Donnerstag, 21. August 2014

[Doppelter Lesedeal] Make it count - Sommersturm & Make it count Dreisam

Zum ersten mal gibt es heute einen doppelten Lesedeal für euch und zwar von den Autorinnen Ally Taylor & Carrie Price. Haltet den 25. August im Augen denn da gehen beide Bücher an den Start. Wenn ihr nun wissen wollt was euch erwarten wird, ich lade euch zum stöbern ein:


Jen

Der Wind lässt meine langen, braunen Haare tanzen.
Die Luft schmeckt nach Meer.
Die Sonne streichelt zart über meine gebräunte Haut, während die Wasseroberfläche wie tausend Diamanten unter dem Boot funkelt.
Wenn es eine Jahreszeit gibt, die ich gerne für immer festhalten will, dann ist es der Sommer. Weil im Sommer alles nicht so schlimm ist. Die Tage er­schein­en uns länger, aber wir füllen sie mit wunder­schönen Erinnerungen, die wir an den verregneten Herbst­tagen wie eine Diashow durch unseren Kopf jagen. Im Sommer tun auch die hässlichen Erinnerung­en weniger weh.
Hier, auf dem Meer, könnte ich fast glauben, dass mein Leben perfekt ist. Vor mir in der Ferne liegt der Hafen von Oceanside, mit den vielen kleinen Booten, die wie Perlen an einer Halskette aufgereiht sind. Der Pier mit den zahlreichen Menschen, die jetzt so weit weg sind, und deren Geschnattere mich nicht erreicht, weil der Wind lieber die Geräusche der Natur zu mir trägt. Das Kreischen der Möwen, ein sicheres Zeichen, dass wir schon auf dem Rückweg sind.
Das Boot schaukelt ein bisschen hin und her, während sich das große Segel vom Wind aufblasen lässt und so weiß aussieht, wie ein frisch gewaschenes Leintuch am Himmel. Meine Sonnenbrille schiebe ich mir in die Haare und beobachte, wie das Wasser vom Boot durchschnitten wird, wie die kleinen Wellen sich kräuseln. Ich liebe das Meer. Ich liebe den Sommer. Ich schließe die Augen und konzentriere mich auf diesen kurzen Moment, der nur mir gehört. Diesen Moment, den ich ins Einmachglas der Erinnerungen stecken werde, das ich dann in einigen Monaten wieder öffne, um mir die Geräusche, den Duft und das Gefühl des Sommers wiederzuschenken. Nur so überlebt man die dunklen Monate, in denen man nicht hier sein kann. Die Monate, in denen man nicht frei ist ...
„So eine verdammte Scheiße!“
Seine Stimme rüttelt zuerst nur leicht an meinem perfekten Moment, so wie ein Kind an dem Rock der Mutter zupft, wenn es Aufmerksamkeit will.
„Fuck!”
Doch dann stößt er mit seinen Flüchen die Tür zu meinem geheimen Ort auf. Ich öffne die Augen, bin zurück im Hier und Jetzt – und sehe den kleinen Yachthafen bedrohlich schnell näherkommen.
„Fuck, wie funktioniert dieser Scheiß denn?”
Da steht er in seinem strahlenden, hellblauen Polo­shirt, dessen Kragen er nach oben geklappt hat, weil es cool wirken soll. Dabei sieht alles schlichtweg nur dämlich aus: Seine dunkelblauen, kurzen Cargohosen mit Bügelfalte, auch die schicken Segelschuhe, die da­rauf hinweisen sollen, dass er gerne segelt. Die letzten zwei Stunden haben mich erfolgreich vom Gegenteil überzeugt. Kevin Bennett, der blonde Surferboy mit dem strahlenden Lächeln und den klaren Augen, mag aussehen wie ein perfekt gestylter, junger Mann, dessen größtes Hobby Segelboote sind. Aber die Realität ist leider eine andere. Nur meine gute Erzieh­ung verbietet es mir, ihm zu sagen, für wie unfähig ich ihn halte. Also stehe ich lächelnd auf und nehme ihm die verschiedenen Seile aus der Hand.
„Das ist ganz einfach ...”
Ich ziehe an einem Seil und das Segel über unseren Köpfen bewegt sich, das Boot folgt dieser Anweisung und verliert an Geschwindigkeit. Ich greife nach dem Ruder und lenke es sanft an einer ziemlich teuer aus­sehenden Segelyacht vorbei. Sie liegt glänzend im Hafen, frisch poliert, als würde sie jeden Tag von einem ganzen Reinigungstrupp gewartet. Als würde sie nur auf den großen Einsatz für eine Regatta oder eine Weltumsegelung warten. Annie steht in geschwungener Schrift am Bug. Für einen kurzen Augenblick bleibt alles in mir und um mich herum stehen – und ich verliere diesen Moment.
Mit einem lauten Krachen prallt unser Boot gegen den Steg. Kevin hält sich an der kleinen Reling fest und wirft mir einen genervten Blick zu.
„Ganz toll, Jenny! Wolltest du uns umbringen?”
Wollte ich das? Ich weiß, es ist eine rhetorische Frage, aber manchmal würde ich sie gerne beantworten. Be­deutet Leben nicht auch Sterben? Sterben wir nicht alle langsam, während wir leben?
„Fuck! Mein Dad bringt mich um, wenn er das sieht!”
Wieder ist es Kevins Stimme, die mich zurück in die Realität holt, als er sich über die Reling beugt und das ganze Ausmaß des Zusammenpralls begutachtet. Ich habe in meinem Leben einige Segelunfälle miterlebt. Die Sache hier ist maximal ein kleiner Kratzer, ganz sicher nicht mehr ...
„Ganz toll gemacht, Jenny. Wie soll ich das denn jetzt erklären?”
Versuch es mal mit der Wahrheit! Dass du keine Ahnung vom Segeln hast und ich dich da draußen vor geschätzten zwanzig Anfängerfehlern bewahren musste!
„Es tut mir leid, Kevin. Ich war unaufmerksam.”
Erneut spiele ich eine Rolle, die ich in den letzten Jahren immer wieder gespielt habe. Die ich beherrsche wie keine zweite Person, und die mir an manchen Tagen gar nicht mehr wie eine Rolle, sondern wie mein wahres Ich vorkommt.
„Mit ein bisschen Politur ist das verschwunden. Und, wenn ich das erwähnen darf, ich würde sagen, die junge Dame hat dir da draußen den Arsch gerettet. Oder wolltest du eine Eskimorolle mit dem Boot hin­legen?”
Ich höre die raue, tiefe Stimme, bevor ich das Gesicht dazu sehen kann. Kevin dreht sich, ebenso über­rascht wie ich, zu dem Mann am Steg um. Er trägt dunkelblaue Jeans, die schon mal bessere Tage gesehen haben, dazu ein weißes Unterhemd, das sich über seinen muskulösen Oberkörper spannt. Seine kurzen, braunen Haare scheinen dem bekannten Out-of-Bed-Look zu folgen, und seine warmen, braunen Augen funkeln Kevin herausfordernd an. Er scheint viel Zeit an der frischen Luft zu verbringen, denn seine Haut ist von der Sonne gebräunt. Schnell greift er nach dem Seil am Bug des Bootes und bindet es an einer in der Nähe schwimmenden Boje fest. Kevin starrt ihn noch immer fassungslos an, bevor er seine Stimme wiederfindet.
„Sie hat das Boot von meinem Vater fast geschrottet!”
Der junge Mann an Land schüttelt leicht lächelnd den Kopf.
„Sie hat dir nur gezeigt, wie man segelt, Kumpel.”
Die Art und Weise, wie er das Wort “Kumpel” be­tont, lässt keinen Zweifel daran, dass die beiden genau das nicht sind.
„Und diese Schramme ...?”
Er ignoriert Kevin und sieht stattdessen zu mir. Seine Augen mustern mich kurz und ich spüre ein Kribbeln dort, wo sein Blick mich berührt. Meine Haut fühlt sich mit einem Mal ungewohnt heiß an.
„Die ist morgen nicht mehr zu sehen. Darum kümmere ich mich.”
Erst jetzt fallen mir die Ölspuren an seinen Händen auf. Er muss hier arbeiten. Im Yachtclub. Das würde zu­mindest seinen Aufzug an diesem herrlichen Sommer­tag erklären. Kevin nickt langsam, als auch er versteht, dass es sich um einen Angestellten des Clubs handeln muss.
„Ich zahle dafür keinen Cent.”
Der junge Mann verschränkt genervt die Arme vor der Brust, und ich kann sehen, wie seine Muskeln her­vor­treten. Nur eine kleine Geste, nicht mal besonders provozierend, aber Kevin wirkt davon eingeschüchtert. Ich hingegen bin fasziniert. Seine hellen, braunen Augen werden dunkler, als er Kevin anstarrt, und ich meine zu bemerken, dass sich sein Körper anspannt.
„Das habe ich von jemandem wie dir auch nicht erwartet.”
Kevin würdigt mich keines Blickes, als er vom Boot steigt. Dabei verheddert er sich auch noch fast in einem der Seile und bleibt nur mit Mühe auf den Beinen. Er lässt mich und den anderen Mann einfach stehen.
„Ich muss mich für sein Verhalten entschuldigen, er ist ...”
Mir will keine passende Formulierung einfallen, kein Wort, das beschreibt, was ich von Kevin halte.
„... ein arrogantes Arschloch?”
Dabei schenkt mir der junge Mann ein Lächeln und streckt mir die Hand entgegen, um mir den Abstieg vom Boot zu erleichtern. Sein Blick, der eben noch Kevin gegolten und fast gefährlich gewirkt hat, ist mit einem Mal sanft, warm und unverschämt sexy. Seine Mundwinkel sind zu einem leichten Lächeln verzogen, seine Augen – das kann ich sehen – scannen meinen Körper völlig unverhohlen. Ich fühle mich nackt unter diesem Blick aus seinen braunen Augen. Ich trage Jeansshorts und ein helles Top, durch welches man das farbige Oberteil meines Bikinis sehen kann. Als ich seine Hand endlich annehme, passiert etwas ... Als würde mich eine Welle mitreißen. Eine Woge, die einen nicht nach unten drückt, sondern sanft mit der Bran­dung nach Hause führt. Sein Blick, den er die ganze Zeit nicht abwendet, bringt mich sicher auf den Steg neben sich. Für mein Empfinden stehe ich vielleicht etwas zu nah an ihm dran, aber ich mache auch keine Anstalten, das zu ändern. Ich kenne zu viele Männer wie Kevin. Sie sind überall, sie sind wie der sprich­wörtliche Sand am Meer. Etwas an diesem Mann hier ist anders. Ich kann nur noch nicht so genau sagen, was es ist. Da er meine Hand noch immer in seiner hält, entscheide ich mich dafür, das als Ausrede zu be­nutzen, um seinen Namen in Erfahrung zu bringen. Ich fange also an, seine Hand zu schütteln.
„Jennifer Main.”
Wieder dieses Lächeln, wenn auch nur ganz kurz.
„Patrick Steel.”
Patrick Steel ... Nur ein Name, der allerdings nicht passend sein könnte. Sein Blick lässt mich für einen kurzen Moment erröten. So sehen Männer mich für gewöhnlich nicht an. Ich will wegsehen, aber es fällt mir schwer, mich von dem Anblick seines markanten Gesichts zu lösen. Er trägt einen Dreitagebart, an dem wohl schon eher vier oder fünf Tage keine Rasierklinge mehr zum Einsatz gekommen ist. Eigentlich reagiert mein Körper nicht so auf die Nähe eines Mannes – aber alles, was ich kenne, scheint gerade ziemlich aus den Fugen zu geraten. Nicht nur mein Herz hämmert wie verrückt, auch meine Wangen fühlen sich unge­wohnt heiß an. Dabei schütteln wir nur unsere Hände am Pier.
„Miss Main, ich werde mich um die Schramme kümmern.”
Seine Stimme, tief und vibrierend, schlägt diese eine Saite in meinem Inneren an, die auch dann noch schwingt, als er meine Hand loslässt und wieder den Abstand zwischen unsere Körper bringt, der vom Anstand gefordert wird.
„Vielen Dank, Mr. Steel.”
Er kann nur ein paar Jahre älter sein als ich. Obwohl er mit seinem Outfit hier, im schicken Bereich des Yachthafens, eine große Ausnahme bildet, fühle ich mich auf magische Weise zu ihm hingezogen. Er zwinkert kurz und wendet sich dann einem älteren Herren zu, der offenbar seine Aufmerksamkeit und seinen Rat braucht. Wie schade! Ich hätte plötzlich noch 327.362 Fragen an ihn, alles Vorwände, um mehr Zeit mit ihm verbringen zu dürfen. Aber mein Vater erwartet mich pünktlich und mit guten Nachrichten zurück. Ich werfe noch einen letzten Blick zu Patrick, der schon in das Gespräch mit dem Älteren vertieft ist, und spüre das Lächeln auf meinen Lippen. Ein ehrliches Lächeln. Eines, das ich viel zu lange nicht mehr gezeigt habe. Und schuld daran ist er: Patrick Steel.


Mein Dad erwartet mich im Restaurant des Yachtclubs mit einem liebevollen Lächeln, das über seine Augen­ringe hinwegtäuschen soll. Vermutlich gelingt es ihm bei den anderen Gästen, die ihm ehrfürchtig die Hand schütteln, aber mich kann er nicht täuschen. Manchmal habe ich das Gefühl, mein Vater spielt für alle eine Rolle – so wie ich. Er ist der erfolgreiche Geschäfts­mann, der es von der Provinz bis ins wunderschöne Oceanside geschafft hat. Yachtclubs an der ganzen Ostküste tragen unseren Namen. Seinen Namen. Die Liebe meiner Mutter zum Meer hat ihn schließlich für immer nach Oceanside gebracht, und diesen Sommer, das habe ich ihm versprochen, werde ich mit ihm hier verbringen.
„Du siehst aus, als hättest du eine tolle Zeit ge­habt.”
Er drückt mich an sich, und wie immer würde ich in seinen Umarmungen gerne die Zeit anhalten. Nur hier darf ich wieder Daddys kleines Mädchen sein, das fest daran geglaubt hat, dass ihr Vater alles aufhalten, ver­ändern und verbessern kann.
„Es war ein toller Tag bisher.”
Das Lächeln auf meinem Gesicht überrascht mich noch immer, weil es wieder mal schön war, draußen auf dem Boot – aber nicht so schön, um dieses Lächeln zu rechtfertigen. Nachdem wir Platz genommen haben, sieht mich mein Vater, James Main, gespannt an. Er hat das Date mit Kevin für mich arrangiert. Weil er denkt, er müsse das für mich tun, schließlich war ich nach meinem Ex-Freund Carl nicht mehr so richtig glücklich. Nun, zumindest denkt er das. Ich würde ihm so gerne sagen, dass ich keinen Mann an meiner Seite brauche, um einen schönen Sommer in Oceanside zu verbringen. Und das, was ich mir wünsche, damit ich wieder richtig lachen kann, das kann er mir nicht geben. Nicht mein Vater, nicht Carl – und ganz sicher nicht Kevin!
„Das freut mich. Kevin ist sehr angetan von dir.”
Er zwinkert mir verschwörerisch zu, reicht mir die Karte und winkt einen der Kellner zu uns an den Tisch.
„Hank, was immer meine Tochter will, sie be­kommt es.”
Hank, der junge Kellner, nickt und schenkt mir ein Lächeln. Es ist eines dieser “Oceanside-Lächeln”. So nenne ich sie. Seitdem ich hier bin, habe ich von allen Angestellten meines Vaters, von den Gästen, den Söhnen der Gäste, und allen anderen, die wissen, wer ich bin, genau dieses Lächeln bekommen. Mit einer Ausnahme ... Unauffällig schaue ich von der Terrasse, auf der wir sitzen, zum Hafen hinunter. Irgendwo dort kümmert sich Patrick Steel um die Schramme, die ich Kevins Boot verpasst habe. Patrick, dessen Lächeln anders war. Es wirkte nicht aufgesetzt, er wusste zu dem Zeitpunkt nicht, wer ich bin. Mir geht seine Berührung nicht mehr aus dem Kopf. Wie seine Haut sich angefühlt hat. Rau, aber nicht zu rau. Weich, aber nicht zu weich. Sein Blick, der erahnen lässt, dass er nicht aus Oceanside kommt. Das Funkeln, während er Kevin angesehen hat, als würde er Streit suchen – und dann sofort wieder die Sanftheit, als er mir vom Boot geholfen hat. Alleine der Gedanke an diese über­raschende Nähe, lässt mein Herz kurz größer werden.
„Jen, ich habe dich schon lange nicht mehr so lächeln sehen ...”
Ich drehe mich schnell wieder zu meinem Vater und zucke die Schultern, tue so, als wäre die Sonne oder der Ort schuld daran, während gleichzeitig das schlechte Gewissen meine Wirbelsäule nach oben kriecht. Ich will ihm nicht wehtun.
„Ich war nur wirklich gerne mal wieder draußen.”
Er nickt und greift nach der Serviette, weil er meinem Blick nicht standhalten kann. Aber diesen Sommer möchte ich es auf einen weiteren Versuch an­kommen lassen.
„Daddy, vielleicht fahren wir beide auch mal wieder raus. Was meinst du?”
Meine Stimme ist nicht viel mehr als ein Flüstern, weil ich weiß, wie schwer es ihm fällt. Es bricht mir das Herz, ihn so zu sehen. Seit so vielen Jahren schon. Er starrt auf die Serviette in seiner Hand, die kurz verdächtig zittert, dann schüttelt er langsam den Kopf.
„Ich habe zu viel zu tun. Ich treffe mich nachher noch mit Bill und ...”
„Daddy ... Nur ein kleiner Törn?”
Ich will nicht betteln, wie damals, als ich noch ein Kind war, und er sich von mir zu jeder Schandtat hat überreden lassen. Ein Blick aus meinen Rehaugen hat früher gereicht. Mein Dad hat dann alles stehen lassen, um mir am Hafen alles über Boote beizubringen, was er wusste. Damals ... Es liegt nur ein paar Jahre zurück, fühlt sich aber wie ein anderes Leben an. Sind wir noch die gleichen Menschen?
„Jen ... Ich habe keine Zeit für so was. Aber frag doch Kevin! Ich bin mir sicher, dass ihm jede Ausrede einfällt, um mit dir Zeit zu verbringen.”
Da ist es wieder: Das Lächeln, das ihn zum Erfolgs­menschen hat werden lassen. Keiner seiner Ange­stellten hat jemals schlecht über meinen Vater gespro­chen. Nie kamen Beschwerden über ihn – den Chef, der sich alle Namen merken kann, der immer höflich ist und dabei dieses Lächeln benutzt. Aber ich kenne meinen Vater, der nicht zugeben kann, wie kaputt sein Inneres ist. Ich bin ihm verdammt ähnlich.
„Okay. Ich frage Kevin.”
Nicht, weil ich will – sondern weil ich hoffe, durch mein Verhalten eines Tages wieder ein ehrliches Lächeln auf das Gesicht meines Vaters zaubern zu können.

Patrick

Oceanside hat gerade eine Attraktion mehr bekommen. Von meinem Platz am Hafen kann ich sie da oben sitzen sehen. Als sie mir ihren Namen verraten hat, hielt ich es kurz für einen Zufall. Main. Nicht gerade ein seltener Name. Aber hier, unter diesen Umständen ... Jetzt sitzt sie mit all den anderen reichen Bonzen auf der Terrasse, und hält sich vermutlich für etwas Besseres. Den Mann an ihrer Seite kenne ich, auch wenn er bestimmt vergessen hat, wer ich bin. Warum sollte er sich auch meinen Namen oder mein Gesicht merken? Schließlich arbeite ich nur für ihn. Und das auch nur in diesem Sommer. Und das auch nur, weil mein Kumpel Jackson mir den Job besorgt hat. Klar, das Geld ist super, die Trinkgelder sind höher als in der Stadt. Ich bin dankbar, während der Hochsaison diese Arbeit bekommen zu haben. Aber viel wichtiger als die Kohle ist der Stellplatz im Bootshaus hinter mir. Dort könnte ich mein Auto parken. Den Pick-up, mit dem ich zum Bewerbungsgespräch gefahren bin. Keine drei Stunden später habe ich ihn verkauft. Ein kurzer Blick auf die Schramme am Boot von diesem Lackaffen Bennett – und ich weiß genau, wie ich das Problem beheben kann. Der hat vorhin so getan, als wäre es ein Totalschaden. Idiot! Dabei hat Jennifer das alles ziemlich gut im Griff gehabt. Zumindest die meiste Zeit. Dann war sie einen Moment abgelenkt und hat zu spät reagiert. Trotzdem keine große Kiste. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie das Boot aussehen würde, wenn Bennett es in den Hafen gelenkt hätte.
Ich werfe noch einen Blick nach oben zur Terrasse und verfluche mich dafür selbst. Sie ist die Tochter vom Chef, die Freundin von Kevin Bennett. Was um alles in der Welt will ich von ihr? Die ist doch wie alle anderen hier auch. Sie spielt einen perfekten Sommer lang die perfekte Tochter aus reichem Hause, die nett ist zu armen Kerlen wie mir. Weil man das so macht. Dann gibt sie mir zu viel Trinkgeld und glaubt, damit ist eine gute Tat getan. Ich scheiße auf ihre Kohle! Sobald ich hier fertig bin, sieht mich dieses Kaff sowieso nie wieder.
Ich sehe Jackson, der in seiner Resort-Uniform zu mir an den Hafen joggt. Er sieht aus wie alle, die für das Main & Carmichael Resort arbeiten, mit seiner kurzen Hose und dem weißen Polohemd mit eingesticktem Namen. Das sollte ich eigentlich auch tragen, aber ich mache mich ungerne zum Affen. Kein Bedarf.
„Pat, ich brauche deine Hilfe!”
Jackson Reed. Der einzige Mensch weit und breit, dem ich auch nur ein bisschen vertrauen würde. Er weiß mehr über mich, als die meisten anderen – und trotzdem weiß er bei Weitem noch nicht alles.
„Was kann ich für dich tun?”
„Lewis fällt für heute Abend aus. Ich springe ein bei den Kellnern.”
Jackson, der eigentlich hier als Animateur sein Geld verdient, damit er nach dem Sommer endlich seinen Traum von der Schauspielschule in Erfüllung gehen lassen kann. Die Großstadt ruft seinen Namen. Ich habe Jackson immer nur arbeiten gesehen. Jeden Job nimmt er an, jeden Cent spart er zusammen. Er hat sein Ziel fest im Blick, ähnlich wie ich meines.
„Und wie kann ich da helfen?”
„Du springst für mich ein.”
Jackson zwängt sich Tag für Tag in ein Piraten­kostüm und bespaßt Kinder am Strand, während sich die Eltern mit Gin am Mittag für den Abend ein­stimmen. Oder er springt in einem Hot Dog-Kostüm durch die Stadt und verteilt kleine Flyer. Und so gerne ich ihn habe, für mich würde das zu weit gehen. Schnell hebe ich abwehrend die Hände.
„Vergiss es! Auf keinen Fall!”
„Du weißt doch gar nicht, was ich meine.”
„Die Antwort ist: Nein!”
Damit drehe ich mich um und stapfe genervt zurück zum kleinen Holzhaus am Steg. Jackson wäre nicht Jackson, wenn er sich so leicht abschütteln ließe.
„Du kriegst einen Smoking!”
Ich bin schon fast an der Tür, als ich kurz stehen bleibe. Einen Smoking? Das klingt nicht nach einem Abend mit Kindern, die alle an meinen Armen und Beinen zerren.
„Und das Essen soll super sein. Alles, was du tun musst, ist ab und zu mit einer von den Frauen tanzen.”
Ich will die Tür öffnen, aber Jackson ist schneller und schiebt sie wieder zu, bevor er sich mit dem Rücken dagegen lehnt und mich mit einem breiten Lächeln ansieht.
„Komm schon ...”
Wenn Jackson einmal aufhören würde, dieser Vicky hinterherzurennen, dann würde er mit diesem Lächeln jede Frau kriegen. Nur bin ich eben keine Frau, bei mir funktioniert der Trick nicht.
„Nein.”
„Du schuldest mir was ...”
Oha, er zieht die Schuld-Karte. Verdammt!
„Jackson! Tu mir das nicht an.”
„Was tue ich dir an? Einen schicken Anzug, gutes Essen, hübsche Frauen ... Du hättest es schlimmer er­wischen können.”
Jetzt wird das Lächeln zu einem breiten Grinsen und ich erkenne den Typen wieder, der mich in Boston in einer Kneipe aufgegabelt hat, als ich vom Barhocker gefallen bin, im wahrsten Sinne des Wortes sturz­betrunken. Nun, es wäre ja nur ein Abend. Und ich könnte ihm diesen Gefallen tun.
„Wer wird denn alles da sein?”
„Alle! Der Chef ruft und alle tanzen an. Du kannst doch tanzen, oder?”
„Für die alten Schachteln wird es reichen.”
„Spitze! Komm um fünf einfach zu meiner Unter­kunft, okay?”
Er klopft mir dankbar auf die Schulter und will dann schon wieder gehen. Ich könnte mich rausreden und ihm sagen, dass ich nicht tanzen kann. Den einen Sommer, den ich als Tanzlehrer in einer Kleinstadt in Vermont verbracht habe, könnte ich verschweigen. Zusammen mit den Erinnerungen an alles, was damals passiert ist. Und wieso ich den Sommerjob verloren habe ... Ehrlich gesagt, ich bin nicht der Typ für große Events. Ich bin lieber für mich alleine und verbringe Zeit mit einem Buch, einem Reiseführer und meinen Gedanken. Während ich im Kopf schnell die Tänze durchgehe, die ich noch beherrsche, zuckt ein Frauen­gesicht vor meinem inneren Auge auf. Schnell drehe ich mich um.
„Jackson!?”
Er bleibt auf dem Steg stehen und dreht sich zu mir um.
„Hm?”
„Es kommen alle, sagtest du?”
„Alle.”
Mein Blick wandert zur Terrasse des Restaurants, aber sie ist nicht mehr da. So ist das mit Menschen, die einfach so auftauchen und einfach so wieder ver­schwin­den. Wir treffen so viele von ihnen und die meisten werfen dir nicht mal einen Blick zu. Aber sie hat mir diesen Blick zugeworfen. Diesen einen Blick, den man nur dann draufhat, wenn da etwas ist, was man sehen will. Ungewohnt, dass mir solche Blicke gelten. Bisher haben die Menschen immer versucht, mich nicht zu sehen. Das ist wie ein Fehler auf einem Foto. Klar, die Technik bietet inzwischen unendliche Möglichkeiten, einen ungewollten Farbfleck zu entfern­en. Man wird sehr schnell unsichtbar und verschwindet, obwohl man da ist. Blicke, die durch einen hindurch­gehen, sind so schmerzhaft, als würde man körperlich aufgespießt. Das kann vielleicht nur jemand verstehen, der selbst einmal unsichtbar war.
Unsichtbar ...
Es gibt kein schlimmeres Gefühl. Wenn es danach geht, habe ich eine stattliche Sammlung von unange­nehmen Gefühlen in mir. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn eine Nase bricht. Ich kenne das Geräusch, wenn Knochen zersplittern, den Schmerz, der wie eine Explo­sion das ganze Gesicht lähmt. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn die grimmige Kälte einen umfasst, wie eine grausame Umarmung, aus der man sich nicht mehr lösen kann – egal, wie viel Kraft man aufbringt. Es ist zwecklos, weil man niemals genug Feuer in sich hat, wenn diese Kälte kommt. Das ist ein emotionales Gesetz, gegen das man sich nicht wehren kann.
Alleine der Gedanke jagt mir eine Gänsehaut über den Körper, versetzt mich zurück in eine Zeit, so weit weg von hier. Weit weg von Oceanside. Die Sonne strahlt heute von einem wolkenlosen Himmel. Die meisten Gäste am Strand tragen leichte Kleidung, schlendern barfuß durch den feinen Kies am Strand und sonnen sich auf den blauen Liegestühlen, zu denen die Kellner mit makellosen, weißen Hemden die Cocktails bringen. Und obwohl ich weiß, dass es Sommer ist, fühlt es sich plötzlich wie eine eiskalte Nacht in Chicago an. Wenn mich diese Erinnerungen so überfallen, dann muss ich für einen kurzen Moment die Augen schließen. Es sind nur Erinnerungen ... Im Moment können sie mir nichts anhaben. Aber diese Nachwirkungen sind heimtückisch. Weil sie Erinnerung­en an die Zukunft sind. Wenn der Winter kommt, wird auch die Kälte wiederkommen. Sie wird mich suchen und umarmen, ob ich das will oder nicht. Deswegen bin ich hier. Weil es meine letzte Chance ist, ebendieser Angst zu entkommen.
Jennifer Mains Gesicht flackert vor meinem inneren Auge auf. Nur kurz und unscharf, aber ihr Lächeln wärmt den Teil in meinem Inneren, der immer zuerst von der Kälte erschlagen wird. Das ist verrückt und albern, weil wir nur einige Minuten gesprochen haben, weil es nur ein Blick und eine kurze Berührung war. Und trotzdem. Dieses Lächeln ...
Ich öffne die Augen und es ist wieder Sommer.

© Carrie Price



Julie

Stille. Als hätte man die Welt ausgeschaltet. Ich höre nur meinen Puls und ein dumpfes Rauschen. Das Wasser umhüllt mich, nimmt mich in die Arme, lässt nichts zwischen uns kommen. Wie eine zweite Haut. Es ist seltsam. Ich müsste nur einatmen. Ein tiefer Atemzug. Dann wäre alles vorbei. Ich öffne die Lippen einen Spalt und das Wasser dringt in meinen Mund. Immer tiefer. Bis in den Rachen. Es schmiegt sich an die Schleimhäute. Nur der Geschmack von Chlor ist falsch.
Die Welt ist verschwommen. So als würde sie sich zurücknehmen. Als wären die Regeln plötzlich andere. Ich bin noch immer ein Teil von ihr, aber eben schwerelos schwebend in dieser perfekten Temperatur, zwischen kalt und erfrischend. Alles pulsiert, ist unscharf und weit weg, während das Wasser mich verschluckt. Meine Lunge rebelliert. Sie sucht nach Luft, findet aber keine. Meine Arme und Beine von mir gestreckt liege ich da und starre von unten auf die Wasseroberfläche, die inzwischen fast glatt geworden ist. Alles ist friedlich. Ich bin allein in der Stille. Niemand kann mich ansprechen. Niemand findet in diese Welt. Sie gehört mir und es gibt keinen Ort, an dem ich mich wohler fühle. Freier. An dem ich mich lebendiger fühle. Diesen einen Atemzug vom Tod entfernt. Mein langes Haar treibt in Richtung Oberfläche. Wie braune Flammen, die in Zeitlupe neben mir hochsteigen. Jeden Augenblick muss ich Luft holen. Alles in mir will atmen. Die Panik setzt ein. Langsam. Schleichend. Ich brenne von innen, während das Wasser mich angenehm kühlt. Meine Muskeln zucken, so als wollten sie mich aufwecken. Als wollten sie mir zeigen, dass das kein Traum ist. Dass ich endlich atmen muss. Luftblasen verlassen meine Lunge und steigen auf. Es waren die letzten. Ich bin leer. Ich schließe einen Moment die Augen und genieße die Stille.
Ein dumpfes Geräusch lässt mich unvermittelt hochschauen. Das Wasser aufgewühlt, voll winziger Bläschen, ein Umriss, Hände, die nach mir greifen, dunkle Augen, die mich ansehen, starke Arme, die mich packen, sich eng um mich legen. Ich spüre Mus­keln, die sich anspannen, spüre, wie mich jemand festhält, dann stößt er sich vom Boden ab. Der Luft entgegen. Und mit ihr dem Lärm und dem Leben.
Mein Kopf verlässt das Wasser. Alles dreht sich. Die Welt pulsiert, während ich nach Luft ringe. Ich habe die Orientierung verloren. Vielleicht habe ich es dieses Mal übertrieben. Alles in mir brennt. Jeder Atemzug. Vielleicht war das zu viel. Die Welt dreht sich so viel schneller, als meine Augen ihr folgen können. Bis sie etwas finden, das sie unwiderstehlich anzieht. Einen Fixpunkt. Ich gehe ins Netz, als wäre er ein Köder. Als wäre ich die Nadel und er der Norden.
„Fuck!? Alles okay?“, fragt er atemlos.
Ich schaue in dunkle Augen. In ein Gesicht, das mich trifft wie ein Kinnhaken. Sein Körper presst meinen gegen die Pool-Wand, seine Arme liegen um mich wie ein Schutzschild, während ich einfach nur versuche zu atmen. Ich erliege dem Ausdruck in seinen Augen wie einem Giftpfeil, der mich aus dem Nichts zwischen die Schultern trifft. Diesem fremden Gefühl. Der Gänsehaut, die sich um meinen Körper spannt. Dem plötzlichen Krampf in meinem Magen, der sich rumorend ausbreitet. Ich atme flach, aber ich atme. Ich spüre wie sich meine Eingeweide bei seinem Anblick abrupt zusammenziehen. So, als würden sie gerade von zwei Händen tief in meinem Inneren ausgewrungen. Wie Teig, der geknetet wird. Sein Herz schlägt gegen meines.
„Bist du okay?“, flüstert er und ich nicke, weil ich nicht sprechen kann. Er wischt sich das Haar aus der Stirn. Es ist so dunkel wie seine Augen. Ein Ton wie Zartbitterschokolade. In seinen langen Wimpern sammeln sich Wassertropfen und laufen über seine Wangen. Sein Brustkorb drängt sich an meine Brust. Sein Becken berührt meines.
„Sicher?“
„Es geht mir gut...“ Tut es das? Geht es mir gut? Bin ich vielleicht tot?
Meine Augen gleiten über seine Lippen. Über diesen Mund, auf dessen Winkel sich ein schiefes Lächeln legt, während seine Augen mich festhalten. Ich spüre sie wie Hände auf meinem Gesicht. Aber eigentlich ist es nur ein Moment, den unsere Augen teilen. Ein Blick wie eine Berührung, wie ein Kuss, wie eine Fantasie.
„Du... du kannst mich jetzt loslassen...“ Habe ich das gerade gesagt? Und wenn ja, warum?
„Okay“, flüstert er, bewegt sich aber nicht. Bei jedem Atemzug presst sich seine Brust gegen meine. Außer unserem flachen Atem und dem Plätschern des Wassers ist alles still. Weit entfernt brechen die Wellen und donnern an Land. Meine Welt ist stehen geblieben. Sie ist eingefroren. Sie besteht nur noch aus diesem Anblick. Meine Augen baden in seinem Gesicht. Versinken in seinen maskulinen Zügen, den dichten Brauen und dem Dreitagebart. Das Problem ist, er weiß, wie gut er aussieht. Und außerdem gibt es da noch die Sache mit Kyle. Bei diesem Gedanken wird das Rauschen der Wellen plötzlich lauter.
Mein Körper will den Moment noch behalten, aber es macht keinen Sinn. Typen wie er sind das Zeug, aus dem Albträume gemacht sind. Verdammt reich und genauso sexy. Das sind die, die denken, sie können alles haben. Aber da ist etwas hinter der Bad-Boy-Fassade in teuren Klamotten. Verborgen hinter diesem Lächeln, das ich als Pochen in meinem Bauch spüre, erkenne ich einen klitzekleinen Hauch Peter Pan. Er versteckt sich ganz tief in diesen schwarzen Augen, die ein Spiel mit mir spielen.
„Wie heißt du?“, flüstert er und ich spüre seinen warmen Atem auf meiner Haut.
„Julie... Julie Donovan...“
„Ich bin Jake Baker...“
Seine Lippen sind nur noch ein paar Zentimeter von meinen entfernt. Unser Atem vermischt sich und der Kuss schwebt wie eine Fantasie zwischen unseren Lippen. Oh mein Gott, ich wollte noch nie jemanden so dringend küssen wie ihn. Ich bin benommen und betäubt. Wie im Rausch. Dann weicht er ein Stück zurück und sieht mir ein letztes Mal tief in die Augen. Da ist kein Lächeln. Nur dieser fordernde Blick, der mein Hirn in vier Zügen schachmatt setzt, und dieser undurchdringliche Abgrund dahinter. Jake lässt mich los, aber seine Hände hinterlassen warme, kribbelnde Abdrücke auf meiner Haut. Er schaut ein letztes Mal zu mir, dann stößt er sich ab und stemmt sich aus dem Wasser.

Jake

Ich ziehe sie aus dem Wasser und halte sie fest, weil ich nicht anders kann. Meine Hände suchen ihre Nähe. Und nicht nur sie.
Die Jeans klebt kalt an meinen Beinen, das Shirt auf meiner Haut. Ich höre, wie mir das Blut durch die Adern rauscht. Mein Herz rast und meine Hände kribbeln. Wassertropfen laufen über mein Gesicht. Aber das ist es nicht. Das ist alles egal. Fuck. Ich atme tief ein und sehe sie an. Ertrinke in ihren türkisblauen Augen. Und diesem Ausdruck in ihren Tiefen, der sich wie eine Faust um mein Herz legt. Was ist los mit mir?
„Ich.“ Sie sieht an sich hinunter und ich folge ihrem Blick. „Ich muss mich umziehen...“
Ihr flacher Atem hebt und senkt ihre Brüste, das lange braune Haar klebt strähnig auf ihrer Haut, ihre nackten Beine schimmern, Wassertropfen zeichnen ihre Konturen nach. Sie sieht mich an. Ihre Augen sprechen mit mir, flüstern mir etwas zu. Etwas, das ich nicht verstehe. Ich spüre ihren Atem auf meiner Haut. Ihre Lippen locken mich an. Sie schluckt hart und lässt meine Hand los.
„Ich mich auch“, sage ich schließlich und weiche einen Schritt zurück.
Julie streicht sich eine Strähne hinters Ohr und sieht mich an. Unschuldig. Zerbrechlich.
Ich sehe ihr zu, wie sie ihre Tasche aufhebt und in Richtung Strand verschwindet. Sie dreht sich ein letztes Mal um und lächelt mich an, und dieses Lächeln läuft als Schauer über meine Haut. Das ist nicht gut. Aber es fühlt sich fantastisch an.
...
Ich parke den Wagen und laufe in Richtung Haus, und da steht Denise. Fuck. Wie konnte ich das nur vergessen?
„Jake, hi...“, sagt sie und lächelt. „Hast du mich vergessen?“ Fuck. Ich atme tief ein und sehe sie an, während meine Gedanken wieder zu Julie driften. Zu der Art, wie sie mich angesehen hat. Ihrem Körper an meinem. Ich schlucke hart. „Was ist passiert?“ Denise sieht an mir hinunter und legt ihre Hand knapp neben meinen Schritt. „Warum bist du so nass?“
Normalerweise würde das reichen. Ich weiß, dass es reichen würde. Ich würde sie jetzt küssen und in ein paar Minuten würde ich sie ficken. Und es wäre gut. Vielleicht nicht gerade weltklasse, aber gut. Ich wünschte, ich hätte Julie nie gesehen. Sie und diese Augen, die mich verfolgen. Die mich nicht loslassen. Das Adrenalin jagt durch meinen Körper und mein Brustkorb zieht sich zusammen. Los, konzentrier dich, Jake. Auf Denise. Auf ihre Wahnsinns-Titten. Sie lächelt mich an. Ich könnte sie flachlegen. Jetzt. Ganz ohne das blöde Date, auf das ich ohnehin keine Lust hatte. Sie rückt näher an mich heran. Ihr warmer Körper drängt sich an meinen. Komm schon, werd endlich hart.
„Wir sollten dich aus den nassen Klamotten rausholen“, flüstert sie und ich spüre ihren Atem auf meiner Wange. „Es hat ganz schön abgekühlt...“ Ich drücke sie von mir weg und sehe ihr in die Augen. Schaue auf ihren Mund. Sie sieht mich von unten an und befeuchtet sich die Lippen. „Komm schon, lass uns reingehen...“
Okay. Du kriegst das hin. Ich atme tief ein und die Luft dehnt meinen Brustkorb. Du willst sie. Sie ist heiß. Ja, sie ist heiß. Aber ich will sie nicht mehr. Fuck.
„Denise... ich...“
Der dünne Stoff von ihrem weißen Kleid ist nach unserer Umarmung feucht und durchsichtig. Ihre Brustwarzen ziehen sich zusammen und zeichnen sich darunter ab. Mein Atem geht schneller. Aber mein Kopf macht nicht mit. Er will Julie. Und allein beim Gedanken an diesen Ausdruck in ihren Augen und ihre kleinen festen Brüste werde ich hart.
„Gib mir fünf Minuten“, sage ich und zwinge mich dazu zu lächeln. „Ich ziehe mich schnell um.“
Ich laufe nach oben, werfe die nassen Sachen ins Bad und renne nackt ins Schlafzimmer zurück. Ich greife gerade nach dem Handtuch, das ich vorhin nach dem Duschen aufs Bett geworfen habe, und trockne mich oberflächlich ab, da höre ich, wie unten die Tür aufgeht.
„Jake?“
„Ich bin gleich da!“, rufe ich und ziehe frische Kleidung aus meiner Reisetasche. Und bei jedem Handgriff sehe ich Julie und diesen Blick, der mich für einen Moment alles andere vergessen lässt. Da sind nur ihre großen, beinahe kindlichen Augen, und diese zweideutige Aufforderung, die die Unschuld durchbricht. Sie lauert hinter der Fassade.
Ich habe nur ein paar Minuten mit ihr verbracht. Ein paar Minuten. Ich kenne sie nicht. Ich habe keine Ahnung, wer sie ist, aber etwas an ihr zieht mich unwiderstehlich an. So, als wäre zwischen uns ein unsichtbares Band, über das sie die Kontrolle hat. Und damit auch über mich.
Ich habe in meinem Leben wirklich schon viele gutaussehende Frauen gesehen. Frauen, die so schön waren, dass ich sogar kurz an Gott geglaubt habe. Aber Julie ist so viel mehr als nur schön. Sie ist unnahbar und provokant, zerbrechlich und zart, aber zur selben Zeit so verdammt sexy, dass ich ihr am liebsten die Kleider vom Leib gerissen hätte.
Ich greife nach den Boxershorts und der Jeans und ignoriere die Tatsache, dass allein der Gedanke an diesen Ausdruck in ihren Augen gereicht hat, dass ich hart werde. Diese unbeschreiblichen Augen, die mir etwas vormachen. Die mich täuschen und mit mir spielen. Die mir etwas versprechen und gleichzeitig so tun, als wäre sie zurückhaltend und schüchtern. Ein Teil von mir will sie beschützen, der andere über sie herfallen, und das in derselben Sekunde.
„Jake?“
„Warte... ich bin gleich soweit. Einen Moment...“
Aber sie wartet nicht. Sie geht einfach die Stufen hoch und öffnet die Tür. Ihr Blick fällt auf meinen steifen Schwanz und sie lächelt.
„Einen Augenblick dachte ich wirklich, du willst nicht...“ Sie kommt näher und streift sich die Träger über die Schultern. Ich stehe nur da. Das Handtuch in der Hand. Ich will etwas sagen, aber ich weiß nicht was. „Ich brauche kein Date“, haucht sie und lässt das Kleid zu Boden fallen. Fuck. Beim Anblick dieser Titten pulsiert mein Schwanz und sie grinst.
Sie schubst mich und ich stolpere einen Schritt rückwärts, bis ich die Bettkante in den Kniekehlen spüre. Denise drückt mich in die Matratze und kniet sich zwischen meine Beine. Sie nimmt lächelnd ihr Haar zusammen und gleitet langsam nach unten. Hör auf zu denken. Hör einfach auf. Vor einer Stunde wäre das der Hammer gewesen. Genau das wollte ich von diesem Date. Ich wollte sie ficken. Und jetzt? Ihre Lippen öffnen sich und legen sich eng um meinen Schwanz. Fuck. Ihre Zunge fährt den Schaft entlang, während sie den Kopf auf und ab bewegt. Ich schließe die Augen und atme scharf ein. Alles in mir spannt sich an. Jeder Muskel verkrampft sich. Ja, sie kann blasen.

Julie

Der laue Abendwind streift meine Haut und lässt mich erschauern, während ich zu den Angestellten-Unterkünften gehe. Ich bemerke nur am Rande, wie stark meine Unterlippe zittert. Dafür bin ich viel zu abgelenkt von den zitternden Muskeln in meinen Armen und Beinen. Und meinen Brustwarzen, die sich genüsslich zusammenziehen und gegen den dünnen Stoff des BHs reiben. Von der Gänsehaut, die jedes noch so kleine Haar an meinem Körper wie in Zeitlupe aufrichtet. Und von diesem rasenden Herzschlag, der jeden meiner Schritte begleitet wie ein aufgeregter kleiner Wachhund. Ich rede mir ein, dass ich friere, aber die Wahrheit ist, nur meine Unterlippe friert. Der Rest ist Jake.
Die nasse Kleidung klebt bleiern an meinem Körper. Beinahe wie die Gedanken, die ich nicht abschütteln kann. Zwischen den zugegebenermaßen kläglichen Ablenkungsversuchen meines Hirns bleibe ich immer wieder an Jake Bakers kantigem Gesicht hängen. An seinem Lächeln. Und diesem Blick. Und diesem Kinn.
Ich steige die Stufen zu unserem Apartment hoch, während meine Gedanken weiterhin wie eine Klette an diesen dunklen Augen hängen, in denen ich beinahe ertrunken wäre. Ich will gerade die Tür aufschließen, als mich ein hysterisches Kreischen fast zu Tode erschreckt.
„Awww, Süße, da bist du ja!!!“
„Verdammt, Caroline, willst du mich umbringen?“
Mein Herz stolpert gegen meinen Brustkorb und das Adrenalin rauscht durch meinen Körper. Und dieses Mal ist es nicht nur Jake. Sie ignoriert meine vor Wut zusammengekniffenen Augen und mustert mich.
„Will ich wissen, warum du klatschnass bist?“
„Nein...“
„Okay, dachte ich mir... Du hast echt ’nen Knall, Jules...“
„Da redet die Richtige...“, flüstere ich grinsend.
„Ja, das habe ich verdient...“
„Wie lang bist du schon da?“
„Vielleicht zehn Sekunden...“, sagt sie und lächelt mich an.
„Dann gebe ich dir eine Führung...“ Ich halte die Karte an die Tür und sie springt auf. „Komm schon, ich zeige dir alles...“
Ich nehme sie bei der Hand und ziehe sie hinter mir her. „Das hier ist die Küche...“ Sie ist wirklich sehr rudimentär, vier Kochplatten, ein ziemlich verlebter Kühlschrank, ein paar ziemlich abgenutzte Hängeschränke. In der Mitte ein weißer Plastiktisch und vier passende Stühle. An der Wand neben der Eingangstür ein improvisiertes Regal mit ein paar kümmerlichen Vorräten. „Und hier...“ Ich zerre sie in einen winzigen Flur. „... ist das Bad. Es ist klein, aber es ist sauber.“
„Machst du Witze?“, fragt sie und schüttelt den Kopf. „Wir haben unser eigenes Bad!“
„Jap, so ist es...“
Sie steckt den Kopf hinein und schaut sich um. Hellblaue quadratische Pool-Fliesen, die vielleicht bei einem Bauprojekt übrig geblieben sind, ein kleines Waschbecken mit Spiegel und Ablage, ein Fenster so groß wie ein Schuhkarton und eine winzige Dusche mit einem ziemlich abgenutzten Plastikvorhang, der irgendwann einmal vermutlich weiß war und nun eher in Richtung sandfarben geht. Im Vergleich zu den Sammelduschen ist das aber trotzdem der Himmel auf Erden.
„Und das hier...“ Ich ziehe sie hinter mir her, „...ist dein Zimmer.“ Ich stoße eine Tür auf. „Meins ist direkt gegenüber...“ Ich beobachte sie, während sie sich umsieht. Zugegeben, wenn man es genau nimmt, erinnern die Zimmer eher an zwei begehbare Wandschränke, aber wir schlafen hier ja nur.
„Jeder sein eigenes Zimmer und ein Bad?!“, sagt Caroline grinsend.
„Eben... Was will man mehr?“
„Später noch auf einen Sprung zur Strandparty? Und davor vielleicht noch ein kaltes Bier?“
Ich muss lachen. „Bier ist im Kühlschrank und was die Party angeht...“ Ich will gerade einen Grund dagegen finden, als mir der Gedanke durch den Kopf schießt, dass Jake auch dort sein könnte und ich höre mich sagen: „Warum eigentlich nicht?“
„Aber ich treffe Lucas dort“, sagt sie vorsichtig. „Ist das blöd für dich?“
„Überhaupt nicht...“
„Oh, Jules, ich freue mich so auf den Sommer!“
„Ach ja, bevor ich es vergesse...“ Ich zeige auf die Tür rechts neben mir. „Du kannst natürlich auch dieses Zimmer hier haben, aber man kann von der Terrasse aus reinschauen...“
„Nah... da nehme ich lieber das hier...“ Sie strahlt mich an. „Jules, wir haben einen ganzen Sommer, der noch vor uns liegt, einen echt gut bezahlten Job, Leute, die uns in Ruhe lassen, und einen Haufen heißer Typen...“ Sie wirft ihre Handtasche aufs Bett, nimmt sich den Rucksack von den Schultern und stellt ihn ab. „Apropos heiße Typen...“, sagt sie lächelnd und ich denke natürlich sofort wieder an Jake. „Du hast Kyle gerade verpasst.“
„Verpasst?“, frage ich und fühle mich auf eine seltsame Art ertappt. „Warum?“
„Hat ’ne Nachtschicht...“, antwortet sie.
„Das ist nicht dein Ernst.“
„Doch, die haben wohl irgendwas durcheinander gebracht... Er hatte nur noch Zeit zu duschen und musste sofort weiter... Armer Kerl.“
„Und in welchem Apartment wohnt er?“
„7a.“

Jake

Sie bebt unter mir. Ihr Atmen wird zum Stöhnen und dieser Klang vibriert überall. Das Raunen bin ich und der Film in meinem Kopf macht mich fertig. Julie liegt unter mir. Ihr Körper umschließt meinen. Und ich bekomme nicht genug davon. Will tiefer. Immer noch tiefer. Mit geschlossenen Augen genieße ich die Bilder mit dem Gefühl von weicher Haut unter meinen Händen. Den Geruch von Schweiß. Nicht mal das Kondom stört mich. Alles ist perfekt. Ich schiebe mich in sie hinein. So tief, dass mein Schwanz komplett in ihr verschwindet. Fuck, sie ist feucht. Ihr flacher Atem trifft mein Gesicht, ihre Hände halten mich, klammern sich an mir fest. Ihr Körper zuckt unter meinem und die Anspannung klettert immer weiter. Ihre Muskeln zittern. Ich spüre es. Gleich wird sie kommen. Sie stöhnt ungeduldig, flehend. Sie muss kommen. Sie muss, weil ich es nicht mehr lange halten kann. Julie atmet ein letztes Mal scharf ein und schließt die Augen. Ihr Mund ist zu einem stummen Schrei geformt. Sie hält die Luft an und erstarrt unter mir. Bohrt ihre Finger in mein Fleisch. Und dann kommt es. Das Pulsieren. Oh Fuck. Fuck! Ihr Körper massiert meinen Schwanz. Ich be­wege mich schneller. Okay. Gleich. Jeden Moment. Ich öffne die Augen und sehe in das falsche Gesicht. Das war ein Fehler.
...
„Mein Gott, Jake...“, flüstert sie atemlos. „Das war...“ Denise liegt auf dem Rücken, ihre Brust hebt und senkt sich hektisch. Sie versucht das zu beschreiben, was eben zwischen uns passiert ist, nur dass es eben nicht zwischen uns passiert ist. Mein Kopf hat mit Julie geschlafen und zur Strafe bin ich nicht gekommen. Die Wut flutet meinen Körper. Sie brennt bis in meinen Magen. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals so scharf gewesen zu sein wie in diesem Moment. Und trotzdem muss ich meinem beschissenen Schwanz dabei zusehen, wie er in sich zusammenfällt. Denise dreht sich zu mir und stützt den Kopf auf der Handfläche ab. „Ich habe keine Worte dafür“, flüstert sie. „Im Ernst, Jake, das war unbeschreiblich...“
Ich steige in meine Boxershorts und zwinge mich zu einem Lächeln. „Ja, es war... ziemlich gut.“ Bis ich dich gesehen habe. Ja, das ist scheiße und es ist unfair, aber es fühlt sich an, als hätte ich mich beim Kommen verschluckt. Wie ein Niesreiz, der in dem Bruchteil einer Sekunde vor dem Niesen dann doch noch einen Rückzieher macht.
„Machst du Witze?“, fragt sie und legt ihre Hand auf meine. „Das war der beste Sex, den ich je hatte.“
„Der beste Sex, den du je hattest, huh?“, frage ich grinsend. Ich greife nach der Jeans, die ich vorhin aus der Tasche gezogen habe, und ziehe sie an.
„Wo willst du hin?“, fragt sie, als ich ihr das Kleid hinwerfe.
„Ich habe noch eine Verabredung.“
„Wie meinst du das, eine Verabredung?“, fragt sie und schaut beleidigt.
„Na, eine Verabredung eben“, sage ich, ziehe mir das dunkelblaue Shirt über den Kopf und greife nach meinem Handy, aus dem noch immer Wasser tropft. Das Teil kann ich vergessen. Na ja, was soll’s, dann muss ich mich eben durchfragen. Ich werfe es aufs Bett zurück.
„Aber, ich dachte...“
„Süße, glaub mir, ich bin kein Typ für mehr“, sage ich trocken. Sie schaut mich von unten an. „Ich dachte, das war klar.“
„Können wir uns trotzdem wiedersehen?“
„Sicher“, antworte ich. „Aber jetzt muss ich los.“
...
Meine Augen sind abgerichtet. Ich suche in einem Meer aus Gesichtern nach diesem einen. Diesen Augen und diesem Blick, der mich in nur ein paar Sekunden um den Finger gewickelt hat. Ich schaue mich weiter um. Warum ich dachte, dass sie hier sein wird, weiß ich auch nicht. Hoffnung, vermutlich.
„Jake?“
Ich drehe mich um.
„Andrew?! Hey!“
„Wusste ich es doch, dass du es bist!“, sagt er nickend. „Was führt dich nach Oceanside?“
Ich zucke die Schultern. „Familie...“
„Moment, war die nicht in Clearwater?“
„Doch“, antworte ich nickend und ignoriere den Stich in meinem Herzen, den die Erinnerungen dort hinterlassen.
„Aber?“, bricht Andrews Stimme zu den Gedanken in meinem Kopf.
„Mein Bruder arbeitet den Sommer über hier...“
„Ah, okay.“ Er grinst dieses schiefe Grinsen. „Ist echt schön, dich zu sehen. Mensch, wie lange ist das jetzt her?“
„Puh... Bestimmt vier, fünf Jahre...“
„Wahnsinn, doch schon so lange.“ Andrew sieht knapp an mir vorbei und verdreht die Augen. „Oh, nicht doch“, flucht er leise.
„Was ist?“
„Da hinten ist mein Dad...“
„Was macht er hier?“
„Vermutlich überreicht er irgendeinen Scheck.“
„Mr. MacDougall, der alte Wohltäter...“, antworte ich grinsend.
„Pfft... ja, genau...“
„Es ist also nicht besser geworden...“
„Im Gegenteil“, antwortet Andrew und zeigt in Richtung Bar. „Ich brauche ein Bier...“
...
Wir lassen das Geld, die gemachten Titten und das aufgesetzte Lächeln hinter uns und gehen an den Strand. Das Bier kühlt meinen Kopf. Der Alkohol betäubt mein Hirn und damit die Gedanken, die sich nicht von Julie verabschieden wollen, während die Wellen auf den Sand donnern und sich dann langsam wieder zurückziehen.
„Ist alles okay bei dir?“, fragt Andrew, während er sich neben mich setzt. „Du bist so still...“
„Ich... doch, ja, alles bestens...“ Ich nehme einen großen Schluck Bier, dann frage ich: „Wenn es mit deinem Dad so beschissen ist, was machst du dann hier? Ich meine, du könntest den Sommer doch auch in Boston verbringen?“
Er zuckt mit den Schultern. „Ich war länger nicht dort...“
„Was ist mit der Uni?“
„Geschmissen...“ Eine Weile schweigen wir, dann schließlich sagt er: „Und zu deiner Frage, warum ich hier bin... vermutlich weil ich nicht genau weiß, wo ich sonst hin soll.“
So kenne ich Andrew nicht. So nachdenklich und ernst. Der Andrew von früher hat zu viel gesoffen, die Nächte durchgefeiert und andauernd gekifft, weil er damals dachte, dass das zum Erwachsenwerden dazugehört. Woher ich das weiß? Weil ich dabei war. Bei jedem Bier, jedem Joint und jeder Nacht. Wir waren zusammen im Internat. Und die besten Freunde. Halbstarke Milchgesichter, die alles gevögelt haben, was sie kriegen konnten. Wir haben sogar Wetten abgeschlossen, wer es wohl zuerst schafft, welches Mädchen flachzulegen. Ich denke, wir hatten zu viel Geld und zu viel Langeweile. Und irgendwie trotzdem eine tolle Zeit.
„Warte mal, hattet ihr nicht dieses Strandhaus in Clearwater?“
„Doch.“ Die Erinnerungen an meine Kindheit wollen mein Hirn fluten, aber ich lasse sie nicht. „Da wohne ich zur Zeit auch.“
„Wo warst du davor?“
„Ich hab nach dem College für eine Weile in der Firma meines Vaters gearbeitet und dann bin ich nach Europa gegangen... ich war die letzten drei Jahre dort.“
„Wow“, sagt Andrew und nickt. „Klingt gut.“
„Ja, das war es auch.“ Das stimmt. Das war es. Vielleicht sollte ich einfach wieder zurückgehen.
„Warum bist du zurückgekommen?“
„Keine Ahnung“, antworte ich seufzend. „Es war irgendwie an der Zeit...“
Das ist eine Lüge. Ich drifte in Gedanken zum wahren Grund. Er bohrt sich schmerzhaft in meine Lunge.
„Kennst du die Kleine da?“, reißt mich Andrews Stimme in die Realität zurück. Er nickt mit dem Kinn zum Steg. „Sie starrt schon die ganze Zeit hier rüber.“
Eine Sekunde lang habe ich Hoffnung, aber es ist nicht Julie. „Nein, keine Ahnung wer das ist...“
„Sie scheint Interesse zu haben...“
„Aber ich nicht“, entgegne ich abschätzig.
„Was ist? Sie ist doch ganz niedlich...“
„Nicht mein Typ...“
„Wir haben uns ganz offensichtlich zu lange nicht gesehen...“, sagt Andrew lachend. „... der Jake, den ich kannte, hatte keinen Typ. Dem hat die Tatsache gereicht, dass sie Titten hat...“
„Witzig...“
„Nein, im Ernst, seit wann hast du einen Typ?“
Seit drei Stunden, denke ich und spüre den eisigen Schauer, der sich wie in Zeitlupe auf meinem Rücken ausbreitet.
„Also, ich bin nicht interessiert, aber wenn du sie willst, bitte, viel Spaß...“ Er sagt nichts und sein Gesicht wird ernst. „Was ist?!“, frage ich grinsend. „Sag bloß, es gibt eine Frau?“
„Hm“, murmelt er.
„Echt jetzt!? MacDougall, du überraschst mich!“
„Lach ruhig, Jake, aber irgendwann wird dir das auch passieren. Irgendwann kommt eine, mit der ist es anders.“ Er wischt sich die blonden Haare aus der Stirn, aber der Wind wirbelt sie sofort wieder in sein Gesicht zurück. „Glaub mir... es wird eine kommen, die willst du nicht nur flachlegen...“
„Sondern?“
„Beschützen.“
„Beschützen“, flüstere ich, während mein Herz mich fast erschlägt. Mir wird plötzlich schwindlig. Ein dünner Schweißfilm legt sich auf meine Haut. Seine Worte verknoten meinen Magen. Sie lassen mich angestrengt atmen und meine Hände zittern. Andrew schaut nachdenklich aufs Wasser und nimmt einen großen Schluck Bier. „Dann hast du also eine Freundin?“, frage ich, um meine Gedanken von Julie zurück in die Realität zu holen.
Andrew schaut mich an und schüttelt den Kopf. „Nein, wir... wir sind nicht zusammen...“
„Warum nicht? Was ist passiert?“
„Nichts ist passiert“, antwortet er und lächelt. „Sie liebt einfach einen anderen...“ Und auch, wenn er versucht, es zu überspielen, es ist ein trauriges Lächeln. Getränkt von Erinnerungen.
Einen Augenblick schauen wir nur schweigend aufs Meer, dann schließlich sage ich: „Sie muss etwas Besonderes sein...“
„Das kann man so sagen“, flüstert er seufzend.
„Und lass mich raten...“ Er sieht mich an. „Sie ist in Boston...“
„Du kennst mich immer noch zu gut...“ Andrew grinst, steht auf und klopft sich den Sand von der Jeans. „Ich hole noch ein Bier. Für dich auch?“
„Warte, ich komme mit...“

© Ally Taylor



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Na wie hat euch diese doppelte Leseprobe denn gefallen? Ich hoffe ich konnte euch etwas einstimmen auf zwei wundervolle Romane. Und wie findet ihr die Cover? Die sehen doch super aus, oder? 

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