Dienstag, 9. September 2014

[Lesedeal] WANN WENN NICHT JETZT von Olivia de Winter


Es ist wieder Lesedealzeit. Heute darf ich euch den Debütroman von der sympatischen Autorin Olivia De Winter vorstellen. ab dem 14.09 soll das ebook dann erhältlich sein und wenige Tage später dann das TB.




WANN

WENN NICHT


JETZT


Kapitel 1
Reinfälle in Serie 


In all den Jahren hatte Vio viele wunderschöne Ecken der Stadt kennengelernt – Frankfurt wurde da im Allgemeinen völlig unterschätzt –, aber erst vor zwei Jahren hatte sie ihren absoluten Lieblingsplatz entdeckt: die Maininsel an der Alten Brücke. Dieses winzige Naturschutzgebiet war nicht öffentlich zugänglich, sondern dem ‚Frankfurter Ruderverein von 1865’, der sein Vereinshaus auf der Insel hatte, vorbehalten. Das war sicherlich einer der Gründe, warum Vio gerade hier Mitglied geworden war und selten eines der Feste des Clubs versäumte.
Mit einer Weißweinschorle in der Hand stand sie abseits von den anderen, die sich um den Grill geschart hatten und gierig auf die ersten Würstchen und Steaks warteten. Von ihrem Lieblingsplatz, einer erhöhten, hölzernen Plattform, aus genoss sie im Dunklen die Aussicht über den ruhigen Fluss auf den beleuchteten Dom. Der Anblick war so bezaubernd, dass Vio endlich das morgendliche Genmais-Debakel und die Auseinandersetzung mit Fackermann aus ihren Gedanken verbannen konnte.
„Diese Insel muss das schönste Fleckchen Erde in Frankfurt sein“, hörte sie plötzlich eine Stimme von links.
Vio fuhr hektisch herum. Bei all der Musik und den Gesprächen hatte sie niemanden heraufsteigen hören.
„Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken!“ Ein Grinsen blitzte auf. Ein unwiderstehliches Grinsen, um genau zu sein. Mutmaßlich die Mutter aller unwiderstehlichen Grinsen. Und es gehörte einem Fremden, dem es ausgesprochen gut stand. „Hi, ich bin Bene.“
Benedikt van der Rijk – der Neuzugang, natürlich! Unter den Frauen im Club hatte es seit Wochen fast kein anderes Thema mehr gegeben. In jedem Gespräch fiel irgendwann ein Satz wie „Hast du Bene schon kennengelernt?“, „Ach, ich wünschte, ich wäre zehn Jahre jünger, der wäre genau mein Fall!“ oder „Schade, dass er immer Einer rudert, so lernt man ihn ja nie richtig kennen.“
Jetzt, wo er vor ihr stand, konnte Vio die ganze Aufregung sehr gut verstehen. Dieser Bene sah wirklich verboten gut aus! Mit seinen etwas längeren, von der Sonne gebleichten Haaren, den blauen Augen und den muskulösen Schultern könnte man ihn sich auch perfekt auf dem Titelblatt der ‚Men’s Health’ vorstellen.
„Du kannst doch sprechen, oder?“ Das neckische Grinsen wurde noch eine Spur breiter. Offenbar war er es gewohnt, dass Frauen in seiner Gegenwart zu Salzsäulen erstarrten. Er stieg die letzten Sprossen der Leiter zu ihr hinauf und stand nun in seiner ganzen Größe vor ihr. Sie reichte ihm gerade mal bis zur Schulter, obwohl sie fast 1,70 m groß war.
„Ach weißt du, das mache ich den ganzen Tag für Geld. Privat rede ich eigentlich nie.“
Auf Benes Stirn bildete sich eine Falte, und er sah eindeutig irritiert aus. Ups! Kein Fan von Ironie.
„Scherz. Ich bin Vio.“ Lächelnd streckte sie ihm ihre Hand entgegen. Sein Gesicht entspannte sich, und er nahm ihre Hand.
„Oh, Viola Hagenstett ...  die Frau Moderatorin!“ Wie originell. War ja klar: großartige Optik, nichts dahinter. Aber mit diesem Grinsen kam der Kerl sicher auch ohne coole Sprüche weit genug, vermutete Vio. „Die Mädels hier im Club sind alle große Fans von dir“, fügte er hinzu.
Von dir noch viel mehr, dachte Vio, ließ diesen Gedanken aber lieber unausgesprochen.
„Und jetzt, wo ich dich endlich kennenlerne, kann ich sie wirklich gut verstehen“, fuhr Bene fort und ließ seinen Blick mit größter Selbstverständlichkeit an ihr hinunter- und wieder heraufgleiten. „Wobei ich vermutlich etwas andere Beurteilungskriterien habe ...“

* * *

„Du hast was???“, Gwens Empörung war weder zu übersehen noch zu überhören.
„Ein Taxi nach Hause genommen! Ja, ich weiß, das war blöd ...“
Gestern Abend war es Vio noch sehr vernünftig und clever vorgekommen, Bene nach ein bisschen Geplänkel und einem eher flüchtigen Gute-Nacht-Kuss auf der romantischen Insel nicht mit nach Hause zu nehmen. Okay, vielleicht traf ‚vernünftig und clever’ nicht ganz den Kern der Sache. Sie war wirklich ziemlich außer Übung, was Männer betraf. Ihre letzte Affäre lag etliche Monate zurück, und ihre letzte richtige Beziehung sogar fast drei Jahre. Und beides gab wenig Anlass, sich selbstbewusst in das nächste Abenteuer zu stürzen. Aber immerhin hatte sie Bene ihre Telefonnummer gegeben! Allerdings hatte er sich bisher noch nicht gemeldet, also war die schnelle Flucht getreu Großmutters Ratschlag ‚Willst du gelten, mach dich selten!’ wahrscheinlich doch eine Fehlkalkulation gewesen.
„Blöd ist überhaupt kein Ausdruck!“ Gwen war jetzt voll in Fahrt. „Da hören wir uns seit Monaten – ach, was sag ich, seit Jahren! – dein Gejammer an, dass es in Frankfurt keine tollen Männer gibt und dann wirft sich dir dieses Schnittchen direkt in den Weg und du lässt die Chance vorbeiziehen!“
„Der ruft bestimmt noch an. Und wenn nicht, hast du ja auch seine Nummer und kannst dich bei ihm melden“, schaltete Gitti sich ein.
Brigitte Graf war Vios älteste Freundin, die sie praktisch aus Sandkastenzeiten kannte. Und offensichtlich hatte sie keine Ahnung von Männern. Sie und Bene anrufen, das wäre ja noch schöner!
„Das mache ich ganz bestimmt nicht! So etwas habe ich gar nicht nötig.“
Gwen und Gitti verdrehten in seltener Einigkeit die Augen, während Vio mit großer Geste die Bedienung heranwinkte, um eine neue Runde Sprizz zu ordern. Bei dem schönen Wetter saß das Trio mitten im Trubel vor dem ‚Sugar’ auf der Berger Straße, das ihre Stammkneipe war, seit Gwen vor einem guten Jahr ins Nachbarhaus eingezogen war.
„Ach, Leute, ihr wisst doch, dass das nicht funktionieren würde“, verteidigte Vio sich. „Männer sind Jäger! Wenn die Beute sich ihnen freiwillig ergibt, langweilt sie das nur.“
„Alternativ kann die Beute natürlich auch allein in ihrem Designer-Bau sitzen und Wohnzeitschriften lesen. Das ist als Freizeitbeschäftigung ja total unterschätzt.“
Gitti hatte für Vios Designtick nicht besonders viel übrig. Sie selbst war Tierärztin im Taunus, Fachgebiet Pferde, und hatte ihre Praxis und Wohnung auf dem Hof, den sie von ihren Großeltern geerbt hatte. Einrichtungsmäßig hatte sich da nicht viel getan seit den 70er Jahren. Die Sachen waren ja schließlich noch 1A in Schuss – zumindest sah Gitti das so.
„Du hast leicht reden! Dein Erik ist dir ja praktisch in den Schoß gefallen mit seinem kranken Gaul.“
„Das verletzte Springpferd, das ich in vier Wochen wieder fit hatte! Und danach hätte ich Erik auf jeden Fall angerufen, um ihn wiederzusehen.“
„Wenn er nicht sowieso sofort mit einem Blumenstrauß und einer Essenseinladung vor deiner Tür gestanden hätte. Ist klar!“
Gittis Blick verklärte sich augenblicklich. Sie war seit fast zwei Jahren mit Erik zusammen und verliebt wie am ersten Tag. Außerdem würde Erik in puncto erstes Date wohl für alle Zeiten ungeschlagen bleiben. Das Abendessen, zu dem er Gitti eingeladen hatte, war nämlich ein äußerst formidables Picknick mitten in einem Weinberg im Rheingau gewesen.
„Und du hast mir immer noch keinen seiner Bekannten vorgestellt“, fuhr Vio fort. „Da wäre sicher jemand Passendes für mich dabei.“
„Schätzchen, du weißt doch, dass ich diese Berater und Banker nicht ausstehen kann. Erik ist eine Ausnahme, aber der Rest von diesen Typen ist total öde. So einen willst du nicht, glaub mir das!“
„Das ist doch ein Vorurteil. Da gibt es bestimmt eine Menge netter Männer. Und so einer würde auch zu mir passen. Was will ich denn bitte – jetzt nur mal rein hypothetisch – mit so einem jungen Typen wie Bene, der nur Sport macht und irgendwelchen Marketing-Web-2.0-Kram, von dem ich nichts verstehe. Darüber brauchen wir also wirklich nicht länger zu reden ...“
„Kann man wenigstens mal ein Foto von dem Kerl sehen? Nur damit wir wissen, von wem wir hier nicht reden?“, schaltete Gwen sich wieder ein.
„Klar“, antwortete Vio und zog ihr iPad aus der Tasche. Natürlich hatte sie Bene schon gestern Nacht ausführlich gegoogelt. Man musste ja zumindest wissen, wen man da geküsst hatte! Und heute Nachmittag hatte Orna, die gute Seele des Ruderclubs, Partyfotos vom Vorabend online gestellt.
„Das ist er.“ Sie legte das Gerät auf den Tisch und begann, das Fotoalbum ‚Ruderclub Party Saisonstart’ durchzublättern. Orna gehörte offensichtlich zu den Bene-Fans der ersten Stunde, denn er war auf knapp der Hälfte der Fotos zu sehen.
Das ist er? Hast du nicht was von ‚ziemlich gutaussehend’ gesagt? Der Typ ist eine Zehn, wenn du mich fragst!“ Gwen vergrößerte eine der Aufnahmen so, dass nur noch Benes muskulöser Oberarm zu sehen war.
„Aber hallo! Den rufst du an – und wenn ich selbst wähle und dir den Hörer ans Ohr halte“, stimmte Gitti vehement zu. „Blätter mal weiter!“, ermahnte sie Gwen, die immer noch fasziniert zwischen Benes Ellenbogen und Schulter hin- und herscrollte.
Optisch einwandfrei, das musste Vio zugeben. Aber deswegen musste man doch nicht gleich durchdrehen. Inzwischen waren ihre Freundinnen bei dem besten Foto aus der Reihe angekommen: Bene, der mit einem Bier in der einen Hand sich mit der anderen die blonden Strähnen aus der Stirn strich und dabei mit diesem unverschämten Grinsen direkt in die Kamera blickte. Er sah wirklich wahnsinnig gut aus ... und sehr sexy ... und unglaublich jung ...
„Wie alt ist der denn eigentlich?“, riss Gitti sie aus ihrer Träumerei. Dafür hatte man wohl Uraltfreundinnen – zwei Seelen, ein Gedanke.
„Zweiunddreißig. Allein das ist schon ein Ausschlusskriterium. Damit mache ich mich doch total lächerlich.“
„Ach Quatsch, ältere Frau – jüngerer Mann, das liegt nach wie vor voll im Trend.“ Gwen konnte beim Thema Promi-Tratsch und -Klatsch kaum jemand das Wasser reichen.
„Na klar, ich suche mir meine Männer ja auch nach Trendkriterien aus! Und ‚Cougar’ wollte ich schon immer unbedingt mal sein.“ Vio rollte mit den Augen.
„Jetzt übertreib mal nicht. Dass du bald vierzig wirst, sieht man dir überhaupt nicht an. Keine Ahnung, warum du damit ein Problem hast.“ Gwen hatte ein sagenhaftes Talent, die unangenehmsten Dinge nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
„Kinder, wenn ich nicht sofort etwas zu essen bekomme, kippe ich um“, wechselte Gitti – die ihren Vierzigsten ohne großes Aufheben bereits vor einigen Monaten hinter sich gebracht hatte – wenig unauffällig das Thema. „Kann jemand von hier aus die Tageskarte lesen? Ich brauche dringend einen Riesenteller Pasta.“
Eigentlich hätte das Ablenkungsmanöver durchaus funktionieren können, aber genau in diesem Moment erklang ein iPhone-SMS-Ton. Vio und Gwen griffen gleichzeitig nach ihren Handtaschen, während Gitti sich entspannt zurücklehnte. Sie selbst hatte ein uraltes Handy und schaltete es auch fast nie an. Dementsprechend hatte sie keinen Grund, in Hektik zu verfallen.
„Das war meines“, verkündete Gwen eine Spur mitleidig. „Wartet mal ... Cool! Carla zieht nach Frankfurt, sie hat einen Job in Mainz ab nächstem Monat. Ist eine Kollegin von dir, Vio. Die wirst du mögen. Eine Klassefrau!“
Bevor nähere Informationen zu der ominösen Carla eingeholt werden konnten, piepte es wieder. Vier Augen richteten sich auf Vio.
„Diesmal war es deines, Herzchen“, erklärte Gwen völlig unnötig.
Mit leicht zittrigen Fingern griff Vio erneut nach ihrem Telefon und öffnete die Nachricht.
Hi, schöne Frau, wie wär’s? Wollen wir das gute Wetter nutzen und morgen eine Runde rudern gehen? 15 Uhr Hand am Boot. Lg, Bene
Vio wurde plötzlich ganz flau im Magen. Er hatte sich gemeldet! Gut, Rudern war das, was man eben gemeinsam tat, wenn man Mitglied im selben Ruderclub war. Ein Date sah anders aus. Aber immerhin hatten sie sich gestern Abend geküsst, und wenn sie daran zurückdachte, bekam sie sofort wieder weiche Knie. Diese Schultern und diese weiche Haut an der Stelle, wo sie in den Hals übergingen ... und wie gut er roch, so natürlich und frisch und nach Abenteuer ...
„Lass sehen, was er schreibt!“ Gitti griff sich das Handy, während Gwen sich neugierig über den Tisch beugte.
Offensichtlich gab es immer noch Momente, in denen erwachsene Frauen sich benahmen wie Teenager, selbst wenn sie kurz vor den Wechseljahren standen, kam es Vio in den Sinn, als sie ihre Freundinnen betrachtete. Würde das denn nie aufhören?
„Geil! Du hast ein Date mit Mr. Supersexy!“, rief Gwen begeistert.
„Das ist kein Date. Er will mit mir rudern gehen. Dazu verabredet man sich, wenn man im selben Club ist“, wiegelte Vio halbherzig ab.
„Ich dachte, die Leute im Club wissen nicht viel von ihm, weil er immer Einer rudert?“, widersprach Gitti mit unbestechlicher Logik. „Vom Rudern verstehe ich ja nichts, aber ich gehe mal davon aus, dass man zu zweit nicht im Einer rudert, oder?“
Um Gottes Willen, mit Bene im Rennzweier! Vio beschlich die Panik. Bene war, so viel hatte sie seinen Erzählungen und denen der anderen entnommen, ein extrem guter Ruderer, der in der Vergangenheit haufenweise Wettbewerbe gewonnen hatte und immer noch regelmäßig an Regatten teilnahm. Sie selbst war erst seit knapp zwei Jahren dabei und kam inzwischen gut mit dem allgemeinen Tempo mit, aber von seinem Niveau war sie Lichtjahre entfernt.
„Ich kann unmöglich mit ihm rudern gehen! Dafür bin ich nicht gut genug!“
„Sei nicht albern. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass er dich treffen will, weil du der perfekte Ruderpartner bist. Der sucht doch ganz sicher eine ganz andere Art von Trainingspartner. Alles neu macht der Mai ...“ Gwen grinste anzüglich.
„Jetzt musst du auf jeden Fall erst mal zusagen“, ergänzte Gitti pragmatisch. „Ich weiß ganz genau, dass du morgen nichts Besseres vorhast. Also keine dummen Ausreden. Und zur Feier des Tages gönnst du Hungerhaken dir mal eine Pizza!“

* * *

Als Vio am nächsten Tag um kurz nach drei im Ruderclub ankam, hatte Bene das Boot schon ins Fahrtenbuch eingetragen. Er hatte sich für einen Zweier namens ‚Pech und Schwefel’ entschieden. Na, wenn das kein gutes Omen für ein erstes Date war, dachte Vio, auch wenn das hier technisch betrachtet gar keines war. Aber nur nicht zu viel in die Bootsauswahl hineininterpretieren, ermahnte sie sich sofort. Immerhin gab es ja im Club keinen Zweier namens ‚Pest und Cholera’, den er alternativ hätte auswählen können.
„Nach vorne, Schöne“, kommandierte Bene gut gelaunt, als sie das Boot klargemacht hatten. Als er sah, dass sie widersprechen wollte, fügte er hinzu: „Ich hab den Obmannschein.“
Großartig, dann wusste er also auch schon, dass sie die Prüfung vor vier Wochen nicht bestanden hatte! Dabei war das nur eine Anhäufung von unglücklichen Zufällen gewesen, und sie konnte das Ganze auch vor Ende des Sommers wiederholen. Es gab also überhaupt keinen Grund, hier den Profi raushängen zu lassen.
Aber ‚Obmann sagt an’, das war die Regel, und so setzte sie sich ohne Murren auf den vorderen Platz im Boot. Auch wenn sie diesen Platz hasste. Denn beim Rudern saß man ja mit dem Rücken zur Fahrtrichtung, also musste der vorne Sitzende sich dauernd umdrehen, um zu sehen, ob ein Hindernis kam.

Beim Rudern auf Bene schauen zu müssen war die Hölle! Nicht, dass sie sein Tempo nicht halten konnte – er war glücklicherweise nicht im Regatta-Modus unterwegs –, aber irgendwie brachte der Anblick vor ihr sie dauernd aus dem Takt. Es gab doch tausend Vorschriften. War da nicht eine dabei, die besagte, dass man keine Kleidung tragen sollte, die Mannschaftskollegen die Konzentration raubte? Hätte er nicht irgendein albernes, buntes T-Shirt in XXL tragen können? Aber nein, der Mann mit dem perfekt durchtrainierten Körper musste natürlich in einem engen, weißen Shirt antreten, das sein Muskelspiel noch besonders betonte. ‚Rudern trainiert alle Muskelgruppen’ – das war der Satz, der sie zu diesem Sport geführt hatte, aber das jetzt so deutlich vorgeführt zu bekommen, war wirklich nicht hilfreich!
„Alles klar bei dir? Du bist so schweigsam“, erkundigte sich Bene, während er sich umdrehte. Natürlich ohne aus dem Takt zu kommen.
„Alles bestens“, gab sie lächelnd zurück – und sah für einen kurzen Moment, wie sich Benes Augen plötzlich erschrocken weiteten. Sein „Achtung!“ hörte sie noch, aber dann ging alles ganz schnell: Etwas Hartes erwischte sie schmerzhaft direkt am Hinterkopf und das Boot kippte.
Das Nächste, was Vio wahrnahm, war nasse Kälte und eine Lunge voller Wasser. Keuchend kämpfte sie sich an die Oberfläche des Mains zurück. Vielleicht hätte sie doch nicht das Kenter-Training schwänzen sollen ... Aber wer konnte schon ernsthaft damit rechnen, in den Main zu fallen!
In dem Moment fühlte sie Benes Arm um ihren Oberkörper. Natürlich, so ein Rennzweier war ein fragiles Ding – wenn einer rausfiel, hatte der Zweite keine Chance, trocken zu bleiben.
„Ruhig atmen, schön langsam.“
Vio holte tief Luft. Ein und aus ... Ein und aus ...
Mit jedem Atemzug spürte sie deutlicher die Nähe von Bene, der sie umklammerte, während er mit der anderen Hand das Boot festhielt. Sie sah ihn an. Im Wasser war der Größenunterschied zwischen ihnen verschwunden und sie waren direkt auf Augenhöhe. Bene sah ihr ins Gesicht, ohne eine Miene zu verziehen. Zwei, drei Sekunden verstrichen und Vios Anspannung wuchs ins Unermessliche. Würde er sie jetzt küssen?
„Alles klar bei dir?“
Okay, Küssen war offensichtlich nicht angesagt.
„Ja, geht schon“, stieß sie nervös hervor. Von ruhigem Atmen war sie fast ebenso weit entfernt wie direkt nach ihrem Sturz aus dem Boot. Aber Bene schien es gar nicht zu bemerken.
„Ich fasse es nicht“, verkündete er fröhlich. „Da gibt es auf der ganzen Strecke bis Oberrad nur eine einzige Weide, die derart tief über den Main hängt, und genau die müssen wir treffen.“ Er lachte.
Der Mann hatte wirklich ein sonniges Gemüt! Aber immerhin hatte er sehr diplomatisch ‚wir’ gesagt, obwohl glasklar war, wen die Schuld an dieser Schwimmeinlage traf.
„So, lass uns mal das Boot ans Ufer schleppen, damit wir wieder heil hineinkommen. Und dann ist zurückrudern angesagt.“
Folgsam begann Vio mit einer Hand am Boot hinter ihm her die kurze Strecke zum Ufer zu schwimmen. Dabei hoffte sie inständig, dass er mit ‚zurückrudern’ nur das Boot gemeint hatte.


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UUUUND konnte ich euch nun etwas neugieriger auf das Buch machen? Ich hoffe es doch mal sehr. Zu dem Buch habe ich noch eine kleine Überraschung für euch, dazu aber mehr die Tage auf meinem Blog *zwinker*

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