Montag, 6. Oktober 2014

[Lesedeal] Hundstage von Carin Müller


Heute habe ich für euch einen tierischen Lesedeal am Start, aber lest doch einfach selber.
Autorin Carin Müller hat ganz exklusiv für euch einen XXL an den Start gebracht. Das eBook Hundstage erscheint am Buchmessenfreitag (10.10) und jetzt hab ich noch ein kleines Goodie für euch in der Tasche: Solltet ihr in Frankfurt oder Umgebung wohnen oder seit auf der Messe, dann kommt doch am Freitag Abend (19 Uhr in Frankfurt im Lockstoff), da stellt Carin Müller mit einer anderen Autorin ihr Buch gleich dem Publikum vor. Klickt HIER für die Facebook Veranstaltung.






Kapitel 1: Kekse und Kriege

"He, du Schlappschwanz, ist deine Alte jetzt auf Hartz IV, oder was treibst du dich um diese Zeit hier rum?" Jimi stand breit grinsend und mit verschlagenem Gesichtsausdruck an der Ecke.
Der Adressat dieser schnöden Beleidigung erstarrte augenblicklich zur Salzsäule. Hinter seiner rotbraun belockten Stirn tobten die Gedanken. Schlappschwanz? Und was, bitteschön, war Hartz IV? Egal, es erforderte zumindest eine milde Drohung als Reaktion.
"Noch ein Ton, Vollidiot, und ich mach dich platt!"
"Oh, mir schlottern ja schon die Beine vor Angst." Jimi kratzte sich gelangweilt am Ohr.
Die Salzsäule, die im normalen Alltag durchaus agil war und auf den Namen Tobi hörte, kam langsam in Wallung und baute sich zu voller Größe auf – allerdings immer noch mehrere Meter von dem üblen Aggressor entfernt.
"Wenn du Krieg willst, kannst du Krieg haben. Und das ist meine letzte Warnung!", knurrte er drohend.
"Was ist? Bist du zu feige zum Kämpfen, du Schluffi? Wundern würde es mich nicht ... Ich hab gerade die Laila getroffen, und sie hat mir gesteckt, dass du sie vorhin wieder mal angebaggert hast. Sie hat sich halb totgelacht dabei. Gib's auf, Alter, bei dem scharfen Schnittchen hast du keine Chance. Die steht nur auf erfahrene Kerle, nicht auf frustrierte Jungfrauen wie dich."
Frustrierte Jungfrau? Das war der Tropfen, der das Fass endgültig zum Überlaufen brachte. Wie sagte sein Kumpel Rocky immer so schön: Wer Wind sät, wird Sturm ernten!
Und so stürzte sich Tobi wie ein entfesselter Tornado mit einem kehlig gekrächzten "Ich bring dich um!" auf Jimi.
Damit hatte sein Kontrahent nicht gerechnet, und Tobi war mit zwei großen Sätzen bei ihm, packte ihn am Hals und warf ihn auf den Rücken.
Bäh, die langen Zotteln verfingen sich zwischen Tobis Zähnen und rochen auch eklig. Irgendwie nach … Waschmittel. Es war höchstens eine Millisekunde, in der er angewidert seinen schraubstockartigen Griff gelockert hatte, aber lange genug, dass sich die beiden zweibeinigen Furien einmischen konnten. Seine Furie hieß Kiki, packte ihn am Halsband und fragte ihn brüllend, ob er den Verstand verloren hätte.
Nein, der war intakt. Verloren hatte er nur die Nerven, aber das war doch, bitteschön, absolut nachvollziehbar! Nur offensichtlich für Kiki nicht …
Und auch nicht für die andere Furie. Die hieß Roswitha Schultheiß und beorderte Tobis Gegner nun mit einem knappen "Jimi, hierher!" an ihre Seite. Der schwarzweiße Border Collie machte sich prompt folgsam auf den Weg und nahm neben seinem Frauchen Platz – nicht ohne Tobi einen verächtlichen Blick zuzuwerfen. Sofort begann die Frau, ihrem Tier das Fell zu zausen. Jimi fiepte leise.
"Hat Ihr Hund ein Flohproblem?", fragte Kiki interessiert. Tobi musste ihr insgeheim recht geben, es sah wirklich so aus, als würde die Schultheiß ihren Hund gründlich lausen.
"Ich suche Jimi nach Verletzungen ab", entgegnete die mit eiskaltem Blick. "Und wenn ich etwas finde, rufe ich die Polizei und werde Sie anzeigen. Ihr Hund ist gemeingefährlich, und Jimi ist ein mehrfach prämierter Zuchtrüde von unschätzbarem Wert ..."
Nicht schon wieder diese Leier! Tobi knurrte wütend. Roswitha Schultheiß wohnte nur zwei Straßen weiter, und die aufregenden Abenteuer von James of Rosen Heights, genannt Jimi, amüsierten und nervten die zwei- und vierbeinige Bevölkerung des gesamten Viertels. Da sie Frührentnerin war und nichts anderes zu tun hatte, kümmerte sich Frauchen mit einer ungesunden Hingabe um den dreijährigen Border Collie. Jimi ging zweimal in der Woche zum Agility-Training (fehlte nur noch das Ballettröckchen für Frauchen und Hund, lästerte Kiki regelmäßig), durfte täglich drei Stunden in den Wald (dafür wäre Tobi durchaus auch zu haben gewesen) und wurde regelmäßig ausgiebig gebürstet (geschah ihm recht, fand Tobi, bei dem das glücklicherweise nur selten nötig war), damit er in voller Pracht bei den zahlreichen Hundeschauen auftreten konnte (nun ja, wenn man sonst nichts zu tun hatte ...). Selbstverständlich hatte das Tier auch seine eigene Website, auf der sich nachlesen ließ, welche glücklichen Hündinnen er bereits begattet hatte. Denn schließlich war Jimi 'ein mehrfach prämierter Zuchtrüde von unschätzbarem …'  
Inzwischen tat es Tobi schon leid, dass er Jimi nur in den Hals gezwickt und ihm nicht die Eier abgebissen hatte. Dann hätte sich diese elende Angeberei ein für alle Mal erledigt. Er knurrte nochmals wütend in Richtung seiner schwarzweißen Nemesis und hörte, was die beiden Menschenfrauen noch zu besprechen hatten:
"Wir haben einfach zwei Rüden, die sich nicht leiden können", behauptete Kiki. "Da kann es immer mal zu Reibereien kommen. In den seltensten Fällen passiert ja etwas Ernsthaftes."
Pah, wenn die wüsste, dachte Tobi. Er hätte heute todsicher kurzen Prozess mit dem blöden Lackaffen gemacht.
"Außerdem ist es doch albern, dass wir uns jetzt streiten, nur weil sich unsere Hunde nicht mögen. Da sollten wir doch drüberstehen", fuhr Kiki fort, verzog ihr Gesicht zu einem halbwegs überzeugenden Lächeln und nahm ihre Leine noch kürzer.
"Sie haben recht", lenkte Roswitha Schultheiß zähneknirschend ein, jedoch nicht ohne hinzuzufügen: "Ich werde mir Jimi aber ganz genau ansehen, und wenn er eine Verletzung hat, gehe ich sofort zum Tierarzt und stelle Ihnen die Kosten in Rechnung. Jimi muss topfit sein, er hat morgen einen Casting-Termin für diese neue Fernsehserie."

Wäre Tobi ein Mensch, er hätte seine üble Stimmung vermutlich am Wetter festgemacht. Doch – pah! – das schaurige Februarwetter, das den Zweibeinern so nachhaltig aufs Gemüt schlug, war für ihn, einen prächtigen dreijährigen Airedale Terrier, nicht der Rede wert. Ihn plagten erheblich fundamentalere Probleme. Gut, im Grunde war es exakt ein Problem, doch eines mit weitreichenden Auswirkungen: sein Sexleben! Besser gesagt, sein nicht vorhandenes Sexleben. Und dabei war 'nicht vorhanden' leider nicht im temporären Sinn zu verstehen. Er machte nicht nur eine unbefriedigende Phase durch, nein, Tobi hatte noch nie in seinem Leben Sex gehabt – zumindest nicht unter Beteiligung eines weiteren Lebewesens. Wenn man bedachte, dass drei Hundejahre je nach Fachbuch siebenundzwanzig bis dreiunddreißig Menschenjahren entsprachen, war das in der Tat ein Grund zur Verzweiflung. Selbst wenn man noch an das alte Ammenmärchen glaubte, ein Hundejahr entspräche sieben Menschenjahren, wäre der Jungfrauen-Status für einen echten Kerl mit dann einundzwanzig kaum zu verkraften.
Tobis Menschen Kiki und Paul Bach zählten sich natürlich nicht zu den märchengläubigen Amateuren in Sachen Tier. Sie hatten vor der Anschaffung des Welpen gefühlte tausend Bücher zum Thema "Früherziehung beim Hund" gelesen, und selbstredend hatte man zu dritt monatelang die Hundeschule besucht – bis sie rausgeflogen waren, weil Tobi im zarten Alter von neun Monaten seine neuentdeckten Triebe mit einer rassigen Doggendame ausleben wollte. Was hieß in diesem Zusammenhang bitte "frühreif"? Das waren immerhin fünfzehn Menschenjahre. Fünfzehn! Wenn er sich die gleichaltrigen Menschenjungs in der Nachbarschaft so ansah, die mit ihren pickeligen Gesichtern und müffelnden Klamotten hinter den hübschen Mädchen herstierten, aber zu feige waren für echte Annäherungsversuche, dann war er in dem Alter echt ein anderes Kaliber gewesen. Er nämlich hätte im Gegensatz zu den wirklich peinlichen Jungs seine großgewachsene Herzensdame nach allen Regeln der Kunst erfolgreich verführt. Mit seinem umwerfenden Charme. Jawoll! Daran bestand nicht der allergeringste Zweifel.
Doch so weit war es leider nie gekommen. Stattdessen wurden mindestens achtzig weitere Publikationen zum Thema "So überleben Mensch und Mobiliar die tierische Pubertät" angeschafft. Kurz, Kiki und Paul fühlten sich ihrem Hund durchaus gewachsen.
Was natürlich kompletter Bullshit war. Tobi wusste es besser: Die beiden hatte keine Ahnung! Wenn er da allein schon an seine vollkommen unzureichende und unberechenbare Ernährungssituation dachte. Er bekam seine beiden Hauptmahlzeiten immer zu unterschiedlichen Uhrzeiten – und grundsätzlich zu wenig. Auch auf eine regelmäßige Gabe von Leckerlis wie Kekse, Knochen, Pansen oder Wurst war überhaupt kein Verlass. Oder die alberne Outfitfrage. Hallo, er war ein Hund! Er hatte ein Fell! In Tobis Augen war das eine absolut zufriedenstellende Ausstattung, doch er besaß darüber hinaus drei Halsbänder und drei passende Leinen (optisch wenig ansprechende Instrumente, die seinen Freiheitsdrang einschränkten). Wenn Kiki und Paul sich wirklich so gut mit Hunden auskennen würden, wie sie behaupteten, dann wüssten sie, dass er als gut sozialisiertes Rudeltier die Nächte am liebsten mit engem Kontaktliegen mit seiner Gruppe verbringen würde – sprich: angekuschelt an seine Menschen in deren Bett oder auf dem Sofa. Doch nein, er musste auf seinem Hundebett schlafen, das im Wohnzimmer lag und das Kiki als stylisch bezeichnete. Warum auch immer.
Am schlimmsten quälte ihn aber ihre kühne These, dass Hunde glückselig im Hier und Jetzt lebten und daher weder über Zukunft noch Vergangenheit nachdachten – kompletter Schwachsinn. Genauso wie das angeblich stark ausgeprägte Bedürfnis eines Stadthundes nach Abwechslung. In der Konsequenz bedeutete das für ihn nämlich: Er musste jeden Tag entweder Paul oder Kiki zur Arbeit begleiten, je nach Lust, Laune und Terminsituation der beiden. Von daher waren auch die Gassireviere und -zeiten gänzlich unvorhersehbar. Er war heute hier, morgen da. Ganz schlechte Voraussetzungen, um einen vielversprechenden Flirt mal auf ein verbindlicheres Niveau zu hieven.
War das denn wirklich so schwer zu verstehen? Er stand voll im Saft und wollte, nein musste, dringend mal ein bisschen Druck ablassen ...
Und dann kam auch noch dieser Drecksack von Jimi daher. Der hatte nicht nur reichlich Sex, sondern auch ein Ego, das von Frankfurt bis nach Australien reichte. Tobi hatte zwar keine Ahnung, wo genau Australien lag, aber wohl weit weg, und dahin sollte sich der Drecks-Border-Collie auch bitteschön verziehen! Da behauptete der doch glatt, dass Laila ihn, Tobi, ausgelacht hätte. Also wirklich! Laila war ein Traum! Und tatsächlich ein 'scharfes Schnittchen'. Eine große weiße Greyhound-Hündin mit hellbraunen Flecken. Sehr schick. Und eigentlich auch sehr nett. Tobi konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie schlecht über ihn geredet haben sollte. Das hatte sich dieser widerwärtige Angeber bestimmt nur wieder ausgedacht. Laila wusste nämlich zu allem Überfluss auch noch zu berichten, Jimi liefe seit Tagen durch die Gegend und erzählte überall, dass er jetzt auch noch Filmstar sei. Irgendein entfernter Verwandter von ihm hatte mal in "Ein Schweinchen namens Babe" mitgespielt, und er plante jetzt eine noch viel größere Karriere. Meine Fresse!
"Alles klar bei dir, Tobi?" Kiki lächelte ihren Hund an und tätschelte ihm den Kopf.
"Mhmm", brummte er unbestimmt, stellte allerdings erfreut fest, dass sie offensichtlich wieder milder gestimmt war. Vor einer Stunde war sie noch fuchsteufelswild gewesen und hatte ihn angebrüllt. Zum zweiten Mal an diesem Tag. Nach dem Jimi-Zwischenfall hatte sie ihn ja ein paar Stunden allein zuhause gelassen – und was sollte er sagen? Irgendwie musste sich ein Kerl doch abreagieren. Außerdem konnte sie sich eigentlich gar nicht beklagen, schließlich hatte er nur das Altpapier zerfetzt, also die Zeitungen im Korb neben der Wohnungstür, und die Papiersachen, die auf dem Esstisch lagen. Hey, es hätten auch ihre Schuhe sein können – aber er war schließlich ein gut erzogener Hund, er vergriff sich nicht an anderer Leute Spielzeug!
"Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?" Kikis Stimme klang eine Spur besorgt.
"Nein", brummte er, "nichts ist in Ordnung! Ich bin jung und will das Leben genießen, stattdessen lebe ich wie ein Mönch. Das ist ungesund und schlecht fürs Gemüt."
"Was ist denn los?" Sie kraulte ihrem Hund das bärtige Gesicht, und unwillkürlich entfleuchte ihm ein wohliger Grunzer. "Das gefällt dir, stimmt's?"
"Mhmmmmm", brummte er genießerisch. "Mach weiter!" Doch seine ignorante Menschenfrau sprang auf und schnappte sich das klingelnde Telefon.
"Paul? … Na ja, geht so. Ich hatte schon bessere Tage. Als ich vorhin heimkam, hatte Tobi sämtliche Zeitungen, meine letzten Entwürfe und die Versicherungsunterlagen auf Konfettigröße geschreddert. … Bitte, jetzt keine Vorwürfe. … Was heißt hier Unordnung? Die Papiere lagen auf dem Esstisch, wo du sie gestern hingelegt hast! ... Was kann ich dafür, dass er sich neuerdings Sachen vom Tisch holt? … Keine Ahnung, vielleicht war er sauer, weil ich ihn allein gelassen habe? … Ach ja, heute Morgen gab's auch mal wieder Stress mit diesem Border Collie und seiner dämlichen Besitzerin. … Ja, das war echt peinlich. Ich war gerade am Telefon und kurz abgelenkt, da reißt er sich los und geht Jimi ohne Vorwarnung an den Kragen. … Nein, Blut ist keines geflossen, aber ich habe Tobi so was von zur Sau gemacht. … Ich weiß auch nicht, was zurzeit mit ihm los ist. Vielleicht sollten wir mal zum Tierarzt? … Ja, du auch. Bis später. Küsschen." Sie legte auf und sah Tobi ratlos an.
Der seufzte schwer, denn was ihn neben seinem mehr als mangelhaften Privatleben echt am meisten nervte, waren diese ewigen Missverständnisse. Als ob er Jimi ohne Vorwarnung attackieren würde! Schließlich hatte er doch, ehe er ihm an die Gurgel gegangen war, laut und deutlich angekündigt: "Ich bring dich um!"
"Dafür musst du mich erst einmal erwischen!", hatte prompt die arrogante Erwiderung gelautet. Denn, falls das noch nicht klar geworden sein sollte, Jimi war nicht nur ein mehrfach prämierter Blödmann (Border Collie World Champion oder so ähnlich), sondern hielt sich durch sein komisches Agility-Training für den Megasportler schlechthin. Doch diesmal hatte er es ihm gezeigt. Touchdown! Voll auf den Rücken, die maximale Demütigung in der Hundewelt. Klar, dass Tobi ein bisschen stolz auf sich war, doch dann ging wieder das menschliche Gezeter los.
Kiki hielt sich schon wieder das Telefon ans Ohr – sie würde doch nicht ernsthaft beim Tierarzt anrufen? Doch offensichtlich meldete sich am anderen Ende keiner, denn sie rollte genervt mit den Augen und warf dann ihr Handy aufs Sofa.
"Sie rufen außerhalb unserer Sprechzeiten an", kündigte sie an. "Tobi, du hast Glück. Der Tierarzt hat heute zu und ehrlich gesagt, habe ich sowieso keine Lust auf dieses Theater."
"Ich auch nicht!", rief Tobi erfreut und warf sich schwanzwedelnd vor ihr in Pose. "Wir könnten doch rausgehen und was Tolles unternehmen!"
  "Weißt du was? Wir gehen jetzt erst eine Runde joggen und dann besuchen wir Marta und Rocky."
Na, wer sagt's denn? Es bestand vielleicht doch noch Hoffnung in der interkulturellen Kommunikation zwischen Hund und Mensch.

***

Gut zwei Stunden später begleitete er Kiki zu deren Freundin Marta Romano. Die schicke Italienerin betrieb den kleinen Weinladen "Marta's Vineyard" im Viertel und war außerdem die Zweibeinerin von Tobis bestem Kumpel Rocky. Nachdem er von Marta das obligatorische Begrüßungsleckerli geschnorrt hatte, trollte er sich zu dem Boxer, der es sich auf seiner Decke im hinteren Teil des Ladens gemütlich gemacht hatte und vor sich hin döste. Als Rocky träge ein Auge hochklappte, wollte er ihm umgehend von seinem vormittäglichen Gladiatorenkampf erzählen. Das Gespräch lief allerdings nicht ansatzweise wie gewünscht.
"Er war hier? Also wirklich, es ist mir ein Rätsel, warum du diesen Widerling überhaupt in deinen Laden lässt." Tobi glaubte es einfach nicht. Jimi und Roswitha Schultheiß waren am frühen Nachmittag hier gewesen. Und Jimi hatte Rocky alles brühwarm erzählt – allerdings natürlich nur in einer ausgesprochenen Pro-Border-Collie-Variante.
"Was soll ich machen?", erwiderte der alte Boxer. Rocky war fast fünfzehn, was in Menschenjahren etwa Johannes Heesters entsprach. "Ist ja nicht mein Laden, sondern Martas, und wenn sie meint, dass Jimi Kundschaft ist … Und außerdem habe ich keine Probleme mit ihm. Zu mir ist er immer ausgesprochen höflich."
"Was soll das denn jetzt heißen, nicht dein Laden? Wie passt das denn bitteschön zu deinen Regeln Nummer eins und vier?" Was war nur mit Rocky los? Altersmilde? Seit Tobi denken konnte, musste er sich tagein tagaus 'Rockys Regeln für ein erfolgreiches Hundeleben' anhören. Und selbstverständlich versuchte er alles Hundemögliche, sich daran auch zu halten. Was oft eine echte Herausforderung darstellte. Aber jetzt hielt sich der Urheber plötzlich selbst nicht mehr daran? Wurde er langsam senil oder was?
Weil Rocky aber zunächst gar nicht reagierte – war er eingeschlafen oder tot? –, rief Tobi sich sicherheitshalber noch einmal alle Regeln ins Gedächtnis:
1.      Hunde sind die überlegene Spezies!
2.      Wir pinkeln immer im Stehen! Daher sind wir Hündinnen überlegen. (Erweiterung zu Regel eins: Rüden sind die überlegene Spezies!)
3.      Wir fraternisieren NIEMALS mit anderen – unwürdigen – Haustieren wie Katzen, Wellensittichen oder Hamstern! (Vgl. Regel eins)
4.      Wir hören nur dann auf unsere Menschen, wenn es uns sinnvoll erscheint! (Vgl. Regel eins)
5.      Wir zeigen keine Schwäche, kennen kein Mitleid und machen immer, was wir wollen! (Vgl. Regel eins)

"Weißt du, manchmal frage ich mich, ob du wirklich reif genug bist, meine Regeln zu verstehen", kam es nach einer gefühlten Ewigkeit doch noch von Rocky. Er war also noch am Leben! Wie schön.
Inzwischen war aber auch Tobi ein wenig eingedöst und verstand gerade nur Bahnhof.
"Was? Wieso das denn? Wieso soll ich nicht reif genug sein für deine Regeln?"
"Also gut", Rocky grunzte resigniert. "Noch mal von vorn. Jimi hier in den Laden zu lassen, war natürlich kein Regelverstoß. Das Geschäft gehört Marta. Und damit basta! Finito!" Gelegentlich kehrte der alte Recke seine Italienischkenntnisse hervor.
"Aber wenn wir die überlegene Spezies sind, warum gehört es dann nicht dir?" Wenn das mal keine berechtigte Frage war …
"Weil Hunde keine Läden führen! Ganz einfach. Das ist unter unserer Würde, das haben wir gar nicht nötig."
"Aha." Sehr überzeugend war das nicht gerade. Andererseits, was sollten Hunde auch mit einem Weinladen? Hundefutter wäre etwas anderes, aber ... egal.
"In Regel vier predigst du aber doch, dass wir nur auf unsere Menschen hören, wenn es uns sinnvoll erscheint. Wie passt das damit zusammen, dass du diesen Kotzbrocken reinlässt?" Pah, damit hatte er ihn.
"Das ist kein Widerspruch. Wenn Marta will, dass ich nett zu den Kunden bin, damit sie hier möglichst viel einkaufen, ist das auch zu meinem Vorteil. Schließlich zahlt sie mein Essen. Und wie gesagt, Jimi ist immer höflich zu mir."
"Natürlich ist er das, der eklige Schleimer! Mit dem Boss im Revier legt sich nicht einmal ein selbstherrlicher Border Collie an. Trotzdem nervt es mich total, dass du zu ihm nett bist."
"Ich bin nicht nett zu ihm, er interessiert mich nicht mal."
"Was dich aber offenbar nicht daran hindert, ausführlich mit ihm zu plaudern und über den dummen Tobi zu lästern." Der Airedale fühlte eine frische Woge Selbstmitleid über sich zusammenschlagen. Er kam sich ein bisschen betrogen vor von seinem besten Freund, ach was, Vaterersatz. An wen sollte er sich denn noch halten, wenn nicht einmal mehr Rocky auf seiner Seite stand?
"Jetzt jammere nicht rum", grantelte der Alte ärgerlich. "Ich habe nicht mit ihm gesprochen! Seine Menschenfrau hat alles Marta erzählt, und er hat es kommentiert. Ich hab ja kaum zugehört."
"Na gut, aber jetzt will ich dir meine Sicht der Dinge schildern."
"Tobi, können wir nicht mal das Thema wechseln? Übers Wetter reden? Wie lange es wohl noch so nass und kalt bleiben wird wie im Moment? Mir tun alle Knochen weh, und ich sehne mich nach dem Frühling."
"Da hast du es doch. Du findest das Wetter wichtiger als mich! Versteh mich doch: Ich will endlich leben!"
"Aber du lebst doch, was willst du noch? Und warum beneidest du diesen Wichtigtuer Jimi so sehr?"
"Weil er alles hat, was ich mir wünsche!"
Rocky linste den frustrierten Jüngling träge aus seinem Knautschgesicht an und grunzte dann mit ätzender Ironie in der Stimme: "Ach? Du wünschst dir also einen so nervigen Menschen wie diese Schultheiß, die dich täglich auf Hochglanz striegelt und jedes Wochenende auf eine andere Hundeschau scheucht? Und die von dir verlangt, alberne Kunststückchen auf Befehl abzuspulen und immer das zu tun, was sie sagt? "
"Natürlich nicht! Ich will Aufmerksamkeit, Bewunderung, eine Filmkarriere, Weiber, Sex! Vor allem Sex! Ich will einfach nur das, was mir zusteht: Regel zwei: Rüden sind die überlegene Spezies! Ich bin drei Jahre alt, erwachsen, gesund. Und ich habe Bedürfnisse!"
"Glaub einem alten Kerl wie mir: Das geht vorüber. Außerdem sind die Frauen den ganzen Stress nicht wert." Damit rollte Rocky sich zusammen und war Augenblicke später tief eingeschlafen.
Toller Tipp – und so ergiebig! Grrr! Tobi schaute zu Kiki und Marta, die sich offensichtlich immer noch was zu erzählen hatten. So schnell kam er wohl nicht heim.
Also schloss er die Augen und holte Laila zurück in seine Träume. Wo sie mit ihrem glänzenden Fell auf ihn zugetänzelt kam, ihm kokett die Schnauze ableckte und dann ins Ohr raunte ...

"Tobi, aufwachen! Wir gehen heim."


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Das klingt doch schon sehr vielversprechend oder? Das Cover finde ich selber total klasse und sehr passend. 

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