Samstag, 27. Dezember 2014

[Lesedeal] Liebeswind von Martina Gercke



Der letzte Lesedeal für das Jahr 2014 steht an, aber keine Angst, im neuen Jahr geht es schon bald weiter damit =)

Autorin Martina Gercke veröffentlicht am 28. Dezember ihr eBook "Liebeswind"



Klappentext Liebeswind


Was, wenn das Leben dir übel mitspielt und du gezwungen bist, neue Wege zu gehen?

Das Leben der erfolgreichen Londoner Galeristen Lily Rose Bloom ist nahezu perfekt, bis zu dem Tag, an dem ihr Verlobter Andrew ihren Glauben an die Liebe in einer Nacht zerstört. Die schwangere Lily flüchtet von London in den verschlafenen Küstenort Little Haven, um dort in Rose Garden Cottage, dem Haus ihrer verstorbenen Großmutter, einen Neuanfang zu starten.


Drei Jahre später. Lily hat sich mittlerweile mit ihrer Tochter in dem kleinen Ort am Meer eingelebt und den Schrecken von damals überwunden.  Als der attraktive Amerikaner Ian in Little Haven mit seinem Segelboot vor Anker geht, kommt es zu einer schicksalhaften Begegnung zwischen den beiden, die Lilys Leben erneut durcheinanderwirbelt ...

Summend machte sich Lily auf den Weg zur Arbeit. Die kleine Galerie lag direkt an der Uferstraße und war somit gut zu Fuß zu erreichen. Genau genommen war es keine Galerie, sondern ein ehemaliges Strandhaus, das sein alter Besitzer Ruben Clearwater zu einem kleinen Krämerladen umgebaut hatte. Nachdem Ruben bei einem bedauerlichen Unfall (er war nachts betrunken vom Boot gestürzt und in der eigenen Angelschnur hängen geblieben und jämmerlich ertrunken) gestorben war, wusste niemand so recht etwas mit dem Laden anzufangen. Lily hatte durch Zufall davon gehört und noch am selben Tag den Mietvertrag unterschrieben.
Ein paar Eimer Farbe und ein neuer Schliff für den alten Holzfußboden hatten Wunder bewirkt und das abgewohnte Strandhaus in ein kleines Schmuckstück verwandelt. Die Anwohner von Little Haven hatten sie zwar zunächst argwöhnisch beäugt, aber sich letztendlich gefreut. Vor allem jetzt, wo die Galerie gut lief und zu einem Anziehungspunkt der Touristen geworden war und die umliegenden Geschäfte davon profitierten. Die Galerie war Lilys Einstieg in die Dorfgemeinschaft gewesen, schon alleine deshalb hatte sich die Investition gelohnt.
Die Galerie lag eingezwängt zwischen den Häusern und wäre wahrscheinlich niemandem aufgefallen, hätte das Haus nicht seine auffällige hellblaue Bemalung, mit der es aus der Reihe weißer Häuser herausstach. Von Weitem erinnerte das kleine Haus mit den pinkfarbenen Fenstern und der hellblauen Fassade an die Villa Kunterbunt von Pippi Langtrumpf.
Lily schloss die Tür auf. Die kleine Glocke über dem Eingang bimmelte fröhlich, als sie den Laden betrat. Sofort hatte sie den vertrauten Geruch von Ölfarbe und Lösungsmitteln in der Nase. Der Raum war knapp neunzig Quadratmeter groß und durch Stellwände abgetrennt. Wohin das Auge sah, fand man Bilder. Es gab nicht einen freien Fleck an der Wand, und selbst am Boden standen Bilder gegen die Wand gelehnt. Lily hatte sogar eines der Bilder an der Decke befestigt. Bilder von Landschaften und den Menschen, die darin lebten. Trotz der überladenen Fülle wirkte der Raum auf eine eigenartige Weise aufgeräumt und ansprechend. Lily hatte ihre ganz eigene Methode entwickelt, die Bilder aneinanderzureihen, sodass sie sich in ihrer Wirkung auf den Betrachter gegenseitig unterstützten, anstatt miteinander in Konkurrenz zu treten.
Sie ging in die Küche, die gleich neben dem Verkaufsraum lag und genügend Platz für einen Tisch und zwei Stühle bot. Hier wurden bei einer Tasse Tee oder Kaffee Bilder besprochen und häufig auch Geschäfte getätigt. Jeder, der kam, liebte diesen behaglichen Raum. Vor allem in der kühlen Jahreszeit, wenn Lily den kleinen Kachelofen neben dem alten Herd anwarf, der seine Wärme verströmte. Jetzt war es angenehm warm und der Ofen war kalt. Die Holzdielen knarrten unter ihren Füßen. Sie nahm den Wasserkessel von der Platte, füllte Wasser hinein und drehte den Gashahn des Herdes auf. Fünf Minuten hielt sie eine heiße Tasse Tee in der Hand und ließ sich auf den Stuhl fallen, um von dort einen Blick nach draußen zu werfen. Einige Mütter huschten vor ihrem Fenster vorbei auf dem Weg zum Einkaufen. Lily entdeckte drei Männer, die eines der Fischerboote an Land zogen. Sie sah, wie der Besitzer eine Kiste voll mit Fisch aus dem Boot hievte. Ohne lange zu überlegen, sprang Lily auf und eilte nach draußen. Nicht jeden Tag war den Fischern ein solcher Fang vergönnt, und man musste schnell sein, wenn man einen der begehrten Fische ergattern wollte. Sie würde für sich und Emily eine Dorade kaufen, um sie später in der Pfanne kross anzubraten. Dazu würde sie Pommes frites im Ofen backen, die Emily so liebte.
Als sie am Strand ankam, hatte sich bereits eine kleine Gruppe Menschen um das Boot versammelt. Ed, der rotgesichtige Hüne, hatte die Hände in die Hüfte gelegt und stand breitbeinig vor dem Korb Fische und pries dabei seine Ware an, als würde es sich dabei um reines Gold handeln.
Lily schob sich nach vorne, bis sie vor Ed stand.
„Hey, Ed, was Schönes gefangen?“ Sie schielte in Richtung Korb.
„Das kann mal wohl sagen. Echte Prachtstücke sind dabei.“ Er zog einen der größeren Fische aus dem Korb und strich ihm mit der Hand fast zärtlich über den Rücken.
„Na, pass auf, dass du dich nicht verliebst!“, grölte der alte Freddie von der Seite. Die Männer verfielen in lautes Gelächter.
„Meinst du, ich könnte dir einen Fisch abkaufen?“ Lily lächelte Ed an.
„Nee.“ Ed verschränkte die Arme vor der Brust. Er trug seinen blauen Arbeitsoverall, und seine Füße steckten in klobigen Gummistiefeln, die ihm bis knapp unter die Knie reichten. Außerdem stank er grauenvoll nach Fisch.
Lily sah ihn verdutzt an. Damit hatte sie nicht gerechnet.
„Ich verkauf dir nichts. Du kannst einen Fisch geschenkt haben.“ Er lächelte sie breit an und gewährte ihr so einen Blick auf seine moosbewachsenen Zähne.
„Das brauchst du nicht. Ich kaufe dir gerne einen Fisch ab.“ Ihre Hand zückte nach der Geldbörse.
„Papperlapapp. ich nehme kein Geld von alleinstehenden Frauen ...“ Er rieb sich verlegen mit der Hand über die breite Nase, was dazu führte, dass sie noch röter wurde, als sie es ohnehin schon war.
Lily schmunzelte. Ed war alleinstehend, seit seine Frau ihn vor fünf Jahren verlassen hatte. Von der ersten Minute an hatte er ein Auge auf sie geworfen. Lily mochte Ed mit seiner brummigen und manchmal etwas tollpatschigen Art, aber eben nur als Freund und nicht auf die Art und Weise, wie Ed es sich wünschte.
„Aber einen Kuss ...“, grölte einer von Eds Freunden, dessen Namen Lily nicht kannte. Sie warf ihm einen wütenden Blick zu, was ihn augenblicklich zum Schweigen brachte. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie einen Mann. Sie hatte ihn noch nie zuvor in Little Haven gesehen. Er war groß, mit einer sportlichen Figur und überragte die meisten Männer um mindestens eine Kopflänge. Sie musterte ihn unauffällig. Er trug Jeans und ein einfaches Holzfällerhemd, das sich über seinen breiten Schultern spannte. Seine Füße steckten in Segelschuhen. Er hatte dichte gerade Brauen, ein kantiges Kinn, das durch einen Dreitagebart bedeckt wurde, und seine dunklen Haare reichten ihm fast bis zum Kinn. Hohe Wangenknochen vervollständigten das Bild. Das Auffälligste an dem Mann waren jedoch seine Augen, mit denen er sie musterte. Sie hatten die Farbe des Meeres, wenn sich der Himmel an besonders schönen Tagen darin spiegelte. Sein Gesicht war von der Sonne gegerbt und Sommersprossen zierten seine Nase. Wer war der Mann und warum starrte er sie die ganze Zeit so an? Unsicher tippelte sie von einem Fuß auf den anderen.
„Hier, du kannst mich ja als Dankeschön mal zum Kaffee bei dir einladen“, holte sie Ed aus ihren Gedanken. Sie drehte den Kopf in Eds Richtung. Ed griff in den Korb und zog einen Fisch hervor. „Der sollte die richtige Größe haben.“ Er griff nach der alten Zeitung, die hinter ihm im Boot lag, und wickelte den Fisch damit ein.
„Das mache ich gerne“, nickte Lily und schenkte Ed ein Lächeln. Sie drehte sich unauffällig zur Seite, um nach dem Fremden zu schauen. Zu ihrer Überraschung war der Mann weg.
„Bis bald“, verabschiedete sich Ed.
„Ja, bis bald“, antwortete Lily gedankenverloren. Wer war der Mann? Und warum hatte er sie angesehen?
Nachdenklich ging sie den Weg zurück zur Galerie.

Die Lieferung war zu spät gekommen, und Lily war den ganzen Tag damit beschäftigt gewesen, die Bilder auszupacken und zu katalogisieren. Jetzt war sie fertig und die Bilder standen an der Wand aufgereiht. Zufrieden betrachtete sie ihr Tageswerk. Wenn sie ihr Gefühl nicht trügte – und das tat es selten –, dann würden sich diese Bilder gut verkaufen lassen. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr.
Oh Gott, schon so spät. Sie hatte völlig die Zeit vergessen. Wenn sie noch pünktlich zum Abendessen zu Hause sein wollte, musste sie sich beeilen. Nana und Emily warteten bestimmt schon auf sie. Rasch holte sie den Fisch aus dem Kühlschrank und löschte das Licht hinter sich. 


Mit dem geübten Auge einer Einheimischen mied sie die vielen kleinen Schlaglöcher, die sich im Laufe der Jahre auf dem Weg eingeschlichen hatten, und wich geschickt den Passanten aus, die ihr entgegenkamen. Vor ihr tauchte der Pub auf, über dessen Eingangstür das Schild hing, auf dem mit geschwungenen Buchstaben der Name Swan Inn geschrieben stand. Einige der Männer hatten sich bereits davor versammelt, um ihr Feierabendbier zu trinken.
„Hey, Lily, du siehst heute besonders sexy aus“, rief einer der jüngeren Männer.
„Sag das mal deiner Frau“, entgegnete Lily keck. Einige der Gäste lachten.
Lily wechselte die Straßenseite, um einem weiteren Gespräch zu entgehen. Die Sonne war schon fast im Meer versunken und die letzten Strahlen erhellten den Himmel im zarten Rosa. Für einen Moment blieb sie stehen, um das Naturschauspiel, das sich allabendlich ereignete, zu betrachten. Die Fischer hatten ihre Boote bereits an Land gezogen. Nur hinten in der Bucht leuchteten die weißen Segel eines Bootes, das dort vor Anker lag. War das das Boot, von dem Mabel gesprochen hatte?
Die Sonne versank im Meer, und es hätte sie nicht gewundert, wenn es laut gezischt hätte. Sie ging raschen Schrittes weiter, bis sie die kleine Treppe am Ende der Bucht erreicht hatte. Als sie oben ankam, sah sie schon von Weitem das Licht in der Küche brennen und Nanas Silhouette, die sich hinter dem Fenster hin und her bewegte. Sie beschleunigte ihre Schritte in freudiger Erwartung.
„Ich bin da!“, rief sie, als sie die Tür aufschloss.
„Mami!“ Emilys Schlachtruf hallte durch das ganze Haus. Das Tippeln von Füßen auf dem Holzboden kündigte ihre Tochter an, die um die Ecke gefegt kam. Lily breitete die Arme aus, und Emily flog ihr entgegen.
„Wie geht es meinem Krümelchen?“ Sie strich Emily eine Locke aus dem erhitzten Gesichtchen.
„Ich habe ein Bild für dich gemalt“, strahlte Emily.
„Wirklich, das musst du mir gleich mal zeigen. Aber erst einmal bringen wir Nana den Fisch, den uns Onkel Ed gefangen hat.“
Emily griff ihre Hand, und gemeinsam gingen sie zu Nana in die Küche.
„Hallo, Nana“, begrüßte sie die ältere Frau. Nana hatte wie immer ihre hellen ausgewaschenen Jeans und eine fliederfarbene Bluse an. Ihre grau melierten Haare waren zu einem Knoten am Hinterkopf zusammengeschlungen.
„Hallo, Lily. Du bist spät dran. Alles in Ordnung?“ Nanas graue Augen musterten sie aufmerksam.
„Ach, die Lieferung der neuen Bilder kam zu spät, deshalb bin ich nicht rechtzeitig fertig geworden. Aber schau mal, was ich uns mitgebracht habe.“ Sie hielt ihr den eingewickelten Fisch entgegen. „Ed hat heute Morgen einen tollen Fang gemacht und mir einen besonders schönen Fisch geschenkt.“
„Ist wohl immer noch in dich verliebt?“
„Kann schon sein.“ Lily zuckte leichtfertig mit den Schultern. Sie wickelte den Fisch aus und legte ihn in die Spüle, damit Nana ihn abbrausen konnte.
„Ed ist kein schlechter Kerl, weißt du.“ Nana öffnete den Wasserhahn. Lily runzelte die Stirn. Seit sie Nana bei sich beschäftigte, wurde diese nicht müde mit ihren Versuchen, Lily zu verkuppeln.
„Das mag sein, aber ich habe wirklich kein Interesse.“
„Eine junge hübsche Frau wie du“, schnaubte Nana. „Das ist einfach nicht gut. Anstatt die Abende alleine zu verbringen, solltest du lieber ausgehen und dich mit netten Männern treffen.“
„Gut, dass du das sagst. Mabel hat mich gefragt, ob ich Lust habe, mich nachher mit ihr, Sue und Chrissie auf ein Bier im Swan zu treffen.“ Sie sah Nana fragend an. „Könntest du eventuell heute Abend auf Emily aufpassen?“
„Natürlich kannst du gehen. Emily und ich wollten sowieso noch ein bisschen an unserem Puzzle weitermachen.“ Nana legte leidenschaftlich gerne Puzzle und hatte in Emily eine begeisterte Mitstreiterin gefunden. Wobei Emily in ihrem Alter noch keine große Hilfe war, auch wenn Nana das Gegenteil behauptete. Die beiden saßen oft stundenlang nebeneinander und starrten auf die halb fertigen Bilder. Dabei plauderten sie die ganze Zeit.
„Das ist nett von dir. Es wird bestimmt nicht allzu spät.“
„Ich mache es mir auf dem Sofa gemütlich, also mach dir keine Sorgen. Du kannst kommen, wann du möchtest. Genieß es, du kommst kaum unter die Leute. Ein bisschen Abwechslung tut dir gut.“
„Danke, Nana. Du bist ein Schatz.“ Sie gab ihr einen Kuss auf die Wange. Sofort hatte sie Nanas Duft nach Gänseblümchen mit einem Hauch von Lavendel in der Nase.
„Wenn du möchtest, brate ich uns den Fisch an und du kannst dich in der Zwischenzeit fertig machen. Es wäre doch schade, wenn du nach Fisch riechen würdest.“
„Was würde ich nur ohne dich anfangen?“
„Glaub mir, Schätzchen, du gehörst zu der Sorte Mensch, die sich nicht unterkriegen lässt. Du würdest es auch ohne mich schaffen. Nicht wahr?!“ Nana streichelte Emily über den Kopf, was diese mit einem strahlenden Lächeln belohnte.
„Gut, dann gehe ich schnell nach oben und mach mich fertig. Kommst du mit oder willst du lieber bei Nana bleiben?“, fragte sie an ihre Tochter gewandt.
„Nana“, kam die knappe Antwort zurück. Sie streckte die Ärmchen nach Nana aus, die sie auf den freien Platz auf der Arbeitsfläche setzte. Emily liebte es, Nana beim Kochen zuzuschauen.
„Habe ich mir schon gedacht“, lachte Lily und ging nach oben.
Nachdem sie sich geduscht und ein frisches Make-up aufgelegt hatte, ging sie ins Schlafzimmer, um sich das passende Outfit für heute Abend auszusuchen. Seit sie in Little Haven lebte, hatte sich ihr Kleiderschrank auf die Hälfte reduziert und die eleganten Abendkleider waren praktischen Jeans und T-Shirts gewichen. Nur einige wenige gute Teile hingen noch auf dem Ständer, die sie für ihre Besuche in London und zu besonderen Anlässen benötigte.
Sie entschied sich für ihre helle Jeans und eine weiße Spitzenbluse, die sie bei ihrem letzten Besuch in London erstanden hatte. Um die Taille zog sie einen Gürtel aus hellem Leder, mit kleinen goldenen Sternen darauf an. Sie schlüpfte in ihre ledernen braunen Flipflops. Ihre Haare waren noch feucht vom Duschen und kringelten sich in wilden Locken um ihren Kopf. Kurzerhand band sie die Locken mithilfe eines Gummis zu einem lockeren Zopf.
Als sie nach unten kam, war das Essen bereits fertig, und ein köstlicher Geruch nach frisch gebratenem Fisch zog durch das Haus. Anscheinend hatte Nana beschlossen, dass sie draußen essen würden, denn Lily konnte durch das Fenster die Windlichter unter dem großen Apfelbaum im Garten flackern sehen. Freudig ging sie nach draußen.
Das Bild, das sich ihr bot, war fast wie aus einem dieser melancholischen französischen Filme, die manchmal zu später Stunde im Fernsehen liefen. Der Tisch war bereits mit lila Platzdeckchen, Tellern und Gläsern gedeckt. Der gebratene Fisch lag dekorativ auf einer Platte in der Mitte des Tisches. Dazu hatte Nana eine Flasche mit Roses Lemon Squash und eine Karaffe mit Wasser zum Verdünnen hingestellt. Die Windlichter, die Lily an mehrere Äste des Apfelbaums gehängt hatte, warfen ihr flackerndes Licht auf die Umgebung. Und im Hintergrund leuchtete der Mond silbern über dem Meer. Hier draußen roch es nach dem Duft der Rosen und dem Meer.
Mit beschwingten Schritten näherte sich Lily dem Tisch. Emily hatte gegenüber von Nana neben Lilys Stuhl bereits ihren Platz bezogen. Sie unterhielt sich mit Nana, und ihre Händchen bewegten sich dabei durch die Luft wie kleine Vögelchen, die aufgeregt flatterten. Sie trug eine helle Strickjacke und Nana hatte ihre langen Haare zu einem Zopf geflochten. Ihre Augen leuchteten, als sie ihre Mutter zwischen den Rosenbüschen entdeckte.
„Das sieht aber schön aus“, lobte Lily und gab Nana einen Kuss auf die Wange. „Danke fürs Tisch decken und kochen.“
„Gern geschehen. Ich dachte mir, es ist so ein lauer Abend, da können wir auch draußen essen.“
„Da hast du absolut recht. Wer weiß, wie häufig wir die Gelegenheit dazu haben werden. Der letzte Sommer war ja nicht gerade toll.“ Es hatte derart viel geregnet, dass Lily schon befürchtet hatte, in Depressionen zu versinken.
Lily beobachtete, wie Emilys Hand zum Teller in der Mitte wanderte, um sich blitzschnell eine Pommes zu schnappen. Sie schmunzelte.
„Möchtest du auch ein Stück Fisch?“, fragte sie an Emily gewandt.
Emily nickte mit ernstem Gesichtchen. Lily nahm ihren Teller und tat ihrer Tochter ein Stück des leckeren Fisches und eine Handvoll Pommes auf. Sie selbst nahm sich auch.
„Mmh, köstlich Nana.“ Der Fisch schmeckte herrlich frisch und das Fleisch zerging auf der Zunge.
„Es geht doch nichts über einen frisch gefangenen Fisch. Da kann man das ganze Zeug aus dem Supermarkt dagegen vergessen.“ Nana verzog das Gesicht. Sie achtete sehr auf ihre Ernährung und pflanzte in ihrem Garten ihr eigenes Gemüse an. Häufig brachte sie einen Korb mit frischem Gemüse und Obst vorbei, das sie aus ihrem Garten geerntet hatte. Eine gute Ergänzung zu Lilys doch eher bescheidenen Kochkünsten. Sie hatte sich zwar einige Rezepte seit ihrem Einzug in Rose Garden Cottage angeeignet, aber wirklich gut kochen konnte sie nicht. Nana, die sie relativ schnell durchschaut hatte, hatte wortlos die Rolle des Kochs im Hause Bloom übernommen.
„Ach, bevor ich es vergesse: Graham hat vorhin angerufen und wollte dich sprechen. Er bittet dich, ihn morgen zurückzurufen.“ Nana nahm einen Biss vom Fisch und verdrehte genussvoll die Augen.
„Hat er gesagt warum?“ Lily hielt im Kauen inne.
„Nein.“
Nachdem sie Andrew verlassen und sich in die Galerie eingekauft hatte, hatte sie Graham damit beauftragt, sich weiterhin um ihre finanziellen Angelegenheiten zu kümmern. Sie konnte sich keinen zuverlässigeren Verwalter als Graham vorstellen. Seitdem besuchte Graham sie regelmäßig in Rose Garden Cottage und legte ihr Bericht ab. Graham war sehr verwundert gewesen, als sie kurz nach Emilys Geburt vor seiner Haustür gestanden und ihm verkündet hatte, dass sie nach Little Haven ziehen würde. Er hatte sie nie gefragt, warum sie sich von Andrew getrennt hatte, und sie hatte es ihm nie erzählt.
Wenn Graham sie anrief, war es meist etwas Wichtiges. Lily nahm sich vor, ihn gleich morgen früh zurückzurufen.
„Und, mein Engelchen, wie war es heute im Kindergarten? Hat Mabel etwas Schönes mit euch gemacht?“
„Wir haben gemalt ...“ Emily stockte. Dann legte sie die Gabel beiseite und sprang von ihrem Stuhl auf.
„Emily“, riefen Nana und Lily fast zeitgleich. Aber die Kleine war schon auf dem Weg ins Haus und rannte so schnell sie ihre kurzen Beine tragen konnten. Keine drei Minuten später kam sie mit einem Blatt in der Hand zurückgerannt.
„Hab’s ganz vergessen“, rief sie völlig außer Atem und reichte ihrer Mutter stolz das Bild. Es war eine einfache Zeichnung mit Wachsmalkreide, bei deren Anblick es Lily die Tränen in die Augen trieb. Es zeigte zwei Strichmännchen, die sich an den Händen hielten. Zwischen ihnen waren viele kleine Herzen gemalt. Über ihnen stand die Sonne mit einem Lachgesicht und dahinter war eine dicke blaue Linie, die das Meer darstellen sollte.
„Das bist du und ich.“ Emily tippte mit dem Zeigefinger auf die beiden Strichmännchen.
„Das Bild ist wunderschön“, sagte Lily gerührt.
Emily nickte zufrieden und stopfte sich eine Handvoll Pommes in den Mund. Nana strich ihrem Schützling sanft über die Hand. Vorsichtig legte Lily das Bild auf den Tisch. Sie würde es zu den anderen Bildern in ihrem Zimmer unterm Dach hängen.


Nachdem sie Nana beim Abräumen geholfen hatte, machte sich Lily auf den Weg ins Dorf. Da der Strandweg keine Beleuchtung hatte, entschloss sie sich, das Fahrrad zu nehmen und über die Landstraße ins Dorf zu fahren. Gut gelaunt radelte sie den holprigen Weg nach unten. Es war eine laue Sommernacht, und sie genoss es, die seidige Luft auf ihrer nackten Haut zu spüren. Ihre Haare flatterten im Wind und sie jauchzte laut. Die Lichter von Little Haven tauchten unter ihr auf. Sie bog um die Ecke, als plötzlich wie aus dem Nichts die Umrisse eines Menschen vor ihr auftauchten. Hektisch zog sie an der Bremse. Fast zeitgleich blockierte das Vorderrad und sie kam abrupt zum Stehen. Die Wucht war so groß, dass Lily mit einem Schrei kopfüber vom Fahrrad fiel und auf der Straße landete. Ein stechender Schmerz fuhr ihr durchs Knie, als sie auf dem harten Asphalt aufkam. Für einen Moment blieb sie benommen liegen.
„Autsch.“ Sie rieb sich die schmerzende Stelle.
Ein dunkler Schatten beugte sich über sie.
„Alles okay, Miss?“, fragte sie eine äußerst männliche Stimme besorgt. Seinem Akzent nach musste er Amerikaner sein.
„Was haben Sie denn mitten auf der Straße verloren!“, fauchte sie ihn an. Das Blut rauschte in ihren Ohren und sie war noch immer benommen vom Aufprall. Sie richtete sich langsam auf, dabei fiel ihr Blick auf den Übeltäter. Es war zu dunkel, um sein Gesicht zu erkennen, aber seine Umrisse genügten, um zu wissen, dass es der Mann vom Strand war.
„Ich wollte ein Foto von dieser traumhaften Kulisse machen.“ Er hielt zum Beweis einen altmodischen Fotoapparat in die Höhe.
„Im Dunkeln?!“ Sie sah zu ihm hoch. Aus der Nähe wirkte er noch größer und kräftiger.
„Ich habe nicht damit gerechnet, dass jemand mit dem Fahrrad um die Ecke geschossen kommt.“ Ein leichter Vorwurf schwang in seiner Stimme mit.
„Schon gut“, knurrte sie. Ihr Puls raste und auf ihrer Stirn hatte sich ein feuchter Film gebildet. Sie hatte einen ordentlichen Schreck bekommen, als der Mann so aus dem nichts vor ihr aufgetaucht war.
Er reichte ihr die Hand. Sie zögerte einen Augenblick, dann griff sie zu. Seine Haut fühlte sich rau und warm an. Mühelos zog er sie nach oben. Sie spürte seinen Blick auf sich ruhen, als sie sich zu allen Seiten drehte, um den Schaden zu begutachten. Bis auf das schmerzende Knie und eine Schürfwunde am Handballen war wie durch ein Wunder nichts passiert. Sie bückte sich, um das Fahrrad aufzuheben, aber er kam ihr zuvor.
„Danke.“ Es fiel ihr schwer, freundlich zu sein. Sie ärgerte sich noch immer über den Sturz, auch wenn es keine Absicht gewesen war.
„Meinen Sie, es geht wieder, oder soll ich Sie zum Arzt bringen?“
Fast hätte sie laut aufgelacht, so wie er vor ihr stand, mit hängenden Schultern und dem schuldbewussten Blick.
„Nein, alles in Ordnung. Sind nur ein paar Kratzer, mehr nicht.“ Sie wischte mit der Hand den Staub auf ihrer Jeans weg.
„Da ist noch was.“ Er machte eine Kopfbewegung in ihre Richtung.
„Wo?“ Sie sah an sich herunter, konnte in der Dunkelheit jedoch nichts erkennen.
„Da.“ Er tippte mit dem Finger auf ihren Po, dort, wo sich der Fleck befand.
„Hey.“ Sie machte einen Schritt zur Seite. „Das kann man doch auch so sagen.“ Sie schnalzte missbilligend mit der Zunge. Der Mann blieb unschlüssig stehen. Sie griff nach dem Lenker ihres Rades.
„Passen Sie lieber auf, wohin Sie gehen“, ermahnte sie ihn erneut. Er reagierte nicht, sondern hatte seine Augen auf sie gerichtet. Was war nur los mit diesem Mann, dass er sie die ganze Zeit so penetrant anstarrte?
Ohne ein weiteres Wort an den Mann zu verlieren, schwang sie sich auf ihr Fahrrad und fuhr los.

Der Pub war brechend voll, als sie endlich durch die Eingangstür trat. Viele der Dorfbewohner hatten sich im Swan Inn versammelt, um den schönen Sommertag ausklingen zu lassen. Sie ließ den Blick durch den Raum schweifen, auf der Suche nach ihren Freundinnen. Der Swan Inn war der älteste Pub in Little Haven und bestand aus einem großen Schankraum, dessen zentraler Mittelpunkt der Tresen mit der Zapfanlage bildete. Wer keinen Platz auf den Barhockern oder an einem der Tische fand, blieb einfach mit dem Bier in der Hand stehen. Alles war in dunklem Holz gehalten. Die Wände waren gepflastert mit Wimpeln beliebter Rugbymannschaften und natürlich durfte auch das Fußballlogo des lokalen Fußballvereins nicht fehlen. Eine große Dartscheibe war am Ende des Raumes aufgebaut. Das Licht war schummrig und die Luft war zum Schneiden schwer. Jemand hatte die Fenster aufgerissen, trotzdem herrschten gefühlte dreißig Grad. Eine Band, bestehend aus drei Mitgliedern, hatte sich auf der kleinen Bühne in der Mitte des Raums aufgebaut und gab ein Stück zum Besten. Lily ertappte sich, wie sie im Rhythmus der Musik mit dem Fuß wippte.
„Lily! Hier sind wir.“ Sie sah, wie Mabel aus der hinteren Ecke hektisch mit dem Arm winkte. Lily bahnte sich den Weg durch die zum Großteil männlichen Pubbesucher.
„Hey, Lily, wie geht’s?“, rief Harry, der Wirt, als sie sich am Tresen vorbeizwängte. Ein rotgesichtiger gutmütiger Mann in den Vierzigern.
„Bestens, danke.“ Sie warf ihm ein Lächeln zu. „Machst du mir ein Bier klar! Ich verdurste gleich.“
„Das müssen wir unbedingt verhindern.“ Harry machte sich an der Bierzapfanlage hinter dem Tresen zu schaffen. „Du brauchst nicht zu warten, ich bringe es dir an den Tisch.“
Lily nickte und kämpfte sich langsam bis zum Tisch vor, wo Mabel und die anderen saßen.
„Danke.“ Sie ging weiter.
„Da bist du ja“, begrüßte sie Mabel als Erste. „Wie siehst du denn aus?“ Sie deutete auf den dunklen Fleck oberhalb des Knies auf Lilys Jeans.
„Ich hatte einen kleinen Unfall auf dem Weg hierher.“
„Oh Gott, alles in Ordnung mit dir?“ Die drei Frauen musterten sie mit schreckgeweiteten Augen.
„Ja, ja. Nur ein paar Kratzer“, winkte Lily beschwichtigend ab und setzte sich neben Mabel auf den freien Stuhl. „Irgend so ein Idiot stand mitten auf der dunklen Straße und hat Fotos gemacht und ich bin mit dem Fahrrad fast in ihn reingekracht. Konnte in letzter Minute bremsen und bin dafür vom Fahrrad abgestiegen. Na ja und das Ergebnis meines kleinen Stunts habt ihr ja gerade gesehen.“
„Und der Typ?“ Sue sah sie fragend an.
„Dem ist nichts passiert.“ Harry tauchte hinter Chrissies Rücken auf und stellte ihr Bier auf den Tisch.
„Wohl bekomm’s.“
„Danke.“ Sie nahm das Glas und trank es in einem Zug zur Hälfte leer. „Ah, das tut gut.“ Sie leckte sich mit der Zunge über die Lippe, wo sich ein kleines Schaumbärtchen gebildet hatte. „Du kannst mir gleich noch eins bringen.“ Harry nickte und kämpfte sich zurück zum Tresen vor.
„Oha! Hast du heute noch was vor?“, grinste Chrissie.
„Nein, mir sitzt der Schreck noch immer in den Gliedern.“
„Und dir ist wirklich sonst nichts passiert?“ Mabel musterte sie besorgt.
„Nein.“ Lily schüttelte den Kopf. „Außerdem habe ich doch meinen Schutzengel um.“ Sie deutete auf die Kette um ihren Hals. „Der passt auf mich auf.“
„Na dann.“ Sue hob ihr Glas. „Auf den Schutzengel.“ Die Freundinnen folgten ihrem Beispiel.
„Auf den Schutzengel.“ Sie nahmen einen kräftigen Schluck.
„Und was gibt es bei euch Neues?“, fragte Lily neugierig in die Runde.
„Im Krankenhaus ist ein neuer Chef, der unglaublich sexy ist“, sagte Sue, die sich eine Zigarette anzündete und Lily den Rauch ins Gesicht blies.
„Das klingt ganz so, als ob du ein Auge auf den Mann geworfen hättest.“
„Eines?!“ Sie lachte heiser. „Beide, um genau zu sein. Ihr müsstet mal sehen, wie der sich bewegt ... Da krieg ich schon vom Zusehen einen Orgasmus.“
„In meinem nächsten Leben werde ich Hebamme“, lachte Chrissie. „Ich weiß gar nicht mehr, was ein Orgasmus ist. Seit ich Kevin auf die Welt gebracht habe, herrscht in unserem Schlafzimmer absolute Ruhe. Ich nenne es nur noch meine Ruhe- und Stillzone.“
Lily kicherte. Sie erinnerte sich noch zu gut an die Zeit nach Emilys Geburt. Meistens war sie abends todmüde ins Bett gefallen, um mitten in der Nacht vom Babygeschrei geweckt völlig gerädert wieder aufzustehen. „Ein Kind zu haben ist wie eine Ganzkörpertätowierung ... du musst voll dahinterstehen. Da gibt es keine Kompromisse.“
Sue kicherte und blies den Rauch zur Abwechslung in Mabels Richtung.
„Äh, sag mal, kannst du deinen Rauch vielleicht in eine andere Richtung blasen? Ich möchte nicht an Lungenkrebs sterben.“ Mabel wedelte hektisch mit der Hand vor ihrem Gesicht.
„So ein Quatsch, Wir hatten letzte Woche eine Patientin auf der Station, die Kettenraucherin ist, und das mit siebzig Jahren.“
„Und warum war die bei euch? Du arbeitest doch auf der Gynäkologie?“
„Eine ihrer Brustimplantate war ausgelaufen.“
„Igitt, Igitt.“ Lily verzog das Gesicht. „Das ist ja eklig.“
„Ich habe das Thema nicht angefangen.“ Demonstrativ drückte Sue ihre Zigarette aus.
„Ihr Krankenschwestern ...“, fing Mabel an.
„Hebamme! Bitte“, korrigierte sie Sue.
„Na gut, auch ihr Hebammen seid in jeder Hinsicht schmerzbefreit.“
„Das stimmt.“ Sue nahm einen Schluck Bier. „Und wie läuft es bei dir?“
„Wenn ich noch einmal ‚Alle meine Entchen‘ singen muss, fange ich an zu schreien. Mein Bedarf an Kindern ist für den heutigen Tag gedeckt.“ Sie warf einen Blick zu Lily. „Nichts für ungut. Emily war ein absoluter Sonnenschein.“
„Ach, kein Problem. Ich könnte deinen Job nicht machen. Mir wäre es zu anstrengend, mich den ganzen Tag nur um Kinder zu kümmern. Alleine die Verantwortung ...“ Lily schüttelte verneinend den Kopf.
„Ach, die Kinder sind nicht das Problem. Die Mütter sind das eigentliche Übel. Jede glaubt, ihr Kind ist Gottes Geschenk an die Menschheit und alle müssen ehrfürchtig in die Knie gehen.“
Sie lachten.
„Du … Lily?“ Chrissie tippte ihr auf die Schulter.
„Was?“
„Kennst du den Mann?“ Chrissie deutete in Richtung Tresen. Lächelnd drehte Lily den Kopf und folgte Chrissies Finger. Ihr Lächeln erstarb. Da stand er ...
„Das ist der Typ, den ich fast umgefahren hätte. Was macht der denn hier?“
„Der?!“ Mabel drehte sich ebenfalls um. „Das ist ja eine absolute Sahneschnitte.“
„Findest du?“ Lily zuckte gleichgültig mit den Schultern. Tatsächlich sah er blendend aus, wie er dort stand. Seinen Körper lässig gegen den Tresen gelehnt, in der einen Hand ein Bier. Er hatte das Holzfällerhemd gegen ein einfaches weißes Hemd eingetauscht. Was seine Bräune noch betonte. Seine Augen krochen förmlich über ihre Erscheinung. Sie wurde von einer Unruhe ergriffen. Was war nur los mit ihr? Sie kannte den Mann überhaupt nicht und trotzdem hatte er eine derartige Wirkung auf sie. Sie wendete sich ab.
„Der starrt dich immer noch an“, flüsterte Sue.
„Wahrscheinlich hat er ein schlechtes Gewissen“, brummte Lily und trank das Glas leer.
„Oh Gott, ich glaube, er kommt zu uns rüber“, quietschte Chrissie und senkte hektisch den Blick.
„Na und.“ Sie rutsche unruhig auf dem Stuhl hin und her. „Soll er doch. Dann sagen wir kurz Hallo und aus.“
„Hallo.“ Seine warme Stimme war dicht hinter ihr. Lilys Puls schoss spontan nach oben. „Entschuldigen Sie die Störung, meine Damen. Ich wollte mich nur kurz nach dem Wohlbefinden Ihrer Freundin erkundigen.“ Lily starrte auf den Tisch, als hätte sie ihn nicht gehört.
Sue gab ihr unterm Tisch einen Stoß mit dem Fuß. Lily warf ihr einen bösen Blick zu, dann drehte sie sich zu ihm um.
„Ja, danke der Nachfrage, es geht mir prima“, antwortete sie ihm wie ein lästiges Insekt. Seine Augen bohrten sich in sie.
„Das freut mich zu hören.“ Er blieb unbeeindruckt neben ihr stehen. Lily brachte kein Wort heraus. Ihr wurde plötzlich heiß. Konnte er sehen, wie ihr die Röte vom Hals übers Gesicht kroch?
„Sind Sie hier zu Besuch?“, fragte Sue und schenkte dem Fremden ein Lächeln. „Ich habe Sie hier noch nie gesehen.“ Lily warf ihrer Freundin einen wütenden Blick zu, den Sue geflissentlich ignorierte.
„Aye. Ich bin gestern mit meinem Boot vor Little Haven vor Anker gegangen.“ Er war es also doch, der geheimnisvolle Segler.
„Bleiben Sie länger?“ Sue flatterte mit den Augendeckeln wie eine Hollywooddiva in ihren besten Zeiten. Wenn das Gespräch so weiterverlief, würde sie ihn spätestens in fünf Minuten um ein Date bitten. Sue war in dieser Hinsicht die Fortschrittlichste von ihnen. Lily würde sich niemals trauen, einen Mann zu fragen, ob er mit ihr ausgehen möchte, davon abgesehen, dass sie nichts von dem Mann wollte.
„Das hängt ganz davon ab.“ Sein Blick blieb erneut auf Lily haften. „Aber verzeihen Sie, ich habe mich noch gar nicht bei Ihnen vorgestellt. Mein Name ist Ian Fairmont. Und Sie sind?“ Er streckte Lily seine Hand entgegen. Zögerlich griff sie zu.
„Lily Rose Bloom.“
„Freut mich sehr, Miss Bloom.“ Er hielt noch immer ihre schlaffe Hand umklammert.
„Mein Name ist Sue Windfield und das sind Chrissie Hooper und Mabel Green.“
„Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen.“ Ein Lächeln huschte über sein markantes Gesicht. Lily beobachtete, wie sich die Haut über seinen Wangenknochen spannte und sich ein Grübchen auf den Wangen bildete. Er sah unglaublich attraktiv aus.
„Möchten Sie sich vielleicht einen Moment zu uns setzen?“, fragte Mabel mit rotem Gesicht. Sie wies auf den freien Stuhl.
„Ich möchte Sie wirklich nicht stören.“ Er warf einen Seitenblick auf Lily, um sich ihr Einverständnis zu holen.
Lily öffnete den Mund, um ihn abzuweisen, aber Sue kam ihr zuvor.
„Wir würden uns freuen. Nicht wahr, Mädels?“ Sie warf einen Blick in die Runde. Alle bis auf Lily nickten.
Er setzte sich, ihren stillen Protest ignorierend, ans Kopfende des Tisches und verschränkte die langen Beine. Bildete sie es sich ein oder lächelte er? Lily sank noch tiefer in ihren Stuhl und versuchte so cool wie möglich auszusehen.
Den Blick geflissentlich geradeaus gerichtet, hörte sie, wie Sue ein Gespräch mit ihm anfing.
„Sie sind Amerikaner?“
„Yep. Aus Massachusetts. Lange Sommer, kalte Winter.“
„Massachusetts. Das hört sich traumhaft an“, seufzte Sue. „Ich wollte schon immer mal nach Amerika. Die Amerikaner sind so ...“ Sue suchte nach Worten. „... so kosmopolit.“ Sie strahlte Ian an. Lily verdrehte die Augen.
„Und was hat Sie hier zu uns nach Little Haven verschlagen?“ Chrissie musterte den Mann interessiert. Normalerweise hatte Chrissie nur Augen für ihren Mann. Anscheinend hatte der Fremde eine anziehende Ausstrahlung auf alle Frauen.
„Erinnerungen.“ Das Lächeln auf dem Gesicht des Mannes erstarb. Lily fragte sich, was das für eine Erinnerung war, die einen Mann dazu trieb, einmal übers Meer zu segeln.
„Mhm.“ Sue und Chrissie tauschten fragende Blicke miteinander aus. „Und wo wohnen Sie?“
„Sie meinen, während ich hier bin?“
Sue nickte.
„Auf meinem Schiff.“ Die Antwort klang, als wäre es die natürlichste Sache auf der Welt. Für Lily unvorstellbar. Sie wurde schon bei dem Gedanken daran seekrank. Lily erlaubte sich einen Seitenblick auf den Mann. Sein Profil war als klassisch schön zu bezeichnen. Er hatte eine gerade Nase, hohe Wangenknochen und seine Lippen waren leicht geschwungen. Sie schätzte ihn auf Mitte dreißig. Eine tiefe Falte hatte sich auf seiner Stirn eingegraben, wie bei jemandem, der große Sorgen oder Kummer hatte. Ansonsten war sein Gesicht nahezu faltenlos, wenn man von den kleinen Fältchen absah, die sich rund um seine Augenwinkel bildeten, wenn er lachte. Er machte eine unerwartete Bewegung und ertappte sie dabei, wie sie ihn anstarrte. Lily schluckte und eine heiße Welle ergoss sich über ihr Gesicht.
„Ein echter Segler“, kicherte Sue.
„Yes, Ma’am.“ Er tippte sich mit dem Finger gegen die Stirn, seine Augen noch immer auf Lily gerichtet. 
„Wie spannend. Segeln Sie immer alleine?“ Das war typisch für Mabel. Sie hätte ihn auch gleich fragen können, ob er noch Single war. Lily stöhnte innerlich.
„Meistens.“ Der Mann war nicht gerade das, was man als eine Plaudertasche bezeichnen würde.
Mabel zwinkerte Lily zu, was so viel bedeutete wie: „Los, schnapp ihn dir.“
Aber diesen Gefallen würde sie ihr nicht tun. Sie hatte kein Interesse an einem Mann. Ihr Leben war perfekt so, wie es war.
„Und was machen Sie so beruflich?“ Seine Augen glitten zu ihr. Lily presste die Lippen aufeinander. Sie hatte keine Lust, dem Fremden zu erzählen, was sie tat und woher sie kam. Sollten die anderen doch mit ihm reden und sich lächerlich machen.
„Ich arbeite als Hebamme im Krankenhaus von Broad Haven“, antwortete Sue keck.
„Hebamme. Ein sehr alter und ehrenwerter Beruf.“ Er nahm einen Schluck Bier aus seinem Glas.
„Wenn man Sie reden hört, könnte man glatt denken, dass ich uralt bin und ein weißes Schürzenkleid trage.“ Sue schob schmollend die Unterlippe nach vorne.
„Auf keinen Fall, Miss. Es sollte ein Kompliment sein.“ Er lächelte unbeholfen.
„Gut, dann will ich Ihnen noch mal verzeihen.“ Sue lächelte.
„Ich arbeite als Kindergärtnerin in Little Haven. Lilys Tochter Emily ist einer meiner Schützlinge.“
„Sie haben eine Tochter?“ Die Frage war direkt an Lily gerichtet.
Lilys Augen funkelten Mabel wütend an. Das Gesicht des Fremden war unbewegt, doch Lily hatte den Eindruck, dass er überrascht war.
„Ja, sie ist drei Jahre alt und mein ganzes Glück“, erwiderte sie kurz angebunden.
„Kinder sind etwas Wunderbares.“ Der Klang seiner Stimme war angenehm.
„Kinder sind eine Bereicherung. Ich kann gar nicht genug davon bekommen“, schwärmte Mabel übertrieben.
„Ist das die Frau, die gerade noch gesagt hat, dass sie keine Kinder mehr sehen kann?“, lästerte Lily.
„Ach, das war doch nur ein Spaß“, winkte Mabel ab und schnitt eine Grimasse. „Haben Sie Kinder?“
Er schüttelte bedauernd den Kopf. „Nein, Ma’am.“ Sie sah ihn an. Er hatte sich zurückgelehnt und seine Beine ausgestreckt. Nach außen hin erschien er lässig und cool, aber seine Augen wirkten mit einem Mal gehetzt.
Offensichtlich gab es ein Problem in seinem Leben, das mit dem Thema Kinder verbunden war, dachte Lily überrascht.
Er erhob sich abrupt. „Tja, ich denke, ich sollte mal wieder gehen.“ Mabel, Chrissie und Sue machten enttäuschte Gesichter. „Ladys, es war nett, Sie kennenzulernen.“ Er nickte ihnen freundlich zu, wobei sein Blick etwas zu lange auf Lily verweilte.
„Bis bald.“ Sue grinste ihn geradezu unverschämt an.
Er nickte und bahnte sich seinen Weg durch die Menge nach draußen. Nachdenklich sah ihm Lily hinterher.
„Was für ein Mann“, seufzte Sue, kaum dass er außer Hörweite war. „Den würde ich nicht von der Bettkante schupsen.“
„Du bist wirklich unersättlich“, schimpfte Lily. „Kaum dass ein Mann dir schöne Augen macht, fällst du auf ihn rein.“
„Nur dass er nicht mir, sondern dir schöne Augen gemacht hat.“
„Stimmt, ist mir auch aufgefallen“, stimme Mabel ihr zu.
Lily schwieg. Tatsächlich hatte er die ganze Zeit auf sie gestarrt, wie schon in den kurzen Begegnungen zuvor. Was hatte es mit diesem Mann nur auf sich?


~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Klingt doch wunderbar oder? Seid ihr schon gespannt wie es weiter gehen wird? In ein paar Stunden könnt ihr es selber heraus finden.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen