Donnerstag, 19. Juni 2014

[Lesedeal] Cupcake Love von Berit Bonde



Diese Woche geht das ja richtig Schlag auf Schlag und zack gibt es den nächsten Lesedeal für euch. Diesen konnte ich mit der sympatischen Autorin Berit Bonde aushandeln. Ihr Taschenbuch soll am 23.6 erscheinen.





Kapitel 1

»Herzlichen Glückwunsch. Damit gehört der Laden offiziell Ihnen.« Der Makler griff nach den Papieren, die ich soeben fein säuberlich unterschrieben hatte, klopfte die Blätter zu einem akkuraten Stapel zusammen und gab ihn über seine Schulter hinweg an seine Sekretärin weiter. »Frau Voss, seien Sie doch bitte so nett und machen Sie gleich zwei Kopien des Vertrags, eine für den Vermieter und eine für Frau Sander.«
Frau Sander, das war ich. Clara Sander. Dreißig Jahre alt, einen Meter achtundsechzig groß, kastanienbraune Haare, grüne Augen und seit einem Jahr glücklicher Single. Ungelogen, ich war glücklicher Single, auch wenn die meisten diese Aussage nur belächelten, aber nach mehreren Fehltritten hatte ich erst mal genug von der Männerwelt und genoss das Alleinsein. Wirklich. Ehrlich. Also ganz ehrlich.
Da saß ich also nun im Büro meines Maklers und hatte den wohl wichtigsten Schritt meiner bisherigen Karriere getan. Ab sofort schimpfte ich mich stolze Mieterin eines kleinen Ladens in der Hamburger Innenstadt. Und mit klein meinte ich auch klein. Sechzig Quadratmeter waren das Maximum, das mein Sparbuch hergegeben hatte, und wenn mein Plan nicht aufgehen würde, würde der Traum, meine eigene Chefin zu sein, ziemlich bald wie eine Seifenblase zerplatzen. Aber no risk, no fun, oder?
»Frau Sander?«
»Hm? Entschuldigung, ich muss wohl in Gedanken gewesen sein.« Der Makler war bereits aufgestanden und streckte mir die Schlüssel zu meinem neuen Laden und damit auch zu meiner Zukunft entgegen. Schnell stand ich ebenfalls auf und nahm sie ihm ab. »Danke, wirklich, ohne Sie hätte ich niemals so schnell den perfekten Laden gefunden.«
»Dafür sind wir doch da, liebe Frau Sander«, sagte er mit diesem strahlenden Blendamed-Lächeln, das fast alle Makler hatten. »Stets zu Diensten, wenn Sie uns brauchen.« Meine Zukunft in der Hand haltend, verabschiedete ich mich von ihm.

Mit einem Kribbeln im Bauch öffnete ich die schwere Holztür des Altbaus, in dem sich das Maklerbüro befand, und rannte in eine breite Männerbrust hinein, sodass ich mit Schwung seitlich gegen den Türrahmen knallte. Die Kopien meines Vertrags flatterten wild durch die Gegend und landeten weit verstreut auf dem Bürgersteig im Dreck. »Toll, natürlich genau in die einzige Pfütze weit und breit«, kommentierte ich die Lage und rieb mir die Schläfe. Das würde sicherlich eine schöne Beule geben.
»Haben Sie denn keine Augen im Kopf?«, fragte der Typ mit der stahlharten Männerbrust. Bei genauerem Hinsehen waren wohl nicht nur meine, sondern auch seine Papiere im Dreck gelandet. Ohne mich weiter zu beachten, machte er sich daran, die Blätter aufzusammeln.
»Ignoranter Affe«, murmelte ich vor mich hin und sammelte wahllos einzelne Blätter auf.
»Cupcake Love, das gehört dann wohl zu Ihnen.« Der ignorante Affe stand genau neben mir, und der süffisante Unterton in seiner Stimme war nicht zu überhören. Er reichte mir die Vertragsblätter, auf denen dick und fett der Name meines zukünftigen Ladens prangte. Ich schnappte mir die Papiere und drehte mich auf dem Absatz um. Solche Typen waren es nicht wert, dass ich mich über sie aufregte. Ich rauschte in Richtung meines Wagens davon, den ich nur ein paar Meter vom Haus entfernt geparkt hatte. Cupcake Love war ein toller Name. Über den Namen meines neuen Ladens hatte ich wochenlang gegrübelt, da würde ich mich jetzt ganz sicher nicht von so einem Möchtegernmacho verunsichern lassen.
»Jetzt warten Sie doch«, rief er mir nach, aber im selben Moment hatte ich schon die Tür meines knallroten Minis zugeknallt und den Rückwärtsgang eingelegt. Ohne mich noch einmal nach ihm umzusehen, rauschte ich aus der Parklücke und machte mich auf den Weg von Eppendorf in die Innenstadt. Kaum, dass ich mich in den Verkehr eingefädelt hatte, war der Typ so gut wie vergessen. Das erklärte Ziel hieß Valentinstraße fünf. Dort wartete der wohl schönste Laden der ganzen Innenstadt auf mich. Die Eingangsfront war komplett verglast, und wenn man durch die Tür trat, sah man zur linken Seite auf einen langen Tresen, der bald über und über mit meinen Cupcakes gefüllt sein würde. Alte Holzdielen gaben dem Laden einen gemütlichen Touch, und gegenüber vom Tresen war Platz für ein paar Tische und Sessel. Ich stellte mir das Ganze loungemäßig vor, cool, aber nicht zu cool. Ich wollte nicht nur die hippen und attraktiven Leute in mein Café locken, sondern auch kleine, niedliche Omas, die mit ihren Stricknadeln klappern und dabei gemütlich einen Cupcake naschen würden. Die Einrichtung sollte auf jeden Fall britisch sein, mit vielen Blumenmustern und Bonbonfarben. Ich seufzte glücklich, während ich an einer der zahlreichen Ampeln auf dem Weg zur Innenstadt auf Grün wartete. Nach der Vertragsunterzeichnung begann nun der beste Part meines Plans, das Einrichten. Gut, erst würden die Wände gestrichen werden müssen. Und eine Grundreinigung würde nötig sein. Aber wozu hatte ich Freunde? Das würde sich bestimmt alles in Nullkommanichts regeln lassen. Bis zur geplanten Eröffnung waren es noch vier Wochen. Alles überhaupt kein Problem.
Wieder eine rote Ampel. Immerhin hatte ich es schon fast bis ans Ende der Rothenbaumchaussee geschafft. Noch wenige Minuten zum Ziel. Ich sah mir die schönen Altbauten an. Wann würde mein Laden so viel Geld abwerfen, dass ich mir hier eine Wohnung würde leisten können? Es wurde grün. Ich legte den ersten Gang ein und düste los, bevor meine Hintermänner mich ungeduldig anhupen würden, wie es mir oft passierte, wenn ich als Erste an der Ampel stand und vor mich hin träumte. Heute hatte ich wahrhaftig schon genug Stress gehabt. Ich brauchte nicht noch mehr Männer, die mich anpflaumten. Leider hatte ich wohl übersehen, dass nur die Linksabbieger eine grüne Ampel gehabt hatten. Mit quietschenden Bremsen kam ich fünf Millimeter vor einem dicken BMW zum Stehen, der im selben Moment offensichtlich nach rechts abbiegen wollte.
Während ich noch starr vor Schreck mit den Fingern am Lenkrad klebte, war der BMW-Mann schon ausgestiegen und brüllte mich an.
»Mei, san Sie narrisch? Wohl den Führerschein in der Lotterie gewonnen? Deppertes Weibsbild!«
Na toll, ein Bayer, und auch noch einer von der Sorte mit Fußballfahnen am Fenster.
Okay, der Beinaheunfall war meine Schuld gewesen, aber mich von einem bayerischen Fußballfan niedermachen lassen? Niemals. Ich stieg ebenfalls aus und baute mich vor ihm auf.
»Okay, Mister, ich mag eine Frau sein, und mein Fahrstil lässt vielleicht ab und an zu wünschen übrig, aber immerhin weiß ich mich im Gegensatz zu Ihnen zu benehmen. Und jetzt regen Sie sich ab, steigen brav in Ihr Auto und fahren weiter, einverstanden?« Während ich auf ihn einredete, wurde sein Gesicht puterrot, und er schnappte nach Luft. »Keine Widerrede? Dachte ich mir, also los.« Mit dem Zeigefinger drückte ich ihm auf die Brust und schob ihn zurück auf seinen Sitz.
Ohne auf weitere Kommentare zu warten, drehte ich mich um und setzte mich hocherhobenen Hauptes wieder in meinen Wagen. Im Rückspiegel sah ich, wie der Mann hinter mir im Wagen sichtlich amüsiert schmunzelte. Immerhin hatte ich den Leuten ein gutes Schauspiel geboten. Der Bayer hatte in der Zwischenzeit unter lautem Fluchen seine Tür zugeknallt und rauschte mit immer noch hochrotem Kopf an mir vorbei.
»Männer. Kein Wunder, dass so viele an einem Herzinfarkt sterben«, murmelte ich, ignorierte bewusst, dass die Ampel mittlerweile wieder auf Rot gesprungen war, und fuhr weiter.
Mit Schwung bog ich in die Valentinstraße ein und konnte schon von Weitem einen kleinen Menschenauflauf vor meinem Laden erkennen. Ich ergatterte eine der wenigen Parklücken und verzichtete darauf, einen Parkschein zu ziehen. Ich malte mir das Schlimmste aus. Bestimmt stand der Laden unter Wasser, oder es hatte gebrannt, oder jemand war eingebrochen und nun standen die Leute vor dem eingeschlagenen Fenster und warteten darauf, dass die Polizei kommen würde. Beim Näherkommen erkannte ich Herzchenballons, Luftschlangen und ein riesiges rosafarbenes Plakat über der Eingangstür, auf dem in dicken großen Buchstaben Herzlichen Glückwunsch! stand. Viele kleine bunte Cupcakes waren darunter gemalt worden.
Kaum, dass meine Freunde mich bemerkt hatten, brüllten sie im Chor los, und Luftschlangen flatterten mir um die Ohren.
»Surprise!«
»Alles, alles Gute zum neuen Laden. Wir wollten dich überraschen.«
»Du hast doch gerade den Vertrag unterschrieben, oder? Hier, nimm ein Glas Champagner, das müssen wir unbedingt feiern.«
Bevor ich auch nur einen Ton sagen konnte, hatte Dine mir schon ein Glas in die Hand gedrückt. Dine war eine meiner besten Freundinnen. Wir kannten uns schon viele Jahre, und ich war mir ziemlich sicher, dass sie dies alles organisiert hatte. Mindestens zehn meiner Freunde standen vor dem Laden und tranken bereits Champagner oder Orangensaft. »Von wem wusstet ihr denn überhaupt, dass das heute ist?«
»Marlene hat geplaudert. Du glaubst doch wohl nicht, dass du so etwas vor uns verheimlichen kannst.« Dine grinste, und im selben Moment drängelte sich meine Schwester Marlene mit ihrer kleinen Tochter Cecilia zu uns durch. Strahlend hielt die Kleine mir ein selbstgemaltes Bild eines Cupcakes vor die Nase. Jetzt ahnte ich auch, wer das Plakat verschönert hatte.
»Guck mal, Tante Clara, ich hab einen Kuchen für dich gemalt«, rief sie und drückte mir einen feuchten Schmatzer auf die Wange. »Genau so einen, wie du sie immer für uns backst.«
»Wow, so einen schönen Kuchen habe ich aber noch nie gebacken, meine Süße. Da muss ich mir noch ganz viel Mühe geben, damit ich das so toll hinbekomme wie du.«
»Das schaffst du schon, Tante Clara. Wenn du noch ganz viel übst«, erwiderte Cecilia. Marlene lachte und drückte mir die Kleine in den Arm.
»Na Schwesterherz, alles glattgegangen bei der Vertragsunterzeichnung?«
»Alles in Butter«, erwiderte ich und hielt ihr die Ladenschlüssel vor die Nase.
»Na, dann mal rein, oder?«
»Halt, Moment«, tönte es von der Seite. Mein bester Freund Basti tauchte neben mir auf und hielt mir einen rosa Schlüsselanhänger in Form eines Cupcakes vor die Nase. »Dein erster Glücksbringer.«
»Rosa, Basti, wirklich?«, frotzelte Dine.
Basti zuckte nur mit den Schultern. »Wenn es nach mir gegangen wäre, wäre sogar noch eine Plüschbommel dran, aber davon hat Marlene mich dann doch abgehalten.«
Basti hatte sich mit neunzehn dafür entschieden, der Frauenwelt zu entsagen und sich zu outen. Was wirklich ein Jammer war. Er erinnerte mich immer an den Hauptdarsteller aus dem Film ‚Wedding Date‘, eine ganz wunderbare Liebeskomödie, natürlich mit Happy End. Ich war absoluter Film- und Serienfreak und sah mir nur Filme an, von denen ich sicher war, dass sie gut ausgehen würden. Ich verbrachte meine Abende gern mit einer Schachtel Pralinen und einer Packung Taschentücher vor dem Fernseher.

»Der ist echt super, Basti, danke.« Ich friemelte den Schlüssel sofort an den Anhänger, was sich mit Cecilia auf dem Arm als nicht besonders leicht erwies, um weitere Diskussionen zwischen Basti und Dine zu vermeiden. Seit sie sich kannten, verhielten sie sich wie Hund und Katze. Niemand wusste, warum sie sich eigentlich nicht leiden konnten. »Also, dann mal alle mir nach«, rief ich, drückte Marlene wieder ihre Kleine in den Arm, schloss die Ladentür auf und trat in eine Miefwolke.

Kapitel 2

»Puh. Das riecht nach toten Mäusen, die es nicht mehr geschafft haben, sich ihr eigenes Grab zu schaufeln und jetzt als Zombies
durch die Welt wandeln«, sagte Dine. »Und wie das hier aussieht.«
Schockiert stand ich im Raum und sah mich um. Ich befand mich inmitten von Schutt und Geröll. Der Vormieter hatte anscheinend ganze Arbeit geleistet, als er hier ausgezogen war. Bei der Besichtigung mit dem Makler war der Laden noch vollkommen intakt gewesen, und die Gäste hatten an kleinen Tischen friedlich ihren Kaffee geschlürft. Von dem niedlichen Café war nicht mehr viel übrig geblieben. Vielleicht hätte ich besser hinhören sollen, als der Makler in einem Nebensatz erwähnt hatte, dass der Vormieter dafür sorgen würde, dass die eingezogenen Trennwände noch abgerissen werden würden. Das war ganz offensichtlich geschehen. Leider hatte er nach dem Einreißen wohl vergessen, den Schutt mitzunehmen.
»Heilige Scheiße, mein lieber Herr Gesangsverein«, murmelte Basti.
»Ich glaube, ich ticke aus«, sagte ich. Der Rest meiner Freunde betrat den Laden nicht. Der Geruch war anscheinend schon nach draußen geströmt.
Basti machte sich inzwischen an einer halb heruntergerissenen Tapete zu schaffen. »Hier haben wir auch die Ursache des üblen Gestanks«, rief er zu uns herüber. »Das ist ganz eindeutig Schimmel.«
Entsetzt drehte ich mich um und sah ihn an. »Das ist nicht dein Ernst, oder?«
»Ich fürchte doch«, sagte er und zeigte auf die dunklen Flecken an der Wand. »Das ist unzweifelhaft Schimmel, und zwar von der ganz üblen Sorte.«
»Ich bringe den Makler um. Wo sind meine Autoschlüssel? Ich fahre jetzt sofort los und drehe ihm den Hals um. Oder noch besser, ich besorge mir eine Knarre.« Voller Wut trat ich gegen den einzigen Stuhl, der mitten im Raum stand.
»Das würde ich mir gut überlegen«, tönte es im selben Moment von der Tür. »Laut Vertrag haben Sie den Laden inklusive aller bestehenden Mängel übernommen, und wenn ich hier richtig lese, sind eventuelle Feuchtigkeitsschäden in der Mängelliste auf Seite zwei aufgeführt.«
Langsam drehte ich mich um. Die Stimme kam mir bekannt vor. So einen Klugscheißer konnte ich jetzt gerade noch gebrauchen.
Ich hatte mich nicht getäuscht, im Türrahmen stand der ignorante Affe, der am Morgen dafür gesorgt hatte, dass meine Vertragspapiere mehr Matsch als Papier waren. »Was machen Sie denn hier?«, entfuhr es mir, während ich mir mit verstaubten Händen die Haare aus dem Gesicht wischte.
»Nun, Sie waren ja heute Morgen so schnell verschwunden, da konnte ich Ihnen nicht mehr sagen, dass ich noch zwei Seiten Ihres Vertrages unter meinen Papieren gefunden habe. Zum Glück stand auf einer der Seiten die Adresse Ihres Ladens, und da ich gerade in der Nähe war …«
»… dachten Sie, dass Sie ja kurz vorbeischauen könnten, um sich weiter über meine Geschäftsidee lustig zu machen.« Ich schnappte mir die beiden Seiten, die er mir hinhielt. Dine hatte sich inzwischen neben mich gestellt und haute mir ihren Ellenbogen in die Seite. »Au, bist du besch…«, sagte ich.
»Entschuldigen Sie, meine Freundin meint es nicht so, sie ist nur gerade ein bisschen gereizt.« Dine strahlte den Typen mit ihrem schönsten Lächeln an.
»Tja, wenn ich mir das Elend hier so ansehe, fehlt Ihnen wohl noch ganz schön viel Love an Ihren Cupcakes«, erwiderte er und ging dabei ein paar Schritte im Laden umher, umgeben von Staubwolken, die jeder einzelne seiner Schritte aufwirbelte.
»Wenn der Typ noch einmal einen Witz über den Namen meines Ladens macht, garantiere ich für nichts«, zischte ich Dine zu und stellte mich ihm in den Weg. »Okay, Herr …«
»Van der Brugge. Samuel van der Brugge, aber nennen Sie mich Sam.«
»Wunderbar, Herr van der Brugge«, sagte ich und ignorierte absichtlich die Hand, die er mir hinhielt. »Da Sie ja anscheinend herzlich wenig von meiner Geschäftsidee halten, ist es wohl besser, wenn Sie uns hier mit unserem Elend allein lassen.«
Er grinste mich an. »Ganz wie Sie meinen, Frau Sander, aber falls Sie mal Rechtsbeistand brauchen sollten, hier ist meine Karte.«
Kaum, dass er mir seine Visitenkarte in die Hand gedrückt hatte, war er auch schon aus der Tür.
»Was für ein ungehobelter Mistkerl, was denkt der sich eigentlich, wer er ist?«, murmelte ich vor mich hin und drehte die Visitenkarte in der Hand.
»Aber heiß ist er, das muss man ihm lassen«, sagte Dine und griff nach dem umgekippten Stuhl, um sich zu setzen.
Ich schnaubte ungerührt und steckte mir die Visitenkarte in die Hosentasche.

Nachdem wir noch eine ganze Weile in meinem Laden herumgestanden und beratschlagt hatten, welches Chaos am besten zuerst zu beseitigen sei, machte ich mich auf den Weg nach Hause. Die To-do-Liste in meinem Kopf war gefühlt zehn Kilometer lang. Herr van der Brugge hatte recht. Die Feuchtigkeitsschäden waren tatsächlich in der Mängelliste aufgeführt und von mir abgenommen worden.
»Du musst das Kleingedruckte lesen, Clara, das Kleingedruckte.« Oft genug hatte meine Mutter mir diesen Satz eingetrichtert, und welchen Fehler musste ich als Erstes machen? Gott, ich hasste Schimmel, das Zeug war nicht nur gesundheitsschädlich, sondern auch wirklich widerlich. Allein der Geruch. Mit ein bisschen Schimmel-Ex war mir hier wahrscheinlich nicht geholfen, da mussten Profis ran. Punkt eins auf meiner Liste war: Schimmelbuster finden, die alles vernichten würden, endgültig und bis in alle Ewigkeit.
Leicht deprimiert schloss ich die Tür zu meiner kleinen Wohnung im Herzen von Altona auf und schmiss meine Tasche auf die Kommode im Flur. Herzzerreißend kläglich quakend kam mir Fee entgegengestiefelt und warf sich vor meine Füße, um sich wonnig auf dem Boden zu wälzen. Fee war meine Perserkatze und seit fünf Jahren meine treue Mitbewohnerin. Ich hatte sie zu mir geholt, als sie noch ganz klein gewesen war, und seitdem waren wir ein Herz und eine Seele, auch wenn Madame oft quakig war, wenn ich zu lange arbeitete und spät nach Hause kam.
»Na, meine Süße, möchtest du dein Futter?« Mit Fee auf dem Arm ging ich in die Küche und öffnete den Kühlschrank, aus dem mich Micky Maus, das Krümelmonster, Miss Piggy und Kermit anstrahlten. »Schau, Fee, heute hast du eine riesige Auswahl. Ich vermute mal, du entscheidest dich für die Maus?« Fee strampelte maunzend auf meinem Arm und machte Anstalten, sich in den Kühlschrank zu stürzen. »Oder vielleicht doch lieber dein normales Futter? Cupcakes sind nicht ganz nach deinem Geschmack, stimmt’s?« Micky Maus und Co. waren aus Marzipan und steckten als Deko auf einer dicken Schicht aus Schokoladencreme. Eine Bekannte von Marlene hatte mich engagiert, drei Bleche Cupcakes für den Geburtstag ihrer sechsjährigen Tochter zu backen. Das Ergebnis stand nun seit dem Morgen in meinem Kühlschrank und wartete darauf, ausgeliefert zu werden. Punkt zwei auf meiner To-do-Liste für den nächsten Tag.
Ich ließ Fee runter und füllte Hühnchenfleisch in ihren Napf, vor dem sie sich zufrieden schmatzend niederließ und mich, ihren allerliebsten Dosenöffner auf der ganzen Welt, nicht mehr beachtete.
Aus dem einzigen noch freien Fach im Kühlschrank lachte mich eine Flasche Weißwein an, genau das Richtige nach dem Ladendesaster.
Mit der Flasche und einem Korkenzieher bewaffnet, ging ich ins Wohnzimmer und schnappte mir auf dem Weg meinen Laptop vom Küchentisch. Wäre doch gelacht, wenn ich nicht heute noch einen Schimmelprofi auftreiben würde, der gleich am nächsten Tag loslegen konnte. Google war schließlich mein bester Freund und Ratgeber in allen Lebenslagen. Die ersten drei Treffer hörten sich bereits vielversprechend an.
»Also, Clara, wer soll denn nun dein Herzblatt sein? Kandidat Nummer eins mit dem Motto ‚Ihr Schimmel, unser Problem‘. Oder Kandidat Nummer zwei, der wirklich absolut widerliche Vorher-Nachher-Fotos auf seiner Website zeigte, wobei auf den Nachher-Fotos alles glänzte und nicht der kleinste Schimmelfleck zu sehen war. Oder Kandidat Nummer drei, der auf die Masche ‚Unsere Chemikalien sind vielleicht nicht legal, aber der Schimmel zahlt Ihnen auch keine Miete‘ setzte.
Ich entschied mich für Kandidat Nummer zwei und hoffte inständig, dass die Fotos nicht mit Photoshop bearbeitet worden waren. Nach einem kurzen Telefonat hatte ich bereits einen Termin für den nächsten Morgen. Zufrieden ließ ich mich in die Sofakissen sinken und nippte an meinem Wein. Fee hüpfte auf das Sofa und kuschelte sich schnurrend an mich.
Als ich mich noch weiter in die Couch sinken ließ, stach mir hartes Papier in den Rücken. Die Visitenkarte von diesem van der Brugge war mir offenbar aus der Hosentasche gerutscht. Ich griff danach und betrachtete sie erneut. Auf der Vorderseite standen sein Name sowie der Name seiner Kanzlei und eine Webseite.
»Na, dann wollen wir doch mal sehen, ob du wirklich so cool bist, wie du tust, Sam«, sagte ich und griff nach meinem Laptop.

Die Firmenwebseite gab relativ wenig her. Die Kanzlei schien sich auf Miet- und Familienrecht spezialisiert zu haben, van der Brugge war offensichtlich Fachanwalt für Steuerrecht. Jeder Anwalt der doch recht großen Kanzlei war mit Bild und einer Kurzbeschreibung auf der Seite aufgeführt. Auf dem Bild sah er wirklich unverschämt gut aus, das musste ich zugeben. Braune Haare, strahlend blaue Augen, eine markante Gesichtsform und natürlich in Schlips und Kragen, wie sollte es auch anders sein. Fehlte nur noch der Dreitagebart und er käme meinem Ideal von einem Mann ziemlich nahe. Er erinnerte mich ein bisschen an meinen ersten großen Schwarm aus der Schulzeit, Heiner Blohm. Gott, was war ich damals in den verknallt gewesen. Ich war erst vierzehn, er schon siebzehn und somit drei Klassen über mir. In dem Alter hatten drei Jahre Altersunterschied leider noch sehr viel ausgemacht, und ich hatte nach monatelanger Schwärmerei meinen ersten Korb bekommen, dabei waren Marlene und ich sogar extra dem Schulchor als Sopransängerinnen beigetreten, weil Heiner dort Klavier gespielt hatte. Damals hatte ich das als eine gute Taktik empfunden, heute eher als extrem peinlich, aber was tat man nicht alles für die Liebe. Als Heiner dann irgendwann die Schule gewechselt hatte, hatte auch mein Liebeskummer nachgelassen, und ich war mit meinem ersten Freund zusammengekommen. Ein paar Jahre später hatte ich Heiner zufällig in einer Disco getroffen, wo er mir dann ziemlich klar zu verstehen gegeben hatte, dass er mittlerweile kein Problem mehr mit dem Altersunterschied hatte. Zu seinem Pech waren andere Jungs mittlerweile viel interessanter geworden, auch wenn seine blauen Augen immer noch der Hammer gewesen waren, und so war wieder nichts aus uns geworden.
Schnell klickte ich mich durch van der Brugges Team und blieb bei seiner Sekretärin hängen. Blond, blauäugig, bestimmt einen Meter fünfundsiebzig groß und sicherlich mit ellenlangen Beinen, auch wenn ich das auf dem Foto nicht sehen konnte. Typ Topmodel. »Na wunderbar, überrascht mich jetzt aber auch nicht wirklich«, murmelte ich, nahm einen Schluck Wein und kraulte Fee den Bauch. »Aber was soll’s, so ein arroganter Typ interessiert uns eh nicht, oder Fee?« Diese rollte sich auf die Seite und maunzte zustimmend. »Und wer braucht schon zwei Meter lange Beine?«, fügte ich hinzu und begutachtete meine kurzen. Ich war auch riesig, leider nur im Sitzen. Ein Sitzriese sozusagen, langer Oberkörper und kurze Beine. Gut, das war vielleicht ein bisschen übertrieben, aber ein paar Zentimeter mehr wären ganz nett gewesen. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass auf meinem Laptop das Briefchen als Symbol für neue Nachrichten blinkte. Ich hatte vier neue E-Mails, drei davon Spams, eine von Dine mit dem Betreff »Sam von der Brücke«.

Hey Süße, falls der ignorante Affe von heute Morgen doch nicht uninteressant sein sollte, schau doch mal bei Facebook vorbei.
LG, Dine

Darunter hatte sie einen Link eingefügt, der zu seinem Facebook-Profil führte.
»Total uninteressant, vollkommen unwichtig, interessiert mich überhaupt nicht. Punkt.« Im nächsten Moment hatte ich schon auf den Link geklickt. Sein Profilfoto zeigte ihn am Strand lässig an ein Surfbrett gelehnt, die Haare nass und verwuschelt, bei strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel. Ziemlich ungewöhnlich für einen Anwalt, ein privates Foto bei Facebook, andererseits hatte er sonst nichts freigegeben. Außer seinem Profilfoto und ein paar allgemeinen Angaben konnte ich mir nichts ansehen, nicht mal seine Freundesliste.
Langsam fuhr ich mit dem Mauszeiger über den Button zum Versenden einer Freundschaftsanfrage.
»Nein, Clara, blamier dich nicht. Du machst dich nur lächerlich. Lass es einfach, sonst bildet er sich noch was darauf ein.« Ich gönnte mir noch einen Schluck Wein. Sicherheitshalber schob ich den Laptop ein Stück von mir weg, damit ich nicht erst in Versuchung kommen würde. Meine Neugierde war nicht gerade eine meiner besten Eigenschaften und hatte mich schon in die unmöglichsten Situationen gebracht. Das würde mir diesmal nicht passieren, ganz sicher nicht.
Während ich noch auf meinen Laptop starrte, machte sich mein Magen lautstark bemerkbar. Fee wurde von dem lauten Gegrummel wach und sah mich träge an.
»Okay, Zeit, etwas zu essen. Das ist auf jeden Fall besser, als sich gut aussehende, eingebildete Männer anzusehen.« Ich stand auf. Fee raffte sich ebenfalls auf, offensichtlich in der Hoffnung, dass in der Küche auch für sie noch etwas abfallen würde. Bevor sie mir jedoch folgte, beschnupperte sie neugierig Laptop und Maus und stampfte mitten im Kabelgewirr herum.
»Fee, nein! Weg da!« Wie üblich schien sie sich überhaupt nicht für mein Geschrei zu interessieren. Bevor ich reagieren konnte, war sie vom Sofa runtergehüpft und hatte die Maus mitsamt Kabel mit sich gezogen. Scheppernd knallte die Maus auf den dunklen Holzboden, wodurch Fee sich zu Tode erschreckte und wie vom Blitz getroffen durch die Wohnung raste. Natürlich, wie sollte es auch anders sein, war die Maus mit der Oberseite nach unten heruntergefallen, und ich hatte das Gefühl, ein leises »Klick« gehört zu haben. Eine dumpfe Vorahnung beschlich mich, und ich drehte den Laptop zu mir, nachdem ich die Maus aufgehoben hatte.

Ihre Freundschaftsanfrage wurde versendet.

Nein, nein, nein. Warum musste so etwas immer mir passieren? Hektisch klickte ich auf der Seite herum, was natürlich überhaupt nichts brachte.

Freundschaftsanfrage rückgängig machen.

Ja, genau das war es, was ich gesucht hatte. Klick.

Möchten Sie die Anfrage wirklich rückgängig machen?

Ja, natürlich, nichts mehr als das. Ein weiterer Klick und die Anfrage wurde zurückgenommen. Erleichtert ließ ich mich auf mein Sofa sinken. Das war ja gerade noch gut gegangen. Es sei denn … Mist, Mist, Mist. Wieso hatte ich nicht daran gedacht, dass van der Brugge die Anfrage trotzdem sehen würde? Und nun würde er auch noch sehen, dass ich meine Anfrage zurückgezogen hatte. Diese ganzen Informationen wurden ja immer per E-Mail verschickt. Ich hatte also alles nur noch schlimmer gemacht. Jetzt blieb eigentlich allein die Flucht nach vorn. Ich musste die Anfrage neu verschicken, und falls er mich jemals darauf ansprechen würde, würde ich alles auf irgendwelche Internetprobleme schieben. Nach dem Motto, ich hätte gedacht, die Anfrage wäre nicht verschickt worden, deswegen hatte ich es noch mal probiert. Eine gute Lösung. Ich klickte erneut auf den Button zum Versenden der Anfrage und meldete mich dann bei Facebook ab. Für heute hatte ich mich wirklich genug blamiert. Vielleicht würde ich ja auch Glück haben, und er würde mich nicht als Freundin bestätigen, dann würde er auch nicht die zahlreichen peinlichen Fotos zu sehen bekommen, auf denen meine Freunde mich markiert hatten. Die Hoffnung starb ja bekanntlich zuletzt. Und überhaupt, wieso machte ich mir eigentlich Gedanken? Dieser Typ war mir doch total egal. Wirklich. Ehrlich.

Um nicht noch mehr Katastrophen heraufzubeschwören, beschloss ich, hungrig und leicht angeduselt ins Bett zu gehen und alle Mittel der modernen Kommunikation auf stumm zu stellen. Morgen würde ich weitersehen.

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Hach das macht doch Lust auf mehr oder? Das Cover ist auch ein absoluter Blickfang und sehr passend. Ich bin schon sehr auf das Buch gespannt, ihr auch?

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