Donnerstag, 22. Mai 2014

[Lesedeal] Unter Kirschbäumen von Sarah Jordan




Ich habe wieder einen exklusiven Lesedeal für euch im Gepäck und zwar von der sympatischen Autorin Sarah Jordan. Die meisten von euch kennen sie aus der Youtubewelt und nun veröffentlicht sie ihren ersten Roman und ich muss sagen der Titel klingt wundervoll und macht auf jeden Fall Lust auf mehr. Das Cover steht im Moment noch nicht zu 100% wird aber pünktlich zur Veröffentlichung am Sonntag den 25.5 dann fertig sein.

Prolog

Ich erinnere mich noch genau an die Zeit, als uns alles egal war. Außer uns selbst war nichts wichtig. Weder die Blicke der Anderen, noch unsere schimpfenden Eltern. Auch die wütenden Schreie unserer Nachbarn, wenn wir in ihrem Vorgarten die Blumen zertrampelt hatten, waren uns gleichgültig. Wir beide hatten uns – und mehr zählte nicht.
  
   Ben war für mich schon immer etwas Besonderes gewesen. Wir wuchsen seit Kindertagen zusammen auf und immer, wenn meine Mutter über Nacht nicht zuhause war, konnte ich bei ihm übernachten und wir erzählten uns Gruselgeschichten, bis wir uns beide so sehr fürchteten, dass wir in den Armen des Anderen Schutz suchten. Ich wusste, wie er roch, ich wusste, was er morgens in seiner Brotbüchse hatte und ich wusste, wie er atmete. 
  
   Bens Kindheit verlief wesentlich einfacher als meine. Er war von allen Seiten behütet und man hatte sich um ihn gekümmert, wie man sich um ein Kind kümmern sollte. Bei mir war das ein bisschen anders. Meine Mutter hatte meinen Vater früh verlassen und ich zog im Alter von acht Jahren mit ihr neben Bens Familie ein. Meine Mutter und ich hatten uns als eingespieltes Team versucht, aber lange erfüllte dieses Manöver nicht seinen Zweck. Oft musste ich mir nach der Schule in der Stadt etwas zu essen kaufen, weil sie später von der Arbeit kam als geplant. Mein Vater rief zuerst regelmäßig an, später immer weniger. Ich fühlte mich nicht wohl in meinem neuen Zuhause und weinte oft, als keiner hinsah. 
  
   In der Schule redete niemand mit mir. Jeder, der mal die Schule wechseln musste, kennt dieses Gefühl. Du wirst von mindestens zwanzig Augenpaaren praktisch ausgezogen und gescannt. Es ist nicht einfach Anschluss zu finden, wenn man gerade nicht in der Stimmung ist, anderen ein Lächeln zu schenken.  
   Nach etwa einer Woche, in der ich immer wieder hoffte, dass es so wird wie früher, hatte ich meinen Haustürschlüssel vergessen. Als ich nach der Schule nach Hause kam, stand ich vor verschlossener Tür und wie meistens, war meine Mutter noch nicht da. Mein Schlüssel lag drinnen auf der Kommode und seufzend ließ ich mich vor der Tür nieder. Es dauerte nicht lange, da meldete sich meine Blase zu Wort. Da ich ein Kind war, das sich davor fürchtete, die Toiletten mit so vielen anderen Kindern zu teilen, ging ich in der Schule nie aufs Klo. Nun saß ich da, mit voller Blase und leerem Magen und wusste nicht, was ich tun sollte. Ich rappelte mich auf und lief vor dem Haus hin und her. Hin und her. Immer wieder, bis der Druck zu groß wurde. Da das Nachbarhaus das letzte Reihenhaus in der Straße war, konnte ich dort außen herum schleichen und in den Garten schauen. Kurzentschlossen öffnete ich die Zauntür, warf einen Blick auf die Terrasse und schlich hinter einen Kirschbaum. Ich weiß noch, dass ich den Baumstamm um Entschuldigung bat, als ich meinen Rock bis zu den Knien herunterzog, in die Hocke ging und laufen ließ. Ich schloss die Augen und zog die Nase kraus, während sich der Ammoniakgeruch in meine Nase schlich. 

   »Mama? Hier pinkelt jemand in unseren Garten!«, hörte ich plötzlich eine Jungenstimme rufen und zog mir vor Schreck so eilig den Rock hoch, sodass ich mit meinen Sandalen fast in die Pfütze gelatscht wäre. Peinlich berührt stand ich da und wusste nicht, ob ich wegrennen oder stehenbleiben sollte. Verunsichert wie ich war, blieb ich natürlich wie angewurzelt stehen und linste hinter dem Baum hervor. Eine wunderschöne Frau mit langen Beinen und blondem welligem Haar fasste den Jungen zärtlich am Hinterkopf und kam mit ihm gemeinsam auf mich zu. Sie lächelte, als sie mich sah und meine Mundwinkel wanderten schuldig nach unten. 
  
   »Hey«, sagte die Frau und ich vergrub meine Hände in der Rockfalte. »Bist du nicht das Mädchen, das vor Kurzem nebenan eingezogen ist?« Sie ging vor mir in die Hocke und nahm eine meiner Hände in ihre.
  
   »Ja«, sagte ich leise und blickte zu dem Jungen, der mich skeptisch beäugte. Seine braunen Haare fielen ihm leicht über die wachsamen Augen.
  
   »Habt ihr keine Toilette zuhause?«, fragte er geradeheraus und ich war schon drauf und dran mit dem Kopf zu schütteln, so verwirrt war ich auf einmal.
   »Meine Mama ist nicht da und ich hab keinen Schlüssel dabei«, sagte ich und schaute zu Boden. Nichts zuvor war mir je so peinlich gewesen.
   »Ich würde sagen, dann kommst du jetzt mit rein und isst mit uns zu Mittag. Es gibt Spaghetti mit Pilzen«, schlug die hübsche Frau vor und nahm mich, sowie ihren Jungen, an der Hand. Im Haus roch es wunderbar und mein Magen begann sogleich zu knurren. Ich leckte mir die Lippen, da ich eine solche Mahlzeit schon ewig nicht mehr zu mir genommen hatte. Der Junge und ich nahmen Platz an einem großen Tisch, der mit einem pastellgelben Tischtuch versehen war. Vorsichtig ließ ich meine Finger darüber gleiten. 
  
   Da stupste der Junge mich mit seinem Ellbogen an. »Ich bin Ben«, sagte er. Ich drehte mich zu ihm um und lächelte kläglich. »Du hast schöne Haare, so lockig.« 
  
   »Danke«, murmelte ich. »Ich bin Maja.« Ben lächelte mich an und seine grünen Augen wurden zu süßen Schlitzen. Ich lächelte zurück, fasste mir in meine Locken und empfand sie zum ersten Mal als in Ordnung. Normalerweise mochte ich meine Haare ganz und gar nicht, aber das hatte sich durch Ben geändert. Vieles hatte sich durch Ben geändert. Und auch durch seine Mutter.
   Es dauerte nicht lange, bis ich in Bens Familie eine eigene gefunden hatte, denn durch Ben erhielt ich ein Stück heile Welt, einen Gefährten, ausgewogenes Essen und einen eigenen Kirschbaum.
   Aber wie alles im Leben, war auch das nicht von Dauer. Denn nach der Schule hatte Ben uns verlassen. Für ganze drei Jahre. Er wollte seinen Traum verwirklichen, einmal im Ausland zu leben. Und diesen Traum konnte ich ihm nicht abschlagen, auch wenn mein eigener dadurch zerbrach...




Kapitel 1


»Jim, kannst du bitte etwas schneller fahren?« Mit verzogenem Mund sah ich Bens Vater an und krümmte mich mit angezogenen Knien auf dem Beifahrersitz. Der Anschnallgurt drückte mir auf die Blase und Jims dämliches Gegrinse gab mir den Rest.
»Du hättest im Club gehen können«, sagte er und hob prophezeiend die Hand, bevor er sie wieder zurück auf den Schaltknauf sinken ließ.
»Du weißt, dass ich nicht auf öffentliche Toiletten gehe«, presste ich hervor und pustete mir die geglätteten Haare aus dem Gesicht, während ich meine Handgelenke zwischen die Schenkel drückte. Als wenn das irgendetwas geholfen hätte.
»Es ist später Nachmittag, die Toiletten hat heute noch niemand benutzt.« Jim schüttelte den Kopf und ein Schmunzeln stahl sich über seine Lippen, als er an einer roten Ampel hielt. Mir entfuhr ein Stöhnen und ich ließ den Kopf gegen das Fenster sinken.
»Weißt du, Jim, manchmal kann ich dich gar nicht leiden«, knurrte ich und warf ihm einen scharfen Blick zu. Er erwiderte ihn und plusterte leicht die Wangen dabei auf, was mich zum Lachen brachte.
»Willst du, dass ich dir auf den Sitz pinkle?«, kreischte ich und stampfte einmal mit beiden Füßen auf. Im gleichen Moment setzte sich der Wagen wieder in Bewegung und es gab nur noch etwa zweihundert Meter zu überwinden, bevor wir endlich zuhause ankämen. Jim trat nun wirklich beständig auf das Gas. Wahrscheinlich machte er sich tatsächlich ein wenig Sorgen um seine Stoffsitze.
Als Jim den Wagen in unsere Straße lenkte, sah ich meine Mutter Valerie und Bens Mutter Linda vor dem Haus stehen. Meine Mutter hielt ein Sektglas in der Hand und Linda stand mit verschränkten Armen da, ihre altrosa Bluse beulte sich im Wind.
Nachdem Jim den Wagen gestoppt hatte, sprang ich raus und lief vornüber gebeugt auf die beiden zu.
»Mum?«, rief ich. »Kannst du bitte Jim bei den Flaschen behilflich sein, ich muss ganz dringend auf Toilette.« Eine Antwort wartete ich gar nicht erst ab, sondern humpelte an den beiden vorbei zur offenstehenden Haustür.
»Kein Problem«, rief meine Mutter hinterher und Linda begann irgendeinen Satz, dessen Ende ich nicht mehr mitbekam, denn da hetzte ich schon die Treppenstufen zu Bens Wohnung hinauf. Ich trampelte wie ein Elefant ins Badezimmer und schmiss die weiße Tür hinter mir zu. Zwei Sekunden später riss ich mir die Hose runter und ließ mich auf die Klobrille plumpsen.
»Endlich«, keuchte ich und konnte förmlich dabei zusehen, wie mein Bauch wieder flacher wurde. Ich stöhnte erleichtert und laut, schloss die Augen und hielt die Nase in die Luft. Plötzlich klopfte es.
»Besetzt!«, schrie ich erschrocken und zog mein Shirt in die Länge, damit es meine Blöße verdeckte. Peinlich berührt rollte ich ein Stück Klopapier ab.
»Die wissen doch, dass ich auf Toilette bin«, murmelte ich und stand auf, zog meine Hose wieder hoch und spülte ab.
»Alles ok da drin?«, hörte ich eine allzu bekannte Stimme fragen und erstarrte. Dann kribbelte es in meinem Bauch wie im freien Fall und ich stürmte zur Tür, zog sie auf und sah ihm für den Bruchteil einer Sekunde ins Gesicht, bevor ich ihm um den Hals fiel. Seine Arme umfassten meine schmale Taille und übermütig hob er mich hoch. Ich zappelte nicht wie ich es sonst immer tat, sondern blieb einfach in seinem Griff hängen und legte mein Gesicht in seinen Nacken, drückte meine Lippen in seine Halsbeuge.
»Du hast mir gefehlt, Maja«, sagte er und ich spürte seinen Atem an meiner Schulter.
»Und du mir erst«, flüsterte ich, umarmte ihn fester und kämpfte mit den Freudentränen. »Was machst du schon so früh hier, ich…«, stammelte ich und kurz darauf ließ er mich sanft wieder herunter und meine Arme lösten sich widerwillig von ihm.
»Wir sind etwas früher angekommen. Wir hatten mehr Verkehr eingeplant«, sagte er und zuckte mit den Schultern. Dann sah er zu mir herab und ein breites Grinsen überfiel sein gebräuntes Gesicht.
»Wir?«, hakte ich verwirrt nach und er legte mir seinen Zeigefinger auf den Mund. Sein Grinsen ging ins Spöttische über.
»Eins nach dem Anderen, Prinzessin. Vielleicht wäschst du dir erst mal die Hände.« Nickend riss ich die Augen auf und ging zum Waschbecken hinüber, ließ kühles Wasser über meine Finger laufen, die bereits ebenfalls vor Aufregung zu kribbeln begonnen hatten.
»Mein Gott, Ben, du glaubst gar nicht wie langweilig es hier ohne dich war«, rief ich aus, während ich meine Hände abtrocknete und anschließend zusah, dass das Handtuch wieder ordentlich auf der Stange hing.
»Ich wünschte, ich könnte dasselbe behaupten. Aber ich hatte viel Spaß in Neuseeland.« Skeptisch blickte ich zu ihm auf, suchte in seinen Augen nach einem Hinweis, wie ich diese Aussage zu deuten hatte.
»Aha«, murmelte ich. Dann lächelte ich gezwungen. »Nun ja, ist ja ganz klar, neues Land, neue Leute und so…« Wir sahen uns an, schweigend. Dann atmete Ben tief ein und streckte mir eine Hand hin.
»Komm, lass uns in mein Zimmer gehen, ich möchte dir jemanden vorstellen.«
Mein Herz stockte, dann schlug es doppelt so schnell wie vorher. Ich fühlte mich, als würde mich irgendein lebenswichtiges Organ im Stich lassen, nahm aber trotzdem seine Hand und hoffte, dass mich keine allzu böse Überraschung erwarten würde. Aber meine Fantasie spielte mir bereits eine Verlobte vor, am Besten noch mit Bens Neugeborenem am Rockzipfel. Bei dem Gedanken wurde mir ganz flau im Magen.
Zusammen gingen wir zu seinem Zimmer hinüber, in dem ich die letzten Monate sehr oft meine Nächte verbracht hatte, einfach, um mich nicht ganz so einsam zu fühlen. Nervös schluckend zählte ich die Schritte, bis wir um die kleine Trennwand herum waren, die seine Schlafnische vom hell beleuchteten Wohnzimmer trennte. Und dann stand ich plötzlich da, Hand in Hand mit Ben vor zwei fremden Menschen, deren Augen neugierig auf mich gerichtet waren.
»Da wir jetzt alle vollständig sind, eine kleine Vorstellungsrunde«, verkündete Ben und drückte meine Hand ein wenig fester. »Chelsea, Sam, das hier ist die berühmte Maja.«
»Hallo«, murmelte ich, ließ Bens Hand los und versuchte freundlich zu wirken, jedoch schien das die kurzröckige Naturblondine wohl ohnehin nicht zu interessieren. Aber der junge Mann neben ihr, welcher die Haare gelockt und hinter den Ohren trug und dessen Klamotten einem kultivierten Mann gehören könnten, schien ganz erfreut zu sein.
»Hey«, sagte dieser und stand auf um mir die Hand zu reichen. »Ich bin Sam. Ben hat über die Jahre bei meiner Familie gelebt.«
»Ah, schön mal jemanden davon kennenzulernen, er hat immer nur Bilder von der Umgebung geschickt. Und was tust du hier, wenn ich fragen darf?« Ich versuchte meine Frage nicht zu spitz klingen zu lassen und reichte Chelsea indessen ebenfalls die Hand. Ihre war ganz weich und kühl. Sie blickte mich barsch an und sagte kein Wort zur Begrüßung.
»Ich möchte hier die ersten drei Monate meines praktischen Jahres als Arzt vollziehen«, sagte er und ich zog eindrucksvoll die Augenbrauen nach oben. Arzt also, sehr schön. »Und Chelsea, meine Cousine übrigens, hatte hier die Chance eines Praktikums bei einer berühmten Designerin. Sie möchte gern mit Mode arbeiten.«
»Für Mode interessiere ich mich auch«, sagte ich gespielt anerkennend und lächelte in ihre Richtung. Sie erhob ebenfalls einen Mundwinkel und strich sich mit ihren langen Fingernägeln eine Strähne zurück.
»Du interessierst dich für Mode? Seit wann denn?«, fragte Ben. Genervt drehte ich mich zur Seite, um ihn ansehen zu können. »Warst du nicht immer eher der Musik- und Kunsttyp?«
»Mode ist Kunst, Ben«, sagte ich und ließ mich auf dem großen Sessel nieder, der in meiner Nähe stand. Kurze Zeit später setzte Ben sich auf die Lehne und legte die Hände im Schoß zusammen.
»Und wo werdet ihr wohnen in der nächsten Zeit?«, hakte ich nach und verschränkte locker die Arme vor der Brust. Chelsea nahm kaum den Blick von mir, allerdings vermied sie es in die Höhe meiner Augen zu geraten.
»Wir haben uns hier für die Zeit eine kleine Wohnung gemietet, nichts Besonderes, aber für uns reicht es«, sagte Sam und lächelte. Er schob sich die Ärmel seines weißen Hemdes nach oben und erst da fiel mir auf, dass er die obersten Knöpfe offen trug.
»Okay und wann geht ihr dahin zurück?«, fragte ich ohne darüber nachzudenken, welche Worte gerade aus meinem Mund purzelten. Chelsea fixierte mich in einem Anflug von Ärger und für einen Moment herrschte greifbare Stille.
»Naja, nach der Party?« Sam schluckte.
»Natürlich«, sagte ich und schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, wisst ihr…«
»Du hast Ben so lange nicht gesehen«, beendete Sam meinen Satz und beugte sich nach vorne, legte seine Ellbogen auf den Knien ab, sodass ich freien Blick auf seinen Oberkörper bekam. »Keine Sorge, wir verstehen das.«
»Danke«, sagte ich erleichtert. »Es war wirklich nicht böse gemeint.« Ben sah mich lächelnd an und legte mir eine Hand auf mein Knie. Sofort verspürte ich ein warmes, intensives Gefühl, das mir bei Ben vorher gänzlich unbekannt war. Es erschreckte mich und ich fragte mich, ob es nur die Sehnsucht nach ihm war, oder ob ich tatsächlich für ihn so was wie Liebe entwickelt hatte. Aber war das denn überhaupt möglich, wenn jemand drei Jahre lang gar nicht da war?
»Ich würde sagen, wir machen uns langsam auf den Weg nach unten. Die ersten Leute trudeln bestimmt schon ein«, schlug Ben vor und bewegte seinen Daumen auf meinem Bein hin und her. Nervös atmete ich ein und rückte mich auf dem Sessel zurecht.
»Ich glaube, unsere Mütter haben die Gäste sehr gut im Griff«, sagte ich und Ben nickte übertrieben.
»Mit größter Sicherheit. Solange der Sekt nicht ausgeht, ist alles in bester Ordnung.« Ich kicherte und stand dabei auf. Ben erhob sich ebenfalls von der Lehne und winkte seine beiden Freunde mit sich. Dann begaben wir uns alle zusammen nach unten zu den anderen Gästen. Es waren tatsächlich bereits ein paar Leute eingetroffen, um Ben willkommen zu heißen, und die meisten davon kannte ich schon mehrere Jahre. Immerhin waren meine Mutter Valerie und ich hier bei jedem Geburtstag oder Herbstessen eingeladen und natürlich immer anwesend. Auch wenn meine Mutter meistens beruflich unterwegs war, hatte sie sich mit Linda doch sehr innig angefreundet.
»Da seid ihr ja endlich, wir wollten schon eine Fahndung rausgeben«, sagte meine Mutter beschwipst und hob ihr Sektglas in die Höhe. »Möchtest du einen Schluck, meine Kleine?«
»Danke, Mama, jetzt nicht«, wehrte ich ab und schob sie sanft zur Seite, damit ich hinter den anderen in die Küche gehen konnte. Alle schnappten sich ein Glas und ich beobachtete, wie Chelsea gleich hinter Ben stand, er ihr Sekt einschenkte und wie sich ihre Blicke dabei trafen.
»Los, stoß mit mir an«, sagte sie und Ben hob sein Glas, sah ihr in die Augen und dann berührten sich die Gläser und ich sah Chelsea dabei zu, wie sie ihres an ihre Lippen führte. Natürlich sah es verführerisch dabei aus. Ihre Nase war vorne etwas platt, aber trotzdem schön, ihre Lippen schmal, aber sinnlich geformt und ihre Wimpern lang und getuscht. Ihre ellenlangen blonden Haare und ihr kurzer Rock taten ihr Übriges. Vor allen Dingen trug er dazu bei, dass mir übel wurde.
»Ich geh mal raus«, sagte ich und wusste nicht, ob mich überhaupt noch jemand wahrnahm. Schnell drehte ich mich um, bahnte mir durch die Gäste einen weg zur Terrasse und atmete dort die frische Luft. Ein älteres Pärchen sah sich gerade Lindas Blumen an, die sie im Frühling erst neu eingepflanzt hatte und nickte mir freundlich zu. Ich lächelte zurück und ließ mich auf der weißen Bank in der Nähe des Kirschbaums nieder. Jedes Mal, wenn ich dort saß, weckte es Erinnerungen, aber dieses Mal schmerzten sie auf eine seltsame Weise.
»Maja?«, hörte ich Lindas Stimme neben mir. Gedankenverloren blickte ich sie an. »Was machst du hier draußen?«
»Ach, nichts…« Mir fiel keine gescheite Erklärung ein. Linda setzte sich neben mich und warf ihre Haarpracht zurück.
»Wärest du nicht einfach an uns vorbeigerannt, hätte ich dich vorgewarnt«, sagte sie und nippte an ihrem Sekt. Ihre Lippen waren in einem leuchtenden Rot bemalt und ich bewunderte sie jedes Mal dafür, dass sie als Blondine solche Farben tragen konnte. Die meisten Frauen sahen mit gebleichtem Haar und roten Lippen gleich aus wie eine vom Bordstein. Aber Linda wirkte immer so edel und unnahbar.
»Darum geht es gar nicht«, sagte ich und blickte auf meine Füße, die ich ineinander verhakt hatte.
»Ach nein?«, fragte Linda. »Ich denke schon, dass es um Bens Besuch geht. Jedenfalls um einen Teil davon. Sie schwieg kurz und lachte dann leise auf.
»Naja, sie war nicht gerade erfreut darüber, mich kennenzulernen«, sagte ich schulterzuckend. Linda strich mir meine Haare über den Rücken. Sie drehte die unteren Wellen um ihre Finger und ließ sie dann wieder auslaufen.
»Genauso wenig warst du erfreut, sie zu sehen«, sagte Linda wissend. Sie hatte bemerkt, dass ich mich Ben gegenüber verändert hatte. Dass ich mir Fotos von ihm viel öfter als nötig angesehen hatte, ständig bei ihnen zuhause abhing, anstatt die Zeit mit meiner Mutter zu verbringen, Bens T-Shirts trug, die er nicht mitgenommen hatte und sein Duschgel benutzte. Ja, sie wird beim Wäsche machen sicher auch bemerkt haben, dass auf Bens Kopfkissen - obwohl er schon ein Jahr nicht mehr da war - immer noch sein Parfum zu riechen war. Und zwar in aller Deutlichkeit. Sie wusste es, sie kannte mich. Und sie war nicht blind. Aber vielleicht wusste sie auch mehr über Chelsea, als mir lieb war.
»Was ist das zwischen den beiden?«
»Nun, das solltest du Ben wohl besser selbst fragen, Schatz«, sagte sie leise. »Ich weiß nicht, ob da überhaupt was ist. Er hat mir nie von ihr erzählt, aber plötzlich steht sie da und…«
»Und scheint von Bedeutung zu sein«, beendete ich den Satz fast flüsternd. Ich vergrub kurzerhand mein Gesicht in den Händen und Linda zog mich in ihre Arme. Sie strich sanft mit ihren schmalen Fingern über meine Haut und ihr Kinn legte sich für einen kleinen Augenblick auf meinen Kopf.
»Gibt es etwas, das du mir sagen möchtest?«, fragte Linda leise. »Ich weiß, der Standardsatz aller Filme, aber…«
»Ich mag ihn eben«, brachte ich bloß heraus und fragte mich gleichzeitig, wieso es mir so schwer fiel, Linda meine Gefühle für Ben zu gestehen. Immerhin war sie für mich wie eine zweite Mutter.
»Ja, ich weiß«, sagte sie und räusperte sich. Dann setzte sie sich gerade hin und ich löste mich wieder aus ihrer Umarmung.
»Deine Gefühle haben sich verändert, oder?« Stille kehrte zwischen uns ein und es war, als stände die Zeit für mich still. Das einzige, was ich noch vernahm, war das leise Vogelgezwitscher und die gedämpfte Musik, die aus der Wohnung drang.
»Ich glaube schon«, seufzte ich. Und dann sah ich Linda an, erkannte ein Funkeln in ihren Augen. Sie stand auf, nahm meine Hand und zog mich ebenfalls von der Bank.
»Maja, kein Mädchen könnte eine so perfekte Schwiegertochter für mich abgeben, wie du es tun würdest«, sagte sie aufrichtig und ein Lächeln stahl sich über ihre Lippen. »Ich weiß, dass du für Ben eine große Bedeutung hast. Finde heraus, wie es zwischen euch steht.«
Ich wand mich und wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Ihre Worte waren wie Balsam für meine Seele und es war ein schönes Gefühl zu wissen, dass sie auf meiner Seite stand.
»Danke«, sagte ich nur und ließ mich von ihr auf die Wange küssen.
»Aber immer gerne«, sagte Linda und strich mir mit ihren langen schmalen Fingern durchs Haar. »Und jetzt gehen wir rein, trinken etwas und sehen, was der Abend so bringt.«
»Okay.«
»Und lass dich bloß nicht von Chelsea aus dem Spiel kicken«, warnte Linda mit erhobenem Glas. »Sie ist zwar hübsch und hat wundervolle Beine, aber genau das hast du auch. Und nicht nur das, sondern auch Herz. Und kein Herz könnte Bens Herz so verzaubern wie deines, Maja.«
Wir gingen rein und am liebsten wäre ich Linda noch hundert Mal für diese Worte in die Arme gefallen. Wie lange sie wohl schon darauf gewartet hatte, dass ich mit ihr darüber rede? Wann war sie sich sicher, dass ich mich in Ben verliebt hatte? Ich hatte mir seine Emails manchmal zehnmal am Tag durchgelesen und ihn monatelang als Hintergrund auf dem Desktop seines eigenen Computers gehabt. Dazu war ich einfach ein missmutiger Mensch, wenn er nicht da war und konnte mich in den drei Jahren nur schwer mit anderen Leuten beschäftigen. Ja, wahrscheinlich lag es schon ewig auf der Hand. Ob es für Ben auch so offensichtlich war, nachdem er mich so lange nicht gesehen hatte? Ich hatte ihm schließlich nicht auf die Nase gebunden, dass ich den ganzen Tag über alleine zuhause hockte. In seinem Zimmer. Unter seiner Wolldecke. In seinen Shirts. Dennoch spukte die Frage in meinem Kopf herum, wie gut er mich noch kannte. Damals hätte ich so etwas nicht vor ihm verheimlichen können. Aber wir beide hatten uns in den vergangenen Jahren beide sehr verändert.
»Da seid ihr ja, ich hab euch schon gesucht«, rief meine Mutter und legte einen Arm um meine Schultern. »Mensch, es ist so schön mal Leute aus Neuseeland kennenzulernen. Gerade habe ich mit den beiden ein bisschen geplaudert.«
»Ach ja?«, sagte ich und verschränkte genervt die Arme vor der Brust, wand mich aus der Umarmung meiner Mutter. Grinsend strich sie sich ein paar Strähnen ihres schwarzen Bobs hinter die Ohren.
»Diese Chelsea ist ja wirklich eine Granate«, stellte sie fest und legte nachdenklich einen Finger an ihre Wange.
»Aha«, sagte ich schlicht und versuchte die Wut über ihren Kommentar nicht zu hoch kochen zu lassen.
»Ist sie Model?«, fragte sie ernsthaft interessiert.
»Woher soll ich das wissen, Mutter?«, keifte ich. »Es interessiert mich auch nicht«, fügte ich etwas weniger bissig hinzu und suchte im Raum nach einer Fluchtmöglichkeit.
»Na, na, meine Liebe. Nur kein falscher Neid.«
»Keine Sorge, auf so etwas bin ich nicht neidisch«, sagte ich und lächelte ironisch.
Als meine Mutter kurz darauf plötzlich von Jim angesprochen wurde, nutzte ich die Gelegenheit und ging. In der Küche entdeckte ich Ben mit Sam und ich gesellte mich kurzerhand dazu.
»Hey«, murmelte ich.
»Hey«, sagte Ben und sah mich freundlich an. Auch Sam lächelte freundlich.
»Sollen wir eine Runde um den Block?«, fragte ich Ben und sah ihn bittend an. Ben legte den Kopf ein wenig schief und schien über meinen Vorschlag nachzudenken. Zu einer Entscheidung kam er allerdings nicht mehr, denn Chelsea quetschte sich dreist an mir vorbei und stellte sich neben Ben, um ihm irgendetwas ins Ohr zu flüstern. Ich sah wie Ben ihr die Hand locker auf den Rücken legte und irgendwann nickte. Dann ging Chelsea und Ben war dabei ihr zu folgen.
»Komme gleich wieder«, sagte er, allerdings eher zu Sam, als zu mir. Ich seufzte schwer.
»Soll ich mit dir um den Block gehen?«
»Nettes Angebot, Sam. Aber das ist etwas, was ich dann doch lieber mit Ben tun würde«, sagte ich schulterzuckend.
»Ich kriege selten einen Korb«, sagte er grinsend.
»Das glaub ich gern«, sagte ich und schenkte ihm einen anerkennenden Blick. »Aber keine Sorge, das hier ist auch keiner.«
»Versteh schon«, sagte Sam, lehnte sich mit dem Po an die Küchentheke und schlug locker einen Fuß über den anderen. »Aber da ja gerade niemand mit uns seine Zeit verbringen will, könnten wir uns ja trotzdem zusammentun.« Seine Worte klangen hart, auch wenn sie eher amüsant gemeint waren. Mir schnitten sie die Haut vom Herzen und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich zuckte einfach nur mit den Schultern und blickte auf den Boden.
»Ich glaube, ich geh mal kurz hoch«, sagte ich und hob die Hand zum Abschied. Sam nickte und füllte sein Glas, als ich die Küche verließ. Im Flur begegnete mir Linda, die wohl auch gerade von der Toilette kam, aber ich huschte so schnell an ihr vorbei, dass sie mich nicht aufhielt. Ich hatte gerade keine Lust zu reden und wollte mich einfach nur für einen Augenblick verkriechen und nachdenken. Darüber, dass Ben mich wegen Chelsea einfach stehen ließ, was er vorher noch nie für irgendjemanden getan hatte. Und darüber, was zwischen den beiden eigentlich lief. Auch wenn ich mir sicher war, dass es mich nicht weiterbrachte, wenn ich es wusste. Es würde mich nur noch trauriger machen.
Oben angekommen betrat ich Bens Wohnzimmer und setzte mich auf sein großes schwarzes Sofa. Ich schaltete den Fernseher an und zappte einmal durch. Aber als ich mich für nichts begeistern konnte, legte ich die Fernbedienung zur Seite und öffnete das Fenster über dem Sofa, von dem aus man über den ganzen Garten und die Terrasse blicken konnte. Oft hatte ich im letzten Sommer dort gesessen und die Ruhe genossen, auch mitten in der Nacht.
Eigentlich wollte ich nur ein bisschen frische Luft reinlassen, aber dann erblickte ich plötzlich Linda und Ben, die sich angeregt unterhielten. Linda gestikulierte wild und ich befürchtete, dass sie Ben gleich ihren letzten Schluck Sekt überkippen würde. Neugierig lehnte ich mich über das kleine Stück Dach, um besser sehen zu können. Sam und Chelsea standen rechts in der Ecke der Terrasse und stießen an, auf was auch immer. Mein Blick wanderte wieder zurück zu Ben und seiner Mutter. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt, was seine Muskeln zur Geltung brachte. Erstaunt schüttelte ich den Kopf. Wie schmal er früher gewesen war und wie trainiert er jetzt dort unten stand. Er war nicht mehr derselbe, das stand fest. Ich wusste nur noch nicht, ob das gut oder schlecht war. Vielleicht war er in Neuseeland zum Weiberheld mutiert. Nicht, dass er hier keine Freundinnen gehabt hätte. Ben war schon immer charmant gewesen und die Mädels liefen ihm schon seit dem Kindergarten hinterher, weil er ihnen immer die letzte freie Schaukel überlassen hatte. Aber trotzdem hatte er auch eine sehr schüchterne Seite und wenn er ein Mädchen richtig mochte, dann fragte er jedes Mal mich, wie er sie am besten dazu bringen konnte, mit ihm auszugehen. Ich war mir sicher, diese Hilfe brauchte er jetzt nicht mehr.
»Du warst drei Jahre weg, Ben«, schnappte ich auf einmal Lindas Stimme auf und war erschrocken, dass sie so laut redete. Ein fest umschlungenes Ehepaar drehte vorsichtig ihre Köpfe zu den beiden um und verschwanden dann leise im Haus.
»Sie hat mir genauso gefehlt«, hörte ich Ben antworten und er löste die Arme von der Brust um sie genervt in die Höhe zu reißen. Seine Worte hätten mich eigentlich freuen sollen, aber so wie er sie sagte, taten sie irgendwie weh. Vielleicht meinte er es gar nicht ernst und hatte nur keine Lust, sich weitere Vorträge von seiner Mutter anzuhören. Wieso fand dieses Gespräch überhaupt statt? Weil ich mit hängenden Mundwinkeln an ihr vorbeigegangen war, ohne einmal aufzusehen? Hatte Linda mit Sam gesprochen, oder vielleicht sogar mit Chelsea? Wusste sie etwas, was ich noch nicht wusste, oder kannte sie mich einfach nur wieder so gut, um sofort zu wissen, was mit mir los war? Ich schien ja Bände zu sprechen, selbst wenn mein Mund geschlossen blieb.
»Vergiss nicht, was du mit Maja hattest«, sagte Linda intensiv. Sie fixierte ihn förmlich mit ihren blauen Augen. »Keine Frau der Welt kann dir das geben, was sie dir gegeben hat.«
Dann ging sie. Und Ben blieb zurück, ließ seine Hände gegen die Hüften fallen und den Kopf in den Nacken sinken. Ich zog mich vom Dach zurück, ließ das Fenster aber weiterhin offen stehen. Dann setzte ich mich wieder auf das Sofa und fiel rücklings in die Kissen. So blieb ich liegen und glotzte gedankenverloren die Decke an.
»Was wohl mit der geplanten Campingtour ist?«, fragte ich mich selbst, zuckte zweimal mit den Schultern und schob dabei die Unterlippe vor. »Ben hat es mir versprochen«, flüsterte ich und schloss die Augen. Das hatte er wirklich. In den letzten paar Monaten hatten wir immer wieder in den Emails davon gesprochen, dass wir zu den Helston Caves fahren würden, wenn er wieder zuhause wäre, so wie wir es früher einmal mit Bens Eltern gemacht hatten. Ein Lächeln stahl sich über meine Lippen, als ich daran dachte, wie Ben und ich als kleine Kinder in den riesigen Höhlen verstecken gespielt hatten. Wie wir uns mit Sand beworfen und uns gegenseitig in die Wellen geschubst hatten, bis uns vor Lachen der Bauch wehtat.
Ein plötzliches Klopfen riss mich aus den Gedanken und ich drehte erschrocken den Kopf herum.
»Ben«, sagte ich und stützte mich mit den Ellbogen auf, winkelte leicht meine Knie an.
»Was machst du hier oben, Maja?«, fragte er und blieb angelehnt im Türrahmen stehen. Sein Shirt hing locker über den Bund seiner Hose.
»Nichts, wieso?«
»Naja, die Party ist unten, also…«, sagte er zweifelnd und fummelte an einem kleinen Lederbändchen herum, dass er um den rechten Arm trug.
»Ja, ich… wollte eben kurz hoch«, sagte ich und fand tatsächlich keine plausiblere Ausrede. Mein Kopf war einfach leer, seitdem er in der Tür stand.
»Okay… aber dir geht es gut?«, fragte er und zog einen Mundwinkel nach oben.
»Könnte man so sagen«, sagte ich und lächelte gezwungen.
»Wenn man von was absieht?«, fragte er.
»Es ist nichts, Ben, ehrlich. Alles okay«, sagte ich und zwang mich dazu wirklich unbekümmert zu klingen. Dabei brodelte es schon an der Oberfläche. Ben sah mich nur an, er bewegte sich nicht.
»Hast du die Campingtour geplant?«, fragte ich um von mir abzulenken. Nun kam er langsam auf mich zu, hob meine Beine kurz an, ließ sich auf dem Sofa nieder und legte sie dann über seinen Schoß. Er hielt meine Knöchel fest und streichelte einen mit seinem Daumen.
»Ich wollte Freitag fahren, also übermorgen«, sagte er. »Ist dir das recht?«
»Ehm, ja sicher, aber…«, begann ich skeptisch. »Aber wieso fragst du mich das?«
»Na, um zu wissen, ob du dann Zeit hast«, sagte er und schüttelte verwirrt den Kopf.
»Ja, aber du hast es mir versprochen, also solltest du dich ja nach mir richten. Ich meine, wieso legst du das Datum so knapp fest?« Ich setzte mich auf und nahm meine Beine von seinem Schoß. »Komm schon, du weißt genau, was ich meine.«
Ben kratzte sich im Nacken, dann seufzte er. »Sam und Chelsea fahren mit und sie können nur dieses Wochenende.«
»Na, da haben wir’s ja schon«, murrte ich und nahm die Fernbedienung in die Hand. Konzentriert drückte ich immer wieder die gleichen Knöpfe in die Stille hinein, bis Ben sie mir irgendwann vorsichtig aus der Hand nahm und mich zu sich drehte.
»Maja«, sagte er. »Sieh mich an.«
»Es sollte unser Urlaub sein«, sagte ich und blickte ihm scharf in die Augen. In seinen konnte ich nichts mehr lesen. Ich musste mir eingestehen, dass er mir in den letzten drei Jahren fremd geworden war.
»Es ist immer noch unser Urlaub, Maja«, sagte er. »Jetzt fahren eben noch zwei Freunde mit, da ist doch nichts dabei.«
»Ja, wenn es unsere Freunde wären«, sagte ich genervt. »Aber es sind deine Freunde. Nur deine.«
»Dich mögen sie doch auch«, sagte er und begann zu grinsen. Ich fand das alles gar nicht so amüsant.
»Also, da bin ich mir nicht sicher«, schnaubte ich.
»Bist du etwa eifersüchtig?«, fragte er plötzlich und ich riss erschrocken den Mund auf. Ich schlug ihm mit der Faust gegen seine neuerdings sehr trainierte Schulter.
»Aber natürlich nicht, was glaubst du denn?«, fragte ich entsetzt. »Trotzdem bestehe ich auf meinen gewissen Stellenwert.«
»Den wirst du nie verlieren«, sagte er und strich mir mit seinem Handrücken über die Wange. »Komm mal her.« Ben zog mich in seine Arme und ich ließ es geschehen. Sein markanter Duft umhüllte mich und ich notierte mir sinnbildlich, dass sich wenigstens sein Parfum in den letzten drei Jahren nicht geändert hatte.
»Früher hast du nie daran gezweifelt, dass du mir etwas bedeutest«, sagte Ben und strich mir zärtlich über die Arme. Meine Nase lag an seiner Brust, die sich gleichmäßig hob und senkte.
»Früher hast du mich auch nie daran zweifeln lassen«, antwortete ich mit gebrochener Stimme. Mir stiegen die Tränen in die Augen und ich hätte mich am liebsten dafür geohrfeigt. Ich riss die Augen weit auf und rollte sie nach oben, damit die Tränen sich verflüchtigten, bevor eine davon noch auf Bens Shirt landete und er es bemerken würde.
»Weißt du, was?«, fragte Ben aufmunternd. »Die letzte Zeit war für uns alle nicht gerade einfach. Aber es wird alles wieder werden, wie es war. Das verspreche ich dir.«
Es wird alles wie es war. Das hieß, es würde sich nichts ändern. Weder zwischen uns, noch um uns herum. In mir machte sich ein flaues Gefühl breit und ich musste mich aus der Umarmung kämpfen.
»Ja, wir werden sehen«, murmelte ich und rückte meine Klamotten ein wenig zurecht.
»Was meinst du damit?«
»Naja, es hat sich viel verändert in der Zeit und ob es jemals so wird, wie es davor war, das wissen wir nicht«, sagte ich. Ben sah mich verwirrt an und stand scheinbar enorm auf dem Schlauch. Waren Frauen für Männer wirklich so unergründlich?
»Was läuft zwischen dir und Chelsea?« Als die Worte aus meinem Mund gepurzelt waren, brannte mein Magen wie Feuer und das Adrenalin schoss durch all meine Venen. Ich wollte es nicht hören, nein, er sollte es nicht aussprechen.
»Vielleicht sollten wir darüber ein andermal reden«, sagte Ben und wich meinem Blick aus. »In Ruhe.«
»Okay«, sagte ich und biss mir auf die Lippen. Gar nichts war okay. Wieso sprach er mit mir nicht darüber? Wieso brauchte er dafür den passenden Zeitpunkt? Wir hatten doch immer über alles geredet und bis auf seine sexuellen Vorlieben, seine Penisgröße und die Anzahl seiner Toilettengänge am Tag, wusste ich alles von ihm.
»Ben?«, ertönte plötzlich eine Stimme im Flur. Eine Stimme, der ich nur allzu gern die dazugehörigen Bänder herausgerissen hätte.
»Wir sind hier«, rief er und kurz darauf stand Chelsea im Zimmer. Ihre ewig langen Beine waren wunderschön geformt und nicht so vernarbt vom früheren Toben im Garten wie meine.
»Was macht ihr hier?«, fragte sie und ihr Ton klang leicht gereizt, auch wenn sie ihr bestes gab, es zu verbergen. Ich war auch eine Frau, vor mir konnte sie nichts verstecken.
»Ach, weißt du, wir haben gerade Sex. Angezogen, mit einem Meter Abstand zwischen den Körpern…« Ihre Augen wurden für einen Moment zu Schlitzen, dann lachte sie leise, als hätte ich einen Witz gemacht. Arrogant lächelte ich zurück.
»Ich wollte nur einen Moment nach ihr sehen«, sagte Ben, während er mich fassungslos anstarrte. »Gibst du mir noch einen Moment, ich komme gleich wieder zu euch runter.«
Chelsea dachte darüber nach, verlagerte ihr Gewicht von dem einen Bein auf das andere. »Ja, gut. Deine Eltern legen gerade die Würstchen auf den Grill.«
»Gibt es auch etwas für dich?«, fragte Ben. Fragend sah ich ihn an und betrachtete seine gerade Nase und die schön geformten Lippen im Profil.
»Ja, ich esse Salat und Brot«, sagte sie. »Und was es sonst noch so gibt.« Dann warf sie Ben einen letzten Blick zu, ignorierte mich und schritt wieder aus dem Zimmer. Als ich sie weit genug weg schätzte, stöhnte ich laut auf und warf den Kopf in den Nacken.
»Was ist jetzt schon wieder?«
»Du wirst ja jetzt nicht hoffentlich auch noch zum Vegetarier«, sagte ich und schaute zur Decke hoch, fuhr mit den Händen einmal durch meine dunkelblonden Haare.
»Auch wenn so gut wie alles dafür sprechen würde, habe ich es nicht vor«, sagte er. Sein Blick blieb auf mir haften und irgendwann erwiderte ich ihn.
»Was ist denn?«
»Ich erkenne dich gar nicht wieder, Maja«, sagte Ben und senkte seinen Blick, begann an einem losen Hosenfaden an seinem Knie zu drehen. »Ich weiß, die drei Jahre waren lang für dich, aber ist das ein Grund, unsere Freundschaft in Frage zu stellen, oder auf irgendein Mädchen eifersüchtig zu sein?«
Ich dachte kurz nach und durchforstete seine Worte nach einem hoffnungsvollen Klang. »Irgendein Mädchen?«, fragte ich und zog amüsiert einen Mundwinkel nach oben.
»Ja, Maja, irgendein Mädchen«, wiederholte er noch einmal und grinste. Dann packte er meine Hände und drückte sie ganz fest. Ich drückte zurück und plötzlich, ohne jegliche Vorwarnung, zog er mich zu sich und ich ließ mich über ihn sinken. Unsere Bäuche berührten sich und meine langen Haare fielen ihm ins Gesicht. Anstatt, sie wegzuschieben, saugte er ihren Duft ein.
»Wir werden jetzt gleich nach unten gehen und etwas essen«, sagte er leise und pustete in meine Haarspitzen. »Und dann…«
»Dann tun wir etwas, was wir schon lange nicht mehr gemacht haben«, freute ich mich, bevor ich überhaupt eine Bestätigung von ihm hatte. Ben lachte und ich blickte hinab auf seine weißen Zähne, die im Gegensatz zu meinen, auch ohne Zahnspange ihre Richtung gefunden hatten.
»Oder wir tun etwas, das wir noch nie getan haben.« Ich richtete mich etwas auf, Ben suchte meinen Blick und ich erwiderte ihn. Und dann brach ein seltsames Schweigen zwischen uns aus.




Kapitel 2


»Kommst du klar, Paco?«, fragte ich meinen mexikanischen Mitarbeiter im städtischen Kino und er nickte mir schnell zu, bevor er zwei kurzhaarigen Mädels ihr Popcorn über die Theke reichte. Er trug einen kleinen zerrupften Strohhut, seine Haut war wunderbar schokoladig und er sah in seinem engen Shirt wie immer zum Anbeißen aus. Aber meine Gedanken gehörten trotz allem Ben allein. Nicht nur, weil ich ihn so sehr mochte, sondern wegen dem gestrigen Abend.



Als wir mit dem Essen fertig waren und Chelsea und Sam sich verabschiedeten, um mit dem letzten Bus in ihre neue Bleibe zu fahren, machten Ben und ich uns auf den Weg aufs Feld. Zuerst wusste ich nicht, was daran etwas Neues und Besonderes sein sollte, wenn man davon absah, dass jeder Moment mit ihm besonders war. Wir waren schon tausend Mal auf den umliegenden Feldern und kannten sie in- und auswendig. Aber Ben hatte tatsächlich eine Überraschung in Petto. Er führte mich eine lange Zeit querfeldein und irgendwann stießen wir auf einen Hochsitz.
»Das ist nicht dein Ernst!«, hatte ich gerufen, aber Ben zwang mich nach oben zu gehen. So kletterten wir beide die Leiter nach oben und als wir auf dem Hochsitz ankamen, hatten wir einen unfassbaren Ausblick über eine Lichtung und unter uns war ein kleiner See. Die Sterne und der Mond spiegelten sich im Wasser und mich umfasste ein unfassbar romantisches Gefühl. Es war dunkel und warm draußen, und still. Nur die Grashüpfer hörten wir zirpen und irgendwo in der Nähe quakte ein Frosch.
Irgendwann schlug Ben vor von hier oben ins Wasser zu springen.
»Bist du wahnsinnig geworden?«, fragte ich und Ben breitete fragend die Arme aus.
»Traust du dich nicht, oder was?« Ich wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, da öffnete er den Knopf seiner kurzen Jeans und schob sie anschließend herunter. Mit offenem Mund stand ich da und starrte. In der Dunkelheit konnte ich fast nur Umrisse von ihm erkennen, aber mehr hätte ich auch gar nicht verkraftet, ohne das mir vor Magenkribbeln schwindelig geworden wäre.
»So, fertig? Komm«, sagte er und zog sich noch schnell das Shirt über den Kopf. Dann kletterte er tatsächlich durch die Öffnung über das Holz, hielt sich außen fest und wartete darauf, dass ich mich ebenfalls den Kleidern entledigte.
Nachdem er mir keine Chance gelassen hatte, stand ich in Unterwäsche im Hochsitz und zitterte. So warm war es also doch nicht gewesen. Ben sprang und ich hoffte, dass er heil unten ankam. Mit einer tobenden Angst im Bauch kletterte auch ich hinaus und zählte bis zehn, bevor ich mich schreiend fallen ließ. Nach ein paar viel zu kurzen Sekunden platschte es und ich wurde von lauwarmem Wasser umhüllt, das eher nach einem Tümpel, als nach einem See roch.
»Wenn mich gleich die Blutegel fressen, dann Gnade dir Gott«, keuchte ich und schlug mit den Handflächen aufs Wasser, sodass es Ben ins Gesicht spritzte. Er kam auf mich zu geschwommen, wischte sich das Wasser aus den Augen und umfasste meine Taille. Im Wasser fühlte sich sein Griff so unglaublich zart an, irgendwie unwirklich. Ich legte die Hände um seinen Nacken und ließ mich treiben. Immer wieder versuchte ich meinen Körper von ihm fern zu halten, aber als ob er es bemerken würde, nahm er plötzlich meine Schenkel und legte meine Beine um seine Hüften. 
In mir zog sich alles zusammen und noch niemals war ich Ben auf diese Weise nahe. Mein Unterleib berührte seinen Bauch und den Bund seiner Shorts. Ich hatte Angst. Und ich wusste absolut nicht, was ich sagen oder tun sollte. Ich wartete darauf, dass Ben irgendetwas sagte, aber er blieb still. Er sah mich einfach nur an, solange, bis er irgendwann lächelte. Seine grünen Augen funkelten in der Nacht und ich wünschte mir, dass diese Nacht und diese Dunkelheit niemals enden würde.
»Alles klar?«, fragte er. Ich löste meine Beine von ihm und ließ mich vom Wasser weggleiten. Meine Sinne beruhigten sich etwas und ich machte mir über Dinge Gedanken, die mir früher im Traum nicht eingefallen wären. Und die mir sogar irgendwie peinlich waren.
»Ja, wieso?« Ich zuckte mit den Schultern. Wenn er für mich das Gleiche fühlte, hätte ich es dann nicht irgendwie merken müssen? »Und selbst?«
»Klar«, sagte er. »Aber es wird langsam etwas kalt.«
»Dann lass uns rausgehen«, schlug ich vor und schwamm an den Rand des Sees. Als ich dort ankam, fiel mir ein, dass meine Unterwäsche zwar nicht weiß war, aber hellrosa. Würde man da auch etwas sehen? Trotz der Dunkelheit?
»Warte, ich helfe dir raus«, sagte Ben und zog an mir vorbei. Er zog sich am rutschigen Gras hoch und als er aus dem See heraus war reichte er mir seine Hand.
»Danke«, sagte ich. Zitternd liefen wir zurück zum Hochsitz um oben unsere Klamotten zu holen.
Hätte er nicht wenigstens versuchen müssen, mich zu küssen, wenn er das gleiche fühlte, wie ich? ... Ich wies mich innerlich zurecht und lenkte meine Gedanken auf das Wesentliche zurück. Klamotten anziehen.
Wir redeten nicht viel auf dem Heimweg. Ich hätte nur zu gerne gewusst, was er dachte. Dabei hatte ich mit meiner eigenen Gedankenwelt doch schon genug zu tun.
Als wir zuhause ankamen, verabschiedete ich mich an der Haustür und winkte ihm bloß zu. Er blieb kurz stehen und deutete auf mich und sein Haus. Seine Füße waren voller Schlamm, genau wie meine.
»Nein, ich schlafe heute zuhause«, sagte ich, ohne ihm eine Begründung zu nennen. Er nickte bloß und winkte zurück. Dann verschwand er und ich sperrte kurz darauf meine Haustür auf und atmete zum ersten Mal seit einer Stunde wieder tief durch.



»Hallo, Maja?«, hörte ich eine Stimme wie durch Watte. »Lebst du noch? Werd mal wach, wir haben gleich Feierabend«, sagte Paco und ich schüttelte den Kopf.
»Tut mir leid, ich war total in Gedanken«, sagte ich und schnappte mir einen Lappen um die Theke abzuwischen. Der letzte Film lief gerade aus und die Leute verließen murmelnd die Kinosäle.
»Das merke ich«, sagte Paco. »Ist wirklich alles gut bei dir?«
»Ja, keine Sorge«, sagte ich. »War ne lange Nacht gestern.« Paco gab sich damit zufrieden und wir lächelten uns an. Er warf mir neckisch einen Lappen ins Gesicht.
»Was machst du heut Abend?«, fragte er und schloss anschließend die Kasse ab und sackte den Generalschlüssel ein. Paco schloss das Kino abends immer zu.
»Nicht viel, denke ich. Ben ist ja gestern erst nach Hause gekommen und vielleicht werde ich ihm noch ein bisschen Gesellschaft leisten«, sagte ich. Paco nickte und rückte seinen Strohhut zurecht. Er wartete schon ein halbes Jahr darauf, dass ich mal mit ihm ausging. Aber für mich stand fest, dass ich niemals mit einem Arbeitskollegen ausgehen würde. Am Ende käme ja doch nur Ärger dabei heraus. Und davon abgesehen war Paco nicht mein Typ, auch wenn er wirklich gut aussah. Das gewisse Etwas fehlte wohl trotzdem.
Unten schloss Paco ab und ging zu seinem Auto. Indessen versuchte ich Ben anzurufen, während ich zu meinem Wagen ging. Die Mailbox meldete sich und ich versuche es noch ein paar Mal. Aber nichts. Genervt warf ich das Handy zurück in meine Handtasche, öffnete die Autotür und stieg ein. Auf dem Nachhauseweg überlegte ich, ob es wirklich eine gute Idee war, Ben unter die Augen zu treten. Die gestrigen Ereignisse machten mir zu schaffen, weil ich nicht wusste, wo ich bei ihm dran war. Aber letztendlich brauchte ich mir selbst nichts vorzumachen. Freiwillig auf Ben verzichten – das war ein Ding der Unmöglichkeit.
   Als ich an der Tür klingelte, öffnete Linda mit einem erstaunten Blick.
  
   »Maus, wieso bist du hier?«
  
   »Wie?«, fragte ich stutzig. »Wie meinst du das?« Linda ließ mich rein und schloss die Tür hinter mir. Sie warf einen Blick auf die Wanduhr.
  
   »Naja, ich dachte du wärest bei den anderen. Ben ist mit seinen Freunden zum großen Felsen gefahren. Sie feiern dort ein bisschen«, erzählte Linda und wunderte sich darüber, dass ich nichts davon wusste. Ich versuchte gelassen zu reagieren und sagte ihr, dass er mir bestimmt eine Nachricht hinterlassen hatte.
  
   Ich rannte kurz nach oben in Bens Zimmer um zu sehen, ob er mir da vielleicht tatsächlich einen Zettel hingelegt hatte. Vielleicht hatte er kein Geld mehr auf dem Handy oder der Akku war leer gewesen. Aber als ich oben ankam, fand ich nichts. Nichts außer ein paar Cent Stücke auf der Couchtischplatte und ein Feuerzeug. Rauchte Ben etwa, oder gehörte es Chelsea? 
  
   Schnell lief ich wieder nach unten. Ich beschloss Linda zu fragen, ob sie mich zur Party fahren könnte, weil mein Wagen nicht mehr viel Benzin hatte. Sie umfasste mein Gesicht mit ihren Händen und ich hoffte, dass sie nicht spürte, wie sehr meine Wangen glühten. 
  
   »Mach dir keine Sorgen, es gibt bestimmt eine Erklärung«, sagte sie und drückte mich dann fest an sich. Ich erwiderte die Umarmung und seufzte. 
  
   »Ja, sie lautet Chelsea«, sagte ich. Linda drückte mich sanft von sich und lächelte mir kläglich zu. 
  
   »Da wäre ich mir nicht so sicher«, sagte sie dann und gab mir einen Klaps auf den Po. »Los, lass uns fahren.« 
  
   Linda hatte nur die Fingernägel der rechten Hand lackiert. Sie fing immer rechts damit an, ganz im Gegensatz zu mir. Ihre Füße trugen Hausschuhe und ihre knielange Jogginghose war ein wenig hochgerutscht. Ich versuchte mich auf sie zu konzentrieren, anders wäre ich verrückt geworden. 
  
   »Ich verstehe nicht, wieso er mich nicht dabei haben möchte«, flüsterte ich und sah sie an. Im Profil sah sie oftmals noch viel schöner aus als von vorne. Ihre Nase war perfekt und ihre Lippen waren nicht zu voll, aber auch nicht zu schmal. Ihre Wimpern waren so lang, auch ungeschminkt sahen sie richtig schwungvoll aus. Wie oft hatte ich mir als Kind gewünscht, so wie sie zu sein. Und wenn ich ehrlich sein soll, ich wünschte es mir immer noch.
  
   »Warte erst ab, was er dazu zu sagen hat. Vielleicht ist alles ganz harmlos«, sagte sie ein wenig verärgert. »Wenn du glaubst, er will dich nicht dabeihaben, wieso willst du dann hin?«
   Ich wusste es nicht. Ich wollte Ben kein Klotz am Bein sein, aber gleichzeitig wollte ich so gerne Zeit mit ihm verbringen. Ich wollte die Frau sein, die er abends anrief, nur um ihre Stimme zu hören. Ich wollte die Frau sein, der er einen Zettel hinlegte und sich dafür entschuldigte, nicht angerufen zu haben, weil sein Akku leer war. Wieso hatte er das nicht einfach getan? 
  
   »Du hast so Recht, Linda«, seufzte ich und sah in den Seitenspiegel. Ich würde so gerne wissen, wie Ben mich aus seinen Augen sah. Aus meinen sah ich aus wie die Unschuld vom Lande, wunderschön und unberührt, nicht gerade sexy, eher so wie eine Porzellanpuppe. Reine Haut, lange, dunkle, aschblonde geglättete Haare, kleine Brüste und angezogen wie eine Künstlerin. Dabei sah es in mir drin so ganz anders aus. Ich war aufgewühlt, fühlte mich wie Struwwelpeter und wie eine eifersüchtige Ehefrau. Und verdammt, ich wollte nicht so unschuldig aussehen. Ich hätte mir die Haare schwarz färben können, dann würde mein Gesicht vielleicht nicht mehr so engelsgleich wirken, wie meine Mutter es gerne nannte. Aber das brachte ich einfach nicht übers Herz. 
 
   »Weißt du was, Maja«, begann Linda. »Mach dir einen schönen Abend und denke nicht zu viel über alles nach. Er ist gerade erst zurückgekommen.« Ich nickte langsam und schaute seufzend aus dem Fenster. Sie hatte Recht. Ich durfte ihn jetzt nicht einengen. Wir mussten beide erst herausfinden, wo nach drei Jahren ohneeinander unser Platz war. Vielleicht war etwas verrutscht. Vielleicht konnten wir nicht dort weitermachten, wo wir damals aufgehört hatten.
  
   Als wir am großen Felsen vorfuhren, sah ich einige Autos am Straßenrand parken. Es war dunkel und die einzigen Lichter, die man sah, stammten von diversen Handys oder kleinen Taschenlampen.
   Jemand hatte sein Auto rückwärts auf den großen Rasenplatz gefahren und den Kofferraum geöffnet, aus dem laute Musik dröhnte. Wahrscheinlich floss der Alkohol schon in Strömen. Linda gab mir zum Abschied ein Küsschen auf die Wange und ich stieg aus. Mit einem flauen Gefühl im Magen warf ich mir meine Handtasche über die Schulter und ging zu den Leuten auf die Wiese. Im Dunkeln war es gar nicht so einfach jemanden zu erkennen. Aber es dauerte nicht lange, da lief mir eine Bekannte aus der Schulzeit über den Weg und fiel mir betrunken in die Arme.
  
   »Maja«, lallte sie. »Wie schön dich mal wieder zu sehen.« Sie kicherte albern und hauchte mich mit ihrem Bieratem an. Ihre braunen Haare waren total verklebt und fielen ihr wirr ins Gesicht. Ich drückte sie sanft von mir weg, schließlich war mit ihr sowieso kein Gespräch mehr möglich.
   Überall um mich herum waren Stimmen, Gelächter und Dunkelheit und ich hatte keine Ahnung, wohin ich gehen sollte. Die betrunkene Schulkameradin hatte sich kurzerhand ins Gras fallen lassen und spielte an ihrem Handy herum. Ich atmete tief durch und ging unauffällig weiter, sah mich nach allen Seiten um. Ich erblickte ein paar Leute, die ich aus der Gegend kannte, aber niemanden, mit dem es sich zu reden gelohnt hätte. Ich dachte darüber nach, ob ich einfach wieder nach Hause gehen sollte, aber dann kam plötzlich jemand ganz zielsicher auf mich zu.  
  
   »Maja?«, fragte die Stimme und ich sah, wie sich eine dunkle große Gestalt durch die lockigen Haare strich.
  
   »Sam?«, sagte ich und kniff die Augen zusammen.
  
   »Ja, ich bin’s. Wie geht es dir?«, sagte er und umarmte mich kurz. Irritiert erwiderte ich die Umarmung und klopfte ihm leicht und unbeholfen auf den Rücken. Als er mich wieder losließ, fiel mir auf, wie hoch ich zu ihm aufschauen musste.
  
   »Ganz okay«, sagte ich und zuckte mit den Schultern. »Ist Ben da?«
  
   »Natürlich«, sagte Sam. Er drehte sich zur Seite und zeigte in die Richtung des Autos, das die Musik spendete. Nervös rieb ich mir über die Arme. »Soll ich dich zu ihm bringen?«, fragte Sam und deutete abermals auf den Wagen. Ich wehrte ab und schüttelte den Kopf.
   »Nein, danke«, sagte ich lächelnd. Ich glaube, ich bleibe erst mal hier… irgendwo.«  
   »Okay«, nuschelte Sam und sah mich unsicher an. »Ist dir kalt?« Bevor ich antworten konnte, zog er schon seine Jeansjacke aus und legte sie mir um die Schultern. Ich wollte noch ablehnen, aber es ging so schnell, dass ich keine Chance mehr hatte.
  
   »Ehm, ja, danke«, sagte ich und musste auf einmal lachen. Sam grinste ebenfalls und nachdem wir uns einen Augenblick studiert hatten, legte er seinen Arm um meine Schultern.
   
   »Komm, wir suchen uns einen Platz, wo wir uns hinsetzen können«, sagte er und ich nickte ihm dankend zu. Wir gingen ein paar Meter durch das Gras, ich blickte mich suchend nach Ben um, konnte ihn in der Dunkelheit aber nirgends ausmachen.
   Irgendwann ließen Sam und ich uns auf einer Bank am Rande der Party nieder. Von hier aus sahen wir den Felsen und hatten einen Blick über den ganzen Ort. Der Felsen lag nicht direkt auf einem Berg, aber auf der einen Seite ging es doch recht steil hinab. Die Lichter der Häuser und Straßen gaben dem Ganzen etwas Romantisches und der kühle Nachtwind tat den Rest. Ich mummelte mich in Sams Jeansjacke und zog die Knie an, machte es mir auf der Bank gemütlich. Sam ließ sich ein Stück entfernt von mir nieder und seufzte. 
  
   »Hier ist es so anders als in Neuseeland«, sagte er leise. »Dort, wo ich herkomme, gibt es so viel wunderbare Landschaft. Die weiß man gar nicht so zu schätzen, wenn man dort aufwächst. Aber jetzt fehlt sie mir.« Seine Stimme klang ruhig und bedacht. Ich drehte den Kopf leicht zu ihm. Seine Nase war vorne nach unten abgerundet, seine Haare bedeckten seine Ohren. Die Augen lagen in Höhlen und seine Lippen waren schmal und ein wenig sinnlich. Es gefiel mir, hier neben ihm zu sitzen und als der Wind ihm eine Strähne ins Gesicht wehte, hätte ich sie ihm am liebsten zurückgestrichen. 
  
   »Hier wird es dir sicher auch gefallen, wenn du dich daran gewöhnt hast«, sagte ich und blickte wieder geradeaus. 
  
   »Ja, bestimmt«, sagte er. »Da ich Ben und dich kenne, ist es hier nicht ganz so einsam«, sagte er und ich mochte ihn für seine Ehrlichkeit. 
  
   »Du hast doch Chelsea bei dir«, sagte ich und versuchte zu verbergen, dass ich mich von seinen Worten geschmeichelt fühlte.
  
   »Ja, Chelsea. Sie ist eine Sache für sich«, sagte er und lehnte sich zurück. Er legte seine breiten, muskulösen Arme auf die Lehne. Leicht berührte er dabei meine Schulter. Als die Jeansjacke ein wenig meinen Arm herunterrutschte, berührten seine feinen Härchen meine Haut, was mir einen leichten Schauer über den Rücken jagte.
   »Sie kam mir sehr nett vor«, sagte ich etwas unehrlich. Ich mochte sie nicht, vor allem weil ich nicht wusste, wo sie sich gerade befand und was Ben von ihr wollte.
  
   »Das ist sie, keine Frage. Aber sie kümmert sich zu viel um Mädchenzeug. Damit kann ich nichts anfangen, so gern ich sie auch mag«, sagte er und entblößte seine Zähne. Er sah schön aus, wenn er lächelte. Seine Grübchen sahen in der Dunkelheit noch wunderbarer aus und ich bemerkte, dass diese ungestörte Atmosphäre mir nicht gut tat. Ich kam mir ganz clever dabei vor, mit einem anderen Jungen hier zu sitzen, der auch noch so attraktiv war. Würde Ben uns nur sehen und bemerken, dass ihm das nicht gefällt.
   »Ich dachte zuerst, dass ihr zusammen seid oder so«, warf ich ein und lächelte Sam an. Er setzte sich etwas seitlich, um mich ansehen zu können und blickte skeptisch, ein Mundwinkel wanderte schräg nach oben. 
  
   »Niemals«, sagte er.
   »Das war mir dann auch klar, als sie mir als deine Cousine vorgestellt wurde«, sagte ich lachend und streifte unabsichtlich sein Shirt.
   »Aber sag mal, was ist da zwischen dir und Ben?«
  
   »Was soll da sein?«, fragte ich und räusperte mich beschämt. 
  
   »Naja, er hat andauernd von dir erzählt. Auch vor Chelsea, obwohl er weiß, dass sie in ihn verliebt war.« Seine Worte waren wie Messerstiche für mich und ich musste fest schlucken. Ein fetter Kloß war kurz davor, mir den Hals zuzuschnüren. 
  
   »War?«, wagte ich vorsichtig zu fragen. 
  
   »Naja, ich glaube, dass sie mittlerweile aufgegeben hat«, sagte er schulterzuckend. »Soweit ich weiß, hatte sie nie eine Chance. Und ich dachte, du seist vielleicht der Grund dafür.«
  
   »Bisher waren wir immer nur Freunde. Ich weiß nicht, ob sich bei ihm etwas geändert hat«, sagte ich und war etwas beruhigt, als Sam sagte, dass Chelsea wohl bisher nicht bei ihm landen konnte. Dachte er tatsächlich, dass ich der Grund dafür gewesen wäre? Irgendwie fand ich diese Schlussfolgerung abwegig, obwohl es genau das war, was ich mir seit geraumer Zeit wünschte.
   »Und wie sieht das bei dir aus?«, fragte Sam nach einiger Zeit und sah mich neugierig an. Ich dachte lange über seine Frage nach und obwohl es für ihn wohl nur Sekunden waren, kam es mir vor, als säße ich fünf Minuten da, bevor ich meinen Mund wieder öffnete.    
  
   »Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.« Ich zog die Jeansjacke aus und legte sie über meine Beine. Mir war plötzlich schrecklich warm. »Er war drei Jahre kaum da und natürlich habe ich ihn unglaublich vermisst. Wenn sich das Leben wieder eingependelt hat, dann wird sich zeigen, was ich für ihn empfinde, verstehst du?«
  
   Zu meiner Überraschung nickte Sam. »Ja, irgendwie kann ich das nachvollziehen. Er sagte, ihr seid wie Geschwister aufgewachsen.«
  
   »Ja, so war es. Aber als er weg war, haben sich bei mir gewisse Gefühle entwickelt, die ich jetzt erst mal zuordnen muss. Ich weiß nicht, ob es nur das Vermissen war, das fehlende Stück, oder ob ich tatsächlich mehr für ihn empfinde.«
   Sam nickte nur und plötzlich ließ er seine Hand auf meine Schulter sinken, nicht aufdringlich, aber gewollt. Kurz blickten wir uns in die Augen, peinliche Stille kehrte ein und ich wünschte mir, er würde irgendwas sagen. 
  
   »Wieso hat er mich nicht über diese Party informiert?«, fragte ich Sam, obwohl ich Angst vor der Antwort hatte.
  
   »Hat er das nicht?«, fragte er und kniff nachdenklich die Augen zusammen. »Ich glaube, seine Freunde haben sie spontan organisiert.« 
   Ich nickte und beließ es dabei, rückte anschließend ein Stück näher an Sam. Ich hörte ihn leise auflachen spürte, wie seine Hand sich fester an meine Schulter drückte. Lächelnd blickte ich auf meine Knie und so blieben wir einige Zeit sitzen, ohne etwas zu sagen. Aber als der Wind immer frischer wurde, stand Sam auf, streckte sich kurz und beugte sich dann zu mir herab, die Hände auf der Rückenlehne abgestützt. Sein Shirt flatterte leicht im Wind.
  
   »Sollen wir spazieren gehen und schauen, was uns erwartet?«, fragte er und grinste übers ganze Gesicht. Eigentlich hätte ich mich auf solch ein Angebot niemals eingelassen, aber irgendwie packte mich das Abenteuer. Als ich plötzlich Bens Stimme hörte, wie sie nach Sam rief, stand ich auf, band mir die Jeansjacke um die Hüfte und ergriff Sams Hand, die er mir hinhielt.
   »Aber klar doch«, sagte ich entschlossen. Ben kam gerade auf uns zugelaufen und schon zog Sam mich weg von der Bank. Das Adrenalin stieg in mir an und ich war hin und her gerissen. Am liebsten hätte ich von Ben sofort eine Erklärung gefordert, aber andererseits wollte ich ihm nicht zeigen, wie sehr es mich verletzte, außen vor gelassen zu werden.
   »Sam, warte mal«, rief Ben und ich drehte mich kurz zu ihm um. Er war nur noch wenige Meter entfernt, als er abrupt stehen blieb und eine überraschte Geste machte.
   »Maja?«, hörte ich ihn sagen und dann drehte sich Sam zu ihm um und winkte frech. 
  
   »Wir erkunden ein bisschen das Gelände. Ich bring sie dir heile zurück«, rief er Ben zu und dann begann er zu laufen und ich wurde mitgezogen, ließ den kühlen Wind in mein Gesicht peitschen, bis wir zwischen ein paar hohen Tannen verschwanden. Was hätte ich dafür gezahlt, zu erfahren, was Ben in diesem Moment dachte. An sich war es schon schwer genug, einen Menschen des anderen Geschlechts zu verstehen, aber Ben war da mittlerweile eine ganz eigene Nummer. Gestern die Sache an dem kleinen See und heute informiert er mich nicht mal über die Party. 
  
   Je tiefer wir zwischen den Bäumen verschwanden, desto kühler wurde es. Ganz weit weg schien es sogar etwas neblig zu sein, und wenn ich noch klar bei Verstand gewesen wäre, hätte ich mich gefragt, wieso ich mit einem Wildfremden im Wald verschwand. Doch das tat ich nicht, stattdessen umgriff ich Sams Oberarm und wir gingen ganz dicht beieinander. Ich atmete die Nachtluft ein, die von einem Piniengeruch durchzogen war und meine Lunge befreite. Ich genoss die Stille um uns herum und schwieg. Der Waldboden knirschte unter unseren Schritten, die immer langsamer und bedachter wurden. Und irgendwann setzte Sam zu einem Gespräch an.
  
   »Was machen wir hier eigentlich?«, fragte er fast flüsternd. 
  
   »Da fragst du die Richtige«, entgegnete ich ironisch und lachte auf. 
   
   »Weißt du, ich mag dich, Maja«, gestand Sam und drehte sich ein wenig zu mir, was ich allerdings nur spüren und weniger sehen konnte. Vielleicht war es aber auch gerade gut, dass wir uns nicht sahen, denn so brauchte sich niemand für irgendetwas zu schämen. Egal was man sagen würde, der andere konnte einen nicht mit Blicken traktieren. 
  
   »Du magst mich, nachdem du mich bisher erst zweimal kurz gesehen hast?«, fragte ich und es klang spöttischer, als es beabsichtigt war.
  
   »Du bist hübsch, weißt du«, sagte er ehrlich. 
  
   »Aber deswegen mag man jemanden doch nicht direkt«, sagte ich und schüttelte den Kopf in der Dunkelheit. Ich hielt mich immer noch an seinem Arm fest und ich konnte fühlen, wie sich seine Muskeln anspannten. 
  
   »Wieso magst du mich denn?«, fragte er plötzlich und machte mich damit erst mal sprachlos. Ich war etwas überfordert und konnte die Frage nicht richtig beantworten. Ich kannte ihn doch überhaupt nicht.
   »Naja, also...«
Sam lache auf. »Ich wette mit dir, dir fällt auch nichts Besseres dazu ein.«
   Langsam löste ich mich von ihm, weil es sich auf einmal nicht mehr richtig anfühlte in seiner Nähe zu sein. Nicht so nah.
   »Du solltest hier nicht allein herumirren«, sagte er und umfasste einfach meine Hand mit seinen beiden. Sie waren warm und trocken.
   »Ich fühle mich besser, wenn ich merke, dass du noch neben mir läufst.«
  
   »Wir sollten umdrehen«, sagte ich und Sam drehte sich mit mir gemeinsam in die entgegengesetzte Richtung aus der wir gekommen waren. In den Gebüschen bewegte sich etwas und raschelte, aber ich schenkte dem wenig Beachtung. Bevor ich noch Angst bekam, versuchte ich es einfach zu ignorieren. 
  
   »Weißt du, Sam«, begann ich. »Ich hätte nicht damit gerechnet, dass du mich heute auf dieser Party ansprichst. Ich bin froh, dass du da warst, als ich dort ankam. Und ich hab dich seit dem Zeitpunkt gemocht, als du mir so stürmisch deine Jacke umgelegt hast.«
  
   »Wieso seitdem?«, fragte er. 
  
   »Naja, wir haben vorher kaum Worte gewechselt, aber du hast mich trotzdem sofort zum Lachen bringen können«, sagte ich schulterzuckend. »So was ist immer sehr sympathisch.«
  
   »Das stimmt«, sagte er nur und er ging langsamer. Vielleicht wollte er etwas Zeit rausschlagen.
   »Aber hübsch bist du natürlich auch«, sagte ich neckend und lachte. Sam lachte mit und strich mir wild durch die Haare. Ich schrie auf und richtete jammernd meine Frisur.
  
   »Das sagen mir viele«, sagte er. »Aber bei dir klingt es so anders.«
   »Inwiefern?«, erwiderte ich skeptisch. 
  
   »Ich meine, du sagst es, ohne direkte Absichten zu haben«, sagte er und damit traf er genau den Punkt.
  
   »Ich kann dich gut leiden und ich finde dich sehr attraktiv. Und ich habe eben gemerkt, dass ich mit dir, ohne dich zu kennen, durch einen dunklen und finsteren Wald spaziere«, listete ich auf. »Aber du hast Recht, über irgendwelche Absichten habe ich mir keine Gedanken gemacht.« Davon abgesehen wäre ja nicht mal Zeit dazu gewesen. Wir kannten uns wenn es hochkam einen Tag und ich hatte nicht vor, Ben gegen irgendjemanden einzutauschen, der ein bisschen hübsch und ein bisschen interessant war. Nein, so ein Mädchen war ich ganz sicher nicht. 
  
   »Siehst du, ich auch nicht«, sagte er und in seiner Stimme lag ein Schmunzeln. 
  
   »Aber Sam?«, fragte ich. 
  
   »Ja?«
  
   »Wieso reden wir dann eigentlich darüber?« Sam lachte laut und drückte mich spielerisch an sich, während wir die letzten Schritte zurück zur Party machten.

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Und wie hat euch der Ausschnitt gefallen? Ich bin schon soooo gespannt und werde mir das Buch als Printausgabe dann auf jeden fall besorgen, das steht fest.

1 Kommentar:

  1. Hab auch schon mal bei der lieben Sarah reinschnuppern dürfen :) Klingt klasse und sobald es die Printversion gibt, werde ich natürlich zuschlagen :)))

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