Samstag, 12. April 2014

[Lesedeal] Im Hier und Jetzt von Zsofia Deacon






Und schon läute ich die 2. Runde ein und habe für euch einen weiteren "Lesedeal" mit der Autorin Zsofia Deacon ausgehandelt. Ihr Buch voll jetzt am Dienstag den 15. April erscheinen, aber vorher dürft ihr noch kurz in die Leseprobe reinschnuppern.





Prolog

Erinnerungen sind wie Perlen.
Jedes Ereignis, das uns wiederfährt, jeder Satz, jeder Blick, jedes Lächeln und jede Träne formt eine dieser Perlen.
Sie sehen unterschiedlich aus, tragen verschiedene Farben und Formen und doch haben sie eines gemeinsam. Sie reihen sich dicht an dicht auf eben diesem Band auf, welches uns unser ganzes Leben lang begleitet.
Obwohl jeder Mensch seine eigene Kette besitzt, teilen wir uns Erinnerungs-Schmuckstücke und verflechten somit die einzelnen Stränge zu netzähnlichen Gebilden.

Wenn ich meine Schnur betrachte, fällt mein Blick sofort auf all jene bunten, leuchtenden und glänzenden Perlen, die mich mit den wundervollsten Personen der Welt verknüpfen.

Müsste ich diese in ihrer Farbgebung näher beschreiben, fiele mir das ganz leicht.

Stahlblau stünde für das Meer, Gelb für den Stechginster und dann gäbe es außerdem Rot-Weiß gestreifte Kugeln, die den Leuchtturm symbolisieren. Diese Farben verbinde ich mit meinen Sonntagsausflügen, die mein Dad mit mir unternahm, als ich noch ein Kind war. Er kennt jeden Grashalm und sämtliche Erhebungen, die Beachy Head zu bieten hat.

Zu Derek gehören etliche Brauntöne. Ein weiches Rehbraun steht für seine Augen, in deren Blick ich allzeit Wärme und vollste Zuneigung entdecke. Schlammbraun symbolisiert den Tag unserer ersten Begegnung und Hellbraun erinnert mich an all die Stunden, die wir auf der Hollywoodschaukel verbrachten. Die weißen Perlen markieren unsere Schneeballschlachten im Winter, gefolgt von den Himbeerroten, bei denen ich an die süßen Früchtchen denke, welche wir uns selten mit Erlaubnis besorgten.

Die größte Ansammlung bisher an bunten Farben bringe ich jedoch mit Tante Gladys in Verbindung. Allein die Pracht im Garten von ihrem Cottage sprengt jegliche Farbpalette. Krokusse, Tulpen, Osterglocken und Traubenhyazinthen läuten dort alljährlich den Frühling ein und werden im Laufe des Jahres von Schafgarbe, Glockenblumen, Lilien, Rosen, Lavendel, Nelken und vielen weiteren mehr abgelöst. Der Anblick ist schlichtweg unvergesslich und dieser Duft mit nichts zu vergleichen.
Unmengen an roten Perlen symbolisieren die Erdbeeren und vor allem das Eis, welches sie stets selbst zubereitete und das mit Abstand das Leckerste der Welt war. Außerdem gibt es Kugeln in sämtlichen Farben des Obstes, aus dem sie Kompott und Marmelade kochte. Metallisches Glänzen ruft mir ihre Sammlung von Strick-, Häkel- und Nähnadeln ins Gedächtnis, mit denen sie immer hantierte.

Jedoch ist nicht jede meiner Perlen bunt, leuchtend und glänzend.
Einige wenige von ihnen sind Schwarz. Sie stehen für Trennungen und Abschiede, doch sogar die schwärzeste aller Perlen hat ihre Daseinsberechtigung. Sie markiert ein Ende und gleichzeitig einen neuen Anfang.
Sämtliche dieser Farbtöne, und noch viele weitere mehr, vereinen sich zu einem farbenprächtigen Reigen, welcher mir immer wieder bewusst macht, dass alles zusammengehört und als Ganzes einen Sinn ergibt - im Hier und Damals ...


Kapitel 1

Eine Beerdigung ist der schlimmste Anlass, um auf die Menschen zu treffen, denen man normalerweise höchstens an Weihnachten eine Karte schickt.
Je näher einem der Verstorbene gestanden hat, um so schrecklicher ist es, endgültig von ihm Abschied zu nehmen. In meinem Fall trifft es mich besonders hart, denn ich muss mich nicht von irgendjemandem verabschieden, sondern von meiner Großtante Gladys. Sie nahm, als meine Großmutter starb, ihren Platz ein und wurde zu einer Art Ersatz-Oma für mich. Sie tat all das, was eine Oma nun einmal so macht. Ich durfte bei ihr übernachten, sie hielt stets zu mir und steckte mir heimlich Geld zu. Sie packte, nachdem sie mich liebevoll dazu nötigte, mehrere Stücke von ihrem Schokoladenkuchen zu essen, auch die andere Hälfte für Zuhause ein.
Eine typische Oma eben. Dafür liebte ich sie abgöttisch und tue es noch. Jedes Kind sollte so eine Oma haben! Selbst, als ich zu einem zickigen und absolut unausstehlichen Teenager heranwuchs, änderte sich an unserer innigen Beziehung nichts. Egal, wie oft meine Mutter mich verteufelte, Tante Gladys fand immer ein Argument, mit dem sie mich verteidigen konnte.
Als ich vor einigen Jahren nach London zog, schenkte sie mir eine Zimmerpflanze und ein Topfset und wir vereinbarten, dass wir jeden Sonntag miteinander telefonieren würden. An diese Abmachung hielten wir uns strikt. Zumindest, bis zum Sonntag vor zwei Wochen, als ich plötzlich meinen Vater anstelle von Tante Gladys am Telefon hatte. Bereits nach den ersten paar Wörtern, die er mehr schlecht als recht herausbrachte, wusste ich, dass irgendetwas ganz und gar nicht stimmte.
An jenem Abend setze ich mich, ohne groß nachzudenken, in mein Auto, nur um anschließend feststellen zu müssen, dass auch die Übertretung sämtlicher Geschwindigkeitsbegrenzungen nichts mehr nützte. Ich kam zu spät. Nicht dass ich meinte, ihren Tod andernfalls verhindern zu können, doch ich hätte mich gerne von ihr verabschiedet.
Ich wollte bei ihr sein und ihre Hand halten, noch einmal in ihre von Lachfalten umgebenen, grünen Augen sehen und dieses mädchenhafte Lächeln erwidern, welches sogar mit über 70 weiterhin ihr Gesicht zierte. Man sagt, man lernt etwas erst dann wirklich schätzen, wenn es unwiederbringlich verschwunden ist. In diesem, in meinem Fall, ist das falsch, denn ich weiß ganz genau, was ich in dem Moment verlor, als Tante Gladys starb.

Wie ein kleines Mädchen warf ich mich in die Arme meines Vaters und weinte bitterlich. Er hielt mich fest, streichelte mir über den Rücken und küsste meine Stirn, als ich mit ihm auf dem winzigen Sofa in Tante Gladys´ Wohnzimmer saß. Meine Mutter hing währenddessen am Telefon und informierte einen Teil eben jener Menschen, die nun vor den Türen der St. John´s Kirche warten.
Wieder fließen die Tränen unaufhörlich, doch diesmal ruiniere ich damit nicht den Pullover meines Dads, sondern den Anzug meines Freundes Paul. Er hält mich einfach nur im Arm und unterhält sich über meinen Kopf hinweg leise mit meiner Mutter. Kurz sehe ich auf und geistesabwesend drückt mir Paul ein Paket Taschentücher in die Hand. Während ich mir geräuschvoll die Nase putze und meine Mum dabei die Augen verdreht, sieht Paul sich auffällig um.
»Sind ja mächtig viele Leute aufgetaucht«, bemerkt er trocken. »Das ist aber nicht alles Familie, oder?«
»Nein. So wie es aussieht, ist die ganze Stadt da.«
»Hätte nicht gedacht, dass dieses Kaff so eine große Einwohnerzahl hat.«
»Polegate ist kein Kaff!«, widerspreche ich entschieden. »Es ist ein süßes kleines Städtchen mit wirklich netten Menschen. An so einem Ort ist es normal, dass man einander kennt. Du darfst außerdem nicht vergessen, dass Tante Gladys ihr komplettes Leben hier verbracht hat.«
»Bei uns zu Hause können wir froh sein, wenn wir wissen, wie die Nachbarn mit Vornamen heißen.« Paul lacht über seinen eigenen Witz und lässt sich auch von meinem eisigen Blick nicht aus der Ruhe bringen. Nun ist mein Vater derjenige, der mit den Augen rollt. Ich bin also nicht die Einzige, die denkt, dass Pauls Scherze im Moment absolut unangebracht sind.
Die Kirchenglocke läutet und stockend setzt sich die Menschenansammlung in Bewegung, tritt in die Kirche und jeder sucht sich einen Platz. Paul und ich gehen langsam hinter meinen Eltern her, und ich lasse mich neben meinem Dad in der ersten Bankreihe nieder. Ganz vorne auf einer Staffelei steht, umgeben von unzähligen Blumengestecken, ein großes Bild von Tante Gladys. Ich fixiere ihr lachendes Gesicht und frage in Gedanken lautstark nach dem ›Warum‹.
Ja, Menschen sterben, das ist der Lauf der Zeit, niemand lebt ewig … Das ist mir alles bewusst. Dennoch verstehe ich nicht, wie das passieren konnte! Sie sprach nie über Krankheiten und erwähnte zudem nicht mal, dass es ihr schlecht ginge. Genau genommen war sie so fit, wie eine Frau ihres Alters nur sein kann. Dumpf habe ich noch die Worte meines Vaters im Kopf, als er für mich das wiederholte, was der Arzt zu ihm gesagt hatte. Es sei ›ein natürlicher Tod‹ gewesen. Sie sei friedlich in ihrem Schaukelstuhl eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht.
Nun, der Doktor wird es wohl beurteilen können, schließlich hatte er studiert. Trotzdem kann und will ich nicht anstandslos akzeptieren, dass sie wirklich weg ist. Nie wieder werde ich ihr Lachen hören oder ihr beim Stricken zusehen. Nie wieder werden wir zusammen Kreuzworträtsel lösen und im Herbst die Blumenzwiebeln für das nächste Frühjahr pflanzen. All das war schlicht und ergreifend weg, lebt nur noch in meinen Erinnerungen.
Während der Pfarrer vorne mit Trauerstimme wortreich über das Leben meiner Ersatz-Oma erzählt, verschleiern mir die Tränen mehr und mehr die Sicht auf ihr vergrößertes Porträt. Still frage ich beharrlich nach dem Grund, als mir auf einmal etwas durch den Kopf schießt.
Als ich neun Jahre alt war, starb mein Zwergkaninchen Skippy und ich war untröstlich. Meine Mutter – die übrigens das Empathievermögen eines Eiswürfels besitzt – schlug damals vor, ihn einfach irgendwo zu verscharren. Also setzte ich mich auf mein Fahrrad und fuhr die vier Meilen zu Tante Gladys, um mich bei ihr auszuheulen. Mit einem warmen Kakao, einer Handvoll Kekse und vielen Umarmungen und Küssen gelang es ihr, mich so weit zu beruhigen, damit ich ihr zuhören konnte. Was sie an diesem Tag zu mir sagte, brannte sich in mein Gedächtnis.
›Kindchen, keiner darf für immer hier auf der Erde bleiben. Stell dir das doch mal vor! Wenn nichts und niemand sterben würde, gäbe es überhaupt keinen Platz für Neues. Jedes Lebewesen erhält nur eine gewisse Zeit auf dieser Welt zugedacht, in der wir das Beste aus unserem Leben machen sollen. Jeder Tag, den wir hier verbringen dürfen, ist ein Geschenk. Wir nutzen die Dauer unseres Daseins, um die Mitmenschen glücklich zu machen und selber glücklich zu werden. Nachdem die Uhr abgelaufen ist, räumen wir den Platz frei und der Nächste bekommt seine Chance.‹
Tante Gladys rief noch an jenem Abend bei mir zu Hause an und besprach sich mit meinem Dad. Er brachte eine Holzkiste, in der Skippy lag und meine Tante, sowie mein bester Freund Derek, sprachen der Reihe nach ein paar rührende Worte, um von dem kleinen Kerlchen Abschied zu nehmen. Seine letzte Ruhe fand mein Kaninchen dann in ihrem Garten unter zwei großen Hortensien.

Mein Blick liegt unverwandt auf ihren Augen und ich muss blinzeln, denn ich könnte schwören, dass mir ihr Portrait gerade zugezwinkert hat. Im Stillen wiederhole ich ihre Erklärung und denke darüber nach. War ihre Uhr wirklich abgelaufen? Durfte sie so glücklich werden, wie sie es verdient hatte? Diese Fragen kann ich nicht mit Sicherheit beantworten, doch für mich steht fest, dass sie mich nicht glücklicher hatte machen können. Mein Vater legt seine Hand auf meinen Arm und ich wende mich dem Pfarrer zu, der mir zunickt. Ich krame einen Zettel aus meiner Handtasche, Paul rückt ein Stück und sieht mir mit zur Seite geneigtem Kopf nach, während ich nach vorne gehe und mich neben ihr Bildnis stelle. Krampfhaft versuche ich die Tränen zurückzuhalten, damit ich die Buchstaben auf dem Blatt Papier klarer sehen kann, und räuspere mich.

»Hey, Tante Gladys, ich weiß, heute ist nicht Sonntag, aber ich dachte, wir könnten uns ein wenig unterhalten. Nur ein kurzer Plausch auf die Schnelle, denn du wolltest ja noch die Rosen zurückschneiden und die Erdbeeren müssen auch geerntet werden. Das neue Feld, das du angelegt hast, passt perfekt in die Ecke und es scheint ein guter Platz zu sein. Letztes Mal vergaß ich leider, dir zu sagen, dass der Lavendel, den du in die Terrakottatöpfe gepflanzt hast, wirklich wunderbar aussieht und er riecht großartig. Mein Vorschlag wäre, dass du die Sitzbank, die niedliche weiße mit den Schnörkeln, zu den Lavendeltöpfen stellst. Dort zu sitzen und der Sonne beim Untergehen zuzusehen, umgeben von diesen Farben und dem Duft, wäre der Wahnsinn! Ich erfuhr übrigens, dass der Hibiskus, den ich im vorigen Jahr neben dem Gartenteich eingesetzt habe, eingegangen ist. Du hättest es mir ruhig erzählen können, obwohl ich es süß finde, dass du ihn einfach wortlos ersetzt und weiterhin als ›meinen‹ Hibiskus ausgegeben hast. Bevor ich es vergesse, Dr. Arnold bat mich, dir liebe Grüße auszurichten. Die Frühchen-Station hat sich sehr über die winzigen Mützchen gefreut, die du gestrickt hast und die Eltern sind ebenfalls begeistert. Sie freuen sich alle tierisch darüber und können es gar nicht erwarten, dass ich ihnen wieder welche mitbringe. Besonders die mit den aufgestickten Herzchen und Autos sind der Renner. Dr. Arnold und auch etliche Eltern meinen, damit könntest du in Serie gehen, weil es so schwer ist, passende Mützchen für die Köpfe von Frühchen zu bekommen. Ansonsten läuft es in der Arbeit wirklich gut und auf der neuen Station macht es großen Spaß, selbst wenn es manchmal deprimierend ist, die zierlichen Mäuse so leiden zu sehen. Aber der Lebenswille und die Kraft, die diese kleinen Wesen ausstrahlen, ist bewundernswert. Danke, dass du mir Mut machtest, als ich daran zweifelte, ob ich das tatsächlich hinkriegen würde. Du hattest Recht – wie immer – und ich habe mich bewährt. Es tut gut zu wissen, dass man geliebte Menschen hat, die beharrlich hinter einem stehen und an einen glauben. Das hilft, wenn man selbst mal unsicher ist und sich nicht traut, etwas Neues zu versuchen.
So wie damals, als Dad mir das Fahrrad fahren beigebracht hat und du mich angefeuert hast, als wäre ich eine Teilnehmerin bei den Olympischen Spielen. Weißt du noch, wie du anschließend meine Hand gehalten hast, während Dad mit der Pinzette die Kieselsteinchen aus meinem Knie pulen musste? Nie wieder wollte ich auf dieses Rad steigen, doch du hast meine Stirn geküsst, die Tränen weggewischt und mir gesagt, dass ich das schaffen würde. Dass ich alles schaffen könnte, denn du würdest ganz fest an mich glauben.«

Die Wörter verschwimmen immer mehr und es ist unmöglich, weiterhin die Buchstaben zu erkennen. Kurz schließe ich die Augen und tue mein Bestes, mich zu beruhigen, damit ich weiterlesen kann. Ein Arm legt sich um meine Schultern und ich drücke mich an seinen Körper, der wie eine Rettungsboje aus dem Nichts aufgetaucht ist. Der Zettel verschwindet aus meinen Fingern, und ich ergebe mich meinem Heulkrampf. Er jedoch liest in der Zwischenzeit mit gefasster Stimme weiter.
»Dieses Wissen, deine Anwesenheit und dein Vertrauen in mich, haben mir stets geholfen. Und nun bist du weg. Einfach weg, obwohl ich dir noch so viel sagen wollte. An meinem freien Tag hatte ich vor dich zu besuchen, mit dir in der Hollywoodschaukel zu sitzen und Erdbeereis zu essen. Ich wollte dich lachen hören, wenn du vom neuesten Klatsch erzählst, der gerade in Polegate die Runde macht. Nun bleiben mir nur noch die Erinnerungen an diese Momente, weil du nicht mehr hier bist. Ich vermisse dich, Tante Gladys und ich schicke dir Tausend Küsschen und Umarmungen.
Deine Holly.
P.S. Jetzt ist es doch wieder länger geworden. So wie immer bei uns.«


Kapitel 2

Die Landschaft zieht an mir vorüber und ich passiere das Ortsschild von Polegate. Es fühlt sich anders an als sonst. Normalerweise liegt auf dem Beifahrersitz nur meine Handtasche und der Kofferraum ist leer, weil Tante Gladys mir immer jede Menge Zeugs einpackte, von dem sie sicher war, dass ich das in London nicht bekomme, aber unbedingt brauche. Selbstgemachte Marmeladen, eingewecktes Obst, handgestrickte Socken und Handtücher. Ja, Handtücher! Egal wie oft ich ihr zu erklären versuchte, dass es auch in der Großstadt durchaus diese wundervollen flauschigen Dinger zu kaufen gibt, fand ich dennoch jedes Mal welche in meinem Auto. Ich könnte meine ganze Wohnung damit tapezieren und hätte trotzdem noch genug davon übrig, um mir zehn Bademäntel daraus zu nähen.
Dieses Mal allerdings ist mein Kofferraum nicht leer, sondern beherbergt einen Stapel zusammengefalteter Umzugskartons und Pauls große Reisetasche, die ich mir für dieses Wochenende ausgeliehen habe. Außerdem liegt auf dem Beifahrersitz, zusätzlich zu meiner Handtasche, ein dicker Aktenordner. Diesen hatte mir der Notar vor wenigen Tagen in die Hand gedrückt, als er Tante Gladys letzten Willen verkündete. Seitdem bin ich nun die alleinige Eigentümerin des Cottage. Mit einem komischen Gefühl im Magen stelle ich den Wagen ab, zerre die Reisetasche aus dem Kofferraum, klemme den Ordner unter den Arm und gehe den langen Kiesweg zur Haustür entlang. Die kleinen grauen Steinchen knirschen unter meinen Schuhen. Ich besitze zwar seit meiner Kindheit einen eigenen Schlüssel, doch ich habe ich noch nie zuvor benutzt. Warum auch? Tante Gladys war ja da.
Tja, willkommen in deinem neuen Leben, Holly! Die Einzige, die dir jetzt die Tür aufmacht, bist du selber.
Seufzend krame ich den Schlüssel aus der Tasche und sehe aus dem Augenwinkel, wie die Spinnweben in der Ecke des Türrahmens zerreißen, als ich die blau lackierte Holztür aufdrücke, die dabei leise knarzt. Kurz fällt mein Blick auf das Messingschild an der Tür. ›Gladys Walcott‹ ist dort in geschwungenen Buchstaben in das Metall eingraviert und vorsichtig fahre ich mit der Fingerspitze darüber, bevor ich mich dem Inneren des Häuschens zuwende. Unschlüssig stehe ich einige Minuten im Flur und atme mit geschlossenen Augen ein. Es riecht leicht muffig, aber trotzdem nach ihr, nach ihrem alte-Damen-Parfum, Wolle und Schokolade. Für mich ist jene besondere Duftmischung zur absoluten Selbstverständlichkeit geworden. Nach wie vor ist es unvorstellbar, alles hier als ›Mein‹ anzusehen, denn für mich gehört das Cottage immer noch ihr.

Die Tatsache, dass sich all ihre persönlichen Dinge und Möbel weiterhin in diesen Räumen befinden, ist nur der eine Grund. Viel wichtiger für mich ist, dass es eine unverrückbare Konstante in meinem Leben darstellt. Es war seit eh und je das Zuhause von Tante Gladys. Aber es gibt leider Begebenheiten, die man nicht ändern kann und eine davon ist, dass sie da, wo sie jetzt ist, dieses Haus nicht mehr braucht. Sie vermachte es mir und damit muss ich mich wohl abfinden. Nun trägt die Besitzurkunde meinen Namen.

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Und konntet ihr schon angefixt werden? Wie findet ihr das Cover? Ich finde es sehr schön, gefällt mir sehr gut, ich denke das >buch wandert auf meine WuL =)

Ein herzliches Dankeschön geht an die Autorin & der THG Verlag die mir die Leseprobe zur Verfügung stellten.


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