Freitag, 1. Mai 2015

[Lesedeal] Vom Tod geliebt von Amanda Frost


Lange Zeit war es um die sympathische Autorin still gewesen, aber nun meldet sie sich zurück und hat für uns Leser den "Tod" im Gepäck dabei. Am 7. Mai erscheint "Vom Tod geliebt"und ihr dürft exklusiv in den Text reinschnuppern:


Klappentext

Was könnte eine erfolgreiche Fantasy-Autorin mehr begeistern als ein Zusammentreffen mit einem Wesen der Unterwelt? Natürlich nichts! So ist Olivia hin und weg, als sie den smarten Alexander kennenlernt, der von sich selbst behauptet, der Tod persönlich zu sein. Als sie jedoch herausfindet, dass er sie belogen hat, bricht für sie eine Welt zusammen. Was sie allerdings nicht weiß: Die einzige Chance, Alexanders Leben zu retten, ist ihre Liebe!

Ist der Tod das Ende oder erst der Anfang?

Packende Fantasy, prickelnde Erotik und eine Liebe, die den Tod besiegen will!

Die neue Serie von Amanda Frost!



Mit einem kaum wahrnehmbaren Ruckeln durchbrach der Jet die Schallmauer. Brachiale Kräfte wirkten auf Alexanders Körper ein und pressten ihn in den Schalensitz. Einem reißenden Strom gleich pumpte das Adrenalin durch seine Venen und versetzte ihn in einen Rauschzustand, ließ ihn eins werden mit dem Flugzeug und vermittelte ihm das Gefühl, selbst Flügel zu besitzen.
Die Mach 1 brachte den Steuerknüppel unter seinen Fingern zum Erbeben, während sich die Lautstärke in dem kleinen Cockpit wie dichter Nebel über Alexanders Trommelfelle legte. Für ihn die aufregendste Melodie, die er sich vorstellen konnte. Ähnlich einer Symphonie gingen die Geräusche ineinander über, wurden zu einem Ganzen. Das Pfeifen des Windes, das Vibrieren der Instrumente, das Dröhnen der Triebwerke - Hier war er in seinem Element! Es gab keinen Ort, an dem er ein größeres Glücksgefühl empfand. Er benötigte die unendliche Freiheit, die grenzenlose Weite des Himmels wie die Luft zum Atmen.
Völlig fasziniert von der Beschleunigung des ausgereiften Kampfflugzeugs leitete er eine Linkskurve ein. Der Jet reagierte auf den winzigsten Impuls und ging wie auf Schienen in die Schräglage über. Mindestens fünf G wirkten nun auf Alexanders Halsmuskulatur ein. Doch er steckte das problemlos weg - das jahrelange Training zahlte sich aus.
Schneebedeckte Berge flitzten unter ihm hindurch. Dann flutete gleißendes Sonnenlicht das Cockpit und ließ ihn blinzeln. Das Knacken des Headsets riss ihn aus seiner Trance. „Kurs 270 Grad, auf 10.000 Fuß steigen!“, lautete die Anweisung des Towers.
Er bestätigte und zog das Flugzeug nach oben. Sein Blick schweifte über den Himmel, der ihm durch das Visier seines Helms ein noch tieferes Blau vorgaukelte, als er innehatte. Wie ein gigantischer Vogel jagte der hypermoderne Euro-Fighter durch die vereinzelten Schäfchenwolken, die geradezu auseinanderzuplatzen schienen. Die Faszination des Fliegens war allgegenwärtig.
Plötzlich registrierte Alexander aus dem Augenwinkel heraus einen Schatten, der in einem Höllentempo auf ihn zuschoss. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Er befand sich auf einem streng überwachten Übungsflug, und den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand zu Hindernissen oder größeren Wolkenformationen hatte er eingehalten.
Seine geschulten Sinne reagierten, noch bevor sein Gehirn die vernunftwidrigen Gegebenheiten erfassen konnte. Mit einem gewagten Manöver riss er die Maschine zur Seite.
Doch zu spät: Ein gewaltiger Schlag ließ den Jet erbeben, gefolgt von einem metallischen Knirschen. Die Instrumententafel blinkte wie eine Lichtorgel, während ein schrilles Warnsignal Alexanders Gehörgänge malträtierte. Wie ein bockiges Pferd ruckte der Eurofighter hin und her, bevor er ins Trudeln kam und kopfüber in die Tiefe stürzte.
Alexander stockte für den Bruchteil einer Sekunde der Atem. Dann beschleunigte sich sein Herzschlag, nahm rasend schnell Fahrt auf, bis er seinen Brustkorb zu sprengen schien. Die Umgebung verschwamm vor seinen Augen. Mit aller Macht kämpfte er gegen die aufsteigende Panik an. Wenn er überleben wollte, war Angst das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. Er atmete tief durch und unternahm alles Menschenmögliche, um die Maschine wieder auf Kurs zu bringen. Ein Glück, dass er aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung imstande war, sogar in einer solchen Extremsituation die Ruhe zu bewahren.
Doch seine Bemühungen brachten nicht den gewünschten Erfolg! Weder war er in der Lage, die Nase des Jets hochzuziehen, noch in einen kontrollierten Sinkflug überzugehen. Wie ein Magnet schien die Erdanziehungskraft das kleine Flugzeug anzulocken und machte deutlich, dass selbst die ausgereifteste Technologie nicht das Maß aller Dinge war. Zwar müsste er einzig und allein den Schleudersitz betätigen, doch dieses Wunderwerk der Technik kampflos in einen gigantischen Schrotthaufen zu verwandeln, fiel ihm schwer.
Gerade versuchte er, mithilfe der Höhenruder dem Strömungsabriss entgegenzuwirken, als die Druckwelle einer Explosion den Jet erschütterte. Wie ein Tennisball wurde der Eurofighter durch die Luft gewirbelt, schlug mehrere Saltos und schleuderte Alexander in seinem Sitz herum, bis er völlig die Orientierung verlor. Voller Verzweiflung klammerte er sich am Steuerhebel fest. Todesangst brach über in herein wie ein heftiger Monsunregen.
Das war’s!, schoss es ihm durch den Kopf. Game over! In Sekundenschnelle würde er in Flammen aufgehen.
Wie aus weiter Ferne vernahm er in diesem Augenblick eine zweite Detonation, die ihn die kurzzeitige Lähmung überwinden ließ. Einige Hundert Meter von ihm entfernt erblickte er einen glühenden Feuerball, der sich in einen Bergkamm fraß. Verwirrung stieg in Alexander auf. Hatte die Explosion seinen Jet etwa gar nicht in Mitleidenschaft gezogen? War sein Flugzeug mit einem anderen Flieger kollidiert, für den jetzt jede Rettung zu spät kam?
Erneut startete er den Versuch, seine Maschine abzufangen, kämpfte ums nackte Überleben. Doch er bekam das Flugzeug einfach nicht in den Griff. Mindestens eine Tragfläche und das Steuerruder mussten bei der Kollision beschädigt worden sein.
Wohl wissend, dass sich der Jet in wenigen Sekunden gnadenlos in den Erdboden bohren würde, tastete er letztendlich doch nach dem Schalter des Schleudersitzes und aktivierte ihn. Das Dach flog zischend zur Seite und Alexander wurde mitsamt Sitz in die Luft katapultiert. Knallend öffneten sich die Fallschirme. Zerrten ihn in der Luft hin und her, schienen ihn in Stücke zu zerfetzen. Dann ein Schlag.
Die Dunkelheit legte sich wie eine Decke über ihn.


Kapitel 1

Zwischenwelt

„Was soll das heißen, du hast nur einen erwischt?“ Thanatos, Gott der Zwischenwelt, saß an dem langen Marmortisch in seinem Besprechungszimmer und nahm den grauhaarigen Mann, der soeben eingetreten war, argwöhnisch ins Visier. Mit einer Handbewegung deutete er auf einen der Stühle. „Aber setz dich doch erst einmal.“
Der Mann nahm unverzüglich Platz, vermied den Augenkontakt zu Thanatos jedoch hartnäckig. „Na ja, was soll ich sagen …? Diese modernen Jets … Weißt du, sie sind so unglaublich schnell.“
„Schnell?“, schnitt ihm der Herrscher über Tod und Leben unwirsch das Wort ab, während er die Kapuze seiner Kutte zurechtzupfte. „Henry, du solltest die Flugzeuge vom Himmel holen, nicht mit ihnen um die Wette laufen.“
Der Mann winkte verdrossen ab. „Ja ja, schon klar. Eigentlich hatte ich auch alles im Griff. Ich konnte die beiden Maschinen problemlos in eine Kollision verwickeln. Aber dann hat mir der Pilot des einen Fliegers einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht.“ Henry schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich habe im Laufe der Zeit schon einige Flugzeuge abstürzen lassen, die Hindenburg nicht zu vergessen. Und die Sache mit der Titanic war schließlich auch keine Lappalie. Aber du kannst mir glauben, das heute war das Meisterhafteste, was ich jemals an Fliegerei gesehen habe.“
Er seufzte theatralisch. „Dieser Kerl muss ein Ausnahmepilot sein. Er hat ein so kamikazemäßiges Manöver durchgeführt, dass sein eigener Jet sozusagen mit einem blauen Auge davonkam. Der andere Jet hingegen ist außer Kontrolle geraten und planmäßig am Berg zerschellt. Und dann hat sich dieser Pilot auch noch mit dem Schleudersitz ins Freie katapultiert.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ja, und somit war mein Auftrag gescheitert.“
Thanatos zog verärgert an seiner Zigarette und blies ein paar dicke Ringe in die Luft. „Na, herrlich. Wenn man nicht alles selbst macht“, ätzte er. „Hast du zumindest einen Vorschlag parat, wie du das wieder gutmachen willst?“ Er blickte in Richtung eines gigantischen Flachbildschirms, der an der Wand eifrig flimmerte. „Wir können den Befehl der Maschine nicht ignorieren. Die Zeit dieses Piloten ist abgelaufen. Ein weiterer Flugzeugcrash würde allerdings zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Also musst du ihn auf weniger spektakuläre Weise beseitigen.“
Der grauhaarige Mann schaute hilflos drein. „Na ja, da fällt mir nur noch eine Krankheit ein.“
„Gut, aber es muss schnell gehen. Ich habe nicht die geringste Lust schon wieder vor Luzifer und Gabriel in Erklärungsnotstand zu kommen. Dazu war ich in letzter Zeit oft genug gezwungen.“
Henry kratzte sich am Kopf, wobei seine Haare wirr abstanden. „Dann tendiere ich zu einem Herzinfarkt, das ist immer noch der unkomplizierteste Weg.“ Er warf Thanatos einen um Zustimmung heischenden Blick zu.
Dieser jedoch schüttelte vehement den Kopf. „Bei so einem jungen Mann? Nein, der Typ ist durchtrainierter als Herkules. Gesundheitlich voll auf der Höhe. Das würde die Mediziner der Erde zu sehr verwirren.“
Da huschte ein Lächeln über Henrys Gesicht. „Ich hab’s!“, posaunte er. „In seiner Akte habe ich gelesen, dass sein Vater an Krebs gestorben ist. Also werde ich auch ihm eine aggressive Krebsform einpflanzen. Dauert dann zwar noch ein paar Wochen, ist aber völlig unauffällig. Einverstanden?“
Thanatos zögerte einen Moment. „Nun ja, nicht gerade der Tod, den man sich wünscht. Aber das kann ich Luzifer vermutlich problemlos verkaufen, ohne dass er wieder die Kompetenz meiner Fürsten in Frage stellt. Mit ein wenig Glück wird er gar nichts von deinem Versagen erfahren.“ Er warf seinem Gesprächspartner einen eisigen Blick zu. „Okay, das war’s. Bring diesen Auftrag zu Ende! Und vergeige es nicht wieder!“
Gedankenverloren verfolgte Thanatos mit den Augen den Abgang seines Fürsten. Mit hängendem Kopf schlurfte dieser von dannen. Henry war einmal einer seiner besten Männer gewesen, aber in letzter Zeit versagte er immer öfter. Womöglich war es an der Zeit, ihn in seinen wohlverdienten Ruhestand im Himmel zu entlassen.
 Thanatos seufzte verhalten. Er beugte sich zur Seite und packte Thor, seinen treuen Höllenhund, der wie so üblich auf dem Boden vor sich hindöste. Liebevoll platzierte er den kleinen Kerl auf seinem Schoß. Als er das Tier hinter den gebogenen Hörnern kraulte, jaulte dieses glücklich auf. Hechelnd ließ es die rosa Zunge aus dem Maul hängen und kuschelte sich an.
Nachdenklich zündete Thanatos sich die nächste Zigarette an. Er konnte keinen Hehl daraus machen, dass nicht nur Henry momentan andauernd Fehler unterliefen. Auch ihm selbst wuchs der Job über den Kopf. Ob er sich ebenfalls nach einem Nachfolger umsehen sollte? Er war schließlich auch nicht mehr der Jüngste. Jetzt, wo er endlich nach so vielen Jahren wieder eine Partnerin gefunden hatte, wäre das eine Maßnahme, die ihm niemand verübeln könnte.
Aber was war nur die Ursache für die ständigen Verfehlungen der letzten Zeit? Die Menschheit verweichlichte. Zuverlässige Fürsten der Dunkelheit waren immer schwieriger zu bekommen. Kaum jemand war mehr bereit, sich nach seinem Tod dieser Herausforderung zu stellen.
Dabei war die Stellenbeschreibung denkbar einfach: Todesfürsten waren in einer Zwischenwelt angesiedelt und kamen immer dann ins Spiel, wenn das Ableben eines Menschen auf unnatürliche Art herbeigeführt werden sollte. Dann inszenierten sie Unfälle, Kriege, Attentate und Naturkatastrophen oder töteten durch ihre bloße Berührung. Danach stand die Ablieferung der Seele im Himmel oder der Hölle an.
Ende der Fahnenstange!
Ein Kinderspiel, sollte man meinen.
Dennoch musste Thanatos in letzter Zeit andauernd auf Leasingkräfte zurückgreifen, die völlig unfähig waren und häufig eine Spur der Verwüstung auf der Erde hinterließen. Die globale Stimmung war angespannt genug, er konnte keinesfalls riskieren, dass ein paar dilettantische Leiharbeiter die Aggressivität weiter schürten.
Jetzt konnte er nur hoffen, dass die Sache mit diesem Piloten reibungslos über die Bühne ging. Er hasste es, wenn die Maschine Aufträge ausspuckte, bei denen das Militär oder Politiker involviert waren. Das war immer eine heikle Angelegenheit.
Doch für heute hatte er genug. Auch ein Gott kam ab und zu an seine Grenzen. Er würde jetzt den Feierabend einläuten und sich einen schönen Abend mit seiner Katharina machen. Was sprach eigentlich dagegen, sich ein Schild mit der Aufschrift anfertigen zu lassen: Zwischenwelt für heute geschlossen.

Erde – zwei Wochen später

Mit einem flauen Gefühl im Magen beobachtete Alexander die herzzerreißende Zeremonie, die sich auf dem kleinen Friedhof in der Nähe von Berlin abspielte. Ein warmer Frühlingswind fegte über den Platz und ließ die Bäume geheimnisvoll flüstern. Da kurz zuvor ein Regenschauer niedergegangen war, standen Pfützen auf dem Boden. Schwer hing der Geruch von nasser Erde in der Luft. Ab und an zog eine dunkle Wolke vorbei, die die Umgebung in gedämpftes Licht tauchte und die schwarz gekleideten Trauergäste wirken ließ wie Statuten in einem Endzeitfilm.
Der Sarg, der sich langsam ins Grab absenkte, war von einer schwarz-rot-goldenen Bundesdienstflagge bedeckt. Der schwarze Adler darauf schien Alexander hämisch anzugrinsen. Auf Höhe des Kopfes des Verstorbenen war ein Fliegerhelm befestigt. Melancholische Trompetenmusik schallte über das Gelände, während die umstehenden Soldaten ehrfurchtsvoll salutierten.
Doch das war bei Weitem nicht das Schlimmste für Alexander. Wie gebannt hing sein Blick auf der großen, von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllten Frau, die am Grab stand. Ein paar blonde Strähnchen hatten den Weg unter ihrem Hut hervorgefunden. Ihr Gesicht ähnelte einer Maske, die Augen waren rot und geschwollen. Unablässig kullerten ihr Tränen über die Wangen. Ein kleines Mädchen zerrte an ihrer Hand, wohingegen zwei Jungs in dunklen Anzügen stocksteif neben ihr verharrten und ungläubig den Sarg in Augenschein nahmen. Einer der beiden schluchzte leise, während der andere einen eher trotzigen, verbitterten Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte.
Als der Sarg vollends im Boden verschwunden war, sackte die Frau mit einem Schrei in sich zusammen. Sie fiel auf die Knie und wimmerte herzergreifend. Sofort waren zwei Soldaten bei ihr, halfen ihr auf und führten sie zu einer Bank, wo sie in unkontrolliertes Weinen ausbrach.
Alexander war für gewöhnlich hart im Nehmen, doch es fehlte nicht viel und er hätte sich übergeben. Es war doch ein Unterschied, ob man einem solchen Ereignis als Unbeteiligter beiwohnte ober direkt in die Begebenheiten verstrickt war. Zwar war noch nicht endgültig geklärt, ob er eine Mitschuld an der Kollision trug. Bei dem Anblick der erschütterten Frau fühlte er sich jedoch automatisch verantwortlich. Er hatte den verunglückten Piloten nur flüchtig gekannt. Dennoch flackerte bei diesem anrührenden Bild in ihm der Wunsch auf, niemals mehr ein Kampfflugzeug zu besteigen.
In Gedanken versunken verließ er bereits vor den Trauergästen den Friedhof. Er griff nach dem Helm, der an seinem Motorrad befestigt war, stülpte ihn sich über den Kopf, schloss seine Lederjacke und startete die giftgrüne Kawasaki. Mit einem brüllenden Geräusch erwachte das hochgezüchtete Motorrad zum Leben. Lässig schwang Alexander eins seiner langen Beine über die Maschine, trat den Gang rein und bretterte davon.
Keine zwei Stunden später brachte er das Gefährt auf einer hohen Klippe zum Stehen. Sein Blick glitt über den weißen flach abfallenden Sandstrand, bis hin zu der tiefblauen Ostsee. Er zog den Helm vom Kopf und platzierte ihn vor sich auf dem Tank.
Augenblicklich drang das Rauschen der Brandung an seine Ohren. Tief sog er den salzhaltigen Geruch des Meeres in die Lungen ein. Er liebte das Meer, es übte die gleiche beruhigende Wirkung auf ihn aus wie die unendlichen Weiten des Firmaments. Seine Augen wanderten gen Horizont, wo Himmel und Wasser aufeinanderzutreffen schienen. Und zum ersten Mal seit Tagen entspannte er sich ein wenig.
Alexander stellte das Motorrad auf den Seitenständer, stieg ab und marschierte auf eine Bank zu. Dort ließ er sich nieder, lehnte sich zurück und wandte sich geistesabwesend wieder dem Meer zu.
Nachdem er bei der verheerenden Flugzeugkollision wie durch ein Wunder mit einer leichten Gehirnerschütterung davongekommen war, hatte er in den letzten Tagen Unmengen psychologischer Tests über sich ergehen lassen müssen. Viele Piloten waren nach einem derartigen Erlebnis so traumatisiert, dass sie niemals mehr in der Lage waren, mit der gleichen Hingabe und Aggressivität zu fliegen wie zuvor.
Doch nicht so Alexander.
Zugegeben, die Ereignisse zehrten immer noch mächtig an seinen Nerven. Aber die Fliegerei war nun mal sein Leben, seine einzige wahre Obsession, das Motorradfahren einmal außer Acht gelassen. Und daran konnte auch ein solcher Zwischenfall nichts ändern. Nun fehlte nur noch die Freigabe vom Arzt, um ihn endlich wieder in die Lüfte zu entlassen. Doch Alexander war zuversichtlich, dass es in dieser Hinsicht keinerlei Beanstandungen geben würde. Körperlich war er auf der Höhe.
„Entschuldigen Sie, haben Sie zufälligerweise ein Handy bei sich?“, riss ihn in diesem Moment eine sanfte Stimme aus seinen Gedanken.
Er schaute auf. Genau in die großen dunklen Augen einer blonden Frau, die ein wenig beschwerlich neben ihn auf die Bank sank. Interessiert betrachtete er sie. Sie trug eine enge Jeans und ein weißes T-Shirt, das den Ansatz prächtiger Brüste freigab. Davon abgesehen, dass Blondinen normalerweise nicht in sein Beuteschema fielen, war sie verdammt sexy.
Mit einer lässigen Handbewegung schob er sich die Sonnenbrille auf das kurze schwarze Haar, während er die junge Frau weiterhin taxierte. „Natürlich. Wo brennt es denn?“
Sie atmete erleichtert auf. „Gott sei Dank. Ich benötige dringend ein Taxi. Ich bin in den Dünen umgeknickt. Jetzt schaffe ich den Rückweg leider nicht mehr zu Fuß. Und mein Handy liegt zu Hause.“
„Wohnen Sie in der Nähe?“
„Nein, eigentlich in Berlin. Aber ich habe mir für ein paar Tage ein kleines Strandhaus gemietet, auf der anderen Seite der Bucht.“
Alexander inspizierte kurz ihre vollen Lippen, bevor er ihr in die Augen schaute. „Alleine?“
Prompt ließ sie sich von seinem Blick gefangen nehmen. „Ja, ich brauchte unbedingt eine Auszeit.“ Sie schenkte ihm ein herzliches Lächeln. „Wollte mal die Seele baumeln lassen. Und ich finde, das kann man am besten am Meer.“
Er nickte. „Wohl wahr.“
Sie hielt seinem Blick ein paar Herzschläge lang stand, dann unterbrach sie jedoch den Augenkontakt und zupfte an einer Haarsträhne herum. „Also, was ist jetzt mit dem Handy?“
Hervorragend! Er machte sie eindeutig nervös. „Sie können es wohl kaum erwarten, mich loszuwerden?“
 Überrascht schaute sie auf. „Nein, nein. Ich möchte Ihnen nur nicht zur Last fallen.“
„Das tun Sie keineswegs. Ich hatte noch nie etwas gegen die Gesellschaft einer schönen Frau einzuwenden.“
Ein sanftes Lächeln zuckte um ihre Mundwinkel. „Danke schön“, flüsterte sie. „Dieser Tag wird wohl doch noch besser, als vermutet. Was hat Sie eigentlich hierher verschlagen? Ebenfalls Urlaub?“
„Zwangsläufig. Ich bin Pilot und es gab einen kleinen Zwischenfall. Nun muss ich die Zeit überbrücken, bis ich wieder fliegen darf.“
Ihre Augen leuchteten auf. „Wow! Ich habe noch nie einen Piloten persönlich kennengelernt.“
Alexander unterdrückte ein siegessicheres Grinsen. Diese Karte zu spielen, funktionierte einfach immer. Er kannte kein weibliches Wesen, das nicht auf Piloten abfuhr. Frauen brachten diesen Job grundsätzlich mit Sex-Appeal, Geld und Uniformen in Verbindung. Dachten an die große weite Welt und an Männer, die bereit waren, Verantwortung zu übernehmen. Höchstwahrscheinlich hätte er das Mädchen auch ohne diesen kleinen Trumpf um den Finger wickeln können, aber so hatte er die Angelegenheit definitiv beschleunigt.
Er erhob sich. „Kommen Sie, ich bringe Sie nach Hause. Sie brauchen kein Taxi.“ Er blickte auf ihren Fuß. „Oder soll ich Sie lieber zu einem Arzt fahren?“
„Nein, nein. Kein Arzt. So schlimm ist es nicht.“ Sie begutachtete ihn neugierig von Kopf bis Fuß. Ihre Augen blieben an seiner Lederjacke hängen, dann an seiner Maschine, die ein paar Meter entfernt parkte. „Mit dem Motorrad?“
Er nickte. „Sie wirken nicht wie eine Frau, die Angst vor einer Herausforderung hat.“
Sie grinste. „Gut erkannt. Dann fliegen Sie mich mal nach Hause.“
„Versprochen. Ich werde Sie unbeschadet an Ihrer Hütte abliefern.“ Auffordernd streckte er ihr eine Hand entgegen. Bereitwillig legte sie ihre Finger in seine und ließ sich hochziehen. Leicht hinkend folgte sie ihm zu seiner Maschine. Er schlüpfte aus der Lederjacke und reichte sie ihr. „Hier, der Fahrtwind kann ganz schön ungemütlich sein.“
Sie riss erstaunt die Augen auf, griff dann aber nach der Jacke und warf sie sich über. „Danke schön.“ Sie blickte an sich hinab. „Ein bisschen groß, aber total kuschelig.“ Sie atmete mit verzücktem Gesichtsausdruck tief ein. „Und sie riecht so gut, so männlich.“
Er hielt ihr den Helm vor die Nase.
Erneut schaute sie ihn irritiert an. „Und Sie?“
„Machen Sie sich darüber mal keine Gedanken. Ich habe einen ziemlichen Dickschädel. Dem passiert so schnell nichts.“
„Wow, Sie sind ja ein wahrer Gentleman.“ Mit diesen Worten setzte sie sich den Helm auf.
Alexander stieg derweil auf das Motorrad und startete es. Die junge Frau kletterte prompt hinter ihn und schlang die Arme fest um seine Taille. Anscheinend hatte der liebe Gott heute ausnahmsweise einmal ein Einsehen mit ihm. Das Mädchen war genau das, was er jetzt brauchte, um vollständig abschalten zu können.
Sie dirigierte ihn zu einem in grellem Blau gestrichenen Strandhaus mit direktem Meerblick, vor dem er die Kawasaki zum Stillstand brachte. Als seine Begleiterin abstieg und vorsichtig auftrat, verzog sie schmerzverzerrt das Gesicht und kam ins Wanken.
Geistesgegenwärtig fing Alexander sie auf und hielt sie fest. Sie stützte sich mit den Handflächen an seiner Brust ab, machte aber keinerlei Anstalten, sich aus der Umarmung zu lösen. Als sie aufblickte, brannte ein dunkles Verlangen in ihren Pupillen.
„Darf ich dich auf einen Kaffee einladen?“, hauchte sie.
Er schmunzelte. „Du und ich, wir wissen beide, dass es nicht beim Kaffee bleiben wird, richtig?“
Sie strich ihm mit einem Finger spielerisch über die harten Konturen seiner Brustmuskulatur. „Das will ich doch hoffen.“
Voller Überraschung quiekte sie auf, als er sie auf die Arme hob und ins Haus trug. „Weißt du was? Du bist eine Frau ganz nach meinem Geschmack.“
 „Wie heißt du eigentlich?“, wollte sie noch wissen, dann fiel die Haustür hinter ihnen ins Schloss.

Erschrocken schoss Alexander hoch. Dunkelheit umgab ihn. Er tastete nach dem Lichtschalter, stieß jedoch mit der Hand gegen etwas Hartes. Wo war er? Das war keineswegs das lederbezogene Kopfteil seines Bettes.
Verwirrt sank er in die Kissen zurück. Wie so oft in den letzten Tagen hatte ihn dieser Albtraum heimgesucht. Aus dem er grundsätzlich erst erwachte, wenn sein Jet mit einer ohrenbetäubenden Explosion am Boden zerschellte. Sein Unterbewusstsein machte ihm immer wieder schonungslos klar, dass auch ein erprobter Kampfpilot nur ein Mensch war und keine gewissenlose Maschine.
Neben ihm bewegte sich etwas. Schlagartig meldete sich die Erinnerung zurück. Das Strandhaus in den Dünen! Die süße Blondine! Ein paar ziemlich heiße Nummern!
„Alexander, alles in Ordnung?“, wollte besagte Blondine in diesem Moment wissen.
Er schlang ihr einen Arm um die Taille und zog sie an sich. Kichernd ließ sie es geschehen. Ihre Nähe tat gut, gab ihm das Gefühl von Geborgenheit.
„Nur ein unschöner Traum.“ Verflixt und zugenäht, wie hieß die Kleine gleich noch mal? Anja? Anna? Anka? „Komm her, Süße, ich will dich spüren!“, zog er sich schlussendlich aus der Affäre.
Bereitwillig schmiegte sie sich an seine Brust. Er glitt mit einer Hand über ihren prächtigen Busen, hinunter bis zu ihrer Hüfte. Dann legten sich seine Finger um ihren straffen Hintern und pressten ihren Unterleib gegen sein Becken.
Sie stöhnte überrascht auf. „Meine Güte, Alexander! Schon wieder?“, keuchte sie, als er sie seine Härte spüren ließ.
Er beugte sich über sie. „Hilf mir diesen Traum zu vergessen!“, raunte er ihr ins Ohr, bevor er sie küsste.
Mehr brauchte es nicht, um sie zu überzeugen. Willig kam sie ihm entgegen, als er sie mit seinem Gewicht in die Matratze drückte.
„Wirst du mich anrufen, wenn du das nächste Mal in Berlin bist?“, flüsterte sie zwischen zwei Küssen.
„Nur wenn du aufhörst, so viele Fragen zu stellen.“
Sie kicherte erneut. „Warum stopfst du mir nicht einfach wieder den Mund? Auf die gleiche Art und Weise wie du es am Abend getan hast, als ich zu viel geredet habe.“
Alexander hielt einen Moment lang die Luft an. Wow, die Braut war heiß! Vielleicht sollte er tatsächlich in Erwägung ziehen, ihr gelegentlich einen Besuch abzustatten. Gesetzt den Fall er erinnerte sich noch rechtzeitig an ihren Namen. „Dein Wunsch ist mir Befehl.“ Mit diesen Worten schob er sie ein Stück nach unten und tat, um was sie ihn gebeten hatte.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Das klingt doch alles ganz wunderbar, oder? Ich hoffe ich konnte euch nun mit dem 2. Teil der Serie anfixen? Also merkt euch den 7. Mai bitte vor!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen