Donnerstag, 8. Dezember 2016

[Autoren Interview] Nele Neuhaus

Nach sehr langer Zeit gibt es für euch heute ein ausführliches Interview zu lesen. 
Die sympathische Bestseller Autorin Nele Neuhaus hat auf meinem virtuellen Sofa Platz genommen und hat mir zu Plätzchen, Schokolade und leckerem Tee fleißig Rede & Antwort gestanden. Welche interessanten und tollen Antworten ich ihr entlocken konnte, könnt ihr nun selbst nachlesen. Macht es euch gemütlich und los gehts:


                                                                       © Sheena Solskin 



Sheena fragt: Hast du irgendwelche Rituale vor dem Schreiben oder schreibst du einfach drauf los und wie sieht so ein typischer Schreibtag / zeit bei dir aus?
 Ich schreibe längst nicht mehr einfach drauflos, wie ich das früher immer getan habe. Heute ist das Schreiben ja mein Beruf und ich arbeite an den verschiedenen Manuskripten, muss mich nach Abgabe- und Erscheinungsterminen richten. Da bleibt keine Zeit mehr für das ziellose Schreiben aus reinem Vergnügen. Und das ist ehrlich gesagt ein echter Wermutstropfen bei all den Vorteilen, die der Erfolg mit sich gebracht hat. Die verträumten und gestohlenen Stunden am PC gibt es nicht mehr. Zumindest momentan nicht. Vielleicht schaffe ich es eines Tages mal wieder, einfach nur so und ohne Ziel und Termindruck zu schreiben.

Sheena fragt: Hast du wenn du unterwegs bist und dir plötzlich tolle Einfälle zur Geschichte kommen, dann immer was zum Schreiben dabei oder sprichst du gute Ideen schnell auf dein Handy /Diktiergerät?
 Mein iPhone ist mein Diktiergerät. Früher, als es nur simple Handys gab, habe ich mir selbst SMS geschrieben. Damals, in den mittelalterlichen Vor-Handy Zeiten, hatte ich immer Stift und Notizbuch in erreichbarer Nähe, um mir spontane Einfälle oder eine besonders schöne Redewendung sofort aufschreiben zu können. J

 Sheena fragt: Was hat sich in deinem Leben verändert, seid du beruflich nun schreibst?
 Eigentlich alles. Früher war Schreiben ein Hobby, das ich in meiner Freizeit betrieben habe. Heute ist es mein Beruf. Früher habe ich zum Ausgleich für einen stressigen Alltag und die harte Arbeit im Stall Geschichten erfunden und aufgeschrieben, heute habe ich mir zwei Fohlen gekauft um in Zukunft einen Ausgleich zur Schreibtischarbeit zu haben. Letztendlich hat sich mein Leben ins Gegenteil verkehrt.

 Sheena  fragt: Hast du zuerst die Geschichte oder die Charaktere im Kopf? Und bekommen die Charaktere "einfach so" ihre Namen oder steckt da eine Bedeutung hinter? (Frage gilt für alle Bücher)
 Ich kann gar nicht genau erklären, wie sich eine Geschichte entwickelt. Es ist ein bisschen so wie die Frage: Was war zuerst da – das Huhn oder das Ei? Die Entwicklung eines Plots und der Figuren ist ein Prozess, der unbewusst abläuft während ich recherchiere und Informationen sammele und meistens hat die fertige Geschichte nur noch sehr wenig mit der ursprünglichen Idee zu tun. Im Laufe der Zeit kommt eins zum anderen, ich notiere mir sehr viel, skizziere Figuren und Handlungsabläufe, recherchiere zwischendurch. Bis ich das Gerüst der Geschichte fertig habe, schreibe ich nur mit der Hand auf Notizzettel und DIN A5-Blätter. Das klingt jetzt ein bisschen chaotisch, ist es aber nicht. Ich bin extrem organisiert und diszipliniert, weiß immer, was ich wo notiert habe. Dabei hilft mir auch mein fotografisches Gedächtnis.
Die Namen meiner Figuren müssen mir gefallen, manchmal ändere ich sie mehrfach, wenn sie mich während des Schreibens nicht packen.  Eine tiefere Bedeutung haben sie im Allgemeinen nicht.
Übrigens: Wenn ein Buch irgendwann beendet ist, packe ich alle Zettel in einen Karton, schreibe den Namen des Buches drauf und vergesse alles erst mal.  

Sheena fragt: Welchen deiner ganzen Charaktere (egal ob aus Krimi, Elena-Reihe, Charlotte Reihe oder von den Sheridan Grant Reihe) ist dir besonders ans Herz gewachsen und welchen magst du überhaupt nicht?
 Natürlich mag ich alle meine Charaktere, sogar die Bösen oder die, die auf den ersten Blick nicht so sympathisch sind, mag ich, denn sie erfüllen ja den Zweck, für den ich sie erschaffen habe. Nervt mich mal jemand – wie es Frank Behnke in den Taunuskrimis getan hat -, dann schreibe ich sie aus der Geschichte raus. Das passiert allerdings nur sehr selten.
Da ich ja in gewisser Weise immer abwechselnd schreibe, freue ich mich immer schon auf Pia, Oliver, Henning, Christian Kröger, aber dann auch wieder auf Sheridan Grant und zwischendurch auf Elena, Melike, Charlotte, Doro und die anderen. Das ist das Schöne daran, wenn man Buchreihen schreibt: Man begegnet seinen liebsten Charakteren immer wieder. Als ich damals die Arbeit an UNTER HAIEN, meinem ersten Buch, nach mehr als neun Jahren beendet hatte, war es so, als hätte ich gute Freunde verloren. Jahrelang waren Alex, Nick oder Sergio mit mir unterwegs, ich habe mich mit ihnen unterhalten und bin mit ihnen eingeschlafen und aufgewacht. Eine so intensive „Beziehung“ hatte ich danach nie mehr mit meinen Figuren und ich denke, das ist auch gut so.
Es gibt auch einige Nebenfiguren, die mir so gut gefallen, dass ich manchmal überlege, ob ich nicht mal eine Art „Spin-Off“ mit ihnen schreibe. Vielleicht eines Tages mal. Wenn ich mehr Zeit habe. J

Sheena fragt: Gibt es Themen, über die du nie schreiben würdest? Und wenn ja welche wären das?
 Es kommt ja immer auf den Blickwinkel an, aus dem man eine Geschichte erzählt, insofern schließe ich so gut wie gar kein Thema aus. Per se uninteressant finde ich allerdings politische Themen.

Sheena fragt: Recherchearbeit zu Krimis ist ja immer sehr kompakt, wie ich jetzt mal gelesen habe. Zu welchem Krimi war die Recherche am intensivsten?
 Zu meinen Romanen TIEFE WUNDEN und BÖSER WOLF habe ich am ausführlichsten und intensivsten recherchiert. Gerade die historischen Hintergründe über das Ende des Krieges, den Untergang Ostpreußens und die Wirrungen der Flucht aus dem Osten waren unglaublich vielschichtig, aufwühlend und berührend. Ich habe sehr viel gelesen, Dokumentationen geschaut und mit Zeitzeugen gesprochen und konnte mich kaum entschließen, damit aufzuhören, aber irgendwann musste das Buch ja geschrieben werden und fertig sein. Bei BÖSER WOLF war die Recherche am unerfreulichsten und ich war froh, als ich sie beendet hatte.

Sheena fragt: Deine Krimis sind immer sehr spannend sowie recht aufwühlend und sie bescheren einem sogar mal schlaflose Nächte. Wie gehst du damit um wenn du schreibst bzw fertig bist? PC aus und du bist wieder in der realen Welt oder „verfolgen“ dich deine Geschichten auch im Schlaf und ist dir deine Phantasie denn nicht manchmal auch „unheimlich“?
 Nein, meine Geschichten verfolgen mich nicht (mehr). Früher war das anders. Da habe ich quasi in der Nacht am Plot gearbeitet. J Heute habe ich ja auch tagsüber Zeit dazu und ich habe auch gelernt, Distanz zu wahren. Gerade, wenn es um so sensible Themen geht wie in meinen Krimis, dann ist man als Krimiautorin gut beraten, die Schicksale nicht zu nah an sich heranzulassen, wie es Ärzte oder Priester auch tun. Sonst besteht die Gefahr, daran zu zerbrechen. Und ich habe ja den Vorteil, dass meine Geschichten allesamt fiktiv sind und nur real wirken. Das erleichtert die Arbeit enorm.
Natürlich bin ich aber dünnhäutiger geworden als ich es früher war. Um so unbedarft zu sein wie ich es als jüngerer Mensch war, habe ich mittlerweile in zu viele Abgründe schauen müssen. Dadurch  verändert sich dann doch der Blick auf die Welt ganz schön.
 
Sheena fragt: Du hast ja schon in einigen Genres veröffentlicht, wie sieht es mit anderen Genres aus? Welche möchtest du noch erobern? Vielleicht ein leidenschaftlicher Liebesroman?
 Vielleicht. Ich bin für Vieles offen. Momentan reichen mir Krimi, Pferde/Jugendbuch und Roman.

Sheena fragt:  Könntest du dir vorstellen mit einem anderem Autor zusammen was zu schreiben (Jetzt keine Krimis) und hast du eventuell einen heimlich Wunschpartner dazu? 
Nein, kann ich mir nicht vorstellen. Ich bin eine absolute Einzelkämpferin, genieße dieses Alleinsein mit meinen Figuren, da würde mich jeder andere Mensch stören. Mein Lebensgefährte war zu Anfang regelrecht irritiert als er merkte, wie empfindlich ich auf Unterbrechungen reagieren kann, wenn ich mitten im Nachdenken und Schreiben bin. Jetzt weiß er, dass ich diese Phasen tiefer Versunkenheit brauche und ich auch immer wieder daraus auftauche. 

Sheena fragt: Deine Bücher wurden ja in richtig vielen Ländern schon erfolgreich veröffentlicht, in welchen Ländern möchtest du deine Bücher denn noch gerne sehen?
 Puh! Ich denke mal, in allen meinen Wunsch-Ländern sind sie schon erschienen. Es sind ja immerhin 32 Sprachen bisher und die englischen Ausgaben erscheinen in allen englischsprachigen Ländern der Welt. Das ist schon eine richtig große Verbreitung.

 Sheena fragt: Ist dir schon mal was lustiges oder skurriles auf einer deiner vielen Lesungen passiert?
 Ja, dauernd passiert irgendetwas Nettes oder Witziges. Erst am vergangenen Samstag in Lüneburg war es sehr witzig. Über vierhundert Leute waren in einem Hotelsaal und warteten darauf, dass es losgeht, aber die Hintergrundmusik, die irgendwie so wie die Musik in einem China-Restaurant klang, ließ sich nicht abschalten. Der Buchhändler, der eine kurze Ansprache halten wollte, geriet aus dem Konzept, trug es aber mit Humor und Fassung und irgendwann amüsierte sich der ganze Saal köstlich über dieses Problemchen. Der arme Tontechniker fand es sicherlich nicht so witzig, aber er schaffte es schließlich, die Musik zu ersticken. J

Sheena fragt: Du hast ja nun schon so viele Bücher veröffentlicht, ist man da immer noch aufgeregt und hibbelig wie beim ersten?
 Es ist nie mehr so gewesen wie beim allerersten Buch, aber trotzdem ist es jedes Mal etwas ganz Besonderes, ein neues Buch in Händen zu halten. Dieses Glücksgefühl ist unbeschreiblich, gerade wenn ich zum ersten Mal ein neues Buch in freier Wildbahn, also in einer Buchhandlung, sehe. Und ganz irre ist es, wenn ich im Ausland meine Bücher sehe. Gänsehaut pur!!!

Sheena fragt: Welches Buch (das du privat gelesen hast)  hat einen nachhaltigen Eindruck bei dir hinterlassen und ist aus deinem Bücherregal nicht mehr wegzudenken?
 Da gibt es einige Bücher, die im Laufe meines bisherigen Lebens zusammengekommen sind: Die Sturmwind-Trilogie von Mary O’Hara, Exodus von Leon Uris, Die Nebel von Avalon von Marion Zimmer-Bradley, Der Pate von Mario Puzo, Desiree von Annemarie Selinko, Die geheime Geschichte von Donna Tartt, Wer die Nachtigall stört von Haper Lee und einige andere.

Sheena fragt: Wenn du  privat Bücher liest, liest du dann richtige Bücher (Print) oder lieber Ebooks und welche Genre liest du am liebsten und welches Genre magst du überhaupt nicht?
 Ich lese am liebsten gedruckte Bücher. Auf Reisen weiche ich schon mal auf E-Books aus, einfach weil es praktisch ist. Ich lese gerne Krimis und Thriller, Science Fiction ist gar nichts für mich und hochgestochene Literatur auch nicht. Ich mag gerne gut unterhalten werden beim Lesen, das ist mein Anspruch an ein Buch. Anders als früher, wo ich mich durch jedes Buch gequält habe, lege ich Bücher, die mich auf den ersten 20 Seiten nicht „anspringen“ weg. Manche bekommen irgendwann eine zweite Chance (und gefallen mir dann nicht selten sehr gut, wie zB Stieg Larsson damals!), andere wandern in einen der vielen öffentlichen Bücherschränke in unserer Region. So schaffe ich übrigens in meinem Bücherregal Platz für neue Bücher.

Sheena fragt: Was gehört für dich zu einem gemütlichen Leseabend dazu?
 Meine Lesebrille, die Couch, das Buch. Mehr nicht. Ich habe keine Rituale. Und ich kann eigentlich in jeder Lage lesen.               

Sheena fragt: Welche Buchverfilmung hast du zuletzt gesehen oder schaust du  dir so was nicht an? (Zeitgründe etc.)
 Zuletzt habe ich die Rohschnittfassung von DIE LEBENDEN UND DIE TOTEN gesehen, im Kino, gemeinsam mit der Produzentin, der Producerin und dem Regisseur. Dazu bin ich nicht nur vertraglich verpflichtet, aber natürlich interessiert mich auch, was die Filmleute aus meinen Büchern so machen.
Die Verfilmung von Büchern anderer Autoren schaue ich mir oft an, klar. Und da bin ich genauso kritisch wie bei den Filmadaptionen meiner eigenen Bücher, besonders dann, wenn die Filme kaum noch etwas mit den Romanvorlagen zu tun haben .

Sheena fragt: Wie wichtig ist dir der persönliche Kontakt zu deinen Lesern und sind Social Media eher Fluch oder Segen?
 Der persönliche Kontakt zu meinen Leserinnen und Lesern ist mir wichtig und ich freue mich, dass die sozialen Medien diese Interaktion bedeutend erleichtern. Als ich vor elf Jahren meine erste eigene Homepage bastelte, war das Gästebuch und die E-Mail die einzige Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen. Heute gibt es so wahnsinnig viele Nachrichtenkanäle, dass ich oft komplett überfordert bin. Und tatsächlich empfinde ich diese Echtzeit-Kommunikation, die heute jeder doch irgendwie erwartet, gerade in Schreibphasen als extrem stressig. Dann bin ich oft kurz davor, meinen Facebook-Account abzumelden und meine E-Mailadresse zu ändern. Ja, ich wollte sogar schon das Smartphone weglegen und mir wieder ein Handy zulegen, das nichts anderes kann als telefonieren. J Manchmal nimmt es wirklich überhand mit den Ansprüchen von Social Media und dann muss ich mich daran erinnern, dass es eine freiwillige Entscheidung von mir ist und ich auch durchaus weniger machen kann.

Sheena fragt: Du bist ja sehr sozial engagiert mit tollen Projekten. Erzähle doch mal den Lesern kurz was dazu und mache jetzt doch mal ausgiebig Werbung dafür!
 Ich habe vor einigen Jahren meine eigene Stiftung gegründet, in die ich selbst das Stammkapital eingebracht habe. Die Nele Neuhaus Stiftung beschäftigt sich in erster Linie mit Projekten, die die Lese-, Schreib- und Sprachkompetenz von Kindern und Jugendlichen fördern, denn da liegt viel im Argen in Deutschland und es wird dank Internet und den modernen Kommunikationsmitteln nicht besser. Außerdem unterstütze ich als Schirmherrin das FeM Mädchenhaus in Frankfurt, MENTOR, die Leselernhelfer in Hessen und viele anderen Institutionen, Vereine und Aktionen wie zB: Leberecht von der Frankfurter Neuen Presse, die Schwalbacher Tafel. Da entscheide ich aus dem Bauch heraus.
Meine Stiftung, die von meinem Lebensgefährten Matthias Knöß geleitet wird, ist für mich auch ein Statement, mit dem ich auch nach außen hin meinen Dank dafür zeigen möchte, dass es mir gut geht und ich deshalb gerne Verantwortung für die Menschen übernehmen möchte, die es nicht so gut getroffen haben, denn ich hatte das große Glück ein Elternhaus zu haben, in dem man meine drei Geschwister und mich gefordert und gefördert hat. Lesen und Schreiben war für mich immer eine Selbstverständlichkeit und wie wunderbar es ist, in einem Buch, einer Geschichte zu versinken und alles um sich herum für ein paar Stunden zu vergessen, das möchte ich den Kids, die nur noch vor dem Computer und am Smartphone hängen, gerne nahe bringen.
 
 Sheena fragt: Hast du noch einen besonderen Herzenswunsch (egal ob privat oder beruflich) den du dir noch erfüllen möchtest?
 Ich habe noch ganz viele Herzenswünsche! Und viele Ideen für Geschichten. Vor allen Dingen hoffe ich, gesund zu bleiben, denn Gesundheit ist das Wichtigste im Leben.


Liebe Nele, ich danke dir sehr, dass du dir die Zeit genommen hast, trotz deines vollen Terminkalenders, mir dieses ausführliche Interview zu geben. Es hat mir sehr viel Freude bereit!

Kommentare:

  1. Danke für das interessante Interview!!!

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  2. Tolles Interview :)
    Gesundheit ist wirklich das wichtigste im Leben neben Familie und Freunde :)

    Liebe Grüße ♥

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