Sonntag, 2. November 2014

[XXL Lesedeal] Vom Tod geküsst von Amanda Frost


Amanda Frost ist zurück und zwar mit einem neuen Buch "Vom Tod geküsst" wird am 6. November erscheinen und hier dürft ihr exklusiv schon vorab reinschnuppern in das neue Werk der sympatischen Autorin.






Leise schob sich die schwarze Limousine durch den dichten Schneefall. Die Lichter der Scheinwerfer tasteten wie Geisterfinger über die weiße Pracht, die sich zu beiden Seiten der Straße aufgetürmt hatte. Vergnügt tanzten dicke Flocken in den Lichtkegeln, bevor sie lautlos zu Boden segelten.
Der Schnee knirschte unter den Rädern, als Sebastian den Wagen vor einer protzigen, hell erleuchteten Ziegelsteinvilla zum Stillstand brachte. Sein Blick fiel auf die russische Flagge, die über dem Türeingang im arktischen Wind hin und her flatterte. Er vergötterte dieses Land geradezu, von den nicht enden wollenden Wintern einmal abgesehen. Es war ein Land der Superlative und der Gegensätze, das mit seinen prächtigen Kunstschätzen und betörenden Frauen immer wieder die unglaublichsten Überraschungen bereithielt.
Er stieß die Tür des Fahrzeugs auf und schwang die Beine hinaus. Unbarmherzig fiel der Polarwind über ihn her, trieb ihm glitzernde Schneekristalle ins Gesicht und ließ ihn frösteln. Mit klammen Fingern knöpfte er sich die Smokingjacke zu und steuerte die Villa an. Als er das Gebäude erreicht hatte, sprang er die marmornen Stufen bis zur Eingangstür hinauf, wobei er sich mit einer Eleganz bewegte, die einem unwillkürlich eine Raubkatze in Erinnerung rief.
Er zerrte ein Schriftstück aus der Innentasche seines Jacketts und reichte es dem breitschultrigen Security-Angestellten. Dieser beäugte das Dokument mit Kennerblick, bevor er Sebastian mit einem zustimmenden Kopfnicken passieren ließ.
Im Foyer angelangt klopfte Sebastian sich den Schnee vom Anzug und blinzelte die Flocken weg, die sich in seinen Wimpern festgesetzt hatten. Verstohlen schweiften seine Blicke durch den Raum, wobei seine smaragdgrünen Augen jedes noch so winzige Detail aufnahmen. Ein Hauch wacher Aufmerksamkeit umgab ihn – genau wie der Anflug tiefgründiger Abgeklärtheit. Er war kein Mann, den Gesetze aufhalten konnten, im Grunde genommen achtete er nichts und niemanden.
Bei jeder Bewegung wogte Sebastians kinnlanges Haar um sein attraktives Gesicht. Seine Mähne war schwarz wie die Nacht und eindeutig zu lang für einen seriösen Bürojob. Seidig glänzten die dichten Strähnen im Licht der Kronleuchter und verliehen diesem Mann etwas Rebellisches.
Und ebendiese Mischung aus Verwegenheit und zeitloser Eleganz ließ Frauen in Sebastians Nähe dahinschmelzen wie Schokolade in der Sonne. Brachte die holde Weiblichkeit grundsätzlich dazu, ihm keinerlei Widerstand entgegenzusetzen. Was auch an diesem Abend unumgänglich sein würde, wenn er seinen Auftrag mit der gewohnten Effizienz zu Ende bringen wollte.
Seine gesamte Aura strotzte vor Selbstbewusstsein, als er sich ein Glas Champagner von einem Tablett nahm, sich damit lässig an eine Wand lehnte und in aller Seelenruhe auf das Objekt seiner Begierde wartete. In Anbetracht der Umstände hätte sein Herz rasen müssen, doch sein Puls war ruhig wie der eines Radrennfahrers. Geduld und Souveränität waren mit die wichtigsten Voraussetzungen in seiner Branche. Nur so war es möglich, die Vorteile des perfekten Timings zu nutzen und somit langfristig auf den Schwingen des Erfolges dahinzuschweben.
 Voller Interesse wanderten seine Blicke von den gut gekleideten Gästen über die altertümlichen Kronleuchter und antiken Teppiche, die im krassen Gegensatz zu den zeitgenössischen Bildern russischer Künstler an den Wänden standen. Und wenngleich er sich im Lauf der Jahre an ausufernde Opulenz gewöhnt hatte, erschlug ihn diese offensichtliche Zurschaustellung von Reichtum geradezu. Die Villa schrie förmlich danach, um ein paar Millionen erleichtert zu werden – was ihm eine Ehre sein würde.
Er selbst hatte beileibe nicht immer der Bevölkerungsschicht der Schönen und Reichen angehört, und sein Wohlstand war nicht über Nacht gekommen. Es war auch kein Leichtes gewesen, sich so in der Gesellschaft zu etablieren, dass ihm Einladungen zu den mondänsten Veranstaltungen Tür und Tor öffneten – so wie an diesem Abend.
Sebastian hatte beide Seiten des Lebens kennengelernt, und genau diese Erfahrungen waren es, die sein komplettes Denken und Wirken beherrschten und ihn für einen Job wie diesen prädestinierten. Er wusste, wie erniedrigend es war, im Dreck zu leben und jeden Abend mit knurrendem Magen zu Bett zu gehen. Wusste, wie es sich anfühlte, von der High Society wie Abschaum behandelt zu werden, Blicke zu ernten, die selbst einem räudigen Straßenköter Magenschmerzen verursacht hätten.
Gottlob gehörten diese Zeiten der Vergangenheit an. Nun schwelgte er in dem Genuss, sich Kaviar und Champagner leisten zu können. Klamotten aus Seide und Kaschmir küssten seine Haut. Und das Röhren eines 12-Zylinder Ferraris umschmeichelte regelmäßig seine Gehörgänge, während das Gefühl der Beschleunigung ein unbeschreibliches Kribbeln im Magen lostrat, fast als würde man fliegen. Und wenn er ehrlich zu sich selbst war, machte das Leben auf der Überholspur definitiv Spaß. Trotz allem würde er seine Vergangenheit niemals vergessen. Sie verfolgte ihn auf Schritt und Tritt wie eine todbringende Krankheit.
Seine Gedankengänge wurden unterbrochen, als eine dunkelhaarige Grazie in einem eng anliegenden roten Abendkleid aus dem Fahrstuhl segelte. Das Licht der Kronleuchter brach sich auf dem protzigen Brillantcollier an ihrem Hals und warf glitzernde Lichtflecken auf ihr Dekolleté.
Da war sie: seine Eintrittskarte zu den oberen Stockwerken – die Tochter des Staatsministers.
Die Lady bewegte sich mit der Anmut und dem Stolz einer Gazelle, vermutlich erworben in einem unerschwinglichen Schweizer Internat. Ihr Busen wippte sanft bei jedem Schritt, wobei der fließende Stoff ihres Kleides ihre langen Beine umschmeichelte. Ihre aufrechte Haltung war ein Zeugnis dafür, dass sie in diese illustre Ansammlung der Wichtigen gehörte, in deren Mitte sie aufgewachsen war.
Doch als Mann, dessen Hauptaufgabe im Beobachten lag, hatte er schon am Vorabend erkannt, dass das Mädchen im Grunde ihres Herzens ein Wildfang war, was sie wie geschaffen für sein Vorhaben machte.
Rasch stieß er sich von der Wand ab und marschierte quer durch den Raum, wobei er mit einem flinken Griff ein zweites Glas Champagner in seinen Besitz brachte.
„So sieht man sich wieder“, flüsterte er der schwarzhaarigen Venus von hinten ins Ohr, als diese gerade den Versuch startete, sich ein Lachshäppchen von einem der Buffets zu stibitzen.
Ertappt fuhr sie herum. Ein Blick aus großen dunklen Augen traf ihn, die sich im Moment des Erkennens vor Freude weiteten. Doch dann entschied die slawische Schönheit mit den hohen Wangenknochen, dass es in Anbetracht der Ereignisse vom Vorabend angebrachter wäre, einen Schmollmund aufzusetzen.
„Sebastian, du hier?“, stieß sie mit gespieltem Desinteresse hervor. „Mit dir hätte ich nun am allerwenigsten gerechnet. Und glaube mir, es bedarf schon einer verdammt guten Entschuldigung, um dein gestriges Verhalten zu rechtfertigen.“ Sie legte den Kopf schief und fixierte ihn aus schmalen Augen. „Was hast du überhaupt hier zu suchen?“
Ohne auf ihre Worte einzugehen, hielt er ihr ein Glas entgegen, nach dem sie prompt griff. Sanft platzierte er eine Hand auf ihrem Rücken und schob sie ein Stück von dem Buffet und dem Trubel weg in eine menschenleere Ecke.
Dort umfasste er mit einer Hand ihr Kinn und zog ihren Kopf leicht nach oben. Tief blickte er ihr in die Augen. „Sascha, meine Schöne, entschuldige, aber ich bekam gestern Abend einen sehr unerfreulichen Anruf. Ein Notfall. Meine kleine Schwester wurde überfallen. Nur deswegen bin ich so plötzlich davongejagt. Ansonsten wäre es mir im Traum nicht eingefallen, eine Frau wie dich, ohne ein weiteres Wort zu verlassen. Das ist auch der Grund, warum ich heute hier bin. Ich wollte mich auf würdige Art und Weise von dir verabschieden.“
Das Flackern einer Kerze spiegelte sich in ihren dunklen Augen wider, die sich voller Entsetzen weiteten. „Du liebe Güte! Ist deiner Schwester etwas passiert?“
Sebastian frohlockte innerlich. Na also, die Masche zog einfach immer!
Zärtlich strich er Sascha eine Locke von der Schulter, wobei seine Finger wie zufällig ihren Nacken streiften. Irritiert schnappte sie nach Luft.
„Nein, sie ist glücklicherweise mit dem Schrecken davongekommen. Aber ich konnte sie gestern Nacht unmöglich sich selbst überlassen, sie war zu sehr durch den Wind.“ Er bedachte die russische Schönheit mit einem leidenschaftlichen Blick aus grünen Augen. „Obwohl es mir unsagbar schwergefallen ist, nicht zu dir zurückzukehren. Ich hoffe, du kannst ein wenig Verständnis für mein Handeln aufbringen.“
Sie holte abermals tief Luft. „Natürlich. Du hättest mir trotzdem kurz Bescheid geben können, bevor du so sang- und klanglos verschwunden bist. Doch du hast mir immer noch nicht verraten, was du eigentlich hier zu suchen hast. Ich dachte, du wärst Kunsthändler? Hier geht es heute in erster Linie um Politik.“
Ein mysteriöses Lächeln zuckte um einen seiner Mundwinkel. „Wohl wahr, aber wie du siehst, verfüge ich über sehr gute Kontakte.“ Erneut fing er mit den Augen ihren Blick ein. „Gott, Sascha, ich musste dich einfach wiedersehen. Daher habe ich alle Hebel in Bewegung gesetzt.“ Eine fast schon schmerzliche Sehnsucht lag in seinen Worten und ihrem entrückten Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatte er sie nun endgültig eingefangen.
Er stellte sein Champagnerglas auf einem Sideboard ab, beugte sich nach vorne und hauchte ihr einen zarten Kuss auf die Wange, bevor er mit seinem Mund ihre Lippen suchte. Mit einer Hand griff er nach ihrer Taille und zog Sascha mit sanfter Gewalt an sich.
„Herrje, Sebastian!“, wisperte sie atemlos. „Nicht hier. Wenn mein Vater uns erwischt, bricht die Hölle los.“ Ihr sinnlicher Blick spiegelte den inneren Kampf wieder, den sie mit sich ausfocht. „Können wir uns später treffen? Woanders? Ich muss zuerst noch ein paar Gäste begrüßen. Ein wenig Small Talk halten, du verstehst?“
Offenkundige Enttäuschung machte sich auf Sebastians Gesicht breit. „Unter einer Bedingung“, raunte er ihr ins Ohr. „Ich will dich! Heute Nacht! Nackt, in meinem Bett. Deine Schenkel fest um meine Taille geschlungen!“ Er unterdrückte ein siegessicheres Grinsen, als ihr ganzer Körper erschauerte.
Aus der Innentasche seines Jacketts pfriemelte er die Keycard eines Hotelzimmers und reichte sie ihr. „Hier, der Schlüssel zu meiner Suite, im Interconti. In zwei Stunden dort!“ Das war definitiv keine Frage, sondern eine Aufforderung.
Ihre langen roten Fingernägel kratzten verführerisch über seine Hand, als sie nach dem Plastikteil grapschte. Sie nickte leicht, während sie das Stück unauffällig in ihrer goldenen Handtasche verschwinden ließ.
Doch Sebastians Mission war noch nicht erfüllt. „Wo kann man hier für ein paar Minuten ungestört sein? Ich werde nämlich erst gehen, wenn du mir einen kleinen Vorschuss gewährt hast.“ Ein verlockender Zug hatte sich um seine Lippen gebildet.
Prompt griff Sascha nach seiner Hand. „Komm mit!“, flüsterte sie und zog ihn in einen schmalen Gang, bevor sie eine Holztür aufstieß und eine verlassene Bibliothek betrat.
Hervorragend, sein Plan ging auf!
Das Fabergé-Ei gehörte so gut wie ihm.
Wie zufällig hatte er am Vorabend in einer angesagten Moskauer Bar einen Zusammenstoß mit Sascha provoziert, nachdem er herausgefunden hatte, dass eines der Eier, auf das sein Auftraggeber so scharf war, sich im Besitz ihres Herrn Vaters befand. Nach kurzem Zögern hatte sie sich von ihm auf einen Drink einladen lassen. Aus dem dann drei oder vier geworden waren.
Doch ihm hatte der Glaube daran gefehlt, dass er sie voll und ganz um den Finger gewickelt hatte, denn das Mädchen legte ein ausgeprägtes Misstrauen an den Tag. Vermutlich eine Lebensnotwendigkeit, wenn man als Tochter eines stinkreichen Staatsministers aufgewachsen war. So hatte er wortlos das Feld geräumt, was seinen Marktwert eindeutig erhöht hatte und sich nun auszahlte.
Silbriges Mondlicht erhellte die Bibliothek und machte jede weitere Lichtquelle überflüssig. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen und das Stimmengemurmel von außen verebbt war, entfaltete sich im Nu ein magisches Flair, dominiert von einem Hauch der Vergangenheit. Hunderte von Büchern lauerten auf raumhohen Regalen und verbreiteten einen leicht modrigen Geruch, der einfach zu einem solchen Ort dazugehörte.
Doch Sebastian war nicht in der Stimmung, die Atmosphäre auf sich wirken zu lassen. Ohne Vorwarnung griff er nach Saschas Oberarmen, drängte sie mit dem Rücken gegen eine Wand und fiel mit seinen Lippen erbarmungslos über ihren Mund her. Im ersten Moment riss sie überrascht die schönen Augen auf, doch dann stöhnte sie verführerisch und schlang die Arme um seinen Nacken. Seine Hände glitten besitzergreifend an ihrem kurvenreichen Körper auf und ab, kamen dabei ein ums andere Mal wie zufällig mit ihrer Handtasche in Berührung. Sekunden später ließ er ihre Schlüssel in seine Jacketttasche gleiten.
Sie war gelenkig wie eine Katze, als sie sich begierig an ihn schmiegte, und brachte ihn heftig in Versuchung, doch zum Glück war er kein Mann, der sich von Hormonen beherrschen ließ. Dementsprechend löste er sich nach wenigen Minuten sanft aber bestimmt von ihr. „Sascha“, keuchte er mit betont heiserer Stimme. „Gib einem Mann eine Chance. Wir müssen auf der Stelle aufhören, sonst nehme ich dich noch hier an der Wand.“
Das Mondlicht beleuchtete sie von der Seite und ließ ihre großen Augen und feuchten Lippen verheißungsvoll schimmern. „Was spricht dagegen?“, forderte sie ihn heraus. „Hierher wird sich mit Sicherheit keine Menschenseele verirren.“
Sebastian schluckte. Allmächtiger! Sie war so was von heiß! Obendrein lag sie mit ihrer Einschätzung vollkommen richtig. Also was war gegen einen Quickie einzuwenden? Ein wenig Entspannung konnte beim besten Willen nicht schaden. Und auf ein paar Minuten kam es nun wirklich nicht an.
Er blickte um sich. Schnurstracks marschierte er auf den langen Tisch zu, der in der Mitte der Bibliothek thronte, schnappte einen der Stühle und klemmte ihn mit der Lehne so unter die Türklinke, dass einem etwaigen Störenfried der Zutritt verwehrt wurde.
Mit großen Schritten eilte er zu Sascha zurück, packte sie seitlich unter Armen und Beinen, hob sie hoch und trug sie zum Tisch. „Dein Wunsch ist mir Befehl, meine Schöne. Ich hoffe nur, du stehst auf eine schnelle Nummer, denn ich habe noch etwas Wichtiges zu erledigen. Aber ich gebe dir mein Wort darauf, nachher werde ich mir alle Zeit der Welt für dich nehmen.“ Mit diesen Worten schob er ihr das Kleid hoch und drängte sich zwischen ihre Beine.

Eine Viertelstunde später steuerte Sebastian zielsicher die privaten Fahrstühle der Villa an. Manchmal fiel man am wenigsten auf, wenn man etwas mit unverfrorener Offensichtlichkeit tat. Anhand von Saschas Schlüsselbund erreichte er problemlos die abgeschottete Tür im dritten Obergeschoss, hinter der sich der kostbare Schmuckgegenstand verbergen sollte. Innerhalb von Sekunden hatte er mit einem filigranen Spezialwerkzeug das Türschloss geknackt und sich Einlass gewährt. Alles kein Problem, denn die Alarmanlage hatte er bereits am Nachmittag, als Caterer getarnt, zum Schweigen verdonnert.
Nachdem er die Tür mit einem diskreten Klicken hinter sich ins Schloss gezogen hatte, lag der Raum still und dunkel vor ihm. Sebastian zückte eine winzige Taschenlampe und ließ den Lichtstrahl durch das Zimmer wandern. Die glänzende Oberfläche des Eies glitzerte herausfordernd, als das Licht sie traf. Ihm fiel ein Stein vom Herzen. Denn die Glasvitrine, in der das wertvolle Stück unter Verschluss gehalten wurde, stellte für ihn kein Hindernis dar.
Er bahnte sich seinen Weg zu dem einzigen Fenster im Raum und zog den schweren blickdichten Vorhang zur Seite. Leise öffnete er das Fenster, zerrte ein dünnes Nylonseil unter dem Jackett hervor und knotete es mit einem Ende an den Heizkörper, bevor er es hinauswarf. Mit einem schmalen Glasschneider bewaffnet, machte er sich über die Vitrine her und hielt das Ei Sekunden später in seinen Händen. Er ließ es in einem gepolsterten Samtbeutel verschwinden, den er sich um den Hals hängte, streifte sich Handschuhe über, griff nach dem Seil, kletterte auf das Fensterbrett und schwang sich behände hinaus.
Beeindruckend erhob sich der russische Nachthimmel über ihm. Zwar hatte der Schneefall nachgelassen, doch der eiskalte Wind blies nach wie vor und penetrierte Sebastians Gesichtshaut wie tausend kleine Nadelstiche. Vereinzelt leuchteten Sterne – hell wie Diamanten – und vermittelten den Eindruck, man könne nach ihnen greifen. Sebastians muskulöse Beine stützen sich an der Hauswand ab, während er sich flink nach unten bewegte. Ein Prickeln, fast wie eine Vorfreude auf hemmungslosen Sex, nahm derweil von jeder Zelle seines Körpers Besitz. So wie bei jedem Coup. Er war geradezu elektrisiert.
Automatisch begaben sich seine Gedanken auf die Reise zu Sascha. Nachdem alles so glatt gelaufen war, stand einem weiteren Schäferstündchen mit der russischen Schönheit eigentlich nichts im Wege. Denn die Kleine war heiß wie die Hölle! Mit ein wenig Glück war ihr der Verlust ihres Schlüssels nicht einmal aufgefallen, und er könnte ihn ihr unauffällig in die Handtasche zurückstecken. So würde der Diebstahl vermutlich erst am frühen Morgen bemerkt werden. Und bis dahin war er längst über alle Berge. Mit den Bildern von Saschas heißem Körper im Kopf griff er ins Leere.
Die Hände noch um das Seil geklammert, stürzte er pfeilschnell in die Tiefe. Ein Schrei des Entsetzens entrang sich seiner Kehle. Bevor sein Gehirn noch reflektierte, was hier gerade geschah, donnerte er schon rücklings mit einem bestialischen Krachen auf dem harten, mit einer dichten Eisschicht überzogenen Asphalt auf. Schmerzen schlugen über ihm zusammen wie eine gigantische Welle. Dann senkte sich undurchdringliche Dunkelheit über ihn herab.

Sebastian blinzelte, als er die Augen aufschlug und die Schemen seiner Umwelt sich allmählich formierten. Er hatte keinen blassen Schimmer, wie viel Zeit vergangen war. Über ihm befand sich noch immer der sternenklare Nachthimmel, doch irgendwie wirkte die Welt verändert. Auf ihre Art surreal, als wäre er nur ein stiller Beobachter und nähme alles durch einen Schleier wahr. Ungeachtet der Tatsache, dass er auf dem eiskalten Boden lag, fröstelte ihn nicht. Im Gegenteil, eine prickelnde Wärme schien ihn zu umhüllen.
Er unternahm den Versuch sich aufzurappeln, war aber nicht imstande, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Ein Knoten der Angst bildete sich in seinem Magen.
Heilige Mutter Gottes! Er war querschnittsgelähmt.
Er hatte sich beim Sturz die Wirbelsäule gebrochen.
„Hallo, Sebastian!“, riss ihn völlig unerwartet eine Stimme, die ihn an ein quietschendes Türscharnier erinnerte, aus seiner alles überflutenden Panik. Seine Augen zuckten wild hin und her – sie waren anscheinend die einzigen Teile seines Körpers, die sich kontrollieren ließen.
In seinem Gesichtsfeld erschien ein kleiner kahlköpfiger Mann, der sich neugierig über ihn beugte. „Cooler Sturz. Ein paar Abzüge in der B-Note vielleicht, aber ansonsten echt elegant.“ Der Glatzkopf kicherte, wobei er unangenehm glucksende Geräusche von sich gab und zwei Reihen nikotingelber Zähne entblößte.
So schnell gab sich Sebastian jedoch nicht geschlagen. Er mobilisierte erneut all seine Kräfte, um seine Muskeln unter Kontrolle zu bekommen, versagte aber auf ganzer Linie. „Was ist passiert? Wer sind Sie?“, förderte er letztendlich ein paar schwache Worte zutage, während es ihm schier unmenschliche Anstrengung abverlangte, gegen die aufsteigende Hysterie anzukämpfen.
Der Glatzkopf legte den Kopf schief. „Ach, entschuldige meine Unhöflichkeit. Ich bin Kasimir. Tja, mein Freund, deine Uhr ist abgelaufen. Mein Auftrag ist es, dich zu holen. Ich hätte das natürlich ein wenig unspektakulärer über die Bühne bringen können. Ein Herzinfarkt, zum Beispiel. Aber mir war einfach nach ein bisschen Spaß, so habe ich das Seil gekappt.“ Abermals kicherte er blechern.
Sebastian starrte das hässliche Individuum ungläubig an. „Sie haben mein Seil durchgeschnitten? Und von was reden Sie überhaupt? Welcher Auftrag?“
„Befehl vom Boss. Tja, Alter, du bist tot.“ Kasimir zuckte mit den Schultern. „Aber keine Angst, man gewöhnt sich recht schnell daran. Gut, dass du diese heiße Braut noch flachgelegt hast. Ein echt scharfer Feger. Dumm nur, dass du dich jetzt vom Thema Sex verabschieden musst. Eigentlich schade, denn das mit den Frauen scheinst du echt draufzuhaben. Mein lieber Schwan, das Mädchen hat ja geradezu gequiekt vor Lust.“
Wäre Sebastian imstande gewesen sich zu bewegen, hätte er sich voller Verzweiflung die Haare gerauft. „Woher zum Geier wissen Sie davon? Und was hat das alles zu bedeuten? Ich bin gerade mal fünfunddreißig, da stirbt man doch noch nicht.“
Kasimir kratzte sich nachdenklich an der Glatze. „Hmm, ich glaube, das hat die Maschine noch nie interessiert. Ach übrigens, ich bin ein Fürst der Dunkelheit, zuständig für Russland. Normalerweise ist es meine Aufgabe, die Seelen der Verstorbenen einzusammeln und sie im Himmel oder der Hölle abzuliefern. Bei dir jedoch konnte sich die Maschine nicht entscheiden, wo sie dich hinschicken soll. Daher will der Boss dich höchstpersönlich kennenlernen. Also, komm mit.“
Verzweifelt klammerte sich Sebastian an den Strohhalm, dass dies alles nur ein grotesker Traum war. Blieb nur die Frage, wann er endlich aufwachte? „Welche Maschine, und welcher Boss? Mitkommen? Ha, guter Witz! Ich kann mich keinen Millimeter bewegen.“
Kasimir winkte ab. „Ach was, das ist nur dein Körper, eine substanzlose Hülle, lass ihn liegen. Der ist in der Unterwelt überflüssig. Alles andere erkläre ich dir später.“ Mit diesen Worten legte Kasimir ihm die flache Hand auf die Stirn, die erstaunlicherweise eine angenehm warme Welle durch Sebastians Innerstes schickte.

Dann überkam ihn das Gefühl, jemand würde ihm mit einem Röhrchen das Gehirn aus dem Kopf saugen. Ein mächtiger Schwindel erfasste ihn, seine Augen klappten zu, und als er wieder zu sich kam, hatte er den Eindruck, kopfüber in einen abstrusen Horrorfilm gestolpert zu sein.

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Na was sagt ihr dazu? Klingt doch fürs erste sehr vielversprechend, oder? Und auch das Cover ist absolut passend. Ich bin auf jeden Fall schon sehr gespannt und freue mich sehr auf tolle Lesestunden.

1 Kommentar:

  1. na aber Hallo! Das ist absolut vielversprechend! Nur gut, dass es nur noch vier Tage bis zur Veröffentlichung sind

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