Dienstag, 10. Februar 2015

[Geisterdeal] mit C.M. Singer

Nein ihr habt euch nicht verlesen, dieses hier ist heute ein Geisterdeal und KEIN Lesedeal, denn ein Lesedeal bezüglich des Erscheinen des 3.Romans Spellbound würde zu viele Spoiler enthalten, also haben wir uns etwas anderes für euch ausgedacht. Am 14.2 also pünktlich zum Valentinstag erscheint Spellbound und ihr dürft schon einmal einen Blick aufs neue Cover werfen.



Kurzbeschreibung: Die GHOSTBOUND-Trilogie ist eine spannende Mischung aus Romantic Fantasy und Krimi, versetzt mit Humor und einem Hauch Erotik.
Elizabeth ist fassungslos. Daniel, der gutaussehende und charmante Polizist, den sie während ihrer Recherche über eine mysteriöse Mordserie in London kennengelernt hat, wurde vor ihren Augen getötet.
Doch was wie das grausame Ende ihrer aufkeimenden Romanze wirkt, ist in Wahrheit erst der Anfang. Denn Daniel ist als Geist in dieser Welt gestrandet und Elizabeth die Einzige, die ihn wahrnehmen kann. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach den Mördern und kommen dabei einer mächtigen Bruderschaft auf die Spur, die alles daran setzt, ihr Geheimnis zu wahren und Neugierige von der Bildfläche verschwinden zu lassen.

Und für alle die, die Ghostbound noch nicht kennen, gibts hier eine XL Leseprobe für euch:

Sobald sie die Tür hinter Vivian geschlossen hatte, holte Elizabeth das Kleid, das sie vor zwei Nächten getragen hatte, aus der Plastiktüte und brachte es ins Badezimmer. Sie hielt es unter den laufenden Wasserhahn und beobachtete, wie das Blut aus dem Stoff gewaschen wurde und in einem wirbelnden Sog im Abfluss verschwand.
Daniels Blut.
Schlagartig wurde ihr klar, dass sie dieses Kleid mit Sicherheit niemals wieder tragen würde. Sie packte das nasse Stoffknäul, hastete in die Küche und stopfte es wütend in den Mülleimer unter der Spüle.
Nachdem sie sich etwas beruhigt hatte, holte sie den Sonnenanhänger und die Rock ́Zone Demo-CD aus ihrer Tasche und ging zurück ins Wohnzimmer, wo ihr Kater noch immer auf der Truhe hockte und gebannt zum Fenster hinaus sah. Elizabeth legte die CD ein und wählte Titel zwei. Nein, das war nicht der Song, den sie hören wollte. Also versuchte sie es mit Titel fünf. Schon am ersten Takt erkannte sie die Ballade, die Daniel geschrieben und auch selbst gesungen hatte. Sie setzte den Song auf Endlosschleife, dann ließ sie sich im Schneidersitz auf dem Sofa nieder und wickelte sich in ihre alte Häkeldecke. Die Hände in ihrem Schoß spielten mit dem silbernen Amulett, während sie Daniels Ballade immer und immer wieder hörte. Irgendwann war Beckett doch auf die Couch gesprungen und lag nun an ihr Bein gekuschelt neben ihr, seine runden, gelben Augen nach wie vor starr auf die Fensterscheibe geheftet.
Nicht nur der Song, auch Elizabeths Gedanken waren in einer Endlosschleife gefangen. Immer und immer wieder spielte sich der vorletzte Abend vor ihrem geistigen Auge ab. Wenn sie nicht in den Club gegangen wäre, oder wenn sie ihn früher verlassen hätten ... wenn sie gleich zum Taxistand gegangen und nicht stehen geblieben wären. Wenn, wenn, wenn ... So viele Möglichkeiten, die alle dazu geführt hätten, dass Daniel noch am Leben wäre.
Elizabeth schüttelte frustriert den Kopf. Was hatte das Schicksal sich nur dabei gedacht, sie diesen umwerfenden Mann finden zu lassen, nur um ihn ihr sofort wieder zu nehmen? Als wollte das Universum einen grausamen Scherz mit ihr treiben und höhnisch sagen: Hier ist der Eine unter einer Million. Der Prinz, auf den du immer gewartet hast. Sieh ihn dir gut an, denn haben kannst du ihn leider nicht.
„Ich wünschte, ich hätte dich früher kennengelernt, Danny“, seufzte sie. 
Ja, das wünschte ich mir auch ...“, hörte sie ein antwortendes Seufzen. Elizabeth zuckte heftig zusammen und hob den Kopf. Ihr blieb fast das Herz stehen. Mit um die Brust geschlungenen Armen stand er am Fenster und blickte hinaus in die Dunkelheit. Sie konnte ihn so deutlich sehen, wie sie noch vor einer Stunde Vivian in diesem Raum gesehen hatte. Er sah genauso aus wie vor zwei Tagen: Jeans, darüber ein weißes Hemd mit bis zu den Ellenbogen hochgekrempelten Ärmeln, unordentliche Haare, die ihm in die Stirn fielen. Sein Gesichtsausdruck war finster, und er wirkte seltsam verloren. Mit großen Augen und offenem Mund starrte Elizabeth die Erscheinung an. Sie verlor eindeutig den Verstand! Wenn sie Glück hatte, war es kein permanenter Zustand, sondern hatte etwas mit ihrer Gehirnerschütterung zu tun. Gleich morgen würde sie ihren Arzt anrufen und nachfragen, ob Halluzinationen zum Krankheitsbild gehörten oder ob sie sich ernsthaft Sorgen machen musste. Sie blinzelte mehrere Male, aber auch das änderte nichts. Nach wie vor sah sie Daniel Mason am Fenster stehen.Sie hatte nicht bemerkt, dass sie vergessen hatte zu atmen. Geräuschvoll sog sie die Luft durch ihre Zähne ein. Die Daniel-Halluzination drehte den Kopf und blickte sie traurig an. Doch plötzlich weiteten sich seine Augen, und sein düsterer Gesichtsausdruck hellte sich schlagartig auf, als ihn die Erkenntnis zu treffen schien, dass sie seinen Blick erwiderte. Von einem Wimpernschlag zum nächsten stand er über sie gebeugt, das Gesicht nur eine halbe Armlänge von ihrem entfernt. Elizabeth zuckte jäh zurück, und Beckett sprang wie vom wilden Affen gebissen von der Couch und machte sich davon.
Du kannst mich sehen, nicht wahr?“ Daniels grüne Augen leuchteten hoffnungsvoll. „Bitte sag, dass es so ist.“
Mit noch immer offenen Mund nickte Elizabeth. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein. Du kannst nicht hier sein. Das ist ganz und gar unmöglich ... Ich halluziniere nur ...“
„Liz ... Liz, beruhige dich. Ich bin es wirklich. Hab keine Angst.“ Daniel ging vor ihr in die Knie und hob beschwichtigend die Hände.
Elizabeth schüttelte den Kopf jetzt so heftig, dass ihr die Decke von den Schultern rutschte. „Vielleicht träume ich auch nur. Ja, genau, ich bin auf der Couch eingeschlafen und das ist nichts weiter als ein Traum.“
„Das ist kein Traum, Liz. Auch wenn ich wünschte, das Ganze wäre nur ein Alptraum, aus dem ich einfach erwachen könnte.“ 
„Das ... ich verstehe das nicht ... ich meine ... wie?“„Bitte glaub mir, Liz. Ich bin es wirklich. Bis eben konnte mich kein Mensch sehen oder hören. Aber du kannst es jetzt!“ Er lachte erleichtert auf. „Gott, es tut so gut, gesehen zu werden!“
„Aber ... wie?“, wiederholte Elizabeth noch immer völlig verstört.
„Ich habe nicht den leisesten Schimmer. Aber es ist großartig!“
Elizabeth zwang sich aus ihrer Starre und hob zögerlich eine Hand an Daniels Gesicht. Ihre
Fingerspitzen glitten geradewegs durch seine Wange. Alles, was sie spürte, war Kälte und ein Kribbeln, als ob ihre Finger eingeschlafen wären. Hastig zog sie ihre Hand zurück. „Wie ist das nur möglich?“ Ungläubig betrachtete sie ihre Finger, wie um sicherzustellen, dass noch alle dran waren.
Ratlos hob Daniel die Schultern. „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und ...“
„Ja, danke. Ich kenne Hamlet“, fiel Elizabeth ihm forsch ins Wort.
„Darauf wette ich“, erwiderte er mit einem vielsagenden Blick auf ihre beiden vollgestopften
Bücherregale.
„Nein. Nein, das kann nicht sein.“ Sie schüttelte den Kopf, wie um sich selbst zur Vernunft zu bringen. „Das ist doch Irrsinn. So etwas wie Geister gibt es nicht.“
Die Daniel-Halluzination schnaubte. „Ja, der Überzeugung war ich bis vor Kurzem auch.“ Er erhob sich aus der Hocke und setzte sich in den Sessel neben der Couch, ganz vorsichtig, als wäre er nicht sicher, ob das Möbelstück sein Gewicht auch wirklich tragen würde.
„Warum bist du hier? Warum bist du nicht ...“ Mit einer vagen Geste deutete Elizabeth Richtung Zimmerdecke.
„Ich weiß es nicht“, seufzte Daniel. „Ich denke, ich war einfach noch nicht bereit loszulassen, als ich ...“, jetzt machte er eine unbestimmte Handbewegung und seufzte erneut. „Wie du gestern richtig festgestellt hast: Es war einfach nicht fair. Nicht jetzt und nicht so.“
Elizabeth erinnerte sich genau daran, wann und wo sie das gesagt hatte. Und sie erinnerte sich auch an die undeutliche Gestalt eines Mannes in ihrem Zimmer. „Du warst da. Im Krankenhaus.“ Die ganze Zeit? Diese Vorstellung war ihr mehr als unangenehm.
„Ich war die meiste Zeit über in deiner Nähe, seit ...“ Wieder diese unbestimmte Geste. Es schien ihm ebenso schwerzufallen wie ihr, manche Worte laut auszusprechen. Langsam, mit wackeligen Beinen, erhob sich Elizabeth. Daniel tat es ihr sofort gleich. „Was ist? Wohin gehst du?“
„Ich brauche jetzt unbedingt etwas zu trinken“, erklärte sie und ging in die Küche, um sich einen großzügigen Wodka-Martini zu mixen.
Daniel folgte ihr und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen. „Ich bin mir ja nicht sicher, ob du in deinem Zustand Alkohol trinken solltest, Liz“, bemerkte er mit einer kritisch hochgezogenen Augenbraue. „Ich meine, mit deiner Gehirnerschütterung und allem.“
„Oh doch!“ Sie nickte energisch. „Glaub mir, in meinem momentanen Zustand sollte ich sogar ganz dringend Alkohol trinken. Ansonsten könnte es nämlich passieren, dass ich in den nächsten Minuten laut schreiend auf die Straße renne. Cheers!“ Sie leerte das Glas in einem Zug und füllte es umgehend nach.
Ausgerüstet mit dem zweiten Wodka-Martini machte Elizabeth sich auf den Weg zurück ins Wohnzimmer, wo sie sich auf ihren gewohnten Platz niederließ, an ihrem Drink nippte und Daniel dabei beobachtete, wie er sich wieder ganz sachte in den Sessel setzte.
„Warum tust du das?“ fragte sie zögerlich über das Glas hinweg.
„Warum tu ich was?“
„Du setzt dich wie auf rohe Eier.“
„Oh. Das. Naja ... Am Anfang hatte ich Probleme mich hinzusetzten oder auch nur irgendwo
anzulehnen. Ich hatte irgendwie keinen ... Halt. Aber wenn ich genau darauf achte, was ich tue, funktioniert es ganz gut.“ Er lehnte sich nach vorne und studierte Elizabeth eingehend. Sein intensiver Blick verursachte ein Prickeln an ihrem Haaransatz. „Weißt du, du wirkst erstaunlich gefasst. Ich bin sicher, die meisten Leute würden nicht so gelassen reagieren, wenn ihnen gerade ein ... ein Geist begegnet wäre.“
„Das täuscht“, entgegnete sie und nahm noch einen Schluck. „Wahrscheinlich wirkt der Schock noch nach. Außerdem bin ich noch immer nicht überzeugt, dass ich nicht doch träume ... oder einen Hirnschaden davongetragen habe.“ Diese Erklärungen würden auf jeden Fall mehr Sinn ergeben. Sie glaubte doch nicht an Geister, Himmel noch mal!
Aber er wirkte so real. Sie konnte sogar Einzelheiten erkennen, die ihr vor zwei Tagen im trüben Licht des Clubs und in der Gasse entgangen waren. Wie zum Beispiel die kleine blasse Narbe an seinem Kinn oder die versprengten Sommersprossen auf seiner Nase und den Wangen. Oder das Loch im rechten Ohrläppchen, wo er früher wohl einen Ohrring getragen hatte. Und wie er sich bewegte, was er sagte, und die Art, wie er sie ansah. All diese Details konnte sie sich doch nicht einbilden!
„Du träumst nicht“, sagte Daniel. „Und soweit ich das beurteilen kann, geht es deinem Kopf schon wieder ganz gut.“
Er lehnte sich langsam im Sessel zurück und zeigte mit dem Daumen auf die Stereoanlage, die noch immer die Ballade in Endlosschleife abspielte. „Ich freue mich wirklich, dass dir der Song gefällt. Aber ist dir aufgefallen, dass sich auf der CD noch etwa fünfzehn weitere Titel befinden?“ Just in diesem Augenblick sprang die CD auf den nächsten Track.
„Hast du ... warst du das?“, fragte Elizabeth perplex.
„Keine Ahnung. Sieht fast so aus.“ Daniel war scheinbar nicht weniger verblüfft.
„Versuch es noch mal“, schlug sie vor und sah gespannt zwischen Daniel und der Stereoanlage hin und her. Er schloss die Augen und konzentrierte sich sichtlich. Die CD sprang erneut einen Track weiter. Dann wurde die Musik lauter und anschließend wieder leiser.
„Nett. Du kommst mit eingebauter Fernbedienung. Wie praktisch“, kicherte Elizabeth. Ihr erstes Lachen in zwei Tagen. Erschrocken über ihren Ausbruch guter Laune hob sie verlegen das Glas an die Lippen.
Daniel grinste sie an, fast ein wenig selbstgerecht, wie sie fand. Er schloss erneut die Augen und der Fernseher ging an. Dann flackerte die Leselampe neben dem Sessel, und der Fernseher schaltete sich wieder aus. „Es scheint mit allen elektrischen Geräten zu funktionieren.“
„Vielleicht hat es ja damit etwas zu tun, dass du selbst auch eine Art von Energie bist“, dachte Elizabeth laut nach.
„Gut möglich. Mann, ich wünschte wirklich, ich hätte ein Handbuch mitgeliefert bekommen! Du kennst nicht zufällig jemanden, der sich auf dem Gebiet des Paranormalen auskennt?“
„Tut mir leid, nein, aber ich kann gerne mal in den Gelben Seiten nachschauen.“
„Oder wie wär ́s mit googeln? Ich habe gehört, dass du damit recht erfolgreich bist.“
Ups. Natürlich war er auch hier gewesen, als sie Vivian die ganze Geschichte ihres
Kennenlernens erzählt hatte. „Daniel, ich ...“, begann sie betreten. „Keine Sorge, Liz. Das war mir auch vorher schon klar. Du bist nämlich eine lausige Lügneri falls dir das noch niemand gesagt hat.“
Sie runzelte die Stirn. Er hatte die ganze Zeit gewusst, dass sie log? Wenn sie so leicht zu
durchschauen gewesen war, warum hatte er dann trotzdem den Abend mit ihr verbracht?
„Und außerdem“, sagte Daniel, „bin ich wirklich froh, dass du so hartnäckig warst. Es wäre
nämlich eine Schande gewesen, dich nicht gekannt zu haben.“
Ihre Unterhaltung hatte einen so natürlichen und leichten Ton angenommen, dass Elizabeth beinahe die Umstände vergessen hätte, wegen derer sie hier zusammensaßen. Daniels letzter Satz brachte ihr den Irrwitz der Situationschlagartig zurück ins Bewusstsein. Wenn sie tatsächlich weder träumte noch halluzinierte und er wirklich real war, dann hatte sie eine Menge Fragen an ihn. 
„Darf ich dich etwas fragen?“ Ihr Blick war auf das leere Glas in ihren Händen geheftet. „Wie war es? Zu ... zu sterben, meine ich.“
Daniel seufzte und antwortete nicht sofort. Schließlich erwiderte er fast flüsternd: „Ich kann es nicht genau beschreiben. Da war Schmerz. Und Kälte. Und da warst du. Die Welt schien sich auf deine Stimme und deine braunen Augen zu reduzieren. Und am Ende war da nur noch deine Stimme in der Finsternis, die mich anflehte, nicht aufzugeben und bei dir zu bleiben.“
Er erhob sich und begann im Zimmer auf und ab zu wandern. Es war ihm deutlich anzusehen, dass er nach den richtigen Worten suchte. „Und dann kam der Moment“, fuhr er nach einer Weile fort, „an dem ich mich entscheiden musste.“ Er stutzte und neigte den Kopf zur Seite. „Nein, das ist nicht ganz richtig. Es war keine bewusste Entscheidung. Vielmehr hatte ich die Chance, alles hinter mir zu lassen, einfach loszulassen. Es wäre ganz einfach gewesen, ganz natürlich. Aber ich konnte nicht. Ich wollte dich nicht ... enttäuschen, denke ich. Ich wollte nicht aufgeben. Und außerdem war ich so wütend! Wütend auf die Kerle, die uns angegriffen haben, und wütend, weil ich nicht wusste, wer sie waren und wieso sie es taten.“ Sein schiefes Grinsen blitze kurz auf. „Da kam wohl wieder der Polizist in mir durch, was?“ Ernster sagte er dann: „Auf jeden Fall scheine ich die Gelegenheit verpasst zu haben weiterzuziehen.“
„Und bereust du es? Nicht gegangen zu sein, als du die Chance hattest?“ Jetzt sah Elizabeth ihm in die Augen.
Daniel erwiderte ihren Blick und schüttelte leicht den Kopf. „Nein, jetzt nicht mehr.“ Als sie fragend die Augenbrauen hob, erklärte er: „Bis heute Abend konnte mich niemand sehen oder hören. Du nicht und auch sonst niemand. Du hast keine Vorstellung davon, wie unglaublich frustrierend das war. Wie ich schon sagte, blieb ich die meiste Zeit in deiner Nähe, aber ich war auch bei meiner Familie und bei Freunden. Und ich war bei Tony und in der Pathologie, um zu sehen, wie weit sie mit den Ermittlungen sind. Aber ich konnte mit niemanden in Kontakt treten.“ Daniel stockte, als er Elizabeths bestürzten Gesichtsausdruck bemerkte. „Was hast du? Bist du ok?“
„Du warst in der Pathologie? Um was zu tun? Bei deiner eigenen Obduktion zuzusehen?!“ Gleichgültig hob Daniel die Schultern. „Ich war zu spät. Sie waren schon fertig.“
Ein Schauder durchlief Elizabeth. Das war eindeutig die surrealste Unterhaltung, die sie je geführt hatte. Gleichzeitig war es der endgültige Beweis, dass sie weder träumte noch halluzinierte. So etwas konnte sie sich, Gehirnerschütterung hin oder her, ganz sicher nicht selbst ausdenken.
„Alles in Ordnung?“ Daniel sah sie prüfend an, und erst, als sie relativ gefasst nickte, fuhr er fort: „Also jedenfalls konnte ich, so sehr ich mich auch anstrengte, nirgends auch nur das Geringste ausrichten, und ich hatte das Gefühl bald durchzudrehen.“
„Das Gefühl kenne ich gut“, murmelte Elizabeth. Lauter sagte sie: „Aber warum ich? Warum bin ich die Einzige, die dich sieht?“ Stirnrunzelnd hielt sie inne. „Bist du dir überhaupt sicher, dass ich die Einzige bin? Ich meine, vielleicht hat sich ja was Grundlegendes an deiner ... deiner Beschaffenheit geändert und jeder kann dich jetzt sehen.“
Daniel blickte auf. „Vielleicht hast du recht ...“ Und mit einem Flirren, das an eine durch Regentropfen gestörte Wasseroberfläche erinnerte, verschwand er. Sobald sie die Tür hinter Vivian geschlossen hatte, holte Elizabeth das Kleid, das sie vor zwei Nächten getragen hatte, aus der Plastiktüte und brachte es ins Badezimmer. Sie hielt es unter den laufenden Wasserhahn und beobachtete, wie das Blut aus dem Stoff gewaschen wurde und in einem wirbelnden Sog im Abfluss verschwand.
Daniels Blut.
Schlagartig wurde ihr klar, dass sie dieses Kleid mit Sicherheit niemals wieder tragen würde. Sie packte das nasse Stoffknäul, hastete in die Küche und stopfte es wütend in den Mülleimer unter der Spüle.
Nachdem sie sich etwas beruhigt hatte, holte sie den Sonnenanhänger und die Rock ́Zone Demo-CD aus ihrer Tasche und ging zurück ins Wohnzimmer, wo ihr Kater noch immer auf der Truhe hockte und gebannt zum Fenster hinaus sah. Elizabeth legte die CD ein und wählte Titel zwei. Nein, das war nicht der Song, den sie hören wollte. Also versuchte sie es mit Titel fünf. Schon am ersten Takt erkannte sie die Ballade, die Daniel geschrieben und auch selbst gesungen hatte. Sie setzte den Song auf Endlosschleife, dann ließ sie sich im Schneidersitz auf dem Sofa nieder und wickelte sich in ihre alte Häkeldecke. Die Hände in ihrem Schoß spielten mit dem silbernen Amulett, während sie Daniels Ballade immer und immer wieder hörte. Irgendwann war Beckett doch auf die Couch gesprungen und lag nun an ihr Bein gekuschelt neben ihr, seine runden, gelben Augen nach wie vor starr auf die Fensterscheibe geheftet.
Nicht nur der Song, auch Elizabeths Gedanken waren in einer Endlosschleife gefangen. Immer und immer wieder spielte sich der vorletzte Abend vor ihrem geistigen Auge ab. Wenn sie nicht in den Club gegangen wäre, oder wenn sie ihn früher verlassen hätten ... wenn sie gleich zum Taxistand gegangen und nicht stehen geblieben wären. Wenn, wenn, wenn ... So viele Möglichkeiten, die alle dazu geführt hätten, dass Daniel noch am Leben wäre.
Elizabeth schüttelte frustriert den Kopf. Was hatte das Schicksal sich nur dabei gedacht, sie diesen umwerfenden Mann finden zu lassen, nur um ihn ihr sofort wieder zu nehmen? Als wollte das Universum einen grausamen Scherz mit ihr treiben und höhnisch sagen: Hier ist der Eine unter einer Million. Der Prinz, auf den du immer gewartet hast. Sieh ihn dir gut an, denn haben kannst du ihn leider nicht.
„Ich wünschte, ich hätte dich früher kennengelernt, Danny“, seufzte sie.
„Ja, das wünschte ich mir auch ...“, hörte sie ein antwortendes Seufzen.
Elizabeth zuckte heftig zusammen und hob den Kopf. Ihr blieb fast das Herz stehen.
Mit um die Brust geschlungenen Armen stand er am Fenster und blickte hinaus in die Dunkelheit. Sie konnte ihn so deutlich sehen, wie sie noch vor einer Stunde Vivian in diesem Raum gesehen hatte. Er sah genauso aus wie vor zwei Tagen: Jeans, darüber ein weißes Hemd mit bis zu den Ellenbogen hochgekrempelten Ärmeln, unordentliche Haare, die ihm in die Stirn fielen. Sein Gesichtsausdruck war finster, und er wirkte seltsam verloren.
Mit großen Augen und offenem Mund starrte Elizabeth die Erscheinung an. Sie verlor eindeutig den Verstand! Wenn sie Glück hatte, war es kein permanenter Zustand, sondern hatte etwas mit ihrer Gehirnerschütterung zu tun. Gleich morgen würde sie ihren Arzt anrufen und nachfragen, ob Halluzinationen zum Krankheitsbild gehörten oder ob sie sich ernsthaft Sorgen machen musste.
Sie blinzelte mehrere Male, aber auch das änderte nichts.
Nach wie vor sah sie Daniel Mason am Fenster stehen.
Sie hatte nicht bemerkt, dass sie vergessen hatte zu atmen. Geräuschvoll sog sie die Luft durch ihre Zähne ein.
Die Daniel-Halluzination drehte den Kopf und blickte sie traurig an. Doch plötzlich weiteten sich seine Augen, und sein düsterer Gesichtsausdruck hellte sich schlagartig auf, als ihn die Erkenntnis zu treffen schien, dass sie seinen Blick erwiderte. Von einem Wimpernschlag zum nächsten stand er über sie gebeugt, das Gesicht nur eine halbe Armlänge von ihrem entfernt. Elizabeth zuckte jäh zurück, und Beckett sprang wie vom wilden Affen gebissen von der Couch und machte sich davon.
„Du kannst mich sehen, nicht wahr?“ Daniels grüne Augen leuchteten hoffnungsvoll. „Bitte sag, dass es so ist.“
Mit noch immer offenen Mund nickte Elizabeth. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein. Du kannst nicht hier sein. Das ist ganz und gar unmöglich ... Ich halluziniere nur ... mein Kopf ...“
„Liz ... Liz, beruhige dich. Ich bin es wirklich. Hab keine Angst.“ Daniel ging vor ihr in die Knie und hob beschwichtigend die Hände.
Elizabeth schüttelte den Kopf jetzt so heftig, dass ihr die Decke von den Schultern rutschte. „Vielleicht träume ich auch nur. Ja, genau, ich bin auf der Couch eingeschlafen und das ist nichts weiter als ein Traum.“
„Das ist kein Traum, Liz. Auch wenn ich wirklich wünschte, das Ganze wäre nur ein Alptraum, aus dem ich einfach erwachen könnte.“
„Das ... ich verstehe das nicht ... ich meine ... wie?“
„Bitte glaub mir, Liz. Ich bin es wirklich. Bis eben konnte mich kein Mensch sehen oder hören. Aber du kannst es jetzt!“ Er lachte erleichtert auf. „Gott, es tut so gut, gesehen zu werden!“
„Aber ... wie?“, wiederholte Elizabeth noch immer völlig verstört.
„Ich habe nicht den leisesten Schimmer. Aber es ist großartig!“
Elizabeth zwang sich aus ihrer Starre und hob zögerlich eine Hand an Daniels Gesicht. Ihre
Fingerspitzen glitten geradewegs durch seine Wange. Alles, was sie spürte, war Kälte und ein Kribbeln, als ob ihre Finger eingeschlafen wären. Hastig zog sie ihre Hand zurück. „Wie ist das nur möglich?“ Ungläubig betrachtete sie ihre Finger, wie um sicherzustellen, dass noch alle dran waren.
Ratlos hob Daniel die Schultern. „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und ...“
„Ja, danke. Ich kenne Hamlet“, fiel Elizabeth ihm forsch ins Wort.
„Darauf wette ich“, erwiderte er mit einem vielsagenden Blick auf ihre beiden vollgestopften
Bücherregale. 
„Nein. Nein, das kann nicht sein.“ Sie schüttelte den Kopf, wie um sich selbst zur Vernunft zu bringen. „Das ist doch Irrsinn. So etwas wie Geister gibt es nicht.“Die Daniel-Halluzination schnaubte. „Ja, der Überzeugung war ich bis vor Kurzem auch.“ Er erhob sich aus der Hocke und setzte sich in den Sessel neben der Couch, ganz vorsichtig, als wäre er nicht sicher, ob das Möbelstück sein Gewicht auch wirklich tragen würde.
„Warum bist du hier? Warum bist du nicht ...“ Mit einer vagen Geste deutete Elizabeth Richtung Zimmerdecke.
„Ich weiß es nicht“, seufzte Daniel. „Ich denke, ich war einfach noch nicht bereit loszulassen, als ich ...“, jetzt machte er eine unbestimmte Handbewegung und seufzte erneut. „Wie du gestern richtig festgestellt hast: Es war einfach nicht fair. Nicht jetzt und nicht so.“
Elizabeth erinnerte sich genau daran, wann und wo sie das gesagt hatte. Und sie erinnerte sich auch an die undeutliche Gestalt eines Mannes in ihrem Zimmer. „Du warst da. Im Krankenhaus.“ Die ganze Zeit? Diese Vorstellung war ihr mehr als unangenehm.
„Ich war die meiste Zeit über in deiner Nähe, seit ...“ Wieder diese unbestimmte Geste. Es schien ihm ebenso schwerzufallen wie ihr, manche Worte laut auszusprechen.
Langsam, mit wackeligen Beinen, erhob sich Elizabeth.
Daniel tat es ihr sofort gleich. „Was ist? Wohin gehst du?“ „Ich brauche jetzt unbedingt etwas zu trinken“, erklärte sie und ging in die Küche, um sich einen großzügigen Wodka-Martini zu mixen.
Daniel folgte ihr und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen. „Ich bin mir ja nicht sicher, ob du in deinem Zustand Alkohol trinken solltest, Liz“, bemerkte er mit einer kritisch hochgezogenen Augenbraue. „Ich meine, mit deiner Gehirnerschütterung und allem.“
„Oh doch!“ Sie nickte energisch. „Glaub mir, in meinem momentanen Zustand sollte ich sogar ganz dringend Alkohol trinken. Ansonsten könnte es nämlich passieren, dass ich in den nächsten Minuten laut schreiend auf die Straße renne. Cheers!“ Sie leerte das Glas in einem Zug und füllte es umgehend nach.
Ausgerüstet mit dem zweiten Wodka-Martini machte Elizabeth sich auf den Weg zurück ins Wohnzimmer, wo sie sich auf ihren gewohnten Platz niederließ, an ihrem Drink nippte und Daniel dabei beobachtete, wie er sich wieder ganz sachte in den Sessel setzte.
„Warum tust du das?“ fragte sie zögerlich über das Glas hinweg.
„Warum tu ich was?“ „Du setzt dich wie auf rohe Eier.“
„Oh. Das. Naja ... Am Anfang hatte ich Probleme mich hinzusetzten oder auch nur irgendwo anzulehnen. Ich hatte irgendwie keinen ... Halt. Aber wenn ich genau darauf achte, was ich tue, funktioniert es ganz gut.“ Er lehnte sich nach vorne und studierte Elizabeth eingehend. Sein intensiver Blick verursachte ein Prickeln an ihrem Haaransatz. „Weißt du, du wirkst erstaunlich gefasst. Ich bin sicher, die meisten Leute würden nicht so gelassen reagieren, wenn ihnen gerade ein ... ein Geist begegnet wäre.“
„Das täuscht“, entgegnete sie und nahm noch einen Schluck. „Wahrscheinlich wirkt der Schock noch nach. Außerdem bin ich noch immer nicht überzeugt, dass ich nicht doch träume ... oder einen Hirnschaden davongetragen habe.“ Diese Erklärungen würden auf jeden Fall mehr Sinn ergeben. Sie glaubte doch nicht an Geister, Himmel noch mal!
Aber er wirkte so real. Sie konnte sogar Einzelheiten erkennen, die ihr vor zwei Tagen im trüben Licht des Clubs und in der Gasse entgangen waren. Wie zum Beispiel die kleine blasse Narbe an seinem Kinn oder die versprengten Sommersprossen auf seiner Nase und den Wangen. Oder das Loch im rechten Ohrläppchen, wo er früher wohl einen Ohrring getragen hatte. Und wie er sich bewegte, was er sagte, und die Art, wie er sie ansah. All diese Details konnte sie sich doch nicht einbilden!
„Du träumst nicht“, sagte Daniel. „Und soweit ich das beurteilen kann, geht es deinem Kopf schon wieder ganz gut.“
Er lehnte sich langsam im Sessel zurück und zeigte mit dem Daumen auf die Stereoanlage, die noch immer die Ballade in Endlosschleife abspielte. „Ich freue mich wirklich, dass dir der Song gefällt. Aber ist dir aufgefallen, dass sich auf der CD noch etwa fünfzehn weitere Titel befinden?“ Just in diesem Augenblick sprang die CD auf den nächsten Track.
„Hast du ... warst du das?“, fragte Elizabeth perplex.
„Keine Ahnung. Sieht fast so aus.“ Daniel war scheinbar nicht weniger verblüfft.
„Versuch es noch mal“, schlug sie vor und sah gespannt zwischen Daniel und der Stereoanlage hin und her. Er schloss die Augen und konzentrierte sich sichtlich. Die CD sprang erneut einen Track weiter. Dann wurde die Musik lauter und anschließend wieder leiser.
„Nett. Du kommst mit eingebauter Fernbedienung. Wie praktisch“, kicherte Elizabeth. Ihr erstes Lachen in zwei Tagen. Erschrocken über ihren Ausbruch guter Laune hob sie verlegen das Glas an die Lippen.
Daniel grinste sie an, fast ein wenig selbstgerecht, wie sie fand. Er schloss erneut die Augen und der Fernseher ging an. Dann flackerte die Leselampe neben dem Sessel, und der Fernseher schaltete sich wieder aus. „Es scheint mit allen elektrischen Geräten zu funktionieren.“
„Vielleicht hat es ja damit etwas zu tun, dass du selbst auch eine Art von Energie bist“, dachte Elizabeth laut nach.
„Gut möglich. Mann, ich wünschte wirklich, ich hätte ein Handbuch mitgeliefert bekommen! Du kennst nicht zufällig jemanden, der sich auf dem Gebiet des Paranormalen auskennt?“
„Tut mir leid, nein, aber ich kann gerne mal in den Gelben Seiten nachschauen.“
„Oder wie wär ́s mit googeln? Ich habe gehört, dass du damit recht erfolgreich bist.“
Ups. Natürlich war er auch hier gewesen, als sie Vivian die ganze Geschichte ihres Kennenlernens erzählt hatte. „Daniel, ich ...“, begann sie betreten.
„Keine Sorge, Liz. Das war mir auch vorher schon klar. Du bist nämlich eine lausige Lügnerin, falls dir das noch niemand gesagt hat.“Sie runzelte die Stirn. Er hatte die ganze Zeit gewusst, dass sie log? Wenn sie so leicht zu durchschauen gewesen war, warum hatte er dann trotzdem den Abend mit ihr verbracht?
„Und außerdem“, sagte Daniel, „bin ich wirklich froh, dass du so hartnäckig warst. Es wäre nämlich eine Schande gewesen, dich nicht gekannt zu haben.“
Ihre Unterhaltung hatte einen so natürlichen und leichten Ton angenommen, dass Elizabeth beinahe die Umstände vergessen hätte, wegen derer sie hier zusammensaßen. Daniels letzter Satz brachte ihr den Irrwitz der Situation schlagartig zurück ins Bewusstsein. Wenn sie tatsächlich weder träumte noch halluzinierte und er wirklich real war, dann hatte sie eine Menge Fragen an ihn. 
„Darf ich dich etwas fragen?“ Ihr Blick war auf das leere Glas in ihren Händen geheftet. „Wie war es? Zu ... zu sterben, meine ich.“Daniel seufzte und antwortete nicht sofort. Schließlich erwiderte er fast flüsternd: „Ich kann es nicht genau beschreiben. Da war Schmerz. Und Kälte. Und da warst du.
Die Welt schien sich auf deine Stimme und deine braunen Augen zu reduzieren. Und am Ende war da nur noch dein Stimme in der Finsternis, die mich anflehte, nicht aufzugeben und bei dir zu bleiben.“ Er erhob sich und begann im Zimmer auf und ab zu wandern. Es war ihm deutlich anzusehen, dass er nach den richtigen Worten suchte. „Und dann kam der Moment“, fuhr er nach einer Weile fort, „an dem ich mich entscheiden musste.“
Er stutzte und neigte den Kopf zur Seite.
„Nein, das ist nicht ganz richtig. Es war keine bewusste Entscheidung. Vielmehr hatte ich die Chance, alles hinter mir zu lassen, einfach loszulassen. Es wäre ganz einfach gewesen, ganz natürlich. Aber ich konnte nicht. Ich wollte dich nicht ... enttäuschen, denke ich. Ich wollte nicht aufgeben. Und außerdem war ich so wütend! Wütend auf die Kerle, die uns angegriffen haben, und wütend, weil ich nicht wusste, wer sie waren und wieso sie es taten.“ Sein schiefes Grinsen blitze kurz auf. „Da kam wohl wieder der Polizist in mir durch, was?“ Ernster sagte er dann: „Auf jeden Fall scheine ich die Gelegenheit verpasst zu haben weiterzuziehen.“
„Und bereust du es? Nicht gegangen zu sein, als du die Chance hattest?“ Jetzt sah Elizabeth ihm in die Augen.
Daniel erwiderte ihren Blick und schüttelte leicht den Kopf. „Nein, jetzt nicht mehr.“ Als sie fragend die Augenbrauen hob, erklärte er: „Bis heute Abend konnte mich niemand sehen oder hören. Du nicht und auch sonst niemand. Du hast keine Vorstellung davon, wie unglaublich frustrierend das war. Wie ich schon sagte, blieb ich die meiste Zeit in deiner Nähe, aber ich war auch bei meiner Familie und bei Freunden. Und ich war bei Tony und in der Pathologie, um zu sehen, wie weit sie mit den Ermittlungen sind. Aber ich konnte mit niemanden in Kontakt treten.“ Daniel stockte, als er Elizabeths bestürzten Gesichtsausdruck bemerkte. „Was hast du? Bist du ok?“
„Du warst in der Pathologie? Um was zu tun? Bei deiner eigenen Obduktion zuzusehen?!“ Gleichgültig hob Daniel die Schultern. „Ich war zu spät. Sie waren schon fertig.“
Ein Schauder durchlief Elizabeth. Das war eindeutig die surrealste Unterhaltung, die sie je
geführt hatte. Gleichzeitig war es der endgültige Beweis, dass sie weder träumte noch halluzinierte. So etwas konnte sie sich, Gehirnerschütterung hin oder her, ganz sicher nicht selbst ausdenken.
„Alles in Ordnung?“ Daniel sah sie prüfend an, und erst, als sie relativ gefasst nickte, fuhr er fort: „Also jedenfalls konnte ich, so sehr ich mich auch anstrengte, nirgends auch nur das Geringste ausrichten, und ich hatte das Gefühl bald durchzudrehen.“
„Das Gefühl kenne ich gut“, murmelte Elizabeth. Lauter sagte sie: „Aber warum ich? Warum bin ich die Einzige, die dich sieht?“ Stirnrunzelnd hielt sie inne. „Bist du dir überhaupt sicher, dass ich die Einzige bin? Ich meine, vielleicht hat sich ja was Grundlegendes an deiner ... deiner Beschaffenheit geändert und jeder kann dich jetzt sehen.“
Daniel blickte auf. „Vielleicht hast du recht ...“ Und mit einem Flirren, das an eine durch Regentropfen gestörte Wasseroberfläche erinnerte, verschwand er.
Elizabeth fuhr vom Sofa hoch und starrte auf die Stelle, wo sich Daniel eben noch befunden hatte. Mindestens eine Minute lang stand sie einfach nur regungslos da, unschlüssig, was sie nun tun sollte. Schließlich entschied sie, dass ein dritter Wodka-Martini eine richtig gute Idee wäre und ging in die Küche.
Als sie sich mit ihrem Glas wieder Richtung Wohnzimmer aufmachte, lehnte Daniel im Türrahmen. „Du bist die Einzige, die mich sieht.“
Elizabeth schob sich an ihm vorbei. „Bleibt die Frage nach dem Warum. Und was war das eben? Hast du dich gebeamt oder so was? Was ist nur aus dem guten alten durch die Wände gehen geworden?“
„Das kann ich natürlich auch“, erklärte Daniel schmunzelnd, während er Elizabeth folgte. „Aber wenn ich mich auf einen bestimmten Ort konzentriere, kann ich dorthin springen, beamen, materialisieren, wie immer du es nennen willst.“ Er bedachte sie mit einem seltsamen Blick. „Und auch hier scheinst du die Ausnahme von der Regel zu sein. Es funktioniert nur mit Orten, nicht mit Personen. Ich hatte versucht, mich auf Tony zu konzentrieren, aber das hat nicht geklappt. Wenn ich mich aber auf dich konzentriere, kann ich hinspringen, wo immer du dich gerade befindest.“
„Tja, ich bin eben einzigartig.“ Elizabeth hob nonchalant die Schultern. Die Wodka-Martinis zeigten eindeutig Wirkung „Ja, das bist du in der Tat. Ich bin noch immer fasziniert, wie gut du das alles aufnimmst.“ Elizabeth lachte auf. „Vielleicht kommt der hysterische Anfall ja noch.“ Sehr wahrscheinlich sogar, und zwar, wenn sie wieder nüchtern war. Sie schwiegen einen Moment, dann fragte sie:
„Und wie geht es jetzt weiter?“„Wenn ich das nur wüsste.“ Daniel musterte sie kurz. „Wie geht es deinem Kopf?“„Er schmerzt höllisch, aber ich halte es aus. Was mich nicht umbringt, macht mich härter.“
Huch! Hatte sie das eben tatsächlich gesagt? Sie schlug eine Hand vor den Mund, als wollte sie die Worte dorthin zurückschieben, wo sie hergekommen waren. „Entschuldigung!“ Das war der Nachteil des Alkohols. Zwar nahm man alles wesentlich gelassener, aber dafür hatte man auch nicht mehr die volle Kontrolle über seine Zunge.
„Schon gut. Aber vielleicht solltest du jetzt lieber ins Bett gehen. Du siehst so aus, als hättest du jede Minute Schlaf bitter nötig. Außerdem will ich nicht schon wieder dafür verantwortlich sein, dass du zu spät ins Bett kommst.“
Das schlug eine Saite in Elizabeth an, und ließ ihre Schuldgefühle wie Luftblasen zurück an die Oberfläche steigen. „Danny, es tut mir so leid. Es ist allein meine Schuld, dass wir um diese Zeit noch im Club waren. Wenn ich nicht ...“
„Liz. Liz, bitte! Wage ja nicht, dir für das, was passiert ist, die Schuld zu geben. Das hatte nicht das Geringste mit dir zu tun! Es wäre auf jeden Fall so gekommen, egal wo, wann, und mit wem ich unterwegs gewesen wäre. Das war weder ein Zufall noch ein Raubüberfall. Die Typen hatten es gezielt auf mich abgesehen.“
„Dein Partner sieht das anders.“ Ihr fielen Woods Worte wieder ein. „Was meinte er eigentlich damit, dass du auf die gleiche mysteriöse Weise angegriffen wurdest wie die Opfer der Teenager-Morde?“
Daniel sah sie argwöhnisch an. „Willst du etwa darüber schreiben?“
„Selbstverständlich nicht!“ Die Frage verletzte sie zutiefst. Wie konnte er das von ihr denken, nach allem, was passiert war? Erbost stand sie auf und marschierte an ihm vorbei. „Weißt du was, Daniel, ich bin tatsächlich sehr müde. Ich gehe jetzt ins Bett. Du kannst gerne hier bleiben und rumspuken, oder du suchst dir irgendein altes Herrenhaus, wo du kettenrasseln kannst. Ist mir völlig egal. Gute Nacht.“
Daniel war im Schlafzimmer, noch bevor sie die Tür hinter sich geschlossen hatte. Er stand dicht vor ihr und hob beschwichtigend die Hände. „Tut mir leid, Liz. Bitte sei nicht sauer. Ich habe das nicht so gemeint, wie es sich angehört hat. Natürlich vertraue ich dir, aber ich bin noch immer Polizist ... irgendwie. Und ich will nicht, dass die Polizeiarbeit behindert wird.“ Er sah sie fast flehentlich an.
Elizabeth erwiderte seinen Blick aus schmalen Augen. „In Ordnung“, sagte sie schließlich. „Ich habe wohl auch ein wenig überreagiert. Meine Nerven liegen doch ziemlich blank.“
„Ist ja auch kein Wunder. Ich sag dir was. Du schläfst erst mal ausgiebig, und morgen reden wir weiter – über alles, was du willst.“
Sie nickte langsam, dann sah sie stirnrunzelnd zu ihm auf. „Das mag jetzt vielleicht eine dumme Frage sein, aber bist du nur nachts aktiv?“
„Nein, ich bin rund um die Uhr munter. Man könnte mich also guten Gewissens einen ruhelosen Geist nennen.“
Elizabeth verzog das Gesicht. „Witzig.“
„Eher geistreich. Gute Nacht, Liz. Wir sehen uns morgen.“ Er hob eine Hand, als wollte er ihre Wange streicheln, verharrte dann aber und war im nächsten Moment verschwunden.

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Die Reihenfolge wäre: Ghostbound, Soulbound & Spellbound




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Homepage: www.cmsinger.de


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Ich hoffe doch mal sehr, dass euch unser kleiner Geisterdeal gefallen hat? Also ab dem 14.2 für euch erhältlich SPELL BOUND. Nicht vergessen. ;-)

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