon immer charmant
gewesen und die Mädels liefen ihm schon seit dem Kindergarten hinterher, weil
er ihnen immer die letzte freie Schaukel überlassen hatte. Aber trotzdem hatte
er auch eine sehr schüchterne Seite und wenn er ein Mädchen richtig mochte,
dann fragte er jedes Mal mich, wie er sie am besten dazu bringen konnte, mit
ihm auszugehen. Ich war mir sicher, diese Hilfe brauchte er jetzt nicht mehr.
»Du
warst drei Jahre weg, Ben«, schnappte ich auf einmal Lindas Stimme auf und war
erschrocken, dass sie so laut redete. Ein fest umschlungenes Ehepaar drehte
vorsichtig ihre Köpfe zu den beiden um und verschwanden dann leise im Haus.
»Sie
hat mir genauso gefehlt«, hörte ich Ben antworten und er löste die Arme von der
Brust um sie genervt in die Höhe zu reißen. Seine Worte hätten mich eigentlich
freuen sollen, aber so wie er sie sagte, taten sie irgendwie weh. Vielleicht
meinte er es gar nicht ernst und hatte nur keine Lust, sich weitere Vorträge
von seiner Mutter anzuhören. Wieso fand dieses Gespräch überhaupt statt? Weil
ich mit hängenden Mundwinkeln an ihr vorbeigegangen war, ohne einmal aufzusehen?
Hatte Linda mit Sam gesprochen, oder vielleicht sogar mit Chelsea? Wusste sie
etwas, was ich noch nicht wusste, oder kannte sie mich einfach nur wieder so
gut, um sofort zu wissen, was mit mir los war? Ich schien ja Bände zu sprechen,
selbst wenn mein Mund geschlossen blieb.
»Vergiss
nicht, was du mit Maja hattest«, sagte Linda intensiv. Sie fixierte ihn
förmlich mit ihren blauen Augen. »Keine Frau der Welt kann dir das geben, was
sie dir gegeben hat.«
Dann
ging sie. Und Ben blieb zurück, ließ seine Hände gegen die Hüften fallen und
den Kopf in den Nacken sinken. Ich zog mich vom Dach zurück, ließ das Fenster
aber weiterhin offen stehen. Dann setzte ich mich wieder auf das Sofa und fiel
rücklings in die Kissen. So blieb ich liegen und glotzte gedankenverloren die
Decke an.
»Was
wohl mit der geplanten Campingtour ist?«, fragte ich mich selbst, zuckte
zweimal mit den Schultern und schob dabei die Unterlippe vor. »Ben hat es mir
versprochen«, flüsterte ich und schloss die Augen. Das hatte er wirklich. In
den letzten paar Monaten hatten wir immer wieder in den Emails davon
gesprochen, dass wir zu den Helston Caves fahren würden, wenn er wieder zuhause
wäre, so wie wir es früher einmal mit Bens Eltern gemacht hatten. Ein Lächeln
stahl sich über meine Lippen, als ich daran dachte, wie Ben und ich als kleine
Kinder in den riesigen Höhlen verstecken gespielt hatten. Wie wir uns mit Sand
beworfen und uns gegenseitig in die Wellen geschubst hatten, bis uns vor Lachen
der Bauch wehtat.
Ein
plötzliches Klopfen riss mich aus den Gedanken und ich drehte erschrocken den
Kopf herum.
»Ben«,
sagte ich und stützte mich mit den Ellbogen auf, winkelte leicht meine Knie an.
»Was
machst du hier oben, Maja?«, fragte er und blieb angelehnt im Türrahmen stehen.
Sein Shirt hing locker über den Bund seiner Hose.
»Nichts,
wieso?«
»Naja,
die Party ist unten, also…«, sagte er zweifelnd und fummelte an einem kleinen
Lederbändchen herum, dass er um den rechten Arm trug.
»Ja,
ich… wollte eben kurz hoch«, sagte ich und fand tatsächlich keine plausiblere
Ausrede. Mein Kopf war einfach leer, seitdem er in der Tür stand.
»Okay…
aber dir geht es gut?«, fragte er und zog einen Mundwinkel nach oben.
»Könnte
man so sagen«, sagte ich und lächelte gezwungen.
»Wenn
man von was absieht?«, fragte er.
»Es
ist nichts, Ben, ehrlich. Alles okay«, sagte ich und zwang mich dazu wirklich
unbekümmert zu klingen. Dabei brodelte es schon an der Oberfläche. Ben sah mich
nur an, er bewegte sich nicht.
»Hast
du die Campingtour geplant?«, fragte ich um von mir abzulenken. Nun kam er
langsam auf mich zu, hob meine Beine kurz an, ließ sich auf dem Sofa nieder und
legte sie dann über seinen Schoß. Er hielt meine Knöchel fest und streichelte
einen mit seinem Daumen.
»Ich
wollte Freitag fahren, also übermorgen«, sagte er. »Ist dir das recht?«
»Ehm,
ja sicher, aber…«, begann ich skeptisch. »Aber wieso fragst du mich das?«
»Na,
um zu wissen, ob du dann Zeit hast«, sagte er und schüttelte verwirrt den Kopf.
»Ja,
aber du hast es mir versprochen, also solltest du dich ja nach mir
richten. Ich meine, wieso legst du das Datum so knapp fest?« Ich setzte mich
auf und nahm meine Beine von seinem Schoß. »Komm schon, du weißt genau, was ich
meine.«
Ben
kratzte sich im Nacken, dann seufzte er. »Sam und Chelsea fahren mit und sie können
nur dieses Wochenende.«
»Na,
da haben wir’s ja schon«, murrte ich und nahm die Fernbedienung in die Hand.
Konzentriert drückte ich immer wieder die gleichen Knöpfe in die Stille hinein,
bis Ben sie mir irgendwann vorsichtig aus der Hand nahm und mich zu sich
drehte.
»Maja«,
sagte er. »Sieh mich an.«
»Es
sollte unser Urlaub sein«, sagte ich und blickte ihm scharf in die Augen. In
seinen konnte ich nichts mehr lesen. Ich musste mir eingestehen, dass er mir in
den letzten drei Jahren fremd geworden war.
»Es
ist immer noch unser Urlaub, Maja«, sagte er. »Jetzt fahren eben noch zwei
Freunde mit, da ist doch nichts dabei.«
»Ja,
wenn es unsere Freunde wären«, sagte ich genervt. »Aber es sind deine Freunde.
Nur deine.«
»Dich
mögen sie doch auch«, sagte er und begann zu grinsen. Ich fand das alles gar
nicht so amüsant.
»Also,
da bin ich mir nicht sicher«, schnaubte ich.
»Bist
du etwa eifersüchtig?«, fragte er plötzlich und ich riss erschrocken den Mund
auf. Ich schlug ihm mit der Faust gegen seine neuerdings sehr trainierte
Schulter.
»Aber
natürlich nicht, was glaubst du denn?«, fragte ich entsetzt. »Trotzdem bestehe
ich auf meinen gewissen Stellenwert.«
»Den
wirst du nie verlieren«, sagte er und strich mir mit seinem Handrücken über die
Wange. »Komm mal her.« Ben zog mich in seine Arme und ich ließ es geschehen.
Sein markanter Duft umhüllte mich und ich notierte mir sinnbildlich, dass sich
wenigstens sein Parfum in den letzten drei Jahren nicht geändert hatte.
»Früher
hast du nie daran gezweifelt, dass du mir etwas bedeutest«, sagte Ben und
strich mir zärtlich über die Arme. Meine Nase lag an seiner Brust, die sich
gleichmäßig hob und senkte.
»Früher
hast du mich auch nie daran zweifeln lassen«, antwortete ich mit gebrochener
Stimme. Mir stiegen die Tränen in die Augen und ich hätte mich am liebsten dafür
geohrfeigt. Ich riss die Augen weit auf und rollte sie nach oben, damit die
Tränen sich verflüchtigten, bevor eine davon noch auf Bens Shirt landete und er
es bemerken würde.
»Weißt
du, was?«, fragte Ben aufmunternd. »Die letzte Zeit war für uns alle nicht
gerade einfach. Aber es wird alles wieder werden, wie es war. Das verspreche
ich dir.«
Es
wird alles wie es war. Das hieß, es würde sich nichts ändern. Weder zwischen
uns, noch um uns herum. In mir machte sich ein flaues Gefühl breit und ich
musste mich aus der Umarmung kämpfen.
»Ja,
wir werden sehen«, murmelte ich und rückte meine Klamotten ein wenig zurecht.
»Was
meinst du damit?«
»Naja,
es hat sich viel verändert in der Zeit und ob es jemals so wird, wie es davor
war, das wissen wir nicht«, sagte ich. Ben sah mich verwirrt an und stand
scheinbar enorm auf dem Schlauch. Waren Frauen für Männer wirklich so
unergründlich?
»Was
läuft zwischen dir und Chelsea?« Als die Worte aus meinem Mund gepurzelt waren,
brannte mein Magen wie Feuer und das Adrenalin schoss durch all meine Venen.
Ich wollte es nicht hören, nein, er sollte es nicht aussprechen.
»Vielleicht
sollten wir darüber ein andermal reden«, sagte Ben und wich meinem Blick aus.
»In Ruhe.«
»Okay«,
sagte ich und biss mir auf die Lippen. Gar nichts war okay. Wieso sprach er mit
mir nicht darüber? Wieso brauchte er dafür den passenden Zeitpunkt? Wir hatten
doch immer über alles geredet und bis auf seine sexuellen Vorlieben, seine
Penisgröße und die Anzahl seiner Toilettengänge am Tag, wusste ich alles von
ihm.
»Ben?«,
ertönte plötzlich eine Stimme im Flur. Eine Stimme, der ich nur allzu gern die
dazugehörigen Bänder herausgerissen hätte.
»Wir
sind hier«, rief er und kurz darauf stand Chelsea im Zimmer. Ihre ewig langen
Beine waren wunderschön geformt und nicht so vernarbt vom früheren Toben im
Garten wie meine.
»Was
macht ihr hier?«, fragte sie und ihr Ton klang leicht gereizt, auch wenn sie
ihr bestes gab, es zu verbergen. Ich war auch eine Frau, vor mir konnte sie
nichts verstecken.
»Ach,
weißt du, wir haben gerade Sex. Angezogen, mit einem Meter Abstand zwischen den
Körpern…« Ihre Augen wurden für einen Moment zu Schlitzen, dann lachte sie
leise, als hätte ich einen Witz gemacht. Arrogant lächelte ich zurück.
»Ich
wollte nur einen Moment nach ihr sehen«, sagte Ben, während er mich fassungslos
anstarrte. »Gibst du mir noch einen Moment, ich komme gleich wieder zu euch
runter.«
Chelsea
dachte darüber nach, verlagerte ihr Gewicht von dem einen Bein auf das andere.
»Ja, gut. Deine Eltern legen gerade die Würstchen auf den Grill.«
»Gibt
es auch etwas für dich?«, fragte Ben. Fragend sah ich ihn an und betrachtete
seine gerade Nase und die schön geformten Lippen im Profil.
»Ja,
ich esse Salat und Brot«, sagte sie. »Und was es sonst noch so gibt.« Dann warf
sie Ben einen letzten Blick zu, ignorierte mich und schritt wieder aus dem
Zimmer. Als ich sie weit genug weg schätzte, stöhnte ich laut auf und warf den
Kopf in den Nacken.
»Was
ist jetzt schon wieder?«
»Du
wirst ja jetzt nicht hoffentlich auch noch zum Vegetarier«, sagte ich und
schaute zur Decke hoch, fuhr mit den Händen einmal durch meine dunkelblonden
Haare.
»Auch
wenn so gut wie alles dafür sprechen würde, habe ich es nicht vor«, sagte er.
Sein Blick blieb auf mir haften und irgendwann erwiderte ich ihn.
»Was
ist denn?«
»Ich
erkenne dich gar nicht wieder, Maja«, sagte Ben und senkte seinen Blick, begann
an einem losen Hosenfaden an seinem Knie zu drehen. »Ich weiß, die drei Jahre
waren lang für dich, aber ist das ein Grund, unsere Freundschaft in Frage zu
stellen, oder auf irgendein Mädchen eifersüchtig zu sein?«
Ich
dachte kurz nach und durchforstete seine Worte nach einem hoffnungsvollen
Klang. »Irgendein Mädchen?«, fragte ich und zog amüsiert einen Mundwinkel nach
oben.
»Ja,
Maja, irgendein Mädchen«, wiederholte er noch einmal und grinste. Dann packte
er meine Hände und drückte sie ganz fest. Ich drückte zurück und plötzlich,
ohne jegliche Vorwarnung, zog er mich zu sich und ich ließ mich über ihn
sinken. Unsere Bäuche berührten sich und meine langen Haare fielen ihm ins
Gesicht. Anstatt, sie wegzuschieben, saugte er ihren Duft ein.
»Wir
werden jetzt gleich nach unten gehen und etwas essen«, sagte er leise und
pustete in meine Haarspitzen. »Und dann…«
»Dann
tun wir etwas, was wir schon lange nicht mehr gemacht haben«, freute ich mich,
bevor ich überhaupt eine Bestätigung von ihm hatte. Ben lachte und ich blickte
hinab auf seine weißen Zähne, die im Gegensatz zu meinen, auch ohne Zahnspange
ihre Richtung gefunden hatten.
»Oder
wir tun etwas, das wir noch nie getan haben.« Ich richtete mich etwas auf, Ben
suchte meinen Blick und ich erwiderte ihn. Und dann brach ein seltsames
Schweigen zwischen uns aus.
Kapitel
2
»Kommst
du klar, Paco?«, fragte ich meinen mexikanischen Mitarbeiter im städtischen
Kino und er nickte mir schnell zu, bevor er zwei kurzhaarigen Mädels ihr
Popcorn über die Theke reichte. Er trug einen kleinen zerrupften Strohhut,
seine Haut war wunderbar schokoladig und er sah in seinem engen Shirt wie immer
zum Anbeißen aus. Aber meine Gedanken gehörten trotz allem Ben allein. Nicht
nur, weil ich ihn so sehr mochte, sondern wegen dem gestrigen Abend.
Als
wir mit dem Essen fertig waren und Chelsea und Sam sich verabschiedeten, um mit
dem letzten Bus in ihre neue Bleibe zu fahren, machten Ben und ich uns auf den
Weg aufs Feld. Zuerst wusste ich nicht, was daran etwas Neues und Besonderes
sein sollte, wenn man davon absah, dass jeder Moment mit ihm besonders war. Wir
waren schon tausend Mal auf den umliegenden Feldern und kannten sie in- und
auswendig. Aber Ben hatte tatsächlich eine Überraschung in Petto. Er führte
mich eine lange Zeit querfeldein und irgendwann stießen wir auf einen Hochsitz.
»Das
ist nicht dein Ernst!«, hatte ich gerufen, aber Ben zwang mich nach oben zu
gehen. So kletterten wir beide die Leiter nach oben und als wir auf dem
Hochsitz ankamen, hatten wir einen unfassbaren Ausblick über eine Lichtung und
unter uns war ein kleiner See. Die Sterne und der Mond spiegelten sich im
Wasser und mich umfasste ein unfassbar romantisches Gefühl. Es war dunkel und
warm draußen, und still. Nur die Grashüpfer hörten wir zirpen und irgendwo in
der Nähe quakte ein Frosch.
Irgendwann
schlug Ben vor von hier oben ins Wasser zu springen.
»Bist
du wahnsinnig geworden?«, fragte ich und Ben breitete fragend die Arme aus.
»Traust
du dich nicht, oder was?« Ich wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, da
öffnete er den Knopf seiner kurzen Jeans und schob sie anschließend herunter.
Mit offenem Mund stand ich da und starrte. In der Dunkelheit konnte ich fast
nur Umrisse von ihm erkennen, aber mehr hätte ich auch gar nicht verkraftet, ohne
das mir vor Magenkribbeln schwindelig geworden wäre.
»So,
fertig? Komm«, sagte er und zog sich noch schnell das Shirt über den Kopf. Dann
kletterte er tatsächlich durch die Öffnung über das Holz, hielt sich außen fest
und wartete darauf, dass ich mich ebenfalls den Kleidern entledigte.
Nachdem
er mir keine Chance gelassen hatte, stand ich in Unterwäsche im Hochsitz und
zitterte. So warm war es also doch nicht gewesen. Ben sprang und ich hoffte,
dass er heil unten ankam. Mit einer tobenden Angst im Bauch kletterte auch ich
hinaus und zählte bis zehn, bevor ich mich schreiend fallen ließ. Nach ein paar
viel zu kurzen Sekunden platschte es und ich wurde von lauwarmem Wasser
umhüllt, das eher nach einem Tümpel, als nach einem See roch.
»Wenn
mich gleich die Blutegel fressen, dann Gnade dir Gott«, keuchte ich und schlug
mit den Handflächen aufs Wasser, sodass es Ben ins Gesicht spritzte. Er kam auf
mich zu geschwommen, wischte sich das Wasser aus den Augen und umfasste meine
Taille. Im Wasser fühlte sich sein Griff so unglaublich zart an, irgendwie
unwirklich. Ich legte die Hände um seinen Nacken und ließ mich treiben. Immer
wieder versuchte ich meinen Körper von ihm fern zu halten, aber als ob er es
bemerken würde, nahm er plötzlich meine Schenkel und legte meine Beine um seine
Hüften.
In
mir zog sich alles zusammen und noch niemals war ich Ben auf diese Weise nahe.
Mein Unterleib berührte seinen Bauch und den Bund seiner Shorts. Ich hatte
Angst. Und ich wusste absolut nicht, was ich sagen oder tun sollte. Ich wartete
darauf, dass Ben irgendetwas sagte, aber er blieb still. Er sah mich einfach
nur an, solange, bis er irgendwann lächelte. Seine grünen Augen funkelten in
der Nacht und ich wünschte mir, dass diese Nacht und diese Dunkelheit niemals
enden würde.
»Alles
klar?«, fragte er. Ich löste meine Beine von ihm und ließ mich vom Wasser
weggleiten. Meine Sinne beruhigten sich etwas und ich machte mir über Dinge
Gedanken, die mir früher im Traum nicht eingefallen wären. Und die mir sogar
irgendwie peinlich waren.
»Ja,
wieso?« Ich zuckte mit den Schultern. Wenn er für mich das Gleiche fühlte,
hätte ich es dann nicht irgendwie merken müssen? »Und selbst?«
»Klar«,
sagte er. »Aber es wird langsam etwas kalt.«
»Dann
lass uns rausgehen«, schlug ich vor und schwamm an den Rand des Sees. Als ich
dort ankam, fiel mir ein, dass meine Unterwäsche zwar nicht weiß war, aber
hellrosa. Würde man da auch etwas sehen? Trotz der Dunkelheit?
»Warte,
ich helfe dir raus«, sagte Ben und zog an mir vorbei. Er zog sich am rutschigen
Gras hoch und als er aus dem See heraus war reichte er mir seine Hand.
»Danke«,
sagte ich. Zitternd liefen wir zurück zum Hochsitz um oben unsere Klamotten zu
holen.
Hätte
er nicht wenigstens versuchen müssen, mich zu küssen, wenn er das gleiche fühlte,
wie ich? ... Ich
wies mich innerlich zurecht und lenkte meine Gedanken auf das Wesentliche
zurück. Klamotten anziehen.
Wir
redeten nicht viel auf dem Heimweg. Ich hätte nur zu gerne gewusst, was er
dachte. Dabei hatte ich mit meiner eigenen Gedankenwelt doch schon genug zu
tun.
Als
wir zuhause ankamen, verabschiedete ich mich an der Haustür und winkte ihm bloß
zu. Er blieb kurz stehen und deutete auf mich und sein Haus. Seine Füße waren
voller Schlamm, genau wie meine.
»Nein,
ich schlafe heute zuhause«, sagte ich, ohne ihm eine Begründung zu nennen. Er
nickte bloß und winkte zurück. Dann verschwand er und ich sperrte kurz darauf
meine Haustür auf und atmete zum ersten Mal seit einer Stunde wieder tief
durch.
»Hallo,
Maja?«, hörte ich eine Stimme wie durch Watte. »Lebst du noch? Werd mal wach,
wir haben gleich Feierabend«, sagte Paco und ich schüttelte den Kopf.
»Tut
mir leid, ich war total in Gedanken«, sagte ich und schnappte mir einen Lappen
um die Theke abzuwischen. Der letzte Film lief gerade aus und die Leute
verließen murmelnd die Kinosäle.
»Das
merke ich«, sagte Paco. »Ist wirklich alles gut bei dir?«
»Ja,
keine Sorge«, sagte ich. »War ne lange Nacht gestern.« Paco gab sich damit
zufrieden und wir lächelten uns an. Er warf mir neckisch einen Lappen ins
Gesicht.
»Was
machst du heut Abend?«, fragte er und schloss anschließend die Kasse ab und
sackte den Generalschlüssel ein. Paco schloss das Kino abends immer zu.
»Nicht
viel, denke ich. Ben ist ja gestern erst nach Hause gekommen und vielleicht
werde ich ihm noch ein bisschen Gesellschaft leisten«, sagte ich. Paco nickte
und rückte seinen Strohhut zurecht. Er wartete schon ein halbes Jahr darauf,
dass ich mal mit ihm ausging. Aber für mich stand fest, dass ich niemals mit
einem Arbeitskollegen ausgehen würde. Am Ende käme ja doch nur Ärger dabei
heraus. Und davon abgesehen war Paco nicht mein Typ, auch wenn er wirklich gut
aussah. Das gewisse Etwas fehlte wohl trotzdem.
Unten
schloss Paco ab und ging zu seinem Auto. Indessen versuchte ich Ben anzurufen,
während ich zu meinem Wagen ging. Die Mailbox meldete sich und ich versuche es
noch ein paar Mal. Aber nichts. Genervt warf ich das Handy zurück in meine
Handtasche, öffnete die Autotür und stieg ein. Auf dem Nachhauseweg überlegte
ich, ob es wirklich eine gute Idee war, Ben unter die Augen zu treten. Die gestrigen
Ereignisse machten mir zu schaffen, weil ich nicht wusste, wo ich bei ihm dran
war. Aber letztendlich brauchte ich mir selbst nichts vorzumachen. Freiwillig
auf Ben verzichten – das war ein Ding der Unmöglichkeit.
Als ich an der Tür klingelte, öffnete Linda
mit einem erstaunten Blick.
»Maus, wieso bist du hier?«
»Wie?«, fragte ich stutzig. »Wie meinst du
das?« Linda ließ mich rein und schloss die Tür hinter mir. Sie warf einen Blick
auf die Wanduhr.
»Naja, ich dachte du wärest bei den anderen.
Ben ist mit seinen Freunden zum großen Felsen gefahren. Sie feiern dort ein
bisschen«, erzählte Linda und wunderte sich darüber, dass ich nichts davon
wusste. Ich versuchte gelassen zu reagieren und sagte ihr, dass er mir bestimmt
eine Nachricht hinterlassen hatte.
Ich rannte kurz nach oben in Bens Zimmer um
zu sehen, ob er mir da vielleicht tatsächlich einen Zettel hingelegt hatte.
Vielleicht hatte er kein Geld mehr auf dem Handy oder der Akku war leer
gewesen. Aber als ich oben ankam, fand ich nichts. Nichts außer ein paar Cent
Stücke auf der Couchtischplatte und ein Feuerzeug. Rauchte Ben etwa, oder
gehörte es Chelsea?
Schnell lief ich wieder nach unten. Ich
beschloss Linda zu fragen, ob sie mich zur Party fahren könnte, weil mein Wagen
nicht mehr viel Benzin hatte. Sie umfasste mein Gesicht mit ihren Händen und
ich hoffte, dass sie nicht spürte, wie sehr meine Wangen glühten.
»Mach dir keine Sorgen, es gibt bestimmt
eine Erklärung«, sagte sie und drückte mich dann fest an sich. Ich erwiderte
die Umarmung und seufzte.
»Ja, sie lautet Chelsea«, sagte ich. Linda
drückte mich sanft von sich und lächelte mir kläglich zu.
»Da wäre ich mir nicht so sicher«, sagte sie
dann und gab mir einen Klaps auf den Po. »Los, lass uns fahren.«
Linda hatte nur die Fingernägel der rechten
Hand lackiert. Sie fing immer rechts damit an, ganz im Gegensatz zu mir. Ihre
Füße trugen Hausschuhe und ihre knielange Jogginghose war ein wenig
hochgerutscht. Ich versuchte mich auf sie zu konzentrieren, anders wäre ich
verrückt geworden.
»Ich verstehe nicht, wieso er mich nicht
dabei haben möchte«, flüsterte ich und sah sie an. Im Profil sah sie oftmals
noch viel schöner aus als von vorne. Ihre Nase war perfekt und ihre Lippen
waren nicht zu voll, aber auch nicht zu schmal. Ihre Wimpern waren so lang,
auch ungeschminkt sahen sie richtig schwungvoll aus. Wie oft hatte ich mir als
Kind gewünscht, so wie sie zu sein. Und wenn ich ehrlich sein soll, ich
wünschte es mir immer noch.
»Warte erst ab, was er dazu zu sagen hat.
Vielleicht ist alles ganz harmlos«, sagte sie ein wenig verärgert. »Wenn du
glaubst, er will dich nicht dabeihaben, wieso willst du dann hin?«
Ich wusste es nicht. Ich wollte Ben kein
Klotz am Bein sein, aber gleichzeitig wollte ich so gerne Zeit mit ihm
verbringen. Ich wollte die Frau sein, die er abends anrief, nur um ihre Stimme
zu hören. Ich wollte die Frau sein, der er einen Zettel hinlegte und sich dafür
entschuldigte, nicht angerufen zu haben, weil sein Akku leer war. Wieso hatte
er das nicht einfach getan?
»Du hast so Recht, Linda«, seufzte ich und
sah in den Seitenspiegel. Ich würde so gerne wissen, wie Ben mich aus seinen
Augen sah. Aus meinen sah ich aus wie die Unschuld vom Lande, wunderschön und
unberührt, nicht gerade sexy, eher so wie eine Porzellanpuppe. Reine Haut,
lange, dunkle, aschblonde geglättete Haare, kleine Brüste und angezogen wie
eine Künstlerin. Dabei sah es in mir drin so ganz anders aus. Ich war
aufgewühlt, fühlte mich wie Struwwelpeter und wie eine eifersüchtige Ehefrau.
Und verdammt, ich wollte nicht so unschuldig aussehen. Ich hätte mir die Haare
schwarz färben können, dann würde mein Gesicht vielleicht nicht mehr so
engelsgleich wirken, wie meine Mutter es gerne nannte. Aber das brachte ich
einfach nicht übers Herz.
»Weißt du was, Maja«, begann Linda. »Mach
dir einen schönen Abend und denke nicht zu viel über alles nach. Er ist gerade
erst zurückgekommen.« Ich nickte langsam und schaute seufzend aus dem Fenster.
Sie hatte Recht. Ich durfte ihn jetzt nicht einengen. Wir mussten beide erst
herausfinden, wo nach drei Jahren ohneeinander unser Platz war. Vielleicht war
etwas verrutscht. Vielleicht konnten wir nicht dort weitermachten, wo wir
damals aufgehört hatten.
Als wir am großen Felsen vorfuhren, sah ich
einige Autos am Straßenrand parken. Es war dunkel und die einzigen Lichter, die
man sah, stammten von diversen Handys oder kleinen Taschenlampen.
Jemand hatte sein Auto rückwärts auf den
großen Rasenplatz gefahren und den Kofferraum geöffnet, aus dem laute Musik
dröhnte. Wahrscheinlich floss der Alkohol schon in Strömen. Linda gab mir zum
Abschied ein Küsschen auf die Wange und ich stieg aus. Mit einem flauen Gefühl
im Magen warf ich mir meine Handtasche über die Schulter und ging zu den Leuten
auf die Wiese. Im Dunkeln war es gar nicht so einfach jemanden zu erkennen.
Aber es dauerte nicht lange, da lief mir eine Bekannte aus der Schulzeit über
den Weg und fiel mir betrunken in die Arme.
»Maja«, lallte sie. »Wie schön dich mal
wieder zu sehen.« Sie kicherte albern und hauchte mich mit ihrem Bieratem an.
Ihre braunen Haare waren total verklebt und fielen ihr wirr ins Gesicht. Ich
drückte sie sanft von mir weg, schließlich war mit ihr sowieso kein Gespräch
mehr möglich.
Überall um mich herum waren Stimmen,
Gelächter und Dunkelheit und ich hatte keine Ahnung, wohin ich gehen sollte.
Die betrunkene Schulkameradin hatte sich kurzerhand ins Gras fallen lassen und
spielte an ihrem Handy herum. Ich atmete tief durch und ging unauffällig
weiter, sah mich nach allen Seiten um. Ich erblickte ein paar Leute, die ich
aus der Gegend kannte, aber niemanden, mit dem es sich zu reden gelohnt hätte.
Ich dachte darüber nach, ob ich einfach wieder nach Hause gehen sollte, aber
dann kam plötzlich jemand ganz zielsicher auf mich zu.
»Maja?«,
fragte die Stimme und ich sah, wie sich eine dunkle große Gestalt durch die
lockigen Haare strich.
»Sam?«, sagte ich und kniff die Augen
zusammen.
»Ja, ich bin’s. Wie geht es dir?«, sagte er
und umarmte mich kurz. Irritiert erwiderte ich die Umarmung und klopfte ihm
leicht und unbeholfen auf den Rücken. Als er mich wieder losließ, fiel mir auf,
wie hoch ich zu ihm aufschauen musste.
»Ganz okay«, sagte ich und zuckte mit den
Schultern. »Ist Ben da?«
»Natürlich«, sagte Sam. Er drehte sich zur
Seite und zeigte in die Richtung des Autos, das die Musik spendete. Nervös rieb
ich mir über die Arme. »Soll ich dich zu ihm bringen?«, fragte Sam und deutete
abermals auf den Wagen. Ich wehrte ab und schüttelte den Kopf.
»Nein, danke«, sagte ich lächelnd. Ich
glaube, ich bleibe erst mal hier… irgendwo.«
»Okay«, nuschelte Sam und sah mich unsicher
an. »Ist dir kalt?« Bevor ich antworten konnte, zog er schon seine Jeansjacke
aus und legte sie mir um die Schultern. Ich wollte noch ablehnen, aber es ging
so schnell, dass ich keine Chance mehr hatte.
»Ehm, ja, danke«, sagte ich und musste auf
einmal lachen. Sam grinste ebenfalls und nachdem wir uns einen Augenblick
studiert hatten, legte er seinen Arm um meine Schultern.
»Komm, wir suchen uns einen Platz, wo wir
uns hinsetzen können«, sagte er und ich nickte ihm dankend zu. Wir gingen ein
paar Meter durch das Gras, ich blickte mich suchend nach Ben um, konnte ihn in
der Dunkelheit aber nirgends ausmachen.
Irgendwann ließen Sam und ich uns auf einer
Bank am Rande der Party nieder. Von hier aus sahen wir den Felsen und hatten
einen Blick über den ganzen Ort. Der Felsen lag nicht direkt auf einem Berg,
aber auf der einen Seite ging es doch recht steil hinab. Die Lichter der Häuser
und Straßen gaben dem Ganzen etwas Romantisches und der kühle Nachtwind tat den
Rest. Ich mummelte mich in Sams Jeansjacke und zog die Knie an, machte es mir
auf der Bank gemütlich. Sam ließ sich ein Stück entfernt von mir nieder und
seufzte.
»Hier ist es so anders als in Neuseeland«,
sagte er leise. »Dort, wo ich herkomme, gibt es so viel wunderbare Landschaft.
Die weiß man gar nicht so zu schätzen, wenn man dort aufwächst. Aber jetzt
fehlt sie mir.« Seine Stimme klang ruhig und bedacht. Ich drehte den Kopf
leicht zu ihm. Seine Nase war vorne nach unten abgerundet, seine Haare
bedeckten seine Ohren. Die Augen lagen in Höhlen und seine Lippen waren schmal
und ein wenig sinnlich. Es gefiel mir, hier neben ihm zu sitzen und als der
Wind ihm eine Strähne ins Gesicht wehte, hätte ich sie ihm am liebsten
zurückgestrichen.
»Hier wird es dir sicher auch gefallen, wenn
du dich daran gewöhnt hast«, sagte ich und blickte wieder geradeaus.
»Ja, bestimmt«, sagte er. »Da ich Ben und
dich kenne, ist es hier nicht ganz so einsam«, sagte er und ich mochte ihn für
seine Ehrlichkeit.
»Du hast doch Chelsea bei dir«, sagte ich
und versuchte zu verbergen, dass ich mich von seinen Worten geschmeichelt
fühlte.
»Ja, Chelsea. Sie ist eine Sache für sich«,
sagte er und lehnte sich zurück. Er legte seine breiten, muskulösen Arme auf
die Lehne. Leicht berührte er dabei meine Schulter. Als die Jeansjacke ein
wenig meinen Arm herunterrutschte, berührten seine feinen Härchen meine Haut,
was mir einen leichten Schauer über den Rücken jagte.
»Sie kam mir sehr nett vor«, sagte ich etwas
unehrlich. Ich mochte sie nicht, vor allem weil ich nicht wusste, wo sie sich
gerade befand und was Ben von ihr wollte.
»Das ist sie, keine Frage. Aber sie kümmert
sich zu viel um Mädchenzeug. Damit kann ich nichts anfangen, so gern ich sie
auch mag«, sagte er und entblößte seine Zähne. Er sah schön aus, wenn er
lächelte. Seine Grübchen sahen in der Dunkelheit noch wunderbarer aus und ich
bemerkte, dass diese ungestörte Atmosphäre mir nicht gut tat. Ich kam mir ganz
clever dabei vor, mit einem anderen Jungen hier zu sitzen, der auch noch so
attraktiv war. Würde Ben uns nur sehen und bemerken, dass ihm das nicht
gefällt.
»Ich dachte zuerst, dass ihr zusammen seid
oder so«, warf ich ein und lächelte Sam an. Er setzte sich etwas seitlich, um
mich ansehen zu können und blickte skeptisch, ein Mundwinkel wanderte schräg
nach oben.
»Niemals«, sagte er.
»Das
war mir dann auch klar, als sie mir als deine Cousine vorgestellt wurde«, sagte
ich lachend und streifte unabsichtlich sein Shirt.
»Aber sag mal, was ist da zwischen dir und
Ben?«
»Was soll da sein?«, fragte ich und
räusperte mich beschämt.
»Naja, er hat andauernd von dir erzählt. Auch
vor Chelsea, obwohl er weiß, dass sie in ihn verliebt war.« Seine Worte waren
wie Messerstiche für mich und ich musste fest schlucken. Ein fetter Kloß war
kurz davor, mir den Hals zuzuschnüren.
»War?«,
wagte ich vorsichtig zu fragen.
»Naja, ich glaube, dass sie mittlerweile
aufgegeben hat«, sagte er schulterzuckend. »Soweit ich weiß, hatte sie nie eine
Chance. Und ich dachte, du seist vielleicht der Grund dafür.«
»Bisher waren wir immer nur Freunde. Ich
weiß nicht, ob sich bei ihm etwas geändert hat«, sagte ich und war etwas
beruhigt, als Sam sagte, dass Chelsea wohl bisher nicht bei ihm landen konnte.
Dachte er tatsächlich, dass ich der Grund dafür gewesen wäre? Irgendwie fand ich
diese Schlussfolgerung abwegig, obwohl es genau das war, was ich mir seit
geraumer Zeit wünschte.
»Und wie sieht das bei dir aus?«, fragte Sam
nach einiger Zeit und sah mich neugierig an. Ich dachte lange über seine Frage
nach und obwohl es für ihn wohl nur Sekunden waren, kam es mir vor, als säße
ich fünf Minuten da, bevor ich meinen Mund wieder öffnete.
»Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.« Ich zog
die Jeansjacke aus und legte sie über meine Beine. Mir war plötzlich
schrecklich warm. »Er war drei Jahre kaum da und natürlich habe ich ihn
unglaublich vermisst. Wenn sich das Leben wieder eingependelt hat, dann wird sich
zeigen, was ich für ihn empfinde, verstehst du?«
Zu meiner Überraschung nickte Sam. »Ja,
irgendwie kann ich das nachvollziehen. Er sagte, ihr seid wie Geschwister
aufgewachsen.«
»Ja, so war es. Aber als er weg war, haben
sich bei mir gewisse Gefühle entwickelt, die ich jetzt erst mal zuordnen muss.
Ich weiß nicht, ob es nur das Vermissen war, das fehlende Stück, oder ob ich
tatsächlich mehr für ihn empfinde.«
Sam nickte nur und plötzlich ließ er seine
Hand auf meine Schulter sinken, nicht aufdringlich, aber gewollt. Kurz blickten
wir uns in die Augen, peinliche Stille kehrte ein und ich wünschte mir, er
würde irgendwas sagen.
»Wieso hat er mich nicht über diese Party
informiert?«, fragte ich Sam, obwohl ich Angst vor der Antwort hatte.
»Hat er das nicht?«, fragte er und kniff
nachdenklich die Augen zusammen. »Ich glaube, seine Freunde haben sie spontan
organisiert.«
Ich nickte und beließ
es dabei, rückte anschließend ein Stück näher an Sam. Ich hörte ihn leise
auflachen spürte, wie seine Hand sich fester an meine Schulter drückte.
Lächelnd blickte ich auf meine Knie und so blieben wir einige Zeit sitzen, ohne
etwas zu sagen. Aber als der Wind immer frischer wurde, stand Sam auf, streckte
sich kurz und beugte sich dann zu mir herab, die Hände auf der Rückenlehne
abgestützt. Sein Shirt flatterte leicht im Wind.
»Sollen wir spazieren gehen und schauen, was
uns erwartet?«, fragte er und grinste übers ganze Gesicht. Eigentlich hätte ich
mich auf solch ein Angebot niemals eingelassen, aber irgendwie packte mich das
Abenteuer. Als ich plötzlich Bens Stimme hörte, wie sie nach Sam rief, stand
ich auf, band mir die Jeansjacke um die Hüfte und ergriff Sams Hand, die er mir
hinhielt.
»Aber klar doch«, sagte ich entschlossen.
Ben kam gerade auf uns zugelaufen und schon zog Sam mich weg von der Bank. Das
Adrenalin stieg in mir an und ich war hin und her gerissen. Am liebsten hätte
ich von Ben sofort eine Erklärung gefordert, aber andererseits wollte ich ihm
nicht zeigen, wie sehr es mich verletzte, außen vor gelassen zu werden.
»Sam, warte mal«, rief Ben und ich drehte
mich kurz zu ihm um. Er war nur noch wenige Meter entfernt, als er abrupt
stehen blieb und eine überraschte Geste machte.
»Maja?«, hörte ich ihn sagen und dann drehte
sich Sam zu ihm um und winkte frech.
»Wir erkunden ein bisschen das Gelände. Ich
bring sie dir heile zurück«, rief er Ben zu und dann begann er zu laufen und
ich wurde mitgezogen, ließ den kühlen Wind in mein Gesicht peitschen, bis wir
zwischen ein paar hohen Tannen verschwanden. Was hätte ich dafür gezahlt, zu
erfahren, was Ben in diesem Moment dachte. An sich war es schon schwer genug,
einen Menschen des anderen Geschlechts zu verstehen, aber Ben war da mittlerweile
eine ganz eigene Nummer. Gestern die Sache an dem kleinen See und heute
informiert er mich nicht mal über die Party.
Je tiefer wir zwischen den Bäumen
verschwanden, desto kühler wurde es. Ganz weit weg schien es sogar etwas neblig
zu sein, und wenn ich noch klar bei Verstand gewesen wäre, hätte ich mich
gefragt, wieso ich mit einem Wildfremden im Wald verschwand. Doch das tat ich
nicht, stattdessen umgriff ich Sams Oberarm und wir gingen ganz dicht
beieinander. Ich atmete die Nachtluft ein, die von einem Piniengeruch
durchzogen war und meine Lunge befreite. Ich genoss die Stille um uns herum und
schwieg. Der Waldboden knirschte unter unseren Schritten, die immer langsamer
und bedachter wurden. Und irgendwann setzte Sam zu einem Gespräch an.
»Was machen wir hier eigentlich?«, fragte er
fast flüsternd.
»Da fragst du die Richtige«, entgegnete ich
ironisch und lachte auf.
»Weißt du, ich mag dich, Maja«, gestand Sam
und drehte sich ein wenig zu mir, was ich allerdings nur spüren und weniger
sehen konnte. Vielleicht war es aber auch gerade gut, dass wir uns nicht sahen,
denn so brauchte sich niemand für irgendetwas zu schämen. Egal was man sagen
würde, der andere konnte einen nicht mit Blicken traktieren.
»Du magst mich, nachdem du mich bisher erst
zweimal kurz gesehen hast?«, fragte ich und es klang spöttischer, als es
beabsichtigt war.
»Du bist hübsch, weißt du«, sagte er
ehrlich.
»Aber deswegen mag man jemanden doch nicht
direkt«, sagte ich und schüttelte den Kopf in der Dunkelheit. Ich hielt mich
immer noch an seinem Arm fest und ich konnte fühlen, wie sich seine Muskeln
anspannten.
»Wieso magst du mich denn?«, fragte er
plötzlich und machte mich damit erst mal sprachlos. Ich war etwas überfordert
und konnte die Frage nicht richtig beantworten. Ich kannte ihn doch überhaupt
nicht.
»Naja, also...«
Sam
lache auf. »Ich wette mit dir, dir fällt auch nichts Besseres dazu ein.«
Langsam löste ich mich von ihm, weil es sich
auf einmal nicht mehr richtig anfühlte in seiner Nähe zu sein. Nicht so nah.
»Du solltest hier nicht allein herumirren«,
sagte er und umfasste einfach meine Hand mit seinen beiden. Sie waren warm und
trocken.
»Ich fühle mich besser, wenn ich merke, dass
du noch neben mir läufst.«
»Wir sollten umdrehen«, sagte ich und Sam
drehte sich mit mir gemeinsam in die entgegengesetzte Richtung aus der wir
gekommen waren. In den Gebüschen bewegte sich etwas und raschelte, aber ich
schenkte dem wenig Beachtung. Bevor ich noch Angst bekam, versuchte ich es
einfach zu ignorieren.
»Weißt du, Sam«, begann ich. »Ich hätte
nicht damit gerechnet, dass du mich heute auf dieser Party ansprichst. Ich bin
froh, dass du da warst, als ich dort ankam. Und ich hab dich seit dem Zeitpunkt
gemocht, als du mir so stürmisch deine Jacke umgelegt hast.«
»Wieso seitdem?«, fragte er.
»Naja, wir haben vorher kaum Worte
gewechselt, aber du hast mich trotzdem sofort zum Lachen bringen können«, sagte
ich schulterzuckend. »So was ist immer sehr sympathisch.«
»Das stimmt«, sagte er nur und er ging
langsamer. Vielleicht wollte er etwas Zeit rausschlagen.
»Aber hübsch bist du natürlich auch«, sagte
ich neckend und lachte. Sam lachte mit und strich mir wild durch die Haare. Ich
schrie auf und richtete jammernd meine Frisur.
»Das sagen mir viele«, sagte er. »Aber bei
dir klingt es so anders.«
»Inwiefern?«, erwiderte ich skeptisch.
»Ich meine, du sagst es, ohne direkte
Absichten zu haben«, sagte er und damit traf er genau den Punkt.
»Ich kann dich gut leiden und ich finde dich
sehr attraktiv. Und ich habe eben gemerkt, dass ich mit dir, ohne dich zu
kennen, durch einen dunklen und finsteren Wald spaziere«, listete ich auf.
»Aber du hast Recht, über irgendwelche Absichten habe ich mir keine Gedanken
gemacht.« Davon abgesehen wäre ja nicht mal Zeit dazu gewesen. Wir kannten uns
wenn es hochkam einen Tag und ich hatte nicht vor, Ben gegen irgendjemanden
einzutauschen, der ein bisschen hübsch und ein bisschen interessant war. Nein,
so ein Mädchen war ich ganz sicher nicht.
»Siehst du, ich auch nicht«, sagte er und in
seiner Stimme lag ein Schmunzeln.
»Aber Sam?«, fragte ich.
»Ja?«
»Wieso reden wir dann eigentlich darüber?«
Sam lachte laut und drückte mich spielerisch an sich, während wir die letzten
Schritte zurück zur Party machten.
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Und wie hat euch der Ausschnitt gefallen? Ich bin schon soooo gespannt und werde mir das Buch als Printausgabe dann auf jeden fall besorgen, das steht fest.