Dienstag, 17. Juni 2014

[Lesedeal] Wenn es Liebe wird von Rosita Hoppe


Und wieder ist es an der Zeit euch einen ganz exklusiven Lesedeal zu bieten und zwar konnte ich ihn mit der sympatischen Autorin Rosita Hoppe vereinbaren. Das Buch "Wenn es Liebe wird" wird am 23.6 erscheinen:





Viktor Gabriel runzelte die Stirn, als er aus dem Dickicht des Waldes trat und einen roten Kleinwagen vor der Einfahrt zu seinem Grundstück stehen sah. Eine zierliche Person mit wilder Mähne, eindeutig eine Frau, setzte gerade eine Flasche an ihre Lippen. Schon wieder jemand, der seine Einfahrt als Parkplatz nutzte. Na, der würde er was erzählen. Doch bevor er nah genug an den Wagen herankam, stieg die Person ein und fuhr los. Auch gut. Das ersparte ihm lästige Diskussionen. Er hatte sich ohnehin genug andere Dinge vorgenommen und beeilte sich, an seine Arbeit zu kommen. Doch ein Waldspaziergang am Morgen, wie er ihn gerade hinter sich hatte, war in den vergangenen Jahren zu einem täglichen Ritual in seinem Leben geworden und er spürte jedes Mal, wie der Wald ihn geradezu inspirierte.
Viktor trat durch die Eingangstür seines Hauses und schwenkte nach links in die kleine Küche. Mit einer schnellen Handbewegung verscheuchte er ein paar Fliegen, die auf dem Teller saßen, den er zum Frühstück benutzt hatte, und der noch immer auf dem Tisch stand. Er hasste das Abwaschen, hielt es bei den hohen Temperaturen jedoch für sinnvoll, sein Geschirr zu säubern, bevor es noch mehr Ungeziefer ins Haus lockte. Eilig spülte er die benutzten Teile unter fließendem Wasser ab und ließ sie zum Trocknen auf der Ablage neben dem Spülbecken liegen. Mit einer Flasche Mineralwasser verließ er kurz darauf das Haus und eilte in Richtung Hof. Er schob sich die Schutzbrille, die er, wenn er seine Arbeit unterbrach, in der Brusttasche seines Overalls aufbewahrte, auf die Nase und zog sich die ledernen Arbeitshandschuhe über, die er vor etwa einer Stunde auf dem Steinquader abgelegt hatte. Viktor Gabriel hatte schon am frühen Morgen, so gegen sieben Uhr, begonnen, den Stein zu bearbeiten. Er konnte selten länger als fünf, sechs Stunden schlafen und war meist schon beim ersten Vogelgezwitscher wach. Jeden Morgen musste er sich zügeln nicht sofort aufzustehen und an die Arbeit zu gehen. Doch nachdem ihn jemand aus dem Dorf wegen Ruhestörung angezeigt hatte, hielt er sich zurück. Bevor ihm die Anzeige ins Haus geflattert war, hatte er sich keine Gedanken darüber gemacht, ob ihn jemand hören könnte, wenn er mit Hammer und Meißel seine Steine bearbeitete. Das nächste Haus am Dorfrand lag mindestens dreihundert Meter entfernt. Er konnte sich kaum vorstellen, dass man ihn dort hören konnte. Letztlich hatte er sich eines Besseren belehren lassen müssen.
Erst, als er sich bückte, um sein Werkzeug zu greifen, entdeckte er den Bogen Papier auf dem Boden. Er zog seine rechte Augenbraue hoch und holte das Papier unter dem Vorschlaghammer hervor. Neugierig warf er einen Blick darauf.
Lieber Herr Gabriel,
leider habe ich Sie nicht angetroffen. Für einen Artikel im Hamelner Tageblatt möchte ich gern einen Termin mit Ihnen ausmachen. Bitte rufen Sie mich im Redaktionsbüro unter folgender Telefonnummer an …
Verbindlichst, Ihre Felicitas Kleine
Für die Nachricht in seiner Hand hatte Viktor Gabriel nur ein verächtliches Schnauben übrig. Er zerknüllte das Blatt und schob es in seine Hosentasche. Damit war der Fall für ihn erledigt. Mit heftigen Schlägen begann er den Sandstein vor ihm zu bearbeiten. Bereits nach wenigen Minuten war er in seine Arbeit vertieft und legte erst dann eine Pause ein, als sich das Knurren seines Magens nicht mehr ignorieren ließ.

„Wie ist es gestern im Schwimmbad gelaufen?“, fragte Felicitas als Erstes Florian, als sie endlich im Redaktionsbüro ankam.
„Ganz gut. Nur schade, dass ich keine Badehose dabei hatte, dann wären die Fotos klasse geworden.“
„Und, wie sind sie jetzt?“ Felicitas ahnte nichts Gutes.
„Fast hätte Florian im Fluge fotografiert“, rief Siggi dazwischen.
„Wie das?“
„Ja also, das war so.“ Florian holte schwungvoll mit beiden Armen aus, um die Geschichte für Felicitas auszuschmücken.
Felicitas bremste den Praktikanten. „Kurzversion, bitte.“
Siggi hielt sich den Bauch vor Lachen. „Er ist auf den Dreier geklettert und wollte einige Jungs, die sich anschickten, vom Fünfer zu springen, während ihres Fluges vor die Kamera kriegen. So ein kleiner Bengel hat ihn da oben angeschubst. Da wäre er beinahe ebenfalls geflogen.“
„Und die Kamera?“
„An der hat er sich krampfhaft festgeklammert und sie hat es sogar überlebt.“
„Florian, du solltest vom Beckenrand aus die Badegäste beim Planschen fotografieren.“ Felicitas konnte es nicht fassen, was ihm fast wieder passiert war.
„Ich wollte doch sensationelle Fotos mitbringen. Vom Rand aus, das kann jeder. Wie konnte ich ahnen, dass mir der Knirps in die Quere kommen würde.“
„Zeig mal die Fotos.“
„Die kannst du schon in der aktuellen Ausgabe bewundern.“
Felicitas nahm die neueste Ausgabe vom Tisch im Eingangsbereich des Büros und schlenderte damit zu ihrem Schreibtisch. Während ihr Rechner hochfuhr, holte sie sich das Brötchen aus der Kühltasche. Hungrig biss sie hinein und blätterte nebenbei in der Zeitung.
„Wie war es bei deinem Künstler?“, fragte Siggi.
„Nichts war. Der war gar nicht da. Aber ich habe schon einige Aufnahmen von seinen Skulpturen. Wenn es überhaupt seine sind und ich auf dem richtigen Grundstück war.“
„Wieso?“
Felicitas erzählte in wenigen Worten von ihrer vergeblichen Fahrt in den Ort, in dem Viktor Gabriel wohnen sollte.
„Glaubst du, er meldet sich bei dir?“
„Wenn nicht, dann muss ich eben noch einmal hinfahren. Irgendwann werde ich ihn schon erwischen. Du kennst mich doch. So schnell gebe ich nicht auf.“
„Weiß ich doch.“

Viktor Gabriel meldete sich nicht und Felicitas fand das gar nicht nett. Ein kurzer Rückruf wäre doch wohl nicht zu viel verlangt gewesen. Da in den nächsten zwei Stunden keine Termine anstanden, bat sie am Nachmittag ihren Chef, noch einmal hinfahren zu dürfen.
„Wollen Sie nicht warten, bis er sich meldet? Vielleicht ist er ja verreist und hat ihre Notiz noch gar nicht gelesen.“
„Glaub ich nicht. Es sah dort so aus, als hätte er seinen Arbeitsplatz nur kurz verlassen.“ Felicitas war sich zu neunzig, nein, mindestens neunundneunzig Prozent sicher, an der richtigen Adresse gewesen zu sein. Mit einer energischen Bewegung strich sie sich die ewig widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht. „Chef, mir haben die Arbeiten sehr gefallen und ich will diesen Artikel so schnell wie möglich.“
„Nun gut, Frau Kleine. Versuchen Sie ihr Glück.“

Felicitas parkte wieder vor der Eingangspforte zu dem Grundstück, wo sie Viktor Gabriels Haus vermutete. Ein triumphierendes Lächeln glitt über ihr Gesicht, als sie beim Aussteigen ein stetiges Hämmern vernahm. Hier war sie richtig und vor allem – er war da. Sie beugte sich noch einmal in den Wagen, holte die Fototasche heraus und hängte sie sich über die Schulter. Mit raschen Schritten machte sie sich auf den Weg zum Interview mit dem Steinbildhauer.

Lediglich mit einer Latzhose bekleidet – ohne Hemd oder Shirt – bearbeitete Viktor Gabriel mit Hammer und Meißel den dicken Sandsteinblock, als sie bei ihm eintraf. Okay, das Thermometer war inzwischen auf mindestens achtundzwanzig Grad im Schatten geklettert und körperliche Arbeit war nun mal schweißtreibend, aber einer Reporterin bei einem offiziellen Termin in so einem Aufzug gegenüberzutreten, fand Felicitas etwas unpassend – und äußerst irritierend. Na gut, wenn sie ehrlich war, musste sie sich eingestehen, dass er ja nicht wissen konnte, wann sie noch einmal auftauchen würde – aber ahnen hätte er es wenigstens können. Und zurückrufen natürlich auch.
Kleine Steinsplitter flogen um ihn herum, aber es schien ihm nichts auszumachen, wenn ihn ein Stück traf. Lediglich seine Augen schützte er mit einer Arbeitsbrille, die er auf seine Stirn schob, nachdem Felicitas sich mit wedelnden Armen und einem lauten „Guten Tag, Herr Gabriel” bemerkbar gemacht hatte.
„Was wünschen Sie?“, fragte er ziemlich barsch mit tiefer, rauer Stimme und zog fragend eine Augenbraue hoch.
Was wollte sie eigentlich von ihm? Ihr Kopf war wie leer gefegt. Der Anblick dieses Mannes brachte sie aus der Fassung. Nicht nur, weil er halb nackt vor ihr stand und seine gebräunte Haut schweißnass glänzte. Dunkle Haare, die bis über seine Ohren reichten, kringelten sich feucht und glänzend um ein schmales Gesicht. Felicitas fand ihn nicht im wirklichen Sinne schön, aber er besaß eine Ausstrahlung, die sie umhaute. Er war um einiges größer als sie selbst, sie schätzte ihn auf mindestens einen Meter fünfundachtzig. Zwei tiefe Falten hatten sich beidseitig von seiner schmalen Nase aus in sein Gesicht eingegraben und reichten fast bis zu den Mundwinkeln. Das ließ ihn sehr ernst aussehen. Sie schätzte ihn auf Ende dreißig. Seine Augen, hell, graublau und von einem dichten Kranz langer Wimpern umgeben, musterten sie argwöhnisch.
Felicitas riss sich zusammen und erklärte ihm ihren Besuch.
„Sie sind die Tante von der Zeitung?”
Felicitas bemerkte, wie sich ihr Gegenüber unwillkürlich an die Hosentasche fasste. Vermutlich steckte da der Zettel drin, den sie ihm hinterlassen hatte. Das war ja nicht zu fassen! Ein bisschen freundlicher könnte er schon sein. Immerhin sollte ein Artikel über ihn erscheinen und das war schließlich Werbung für ihn und seine Arbeit. Felicitas hatte schon eine passende Antwort parat. Doch im letzten Moment zügelte sie sich und schluckte sie hinunter. „Ja, die bin ich“, sagte sie stattdessen und hielt ihm die Hand zur Begrüßung hin. „Felicitas Kleine vom Hamelner Tageblatt.“
Er zögerte, zog schließlich die Arbeitshandschuhe aus, wischte sich die Finger am Latz seiner Hose ab und ergriff Felicitas Rechte. Seine Hand fühlte sich rau an und strahlte eine derartige Hitze aus, dass Felicitas glaubte, ihre Haut würde brennen. Ein Kribbeln zog an ihrem Arm hinauf und in ihren gesamten Körper.
„Ähm, wollen wir zuerst das Interview machen oder die Fotos?”, fragte sie rasch, um sich abzulenken, und zog ihre Hand zurück.
„Mir egal”, brummte er, zog die Brille herunter und nahm wieder sein Werkzeug.
„Okay, dann zuerst die Fotos. Tun Sie so, als wäre ich gar nicht da.“
Genau das tat er. Er schien ihre Anwesenheit vergessen zu haben, sobald er seine Arbeit aufnahm.
Felicitas holte die Kamera hervor und begann eine Serie von Fotos zu schießen. Von allen Seiten nahm sie ihn auf, fasziniert vom Spiel seiner Muskeln. Was für ein Körper! Sie konnte es kaum abwarten, die Bilder später in aller Ruhe auf ihrem PC betrachten zu können.
„Autsch!” Ein heftiger Schmerz an der Stirn ließ Felicitas zusammenzucken. Etwas hatte sie getroffen, ein Steinsplitter vermutlich. Sie ließ die Kamera sinken und betastete vorsichtig die schmerzende Stelle. Glücklicherweise blutete nichts, zumindest konnte sie an ihrer Hand kein Blut entdecken. Aber eine Beule würde sie bestimmt bekommen. Um die Verletzung zu überdecken, zupfte sie ein paar ihrer Locken in die Stirn.
Viktor Gabriel arbeitete wie ein Besessener. Er schien Felicitas Malheur gar nicht bemerkt zu haben.
Sie sah ihm eine Weile bei der Arbeit zu, konnte sich aber nicht zusammenreimen, was er da erschaffen wollte.
„Was wird das?”
Er reagierte nicht.
„Herr Gabriel! An was arbeiten Sie?”
„An Sandstein.”
Für wie blöd hielt er sie eigentlich? „Ich wollte wissen, was das werden soll.”
„Weiß ich noch nicht.”
„Wieso nicht?”
Er zuckte mit den Schultern.
„Herr Gabriel?” Felicitas bemerkte, wie er tief durchatmete, bevor er ihr antwortete.
„Manchmal fallen größere Stücke ab, als ich vorgesehen hatte und dann muss ich umdisponieren. Genau das ist mir vorhin passiert.
„Was sollte das ursprünglich werden?”
„Ein Rehbock.”
„Entwerfen Sie hauptsächlich Tiere?”
„Nee.”
Felicitas atmete tief durch. Der war wirklich eine harte Nuss. Aber sie würde ihn schon noch knacken. So schnell würde sie nicht aufgeben.
„Darf ich mich mal umsehen?”
Er brummte etwas, was sie als Zustimmung auslegte.
Natürlich behielt Felicitas für sich, dass sie sich bereits am Morgen ein wenig umgesehen hatte. Jetzt, wo sie quasi sein Einverständnis hatte, hielt sie nichts mehr zurück. Sie streifte auf dem Grundstück umher und knipste so ziemlich alles, was ihr vor die Linse kam. Um den alten Schuppen herum schlängelte sich der schmale Pfad, dem Felicitas schon am Morgen gefolgt war und der auf die Wiese führte, die über und über mit Gänseblümchen, Butterblumen, Löwenzahn und vielerlei Kraut übersät war. Mitten drauf stand eine schwarz lackierte Sonnenuhr. Konnte er etwa auch schmieden, schweißen oder wie auch immer man das nannte? Das wollte sie ihn später fragen. An der Rückseite des Schuppens lehnten merkwürdige Fratzen aus Stein. Einige davon jagten ihr einen unangenehmen Schauder über den Rücken. Die gefielen ihr ganz und gar nicht. Wer kauft denn so etwas? Aber es ging auch nicht darum, was ihr gefiel, sondern nur darum, über die Arbeit von Viktor Gabriel zu berichten. Unter einem Kirschbaum entdeckte Felicitas kleine Statuen mit runden, pausbäckigen Gesichtern, die sie sofort an Engel erinnerten. Nur, dass die hier keine Flügel trugen. Sie sahen so richtig knuddelig aus – schon eher nach ihrem Geschmack. Sie setzte sich vor die Figuren ins Gras, stellte Blende und Belichtung ein und schoss einige Fotos. So richtig zufrieden war sie noch nicht. Sie streckte sich auf dem Bauch aus und stützte ihre Ellenbogen auf dem Erdboden ab. So war die Perspektive viel besser. Noch unzählige Male drückte sie auf den Auslöser und hatte bereits entschieden, eine dieser Aufnahmen für den Artikel zu verwenden.
„Gefällt es Ihnen da unten?”
Felicitas schrak auf. Peinlich berührt versuchte sie, möglichst schnell auf die Füße zu kommen.
„Mindestens auf Augenhöhe mit dem Motiv sein“, sagte sie rasch als Erklärung. Auf dem Display der Kamera überprüfte sie währenddessen die Aufnahmen.
„Darf ich auch mal?” Viktor Gabriel stand plötzlich dicht hinter Felicitas und beugte sich über ihre Schulter.
Seine Nähe nahm ihr fast den Atem und sie wünschte sich plötzlich, er würde sie berühren. Für einen Moment schloss sie die Augen und hoffte, dadurch ihre Sinne wieder sammeln zu können. Schließlich war sie aus rein beruflichen Gründen hierhergekommen. Damit, dass sie auf einen derart attraktiven und äußerst verwirrenden Mann treffen würde, hatte sie nicht gerechnet. Sie atmete tief ein und aus und drehte sich zu ihm um.
„Darf ich Ihnen jetzt einige Fragen stellen?“
„Wenn es sich nicht vermeiden lässt.“ Er seufzte und ließ sich vor Felicitas Füßen im Gras nieder.
Sie musste sich eingestehen, der Platz für dieses Gespräch gefiel ihr und nahm ihm gegenüber Platz. Aber die Informationen über die Arbeit dieses Mannes musste sie sich hart erkämpfen. Immer wieder antwortete er einsilbig und zurückhaltend auf ihre Fragen.


3. Kapitel

Es war wie verhext. Während Felicitas versuchte, sich auf den Text zu konzentrieren, schweiften ihre Gedanken immer wieder ab zu dem Mann, bei dem sie die vergangene Stunde verbracht hatte. Viktor Gabriel hatte ihre Sinne vollkommen durcheinandergebracht.
„Was ist los?”, fragte Florian, der ihr gegenübersaß und sie beobachtete.
Felicitas schrak auf. „Was, wieso?”
„Du bist so abwesend.”
„Du spinnst.“ Gerade hatte sie daran denken müssen, wie sie diesem Bildhauer jedes Wort aus der Nase hatte ziehen müssen. Bevor er sich dazu herabgelassen hatte, ihr ziemlich knapp auf ihre Fragen zu antworten, hatte er sie abschätzend mit hochgezogener Augenbraue begutachtet und der Ausdruck seiner Augen hatte sich verändert. Diesen Blick konnte sie nicht vergessen. Sie ärgerte sich, weil sie nicht einmal sagen konnte, ob sie den Ausdruck in seinen Augen als eher unangenehm oder als ein kleines bisschen angenehm empfunden hatte. Als sie sich von ihm verabschiedet hatte, hatte er sie noch einmal so komisch angesehen.
Mit äußerster Konzentration versuchte sie, den Bericht zu tippen. Mist! Sie hatte vergessen, ihn wegen der Sonnenuhr zu fragen. Dabei war es wichtig, zu erfahren, ob er außer mit Sandstein auch mit anderen Materialien arbeitete. Es könnte natürlich auch sein, dass er die Sonnenuhr gekauft oder geschenkt bekommen hatte. Felicitas griff zum Telefon und zog gleich darauf ihre Hand zurück. Nach seiner Telefonnummer hatte sie ihn auch nicht gefragt. So etwas war ihr noch nie passiert. Also würde sie noch ein drittes Mal zu ihm fahren müssen, möglichst sofort, denn der Artikel sollte umgehend erscheinen.

Wie würde er reagieren, wenn die nervige Tante von der Presse schon wieder auftauchte? Felicitas atmete tief durch, stieg aus dem Wagen und straffte ihre Schultern.
„Auf in den Kampf“, murmelte sie vor sich hin.
Sie traf Viktor Gabriel auf dem Hof nicht an. Der Steinblock, an dem er gearbeitet hatte, war mit einer Plane abgedeckt. Wahrscheinlich wegen des angekündigten Regens, vermutete Felicitas und wandte sich dem Haus zu. Die Eingangstür stand offen. Sie klingelte. „Herr Gabriel, sind Sie da?“, rief sie.
Keinerlei Reaktion. Vielleicht würde sie ihn hinter dem Haus finden. Doch auch dort konnte sie ihn nicht entdecken. Felicitas befürchtete, aus einer zügigen Veröffentlichung des Artikels würde nichts werden. Es sei denn, sie würde auf die fehlende Information verzichten. Noch einmal versuchte sie ihr Glück beim Haus. Wieder keine Antwort auf ihr Rufen. Doch sie war für ihre Hartnäckigkeit bekannt und wollte noch nicht aufgeben. Vorsichtig trat sie durch den Eingang.
„Hallo! Herr Gabriel! Sind Sie da?“
Nichts. Also schon wieder Pech gehabt. In dieser Reportage steckte wirklich der Wurm drin. Schulterzuckend machte sie kehrt und wollte die Tür gerade hinter sich schließen, als sie ein Geräusch im Innern des Hauses innehalten ließ. Das hörte sich doch an wie das Tapsen nackter Füße auf dem Fußboden. Er war also doch da.
Schon tauchte er vor Felicitas auf.
Das war doch … Felicitas schnappte nach Luft.
  Er kam den Flur entlang, den Kopf gebeugt und rubbelte sich mit einem Handtuch sein Haar trocken. Da ihm ein Zipfel des Handtuchs vor dem Gesicht hing, schien er sie nicht zu bemerken. Ohne aufzusehen, schlenderte er zum Tisch in der Küche, die sich neben dem Eingangsbereich befand. Dort nahm er eine Flasche Mineralwasser vom Tisch und setzte sie an seine Lippen. Mit einer Mischung aus Faszination und Panik starrte Felicitas ihn an und biss sich auf die Lippen.
Da stand er, in Gedanken versunken – und nackt, wie Gott ihn erschaffen hatte.
Höchste Zeit zu verschwinden. Rückwärts, den Blick weiterhin auf ihn gerichtet, schlich sie auf Zehenspitzen zur Haustür. Hoffentlich bemerkte er sie nicht. Doch prompt knarrte eine Diele unter ihren Füßen und er drehte sich zu ihr um.
Die Überraschung war ihm anzusehen.
„Entschuldigung“, stammelte Felicitas und spürte die Hitze, die ihr ins Gesicht schoss. „Ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich habe mehrmals gerufen und geklingelt habe ich auch. Ehrlich.“
„Soso.“ Betont lässig schlang er sich das Handtuch, mit dem er sich eben die Haare frottiert hatte, um die Hüften. Ebenfalls betont lässig kam er auf sie zu.
Felicitas schluckte trocken. „Ich … ich komme lieber ein anderes Mal wieder.“
„Warum? Kommen Sie doch herein. Möchten Sie etwas trinken?“
Die Knie zitterten ihr, als er einfach nach ihrem Arm griff und sie in die Küche zog. Felicitas Blick blieb an seiner braun gebrannten Brust hängen. Was für ein Körper!
„Was führt Sie zu mir?“, fragte er.
„Ja also … ich habe da noch ein paar Fragen.“
„Okay, aber zuerst trinken wir etwas. Es ist mächtig heiß heute.“
Das kann man wohl sagen.
Er schlenderte zum Kühlschrank und nahm eine neue Flasche Mineralwasser heraus.
Felicitas konnte den Blick nicht von ihm und von dem Spiel seiner Muskeln wenden, als er die Flasche öffnete. Wie sollte sie ihm jemals vernünftige Fragen stellen können, wenn er so gut wie nackt vor ihr stand? Wie sollte sie jemals einen informativen und objektiven Text über ihn zustande bringen, wenn sie ständig seinen knackigen Körper vor Augen haben würde? Den würde sie vor Augen haben, das ahnte sie jetzt schon.
Mit dem gefüllten Glas kam Viktor Gabriel auf Felicitas zu. Dicht vor ihr blieb er stehen. Sie nahm das Glas und trank es hektisch aus. Währenddessen beobachtete er sie und sein Blick trug nicht gerade dazu bei, dass sie ruhiger wurde. Plötzlich hob er seine Hand und befühlte vorsichtig die Stelle an der Stirn, wo Felicitas der Splitter getroffen hatte.
„Wie ist das passiert? Das sollte versorgt werden.“
„Kaum der Rede wert“, wisperte sie.
„Keine Widerrede.“ Er bugsierte Felicitas zum nächsten Stuhl. „Setzen Sie sich. Ich hole Verbandsmaterial.“
Wie in Trance nahm sie Platz und kaum eine Minute später verarztete Viktor sie. Die Wunde brannte, als er ein Desinfektionsmittel auftrug und sie konnte ein Stöhnen  nicht unterdrücken.
„Ist gleich vorbei“, murmelte er.
Er war so fürsorglich und seine Berührungen so sanft. Kaum zu glauben, dass er der gleiche Mann war, der bei ihrem ersten Zusammentreffen so zurückhaltend und wortkarg gewesen war.
„Vielen Dank.“
Mit einem Lächeln, das ihr durch und durch ging, zog Viktor sie vom Stuhl. „Dafür habe ich eine Belohnung verdient oder?“
„Okay, ich werde einen besonders netten Bericht über Sie schreiben.“ Sie bedachte ihn mit einem herausfordernden Blick.
„Das würden Sie sowieso tun.“ Mit seinem Zeigefinger zeichnete er die Form ihrer Lippen nach und diese Berührung fand Felicitas äußerst erregend. Sie konnte ihren Blick nicht von ihm wenden. Die Farbe seiner Augen erinnerte sie an die klaren Bergseen, an denen sie in ihrer Kindheit mit ihren Eltern und ihrem Bruder Urlaub gemacht hatte, und sie verlor sich darin. Es erschien ihr wie Stunden, in denen sie nur dastanden und sich ansahen. Dann endlich kamen seine Lippen näher und mit einem Seufzer zog er sie an sich und küsste sie auf das Haar.
Ihr Gesicht lag nun an seiner nackten Brust. Sein Herz klopfte heftig und sein Brustkorb hob und senkte sich schnell. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie eine kleine Narbe, oberhalb seiner rechten Brustwarze. Eine Verletzung, die während seiner Arbeit entstanden war? Fast war sie versucht, ihre Lippen darauf zu drücken. Sie konnte sich nur schwer beherrschen und biss sich auf die Unterlippe. Verwirrt hob sie den Kopf.
Viktor sah zu ihr herab. Seine Augen erschienen ihr jetzt um einige Nuancen dunkler. Mit beiden Händen griff er in ihr Haar und schob ihre widerspenstigen Locken zurück. Er beugte sich zu ihr herab. Sein Gesicht kam immer näher und als sein Mund endlich den ihren berührte, schloss sie mit einem kleinen Seufzer die Augen. Seine Lippen waren heiß und fest und als seine Zunge Einlass forderte, konnte sie sich kaum noch auf den Beinen halten. Ihr Herz raste und das Blut pulsierte in ihren Schläfen. Niemals zuvor hatte der Kuss eines Mannes derartige Gefühle in ihr ausgelöst.
Plötzlich und unvermittelt ließ Viktor von ihr ab und schob sie zurück. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen und dazwischen entstand eine tiefe Kerbe, die von seiner Nasenwurzel aus zur Stirn verlief. Mit diesem verkniffenen Ausdruck im Gesicht wandte er sich ab. Schwer atmend stützte er sich mit gesenktem Kopf am Küchentisch ab.
Felicitas zitterte noch vor Erregung. Was hatte dieser abrupte Stimmungswandel zu bedeuten?
„Viktor?“
„Du solltest besser gehen.“
„Warum?“
„Geh … jetzt sofort.“
„Aber …“
Als sie sah, wie Viktor den Kopf schüttelte, wurde ihr klar, dass er bereute, was da gerade zwischen ihnen geschehen war.


~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Ach das klingt doch schon mal sehr vielversprechend oder? seid ihr schon gespannt wie es weiter gehen wird? Wie findet ihr das Cover? Also mir gefällt es sehr gut.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen