Sonntag, 24. Mai 2015

[Lesedeal] Klausmüller – Ein Esel auf Verbrecherjagd von Pebby Art


Die Kinderbuchautorin Pebby Art schickt den kuscheligen Stoffesel Klausmüller auf Verbrecherjagd, das ganze Abenteuer ist ab dem 28.5 erhältlich, aber nun dürft ihr in die ersten Seiten abtauchen und Klausmüller näher kennen lernen.





Eine seltsame Begegnung





Stoffesel Klausmüller hüpfte über den weichen Waldboden. Er wühlte sich durch Laubhaufen, die der letzte Herbst zurückgelassen hatte. Hin und wieder schielte er zu Klara und Joey, die auf den Pferden Domino und Artistin saßen. Domino und Artistin ignorierte er.
Es war noch kein Jahr her, da war der kleine Stoffesel durch eine Ritterrüstung gerutscht. Das hatte ihn auf unerklärliche Weise zum Leben erweckt. Seitdem sprang er durch die Gegend, liebte Lampenschirme, wenn er auf ihnen schaukelte und Kekse, wenn sie in sein Maul geschoben wurden. Pferde lehnte er ab. Doch leider liebte Klara sie. Und da Klausmüller seine Klara liebte – vielleicht sogar noch mehr als Kekse – musste er sich damit abfinden, dass auch Pferde bei ihren Ausflügen dabei waren.
Und darum eierten jetzt zwei Pferdehinterteile vor Klausmüller her. Besonders das Hinterteil von Domino sah sehr träge aus. Klaras Fersen stupsten immer mal wieder gegen die Seiten des Pferdes, damit das Hin- und Herschwanken des Pferdepos nicht ganz zum Erliegen kam. Domino war nicht immer so lahm gewesen, doch mittlerweile war er ein ziemlich alter Opa, der das Rennen den Jungen überließ und den nichts aus der Ruhe brachte. Sein ehemals schwarzes Maul war weiß gesprenkelt, sein Rücken hing durch und die Unterlippe schwabbelte wabbelig entspannt herum.
Klausmüller hingegen jagte imaginäre Schurken durch Laubhaufen, schlich sich zwischen Bäumen entlang und schlug jeden Hasen in die Flucht. Der Boden war weich und roch gerade jetzt in der Frühlingssonne so herrlich nach Frische, nach Leben, nach Energie. Und die setzte Klausmüller gerade in Riesenhüpfer um. Zwischendurch schickte er sein allerliebstes Esellächeln zu Klara hoch.
Die zwölfjährige Klara schielte zu Joey und war so froh, wieder hier zu sein, hier ihre Osterferien verbringen zu dürfen, auf dem Hof ihrer Großtante Agnes. Dabei hatte sie sich letzten Sommer erst noch geweigert, in den Ferien zu Tante Agnes zu fahren. Doch das war vor ihrem Urlaub gewesen. Dann hatte sie ja gemerkt, dass Tante Agnes Pferde besaß. Und wäre sie nicht hierhergekommen, wäre Klausmüller nie durch diese Ritterrüstung gerutscht und er wäre weiterhin ein normales Kuscheltier. Das konnte Klara sich nun überhaupt nicht mehr vorstellen, obwohl Klausmüller oft genug so tun musste, als sei er ein Stofftier, nichts weiter als ein Stofftier, denn Klara hatte beschlossen, dass niemand außer ihr und Joey Klausmüllers Geheimnis kennenlernen sollte.
Joey …, ja, den hatten sie auch hier kennengelernt, letzten Sommer, auf dem Hof von Tante Agnes. Joey war dreizehn und er kümmerte sich um die Pferde auf Tante Agnes’ Hof. Er war zunächst nicht so gesprächig gewesen, letztes Jahr, als Klara ihn zum ersten Mal traf, denn er traute nicht jedem und wartete erst einmal ab. Doch da Klara wie er die Pferde liebte und zudem seine Reitkünste bewunderte, hatte er ihr bald ein Lächeln und einen strahlenden Blick aus seinen einzigartig grünen Augen geschenkt. Und es hatte nicht lange gedauert, bis Joey gemerkt hatte, dass Klaras Stoffesel alles andere als ein normales Stofftier war.
Doch sonst wusste niemand von Klausmüllers Fähigkeiten. Und im Wald konnte Klausmüller sich richtig austoben, denn hier war es ziemlich menschenleer. Aber eben leider nur ‚ziemlich‘, denn einer war doch da. Ein Mensch, den weder Klara noch Joey bemerkten. Und auch Klausmüller sah ihn nicht. Und dieser eine Mensch bemerkte auch Klausmüller, Klara und Joey nicht – bis Klausmüller die Beine dieses Menschen mit einem Baum verwechselte und an diesen entlangstrich.
Da war es vorbei mit der Frühlingsidylle im Wald. Ein Spazierstock sauste durch die Frühlingsluft, traf Klausmüller und schleuderte ihn gegen Artistins Schulter. Artistin scheute und Domino spitzte die Ohren.
Im ersten Moment dachte Klara, dass Klausmüller mal wieder seine Sonnenbrille vor die Augen geschoben hätte. Die Brille hatte er letzten Sommer in einem Schuppen gefunden. Und so unwahrscheinlich es auch klang: Diese Brille besaß magische Kräfte. Wenn Klausmüller sie vor die Augen schob, konnte es passieren, dass er unkontrolliert durch die Luft sauste. Doch diesmal hatte er seine Sonnenbrille noch hinter den Ohren sitzen und er flog auch nicht hin und her wie ein Pingpong-Ball, sondern prallte nur einmal gegen Artistin und trudelte dann zu Boden. Dort versank er in einem Blätterhaufen. Aus diesem stöhnte es jetzt und zwei Eselohren kamen zum Vorschein. Dann wabbelte der Haufen hin und her und Klausmüller tauchte wieder auf. 
„Klausmüller!“, rief Klara, „Was machst du da?“
Doch dann schaute sie nach rechts, dahin, wohin auch die Pferde ihre Hälse bogen. Und sie entdeckte ihn, den Menschen. Er war eine Frau. Eine alte Frau. Eine sehr alte Frau.
Sie stand da, neben einem Baum, in der rechten Hand einen Stock, der auf Klara, Joey und die Pferde zielte. Die Beine standen so weit auseinander, dass der graue Rocksaum sich um die kurzen, knorpeligen Beine spannte. Man sah zwar, dass sie schon etliche Lebensjahre auf dem Buckel hatte, doch ihre drohende Haltung und ihr auf die Kinder gerichteter Spazierstock drückten eine gewisse Kampfbereitschaft aus. Klausmüller spürte die Prellung an seiner Schulter und wusste, dass die Oma durchaus bereit war, ihre Kampfbereitschaft in einen Kampfeinsatz umzuwandeln.
Klausmüller, Klara und Joey starrten auf die Kampfomi, die ebenso zurückstarrte. Das weiße Haar hing der Frau etwas wirr ins Gesicht und die Brille saß ziemlich schräg auf einer kleinen Kartoffelnase. Mit gerunzelter Stirn fixierte ihr Blick Klara und Joey. Klara bewegte sich als Erste wieder.
„Guten Tag“, sagte sie und nickte der alten Frau zu.
Daraufhin senkte diese ihren Stock, trat einen Schritt vor und sagte: „Oh wie schön, Kinder mit Pferden! Das sieht man auch selten.“
„Alte Frauen, die so tun, als ob sie alte Bäume wären und dann zuschlagen, sieht man noch seltener.“ Das war Klausmüller. Er pustete gerade ein letztes Laubblatt von seinem Fell.
Klara blieb die Spucke weg. Hatte Klausmüller sie noch alle? Er konnte doch nicht einfach fremde Leute anquatschen! Wo blieb da seine Ganz-normales-Stofftier-Tarnung? Klara warf Klausmüller einen strengen Blick zu, doch Klausmüller schaute nicht zu ihr. Er behielt die alte Frau im Blick, die jetzt auf ihn zukam. Klausmüller zog sich zurück – zwei Schritte. Klara wartete auf den Aufschrei der alten Dame – oder würde sie gleich wieder ihren Stock einsetzen, um das sprechende Stofftier aus ihrem Umkreis zu katapultieren?
Die Frau beugte sich mit ihrem eh schon ziemlich runden und schiefen Rücken noch tiefer runter, reckte ihr Kinn weit nach vorne zu Klausmüller und schob mit der stockfreien Hand ihre schief sitzende Brille zurecht. Klausmüller stand still. Nur sein Oberkörper schob sich nach hinten, seine Lippen zogen sich über die Zähne ins Maulinnere. Auweia.
„Es muss Ihr Fell gewesen sein, das mich erschreckt hat.“ Sie richtete sich etappenweise und mit ihren Händen auf den Stock gestützt wieder auf, so weit, wie ihre schiefen Knochen das zuließen. „Sie sind an meinen Beinen herumgestrichen, als ich gerade ein wenig geschlafen habe.“
„Sie schlafen im Stehen?“ Joey zog die Augenbrauen zusammen. „Im Wald?“
Er hatte schon viele Märchen gehört, von seinem Vater zum Beispiel, wenn der mal wieder in die Werkhalle entschwand, in der ihr Kirmeskarussell stand – ein Kinderkarussell mit bunten Autos und vielen Knöpfen zum Hupen, Tuten und Sirenenabspielen. Joeys Vater bastelte dann angeblich an neuen Autos herum, um das Karussell attraktiver zu machen, doch Joey wusste, dass sein Vater das eigentlich schon längst aufgegeben hatte und sich dorthin nur noch zurückzog, um eine Flasche Alkohol aus der Werkzeugkiste zu holen und dann stundenlang dort rumzusitzen und nichts zu tun, außer die Flasche hin und wieder anzuheben. Dabei hatte Joey als kleiner Junge immer darauf gewartet, dass sein Papa eines Tages mit dem Superkarussell auftreten würde. Doch das Karussell blieb immer gleich, sein Vater hingegen stolperte abends durch die Wohnung, roch unangenehm und sprach so undeutlich, dass Joey seine Worte kaum verstand. Eines Tages hatte Joey ihn beobachtet. Stundenlang. Danach wusste er, dass er längst nicht alles glauben sollte, was man ihm so sagte.
Und genauso wenig glaubte er dieser alten Frau die Geschichte vom Mittagsschlaf im Wald.
„Ja“, untermauerte die alte Dame ihre Aussage nun, „für gewöhnlich natürlich nicht. Doch wenn man schon so lange wie ich unterwegs ist, dann kann es schon mal vorkommen, dass man sich ein wenig ausruhen möchte.“
„Wohin sind Sie denn unterwegs?“, fragte Klara.
„Na, nach Hause, mein Kind.“
Sie beugte abermals ihren Rücken tief hinab. Ihre beiden Hände stützen sich auf ihren Spazierstock, sodass sie aussah wie eine Hängebrücke, nur dass ihr Rücken nicht wirklich durchhing, sondern sich buckelig nach oben wölbte. Dann löste sie die rechte Hand von ihrem Stock und hielt sie Klausmüller entgegen.
„Greismann“, sagte sie, „Elfriede Greismann, sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Leider stinken Sie ein wenig.“
„Klausmüller, einfach Klausmüller“, sagte Klausmüller und legte seinen Huf in die runzelige und etwas starre alte Hand. „Ich stinke kein Stück und Sie sind etwas schief gebaut.“ Er ließ seinen Blick über Frau Greismanns Äußeres gleiten.
„Klausmüller“, sagte Klara. Doch Frau Greismann schien Klausmüllers Äußerung zu ihrer Schieflage nicht zu stören.
„Na, dann ist ja alles klar“, sagte sie und richtete sich wieder auf. Dazu stemmte sie sich mit der linken Hand auf ihren Stock und hielt ihre rechte Hand an ihre Hüfte. Zentimeter für Zentimeter schraubte sie sich in ihre aufrechte Ausgangsposition zurück. „Ihr habt einen stinkenden Esel und ich habe mich verlaufen. Wisst ihr zufällig, wie ich zu meiner Wohnung zurückkomme?“ Sie blickte jetzt Klara fest in die Augen. Ihre Brille hatte wieder eine Schieflage eingenommen, als wolle sie die Schrägstellung des Rückens nachahmen.
„Wo wohnen Sie denn?“, fragte Klara und dachte darüber nach, ob es wohl noch mehr sprechende Stofftiere gibt, da die alte Frau Klausmüller einfach so hinnahm, als wäre er nicht ungewöhnlich.
„In der Birkenallee 72“, sagte Frau Greismann und kratzte sich an der Stirn, „oder 71.“
„Wissen Sie was? Wir begleiten Sie“, sagte Klara, stieg von Domino herunter und nahm Dominos Zügel in die Hand. Schon stapfte sie neben Frau Greismann durch das alte Laub. Joey und Klausmüller schauten sich kurz an und marschierten dann hinterher.
Frau Greismann plauderte davon, dass sie eigentlich nur kurz aus dem Haus gegangen sei, weil ja vorher diese zwei Männer bei ihr gewesen wären. Die hätten bei ihr geklingelt und gefragt, ob sie ihr Badezimmer benutzen dürften. Der eine musste sich die Hände waschen, weil er Diabetes hatte und es Zeit war, sich in den Finger zu piksen, um die Blutwerte zu messen. Und davor mussten die Hände gewaschen werden. Frau Greismann hatte die beiden Männer hereingelassen. Sehr nette Männer übrigens. Und als sie wieder weggingen, hatte der mit dem Diabetes sein Messgerät vergessen. Und da hatte Frau Greismann sich Sorgen gemacht. Das Messgerät, das musste der doch haben, oder? Der arme Mann. Der konnte ja nun nicht mehr sein Blut fragen, ob es noch mit genügend Zucker vorsorgt war. Das ging doch nicht. Sie nahm das schwarze Gerät in ihre Hände und drehte es ein paar Mal unschlüssig hin und her. Und dann ging sie raus, den beiden Männern hinterher. Doch die waren zu schnell, die waren so rasch in eine Nebenstraße gehuscht und dann in einem Auto entschwunden, dass Frau Greismann nur noch mit ihrem Stock hinterherwinken konnte. Und selbst das hatten die Männer wohl nicht bemerkt. Und so stand Frau Greismann schließlich alleine da. Sie drehte sich um und ging nach Hause. Das war zumindest der Plan. Doch mit einem Mal kam ihr alles so unbekannt vor. Da musste sie sich wohl verlaufen haben.
„Und wo ist das Messgerät jetzt?“, fragte Joey.
Frau Greismann packte sich vor die Brust und drehte sich zu Joey um. „Nanu“, sagte sie, „das habe ich mir um den Hals gehängt. Das war in so ’ner Tasche. Komisch. Das muss ich wohl verloren haben.“
Frau Greismann zuckte mit den Schultern und stapfte weiter. Joey warf erst Klara und dann Klausmüller einen vielsagenden Blick zu. Wenigstens Klausmüller schien mit ihm übereinzustimmen. Die Alte hatte doch einen Tick.

Ausgeraubt

Eine halbe Stunde später hatten sie die Birkenallee erreicht. Zielstrebig stapfte Frau Greismann auf die Nummer 72 zu. Immerhin hatte die alte Frau ihren Haustürschlüssel dabei. Den hatte sie an einem langen Band um ihren Hals hängen.
„Morgens kommt immer einer vorbei und hilft mir ein wenig. Der besteht darauf, dass ich meinen Haustürschlüssel ständig bei mir trage.“ Frau Greismann bückte sich zu dem Schlüsselloch hinunter und versuchte, den Schlüssel hineinzuschieben. Das Band, an dem der Schlüssel hing, behielt sie dabei um den Hals gebunden. „Eigentlich wollte ich das gar nicht, aber er sagt immer: ‚Frau Greismann, irgendwann werden Sie froh sein, den Schlüssel dabeizuhaben.‘“ Frau Greismann schüttelte den Kopf. „Jetzt hat der tatsächlich recht behalten.“ Frau Greismann versuchte immer noch, das Schlüsselloch zu treffen.
Klara wollte Frau Greismann gerade ihre Hilfe anbieten, als der Schlüssel doch seinen Weg fand und Frau Greismann die Tür zu ihrem kleinen Häuschen öffnen konnte. Da sie es dann jedoch nicht sofort schaffte, den Schlüssel wieder herauszuziehen, schlurfte sie in tief gebeugter Haltung mit dem Kopf auf Schlüssellochhöhe in ihren Flur hinein und folgte dem Weg der Tür, wie ein angeleinter Hund seinem Herrchen folgt. Klausmüller drängelte sich zwischen ihren Beinen durch und huschte in den Hausflur. 



Boah ey!“, rief Klausmüller. „Hier stinkt’s!“ Er trat den Rückzug an.
„Das sind Sie, mein guter Herr Klausmeier“, sagte Frau Greismann, die sich mittlerweile aus ihrer angeleinten Lage befreit hatte.
„Klausmüller“, korrigierte Klausmüller und betrat mit zusammengezogenen Nüstern abermals den Hausflur.
Seine Augen fixierten die Tür vor ihm, auf die Frau Greismann jetzt zustapfte und hinter deren Scheibe irgendetwas Riesiges auf und ab tanzte.
„Nicht öffnen!“, versuchte Klausmüller Frau Greismann noch zu warnen. Doch diese hatte bereits die Klinke heruntergedrückt und schob die Tür auf.
„In Deckung!“ Klausmüller raste hinter Klaras Beine und schob Klara wie einen Ritterschild vor sich her.
„Hey, wer bist du denn?“, hörte er Klaras Stimme und schon schmiss sich grau-weißes zotteliges Fell gegen Klaras Beine.
Klausmüller schnappte nach Luft, suchte den Ausgang. Er blickte zur Haustür. Die war zu. Welcher Vollidiot hatte die denn geschlossen? Er tänzelte hinter Klaras Beinen im Zickzack herum und versuchte sich auf zwei Beinen auszubalancieren. Mit den Vorderhufen hielt er sich die Nüstern zu.
„Klara! Ich sterbe!“, schrie er. „Was ist das? Das stinkt bestialisch!“ Mit einem zarten Plumps ließ er sich auf den Fußboden fallen.
„Das ist doch nur ein Hund.“ Klara hielt den Hund am Halsband fest.
„Herr Klausmüller“, mischte sich jetzt Frau Greismann ein. „Jetzt stellen Sie sich doch nicht so an. Das ist doch nur Tessa. Mein lieber Bobby.“
„Wie denn jetzt?“, fragte Joey, der gerade zur Tür hereinkam. Er hatte die Pferde im Vorgarten angebunden und das kleine Gartentor verschlossen. „Heißt der Hund Tessa oder Bobby?“
„Hä?“ Frau Greismann runzelte ebenfalls die Stirn, doch da ihre Stirn eh schon runzelig war, fiel das kaum auf. „Nein“, sagte sie, „Tessa ist ihr Name. Sie ist ein Bobby oder Bobbo oder Bobding. Na, wie heißen die denn noch mal?“
„Bobtail“, sagte Joey und klopfte Tessa das Fell. Sofort drehte sie sich zu Joey um. Ihr Schwanz wedelte nun wild über Klausmüller hinweg.
„Egal ob Tessa, Bobpo, Bobtail …“ Klausmüller richtete sich auf und wurde mit dem nächsten Schwanzschlag wieder umgehauen. Er presste erneut die Vorderhufe auf seine Nüstern. „Die stinkt!“ Er hustete. Tessa spitzte die Ohren und Klara hob Klausmüller auf den Arm. Sie drehte sich zu Joey.
„Hier stinkt’s wirklich etwas“, raunte Klara Joey zu. Der nickte, während Frau Greismann den dreien zuwinkte, damit sie ihr ins Wohnzimmer folgten. 
Zögernd gingen sie hinter Frau Greismann her. Tessa legte sich auf den Wohnzimmerboden und platzierte ihre Schnauze auf den Vorderpfoten. Ihre Augen waren trotz des für Bobtails üblichen langen Fells deutlich zu erkennen: zwei schwarze Knöpfe inmitten von kahl geschorenen Stellen. Frau Greismann hatte ihr kürzlich das Sichtfeld mit der Schere freigeschnitten. Das war geschehen, weil Frau Greismann es satt hatte, andauernd das Hinterteil mit dem Vorderteil zu verwechseln. Und nachdem sie einmal Tessa das Halsband um den Po gewickelt hatte, hatte sie zur Schere gegriffen und den Vorhang vor Tessas Augen entfernt. Das sah zwar ziemlich bescheuert aus, aber Tessa hatte endlich freie Sicht und Oma Greismann wusste nun: Das Halsband kommt dahin, wo ihr die zwei dunklen Punkte entgegenleuchteten. Und diese strahlenden, dunklen Knöpfe richteten sich nun auf Klausmüller. Nur auf Klausmüller. Der wiederum war froh, dass er die erhöhte Position auf Klaras Arm innehatte.
Klara entdeckte die Ursache für den Gestank in der Wohnung. Mitten auf dem Wohnzimmerteppich prangte ein riesiger Hundehaufen. Frau Greismann schien den überhaupt nicht wahrzunehmen. Sie schlurfte direkt auf ihn zu. Klaras „Vorsicht!“-Ruf verhallte ohne Reaktion von Frau Greismann. Klara, Joey und Klausmüller verharrten in ihren Bewegungen und starrten auf Frau Greismanns Beine, als könnten sie so den Weg von Frau Greismanns Füßen lenken. Und sie hatten Glück: Frau Greismann stapfte knapp am Haufen vorbei.
Und dann war es Tessa, die eine Kettenreaktion auslöste, bei der Frau Greismann schließlich Klausmüller schnappte und ihn als Putzlappen für ihre Wohnzimmerlampe nutzte.
Denn Tessa sprang an Klara hoch und schleckte dem in Klaras Armbeuge gekuschelten Esel durchs Gesicht. Von der sabbernden Hundezunge überrumpelt, sprang der mit einem Satz von Klaras Arm und landete auf Frau Greismanns Wohnzimmerlampe, mit der er dann versehentlich einen Angriff gegen die arme Frau Greismann flog. Noch bevor diese den Wohnzimmerschrank richtig geöffnet hatte, klebten ihr bereits der Lampenschirm vorm Kopf – und ein Esel im Gesicht.
„Ups.“ Klausmüller glitt an Frau Greismanns Körper dem Boden entgegen. Frau Greismann hingegen schwankte nach dem Zusammenstoß mit Klausmüller zunächst nur mit leichten, kreisenden Bewegungen, dann jedoch sah sie aus, als breitete sie sich gleich auf dem Boden aus.
Klausmüller floh über den Sessel wieder auf die Lampe und schaute den Pendelbewegungen von Frau Greismann zu. Zum Glück ergriff Klara rechtzeitig Frau Greismanns Ellbogen und brachte sie aus ihrer kreiselnden Umlaufbahn wieder in eine stabile Standposition. Klausmüller atmete erleichtert auf, Frau Greismann ebenso. Dann wischte Frau Greismann sich mit ihrer rechten Hand durchs Gesicht. Spinnfäden zierten ihre Falten und hafteten nun auch an ihren Fingern.
„Ich muss den Lampenschirm mal wieder putzen“, meinte Frau Greismann. „Wenn meine Tochter das sieht, will sie mir wieder eine Putzfrau aufschwatzen. Als wenn ich nicht selbst putzen könnte.“
Sie schüttelte den Kopf, als müsste sie das Bild ihrer Putzfrauen-aufdrängenden Tochter loswerden. Dann griff sie nach dem Lampenschirm, packte Klausmüller und wedelte mit ihm durch den Staub und die Spinnfäden. Noch bevor Klausmüller so recht wusste, wie ihm geschah, hatte sie ihn schon wieder auf den Boden gesetzt.
„Ich glaub, ich muss mich ein wenig setzen“, meinte Frau Greismann und ließ sich von Klara zum Wohnzimmersessel führen.
Es dauerte jedoch nicht lange und Frau Greismann hievte sich wieder aus dem Sessel. „Was wollte ich denn noch?“, fragte sie.
„Den Haufen da entfernen.“ Klausmüller zeigte mit seinem Huf Richtung Hundehaufen.
„Nein“, murmelte Frau Greismann, „das war etwas anderes.“ Sie kratze sich am Kinn und sah sehr nachdenklich aus.
„Haben Sie irgendwo eine Küchenrolle?“, fragte Joey, während Klara zu einem Fenster ging und es öffnete.
„Ja, dort, in der Küche auf dem Tisch.“
Frau Greismann begleitete Joey in die Küche. Eine Packung Milch, ein Messer, ein Teller, eine Haarbürste mit drei Millionen grauen Haaren und eine Nagelschere bevölkerten den Tisch. Von der Küchenrolle keine Spur.
„Ich wollte euch etwas kalte Limonade anbieten. Das war’s“, sagte Frau Greismann und öffnete den Kühlschrank.
„Können wir nicht gehen?“, fragte Klausmüller. Seine Nüstern zog er zu zwei schmalen Schlitzen zusammen.
Joey nahm die Milch vom Tisch und reichte sie Frau Greismann. Frau Greismann stellte die Milchbox in das Seitenfach des Kühlschranks. Sie wollte gerade die Tür schließen, als Joey ins Kühlfach griff und die Küchenrolle hervorzog. Er nahm sie mit ins Wohnzimmer, riss einige Blätter ab und entfernte den Hundehaufen. Klausmüller wandte sich ab und gab würgende Geräusche von sich. Klara half Joey. Joey brachte die Küchenrollenblätter nach draußen und Klausmüller strich wie eine Katze um Klaras Beine.
„Ich will hier raus“, röchelte er.
„Ja, gleich“, sagte Klara.
Frau Greismann erschien mit einer Limoflasche im Wohnzimmer.
„Irgendwo habe ich auch noch Kekse“, sagte sie.
Mit einem Satz saß Klausmüller auf dem Sofa.
„Wir bleiben“, sagte er.
Frau Greismann stellte die Limoflasche auf den Tisch vor Klausmüller und stiefelte dann Richtung Schrank.
„Gläser“, murmelte sie, „Gläser brauchen wir.“ Sie öffnete die Schranktür: „Ah!“, rief sie. „Da sind ja auch die Kekse.“
Sie zog eine Kekspackung hervor und Klausmüller spürte, wie die Spucke in seinem Maul zu einem See anschwoll.
Frau Greismann drehte sich zum Sofa, ging zwei Schritte und wurde dann aschfahl im Gesicht. Sie blieb stehen und begann zu zittern. Klara und Klausmüller blickten von Frau Greismann zu Joey, der gerade wieder zur Tür hereinkam. War irgendetwas an Joey, das Frau Greismann so erschauern ließ? Joey stand in der Wohnzimmertür und fragte sich, warum ihn alle anstarrten. Tessa lag wie schon zuvor schwanzwedelnd auf dem Fußboden. Doch Frau Greismann schien sich nicht vor Joey so erschrocken zu haben. Sie wankte nun zum Schrank zurück, riss die Türen auf, die sie gerade geschlossen hatte – und ließ die Kekse zu Boden sauen. Klausmüllers Augen sausten mit. Auch seine Mundwinkel bewegten sich nach unten. Wenn das hier so weiterging, hatten sie gleich nur noch Kekskrümel.
„Oh nein!“, rief Frau Greismann und fuhr sich mit beiden Händen vor den Mund.
„Ist etwas nicht in Ordnung?“ Klara eilte zu Frau Greismann. Bilder tauchten in Klaras Kopf auf. Bilder von ihrer eigenen Oma, als die einmal in ihrem Wohnzimmer zusammengebrochen war. Zum Glück war damals Klaras Mama zur Stelle gewesen, hatte Oma aufgefangen und aufs Sofa gesetzt. Danach hatte sie einen Krankenwagen gerufen und Oma war ins Krankenhaus gekommen. Gott sei Dank war es ihrer Oma später wieder besser gegangen. Doch Klara konnte sich noch genau an ihre eigenen zitternden Knie erinnern, als sie Oma so teilnahmslos im Sofa hatte hängen sehen. Wie gut, dass ihre Mama sich so beruhigend neben Oma gesetzt hatte, mit Oma geredet und ihre Hände gehalten hatte. Gleichzeitig hatte sie mit ruhiger Stimme Klara aufgefordert, ihr das Telefon zu bringen.
Klara versuchte nun, ebenso ruhig zu bleiben wie ihre Mama damals. Sie eilte auf Frau Greismann zu, ohne hektisch zu werden. Frau Greismann indessen öffnete mit zitternden Händen den Deckel einer alten Teekanne und sank dann lautlos in Klaras Arme. Joey kam sofort zu Hilfe. Gemeinsam brachten sie Frau Greismann zu ihrem Sessel.
Klausmüller starrte weiterhin auf die Kekspackung, die jetzt von den anderen unbeachtet den Boden zierte. 
Erst als Frau Greismann: „Es ist alles weg“, murmelte, schaute er kurz zu ihr.
Dann nahm die Plätzchenpackung ihn wieder gefangen.
„Frau Greismann?“ Klara versuchte Frau Greismann in die Augen zu schauen. Die alte Frau wirkte abwesend. „Frau Greismann, hallo“, sagte Klara, „was ist denn alles weg?“ Klara nahm Frau Greismanns Hand und strich über deren Handrücken.
„Mein gutes Geschirr ist weg“, sagte Frau Greismann leise. Ihr Blick aus hellblauen Augen verlor sich auf dem Teppichboden, den sie anstarrte. 
„Vielleicht ist es im Kühlschrank“, meinte Klausmüller und sprang vom Sofa. Irgendjemand musste sich jetzt mal um die vernachlässigte Packung am Boden kümmern.
„Und mein Herz…“ Frau Greismanns Stimme brach ab.
Klausmüllers Kopf sauste hoch. Er hatte gerade die Kekspackung in mühevoller Arbeit zwischen seine Zähne geklemmt. Klara tätschelte leicht mit der rechten Hand Frau Greismanns Wangen. Die linke Hand ließ sie in ihre Jackentasche zu ihrem Handy gleiten. Klausmüller verfiel in Panik.
„Wir brauchen einen Krankenwagen!“, rief er. Die Kekspackung verließ sein Maul und raste zu Boden.
„…medaillon, wollte ich sagen“, hauchte Frau Greismann. Ihr Blick löste sich vom Teppich und wanderte zu Klausmüller.
„Was’n das?“ Klausmüllers Blick wankte zwischen Klara und Joey hin und her.
„Das ist ein Anhänger für eine Halskette“, klärte Klara Klausmüller auf. „Das Herz kann man aufklappen und zum Beispiel ein Foto hineingeben.“
„Ausgeraubt“, murmelte Frau Greismann, „ich bin ausgeraubt worden.“
„Sie meinen“, sagte Klara, „hier waren Einbrecher?“ Klara zog ihre Hand wieder aus der Jackentasche und legte sie zurück auf Frau Greismanns Handrücken.


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Und wie hat euch die Geschichte gefallen? Ich hoffe ich konnte euch nun anfixen? Also merkt euch den 28. Mai

1 Kommentar:

  1. Liebe Sheena, ganz lieben Dank, dass Klausmüller bei deinen Lesedeals mitmachen durfte! In meinem Artikel "Wenn der Esel auf Verbrecherjagd geht ..." auf http://pebbyart.blogspot.de habe ich deinen Lesedeal verlinkt. Liebe Grüße, Pebby

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