Sonntag, 8. Juni 2014

[Lesedeal] Das Glück fährt Taxi von Rosita Hoppe



Es ist wieder Lesedealzeit und ich konnte einen neuen Deal für euch an Land ziehen.
Die sympatische Autorin Rosita Hoppe hat mir hier ganz exklusiv für euch den Text "Das Glück fährt Taxi" zukommen lassen. Das Buch wird am 15.6 erscheinen.






1. KAPITEL


„Susi, Sie können Feierabend machen!“, rief Carly, als sie durch das Schaufenster den jungen Mann wahrnahm, der wartend vor dem Laden auf und ab ging.
            „Danke, Frau Bellmann, bis morgen.“
            „Ja, tschüss.“ Carly winkte ihrer Angestellten nach und vertiefte sich erneut in ihre Abrechnung.
            Eine halbe Stunde später verließ auch Carly ihr Geschäft und sah sich − es war für sie schon fast ein Ritual geworden − an der Tür noch einmal um. Sie atmete tief durch und ließ ihren Blick, nicht ohne Stolz, über ihr kleines Reich schweifen. Sie hatte es sich nicht nehmen lassen, vor der Eröffnung die Wände eigenhändig in einem warmen Rot zu streichen. Große Grünpflanzen standen zwischen Regalen, darüber hingen Bilder bekannter Models. Zwei Schaufensterpuppen, die in der Nähe des Eingangs standen, bekamen alle paar Tage ein neues Outfit verpasst. Dazu hier und da ein nettes Accessoire  in Form einer eleganten Vase oder eines üppigen Seidengestecks. Es sah einladend aus, modern und doch gemütlich.
            Gewissenhaft schloss Carly die Eingangstür ab und hüpfte die zwei Stufen vor der Ladentür hinunter. Sie war stolz auf sich und Susi. Gemeinsam konnten sie heute einen Umsatz verzeichnen, wie oft in einer ganzen Woche nicht. Seit Tagen schien die Sonne vom wolkenlosen Himmel, daher hatten sich viele ihrer Kundinnen gleich mit mehreren luftigen und farbenfrohen Kleidungsstücken eingedeckt.

             Carly betrat die Pizzeria Roma“ und fühlte sich gleich heimisch. Seit Jahren traf sie sich jeden Mittwoch hier mit ihren Freundinnen Nadine und Jennifer.
            Das Lokal war in viele Nischen eingeteilt, die mit dunkel gebeizten Holzbalken abgegrenzt waren. Tische und Stühle aus ebenfalls dunklem Holz vor weiß getünchten Wänden, rot-weiß karierte Tischdecken, frische Blumen und brennende Windlichter zauberten eine behagliche Atmosphäre. Die freundliche und liebevolle Bedienung tat ihr Übriges, damit sich jeder Gast wohlfühlte.
            „Hallo, Signora Bellmann. Die anderen Damen sind auch schon da“, begrüßte sie der Wirt, ein kleiner, rundlicher Italiener mit Halbglatze und immer freundlichem Gesicht.
            „Hallo, Luigi. Geht es Ihnen gut?“
            „Sì, sì, bellissimo!“ Luigi lachte sie aus seinen schwarzen Augen an und deutete eine kleine Verbeugung an.
            Carly winkte ihm noch einmal zu und bahnte sich den Weg durch das vollbesetzte Lokal zu ihrem Stammplatz, einem ruhigen, etwas versteckten Tisch ganz hinten im Lokal.
            Sie umarmte ihre Freundinnen.
            „Na, du bist aber wieder spät“, beschwerte sich Jennifer, von allen nur Jenni genannt.
            „Tut mir leid, bei uns war heute der Teufel los. Wenn das so weitergeht, ist meine Boutique bald leer gekauft. Ich muss morgen unbedingt neue Ware bestellen.“
            „Du immer mit deinem Laden. Hast du überhaupt noch etwas anderes im Kopf?“
            Die Bemerkung ihrer Freundin versetzte Carly einen Stich. „Wenn ich mich recht erinnere, hast du auch schon öfters bei mir eingekauft, Jenni. Und du warst ganz begeistert von meiner Kollektion.“
            „Nun reg dich nicht über so ein paar Minuten auf“, versuchte Nadine zu schlichten.
            Luigi trat an den Tisch.
            „Was darf es denn heute sein?“, fragte er lächelnd in die Runde.
            „Ich nehme die Lasagne, wie immer“, sagte Nadine, und Jenni entschied sich für eine Pizza Funghi.
            „Ein Mineralwasser und einen mittelgroßen Salat für mich“, meinte Carly.
            „Oh, Signora, immer nur Salat.“ Luigi schüttelte missbilligend den Kopf. „Sie müssen etwas Richtiges essen. Sonst sind Sie nur noch ein Strich in deutscher Landschaft. Keinem Mann das gefallen!“
            „Luigi, ich möchte einen Salat! Im Übrigen gibt es nirgendwo ein besseres Dressing als bei Ihnen.“
            „Ganz wie Signora wünschen.“ Seufzend zog der Wirt in Richtung Küche davon.
            Die Atmosphäre zwischen den Frauen entspannte sich, und sie plauderten über alltägliche Dinge, bis Luigi das Essen servierte.
            „Hab ich einen Hunger“, verkündete Nadine. Die Freundinnen ließen es sich schmecken.
            Noch während Jenni sich das letzte Stück ihrer Pizza in den Mund schob, beugte sie sich über den Tisch hinweg zu Carly und sagte ernst: „Carly, wir machen uns Sorgen um dich.“
            „Wieso? Mir geht es gut.“ Erstaunt sah sie von einer zur anderen.
            „Naja, du hast nur deinen Laden und deine Klamotten im Kopf. Du musst mal wieder an dein Privatleben denken.“
            „Tu ich doch. Ich gehe jeden Mittwoch mit meinen besten Freundinnen essen!“
            „Das meinen wir ja“, warf Nadine ein. „Für dich gibt es außer uns kein Privatleben. Oder hattest du in den letzten Monaten ein Date, von dem wir nichts wissen?“
            Carly schüttelte den Kopf.
            „Genau das haben wir befürchtet. Seit dieser Tom aus deinem Leben verschwunden ist, siehst du keinen anderen Mann mehr an.“
            „Und das ist schon über drei Jahre her! Wenn mir dieser Idiot damals in die Hände gefallen wäre, hätte ich ihm die Gurgel umgedreht!“, schimpfte Jenni.
            „Jenni, bitte …“ Schon stiegen Carly die Tränen in die Augen, was sie mit mehrmaligen Zwinkern zu verhindern suchte.
            „Das glaube ich nicht, du weinst ihm immer noch hinterher?“
            Energisch schüttelte Carly den Kopf. „Nein, tu ich nicht!“
            „Na, jedenfalls müssen wir deinem Liebesleben auf die Sprünge helfen, wenn du das allein nicht geregelt kriegst.“
            „Ich brauche keinen Mann. Mir geht es auch ohne gut.“
            „Carly, du wirst dreißig, auch deine biologische Uhr tickt.“ Nadine sah sie fast mitleidig an.
            „Das Einzige, was hier tickt, das seid ihr. Außerdem werde ich dreißig und nicht fünfundvierzig! Wenn wir schon dabei sind, was ist mit dir, Jenni?“
            „Ich bin erst sechsundzwanzig! Und außerdem ist ein knackiger Männerhintern vor mir nie sicher“, konterte Jenni und warf dabei ihren Kopf mit den schwarzen, kurzen Haaren in den Nacken. Wie schon öfters in letzter Zeit, war sie stark geschminkt. Für Carlys Geschmack wurde sie immer flippiger.
            „Mein Liebesleben ist hervorragend und steht im Übrigen heute nicht zur Debatte.“
            Jenni wollte keine feste Beziehung. Sie wechselte die Männer wie andere Leute ihre Unterwäsche. Sobald sie befürchtete, ein Mann habe feste Absichten, machte sie einen Rückzieher.
            „Meins auch nicht“, sagte Nadine und streichelte liebevoll ihren dicken Bauch. „Außerdem habe ich mit meinen drei Männern mehr als genug zu tun.“
            „Wieso?“ Jenni zog verwundert die Brauen zusammen. „Dein Jan trägt dich doch auf Händen und deine beiden kleinen Rabauken kommen erst in knapp drei Monaten.“
            Nadine schmunzelte. „So ganz stimmt das nicht. Es fällt Jan ganz schön schwer, mich im Moment auf Händen zu tragen. Bei meinem Umfang! Und meine beiden Jungs spielen jede Nacht in meinem Bauch Fußball.“
            Wie auf Kommando bewegte sich der Pullover, der sich über ihrem Bauch spannte.
            „Ist ja Wahnsinn!“, rief Jenni, obwohl sie durch ihre Arbeit als Sprechstundenhilfe in der Praxis eines Gynäkologen ständig mit Schwangeren zu tun hatte.
            Carly wurde bei diesem Anblick ganz flau in der Magengegend. Eine leise Sehnsucht machte sich breit und sie schluckte. Schnell schob sie die plötzlich aufkommenden Gedanken von sich.
            „Also, zurück zu dir!“, wandte sich Jenni erneut an Carly. „Du musst dir einen Mann suchen. Drei Jahre Abstinenz können nicht gesund sein.“
            „Du spinnst doch!“
            „Also, wir haben uns folgendes überlegt. In drei Wochen feierst du Geburtstag. Bis dahin brauchst du einen Mann.“
            „Zum hundertsten Mal, ich brauche keinen!“ Carly sah sich erschrocken um, als ihr bewusst wurde, wie laut sie geworden war.
            „Oh, doch. Und wenn du es bis dahin nicht geschafft hast, dann …“ Offenbar überlegte Jenni fieberhaft, womit sie Carly ein wenig unter Druck setzen konnte. Ihr Blick irrte ziellos durch das Lokal und blieb schließlich an der Zeitung eines Herrn am Nachbartisch hängen. Eine große, rot umrandete Anzeige erregte ihre Aufmerksamkeit.
            „Wenn du es bis dahin nicht geschafft hast, nehmen wir das in die Hand und schalten eine Partnervermittlung ein.“
            „Nein, das tut ihr nicht!“
            „Doch, das tun wir. Da kannst du Gift drauf nehmen!“
            „Ihr habt ja nicht mehr alle Tassen im Schrank!“ Wütend warf Carly ihre Serviette auf den Tisch und sprang auf. Sie wühlte in ihrer Tasche, schmiss einen Geldschein auf den Tisch und nach einem: „Ihr könnt mich mal!“, rauschte sie aus dem Lokal.
            Verdutzt sahen ihr die Freundinnen hinterher.

„War das nicht ein bisschen zu rabiat?“, fragte Nadine. „Wie bist du überhaupt auf die Idee mit der Partnervermittlung gekommen?“
            „Ich wollte sie nur mit irgendetwas unter Druck setzen. Sonst denkt sie noch nicht einmal darüber nach, dass irgendwo die Liebe auf sie wartet. Die Idee mit der Partnervermittlung kam ganz spontan, als ich eine Anzeige in der Zeitung am Nachbartisch sah.“
            „Wenn das nur gut geht. Hast du wirklich vor, eine Agentur einzuschalten?“
            „Nee, das können wir uns nie im Leben leisten. Du weißt ja, auf meinem Konto ist ständig Ebbe, und du musst bald tonnenweise Pampers kaufen. Aber wir haben Carly Feuer unterm Hintern gemacht. Und sie hat sicher Angst, wir würden unsere Drohung wahr machen. Wenn sie wenigstens ab und zu mal einen Mann genauer anschaut, haben wir schon viel erreicht.“
            „Dein Wort in Gottes Ohr. Hoffentlich ist sie nicht zu böse auf uns. Stress ist im Moment nicht das Richtige für mich.“
            „Sie wird sich schon wieder beruhigen. Vielleicht ist sie uns sogar eines Tages dankbar.“
            „Da wäre ich mir nicht so sicher.“


2. KAPITEL


Stocksauer rannte Carly zu ihrem Wagen. Ihre Hände zitterten, als sie den Autoschlüssel ins Schloss steckte. Warum konnten die beiden sie nie mit dem Thema Männer in Ruhe lassen? Die sollten sich lieber um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Mit Schwung warf Carly ihre Handtasche auf den Beifahrersitz, ließ sich hinters Steuer fallen und mit einem Knall fiel die Fahrertür ins Schloss. Der Motor heulte auf. Ohne auf den Verkehr zu achten, riss sie den Lenker herum und fuhr aus der Parklücke. Hinter ihr hupte jemand. Im Rückspiegel sah sie den Fahrer des nachfolgenden Wagens wild gestikulieren.
            Carly konnte sich während ihrer Heimfahrt nicht beruhigen. Bisher hatte sie immer geglaubt, Jenni und Nadine würden verstehen, warum sie sich nach der Pleite mit Tom nicht wieder binden wollte. Die beiden wussten doch genau, wie sie sich damals gefühlt und was sie sich geschworen hatte. Warum fielen sie ihr jetzt in den Rücken und wollten ihr einen Mann aufdrängen?
            Das war Verrat!

Carly bog in die Schillerstraße ein und parkte ihren Wagen. Sie wohnte in der obersten Etage eines Mehrfamilienhauses am Stadtrand. Es war nur ein Raum mit angrenzendem Balkon und Blick über die Stadt, eine winzige Küche und eine Dusche. Ein Schlafzimmer besaß die Wohnung nicht. Dafür lag über dem Wohnzimmer eine kleine Empore, die über eine Leiter zu erreichen war. Hier schlief sie und es war gleichzeitig ihr Lieblingsplatz, an den sie sich zurückzog, wenn sie lesen oder nachdenken wollte.
            In der Wohnung standen größtenteils die alten Möbel ihrer Großtante. Doch wenn ihre Boutique weiter so gut lief, würde sie sich bald eine neue Einrichtung leisten können.
            Sie schmiss ihr Schlüsselbund in die Holzschale, die auf der Anrichte neben der Eingangstür stand, und hängte ihren cognacfarbenen Lederblazer an die Garderobe.
            Noch immer konnte sie ihre Wut nicht abschütteln und lief aufgeregt in ihrem Wohnzimmer hin und her. Warum konnten die zwei nicht einfach akzeptieren, dass sie auch ohne Mann glücklich war?
            Um sich abzulenken, schaltete sie den Fernseher ein, setzte sich auf ihr Sofa, zappte sich durch die Programme und entschied sich für einen Krimi. Alles, nur keine Liebesschnulze! Doch sie konnte sich nicht auf die Handlung des Filmes konzentrieren und schaltete das Gerät nach kurzer Zeit ab. Um nicht mehr nachdenken zu müssen, ging Carly unter die Dusche. Sie hoffte darauf, das heiße Wasser würde sie beruhigen und entspannen.
            Später, es war schon fast dunkel, trat sie auf den Balkon hinaus. Der wolkenlose Himmel nahm am Horizont eine rote Färbung an. Ein Stern funkelte schon. Gedankenverloren blickte sie über die Stadt und wieder auf den Stern. Blinkte er? Fast sah es aus, als würde er ihr zublinzeln. Du bist ja verrückt, schalt sie sich. Und doch konnte sie den Blick nicht abwenden. Plötzlich glaubte sie, er würde ihr eine Botschaft senden und sie bekam ein flaues Gefühl in der Magengegend. Merkwürdige Gedanken schwirrten ihr im Kopf herum. Es wäre doch viel schöner, wenn sie in so einer romantischen Nacht nicht allein den Himmel betrachten müsste. Wenn sie diesen Moment mit jemandem teilen könnte, der sie in den Armen halten und sie lieben würde. In ihrem Herzen machte sich Sehnsucht nach Nähe und Liebe breit.
            Ruckartig wandte sich Carly um und eilte ins Wohnzimmer zurück. Was für blöde Gedanken! Daran sind nur die beiden mit ihren dämlichen Ideen schuld!
            Sie schloss energisch die Balkontür, als ob sie die Gedanken damit aussperren könnte. Dass ihr dies nicht gelungen war, erkannte sie, als sie sich noch lange Zeit schlaflos in ihrem Bett hin und her wälzte.

Am nächsten Morgen stand sie mit äußerst schlechter Laune auf. Die Nacht war grauenvoll gewesen. Stundenlang hatte sie an Tom denken müssen, an ihre ersten gemeinsamen Jahre voller Liebe. Und schließlich an die Zeit, in der alles zusammengebrochen war. Nein, das würde ihr nie wieder passieren! Nie wieder würde ein Mann ihr so nahe kommen und dann so wehtun!
            Carly schlürfte nur ein paar Schlucke Kaffee und biss einmal in ihr Toast. Es schmeckte wie Pappe. Sie schmiss das Brot zurück auf den Teller. Lieber wollte sie ins Geschäft fahren. Es war zwar noch früh, aber dort würde sie schneller auf andere Gedanken kommen. Sie zog sich einen weißen Blazer über, schnappte sich ihr Schlüsselbund und verließ die Wohnung.

Zwanzig Minuten später stand sie immer noch vor dem Haus. Ihr Auto gab keinen Ton von sich. Nachdem Carly bestimmt zehnmal vergeblich versucht hatte, den Wagen zu starten, stieg sie aus und öffnete die Motorhaube. Doch mit allem, was sie darunter sah, konnte sie nichts anfangen. Die Technik eines Autos war für sie ein Buch mit sieben Siegeln. Sie sah sich um, ob sie irgendjemanden um Hilfe bitten konnte. Doch außer der alten Frau Schmitz aus dem Nachbarhaus, die wie jeden Morgen um diese Zeit ihren Dackel ausführte, war niemand zu sehen. Mal wieder typisch. Wenn man jemanden braucht, ist keiner da. Carly überlegte fieberhaft, wie sie nun in die Boutique kommen sollte. Sie wusste nicht, ob es eine Busverbindung dorthin gab, darüber hatte sie sich nie Gedanken gemacht und Susi wollte sie auch nicht anrufen und bitten, durch die ganze Stadt zu gurken, nur um sie abzuholen. Blieb nur ein Taxi. Und wie sollte sie das Auto in die Werkstatt bekommen?
            Carly lief zum Haus, hastete das Treppenhaus hinauf, zurück in ihre Wohnung und bestellte ein Taxi. Anschließend rief sie in einer Autowerkstatt an. Man versprach ihr, den Wagen abzuschleppen. Sie müsse nur vorher den Schlüssel vorbeibringen.
            „Das erledige ich auf dem Weg ins Geschäft“, versprach sie.
            Eine ganze Weile lief Carly auf dem Bürgersteig auf und ab, blieb immer wieder abwartend stehen und trippelte schließlich von einem Fuß auf den anderen. Kein Taxi weit und breit. Sie sah auf ihre Uhr und stöhnte. Die Zeit, die sie früher im Geschäft sein wollte, war inzwischen weit überschritten und Susi würde bestimmt schon warten. „Hat sich jetzt alles gegen mich verschworen?“, stöhnte sie.
            Gerade als sie darüber nachdachte, ob sie sich beim Taxiunternehmen beschweren sollte, kam eines angerast und blieb mit quietschenden Reifen vor ihr stehen.
            „Haben Sie eine Ahnung, wie lange ich hier schon warte? Und ihren Führerschein haben Sie wohl auch in einer Lotterie gewonnen!“, fuhr Carly den Fahrer an.
            „Entschuldigung, ich komme gerade von einer Fahrt zum Flughafen und auf dem Rückweg war Stau.“
            Carly reagierte nicht auf die Entschuldigung, ließ sich auf den Rücksitz fallen und gab mit forscher Stimme die Adresse der Werkstatt und ihrer Boutique an.

Immer wieder schaute Philipp in den Rückspiegel und das nicht nur, um den rückwärtigen Verkehr im Auge zu behalten. Die Frau saß in seinem Blickfeld, und wenn man von ihrer schlechten Laune absah, gefiel sie ihm ausgesprochen gut. Die langen kastanienbraunen Haare fielen ihr locker auf die Schultern, die kleine schmale Nase reckte sich ein wenig in die Höhe und ihre vollen Lippen waren selbst bei ihrem grimmigen Gesichtsausdruck eine Augenweide. Nur die Augenfarbe konnte Philipp nicht erkennen, da sie die ganze Zeit aus dem Fenster sah.
            An der Werkstatt sprang sie aus dem Wagen. „Bitte warten Sie. Ich bin sofort wieder da.“
            „Kein Problem.“
            Was für eine warme Stimme, wenn sie nicht meckert. Philipp schaute ihrer schmalen Gestalt nach.

„Haben Sie ein Problem mit Ihrem Auto?“, erkundigte sich Philipp, als die Kundin wieder in sein Taxi stieg. Er wollte sie unbedingt in ein Gespräch verwickeln, doch sie gab nur eine einsilbige Antwort und sah wieder aus dem Fenster. Dann schob sie sich auch noch eine Sonnenbrille auf die Nase, und das störte Philipp ungemein. Ich muss ihre Augen sehen, dachte er und konnte sich selbst nicht erklären, warum ihm das so wichtig war.
            Doch selbst als sie das Ziel erreichten, setzte sie die Brille nicht ab.
            Ob sie hier arbeitet? Philipp betrachtete interessiert das Schaufenster der „Boutique Carlotta“, während die junge Frau in ihrer Tasche nach dem Geld suchte.
            „Einen schönen Tag noch“, rief er ihr nach, als sie die Autotür zuwarf und auf den Laden zuging.
            Einige Minuten später zwang er sich endlich, den Blick von der Eingangstür loszureißen, hinter der sie verschwunden war. Wenigstens wusste er, wo er sie finden konnte.

Nachdem Carly ihrer Kollegin aufgeschlossen hatte, überließ sie es Susi, die Kundschaft zu bedienen und verschwand hinter einem Vorhang. In ihrem kleinen Büro, das gleichzeitig als Aufenthaltsraum diente, konnte sie sich vor den Blicken der Kunden verbergen. Außerdem musste sie sich um die Buchführung kümmern und neue Ware ordern und so saß sie fast den ganzen Tag an ihrem Schreibtisch.
            Als sie vor gut einem Jahr wagte, diese kleine, aber edle Boutique zu eröffnen, war sie sich nicht sicher gewesen, ob der Schritt in die Selbstständigkeit der richtige war. Sie hatte eine anständige Summe von ihrer Großtante mütterlicherseits geerbt, mit der sie sich eben den Laden leisten konnte. „Boutique Carlotta“ stand nun aus Dank und in liebevoller Erinnerung an die Tante, bei der sie aufgewachsen war, in schwungvoller Schrift über dem Eingang.
            Anfangs führte Carly ihr Geschäft allein. Doch nach und nach sprach sich herum, dass sie hochwertige Mode zu annehmbaren Preisen anbot und immer mehr Kundinnen fanden den Weg in ihr Geschäft. Vor einigen Wochen hatte sie als Unterstützung Susi Weber eingestellt, die sich trotz ihrer erst zweiundzwanzig Jahre als zuverlässige und kompetente Kraft entpuppte.
            Am Nachmittag rief der Chef der Werkstatt an und eröffnete Carly, der Polo habe einen Motorschaden. Der Preis für einen neuen Motor und die anfallenden Reparaturkosten standen in keinem Verhältnis zum Wert ihres Wagens. Also würde sie sich wohl oder übel ein neues Auto kaufen müssen. Auch das noch!

Philipp Reuter saß in der Zentrale und trank einen Becher Kaffee mit einem Kollegen. Eigentlich wollte er gerade Feierabend machen, als er den Ruf nach einem Wagen zur „Boutique Carlotta“ mitbekam.
            Er sprang auf und verschüttete vor Aufregung fast den Kaffee. „Das übernehme ich noch, Helga!“, rief er der Telefonistin zu und eilte zu seinem Wagen. Er freute sich darauf, dieses kratzbürstige, aber überaus reizvolle Wesen wieder zu treffen.
            Es war wie verhext. Er kam im Feierabendverkehr kaum vorwärts und die Fahrt schien kein Ende nehmen zu wollen. Dass es wieder Ärger geben würde, erkannte er sofort, als er um die Ecke bog und das vertraute Gesicht entdeckte.
            „Sie schon wieder!“, fuhr sie ihn an, während sie es sich auf dem Rücksitz bequem machte. „Hätte ich mir ja denken können! Vielleicht wäre es ganz ratsam, wenn Sie sich eine Uhr zulegen – oder einen anderen Job!“
            „Der Feierabendverkehr …“, versuchte sich Philipp zu entschuldigen, doch sie beachtete seine Ausführungen gar nicht.
            „Nach Hause, bitte.“
            „Schillerstraße 12?“
            Sie nickte, lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen.
            Philipp, der immer wieder einen Blick in den Rückspiegel warf, überlegte krampfhaft, wie er ein Gespräch mit ihr beginnen sollte. Er verstand sich selbst nicht, er war doch sonst nicht auf den Mund gefallen. „Müde?“
            „Mhm.“ Das war alles, was er aus ihr herausbekam. Es hörte sich an wie das Schnurren eines Kätzchens. Er lächelte in sich hinein und entschied, dass er sie unbedingt näher kennenlernen musste. Und es war ihm egal, was sie davon hielt.
            Philipp drehte sich zu ihr um. „Wir sind da.“ Endlich erkannte er die Farbe ihrer Augen: Sie waren grün.

Carly war total erschöpft. Den ganzen Tag hatte ihr Kopf über der Buchführung gequalmt und nun musste sie sich auch noch Gedanken um ein neues Auto machen.
            Als das Taxi mit einem Ruck hielt, schrak sie auf.
            „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“, fragte der Taxifahrer nach einem kurzen Moment des Schweigens freundlich.
            Doch sein Blick erschien Carly alles andere als unschuldig.
            Carly schluckte und starrte ihn verdutzt an. Zum ersten Mal nahm sie bewusst seine Erscheinung wahr. Am eindrucksvollsten fand sie seine leuchtend blauen Augen, die ihr bis in die Seele zu blicken schienen. Seine dunkelbraunen Haare standen ihm wirr um den Kopf und verliehen ihm ein jungenhaftes Aussehen. Sie widerstand dem plötzlichen Impuls ihm durch die Haare zu fahren, wie sie es früher mit dem kleinen Bruder einer Schulfreundin gemacht hatte.
            „Wie? Nein …“ Carly beugte sich über ihre Tasche und suchte irritiert nach der Geldbörse. Als sie ihm einen Schein entgegenstreckte, berührten sich ihre Finger für einen Moment. Ihr war, als würde sie ein Stromschlag treffen und sie zog ihre Hand schnell zurück. Sie wagte kaum ihn anzusehen. Ob er es auch gespürt hatte?
            Carly öffnete die Autotür und wollte aussteigen, da fiel ihr etwas ein.
            „Können Sie für Morgen, neun Uhr, einen Wagen zu mir schicken?“
            „Wird gemacht, und schönen Abend noch.“
            Carly hörte noch, wie der Fahrer tief durchatmete, bevor die Autotür hinter ihr ins Schloss fiel.

Am nächsten Morgen kurz vor neun Uhr hörte Carly ein Auto hupen. Sie schaute vom Balkon und erkannte den Taxifahrer von gestern, der ihr zuwinkte. Schnell nahm sie ihre Handtasche und rannte die Treppe hinunter.
            „Guten Morgen!“, rief sie fröhlich. „Machen Sie eigentlich nie Feierabend?“
            „Wenn schöne Frauen mich rufen, nie!“
            Sie sah ihn missbilligend an. Er schien zu kapieren, dass er mit dieser Antwort nicht bei ihr landen konnte. Das konnte Carly an seinem Gesichtsausdruck ablesen.
            „Übrigens, ich gratuliere Ihnen.“ Carly glaubte plötzlich, ihm etwas Nettes sagen zu müssen.
            „Wozu? Ich habe heute keinen Geburtstag und auch nicht im Lotto gewonnen.“
            „Weil Sie dazugelernt haben und heute überpünktlich sind.“
            „Bin extra eine Stunde früher aufgestanden.“ Der Mann grinste Carly schelmisch an.
            „Ehrlich? Kaum zu glauben.“ Mit diesen Worten stieg sie in den Wagen. Sie nannte den Namen eines Autohauses.
            „Dann war wohl nichts mehr zu retten?“
            „Nein. Leider nicht. Dabei hänge ich so an dem Polo. Er war mein erstes Auto, und ich musste damals lange darauf sparen.“ Carly seufzte.
            „Ich könnte Ihnen beratend zur Seite stehen. Damit Sie nicht übers Ohr gehauen werden.“
            „Verstehen Sie was von Autos?“
            „Würde ich sonst Taxi fahren? Aber im Ernst, ein wenig Ahnung habe ich schon.“
            „Ein wenig? Und das reicht?“
            „Ja! Sie werden sehen, ohne meine Hilfe sind Sie verloren.“
            Carly war froh zu sitzen. Der intensive Blick dieses Mannes ging ihr durch und durch und ihre Knie zitterten plötzlich. Schnell riss sie sich von seinem Blick los und fuhr ihn an: „Nun fahren Sie endlich. Wenn Sie überall so viel quatschen, ist es kein Wunder, wenn Sie immer zu spät kommen!“
            „Sehr wohl, gnädige Frau.“
            Carly schaute angestrengt aus dem Fenster und rang um Fassung. Was war nur mit ihr los? Warum konnte dieser unverschämte Kerl sie so durcheinanderbringen?



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Aaaaah das liest sich auch absolut klasse und macht Laune auf mehr oder etwa nicht? 

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